08. Dezember 2006

Spiegel-Online Der Anti-Fascho-Fetisch

Wie ein schäbiger Vorfall zum Politikum gemacht wird

Im Oktober war es mal wieder soweit: Die „intellektuelle Elite“ hatte mal wieder eine neue Antisemitismus-Debatte eingeläutet. Ein Vorfall im ehemals offiziell-sozialistischen Teil Deutschlands, bei dem ein 16-Jähriger von Kameraden gezwungen wurde, einen DIN-A4-Zettel mit der Aufschrift „Ich bin im Ort das größte Schwein, ich lass mich nur mit Juden ein“ zu tragen, löste mal wieder eine neue Welle der Aufregung in der Mainstream-Presse aus.

Die Schuld-Frage
Wie die Reaktion ausfiel, war zu erwarten: Sie war wie so oft von eben jenem kollektivistischem Gedankengut geprägt, wie es auch die Nazis pflegten. So titelte Spiegel-Online: „Schulskandal um Nazi-Parole schockiert Sachsen-Anhalt“. In der Tat fand dieser Vorfall nun in einer Stadt in Sachsen-Anhalt statt. Doch fand er etwa auch in Deutschland, in Europa und in der Welt statt. Wäre „Schulskandal um Nazi-Parole schockiert die ganze Welt“ nicht auch angemessener?

Vielleicht nicht, denn es ist eben eine typisch deutsche Idee der kollektiven Schuld, die den Spiegel-Autor einmal mehr befallen hat. Kurz darauf folgte ein weiterer Artikel auf „Spiegel-Online“ zum „Schulskandal“:. Diesmal war es Ralph Giordano, der befand: „An dieser Untat ist ganz Deutschland beteiligt“!

So wie die nationalen Sozialisten (Nazis) pauschal unschuldige Ausländer und Juden für wirtschaftliche und so genannte „soziale“ Probleme verantwortlich machten oder islamistische Terroristen unschuldige Amerikaner für die militärische Besatzung islamischer Länder durch US-Regierungstruppen mit dem Tode zahlen lassen, so beschuldigt Giordano „ganz Deutschland“ für einen geschmacklosen Schülerstreich in einer Stadt in Sachsen-Anhalt. Konsequenterweise müsste dann auch ganz Deutschland dafür bestraft werden. Mein Tipp an Herrn Giordano, um wenigstens ein bisschen Gerechtigkeit herzustellen: Selbstanzeige oder Selbstgeißelung!

Mal ernsthaft: Nur Individuen können handeln. Und folglich können nur Individuen moralisch verantwortlich beziehungsweise schuldig für Handlungen sein. Es gibt keine kollektive Schuld, also eine Schuld, die auch Unschuldige mit einschließt.

Exkurs: NPD
Die politische Linke und Rechte verbindet nicht nur eine kollektivistisch-holistische Denkstruktur, sondern auch eine besondere Vorliebe für staatlichen Interventionismus („Gesellschaftsklempnerei“), Egalitarismus, Anti-Kapitalismus und Demokratie. Dass die NPD und die linke Anti-Globalisierungsorganisation ATTAC in wirtschaftlichen Belangen kein Haar trennt, ist bekannt. Dem NPD-Programm ist etwa folgender Auszug zu entnehmen: „Die NPD lehnt die in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung systematisch betriebene Internationalisierung der Volkswirtschaften entschieden ab. Diese Globalisierung der Wirtschaft beruht auf dem überholten und falschen Ziel der maximalen Ausbeutung der Erde durch Schaffung von wirtschaftlichen Monokulturen gemäß dem sogenannten ‚Gesetz der komparativen Vorteile’. Die NPD lehnt die Globalisierung der deutschen Wirtschaft auch deswegen ab, weil die unmittelbar zur Massenerwerbslosigkeit geführt hat.“

Dem folgenden Satz aus dem Parteiprogramm können Linke ebenfalls nur zustimmen: „Die Führung der Volkswirtschaft ist Aufgabe des Staates und unterliegt dessen letzter Verantwortung.“

Auch linke Demokratie-Freunde kommen im NPD-Programm voll auf ihre Kosten: „Die Austauschbarkeit der Regierungen durch demokratische Entscheidungen, die Kontrolle der Machtinhaber durch das Volk und die Überprüfung der Rechtmäßigkeit der Entscheidungen sind die Grundlage einer jeden gesetzlichen Ordnung. Der Einfluss des Volkes muss durch Volksentscheide und direkte Wahlen gestärkt werden.“

Die Gefährlichkeit der Nazis besteht also möglicherweise gar nicht in ihrer „Demokratiefeindlichkeit“. Nicht zufällig tragen sie das Wort „demokratisch“ sogar in ihrem Namen. Aber was macht sie dann gefährlich?

Was Nazis wirklich gefährlich macht
Was Nazis neben dem geschilderten politischen Mainstream inhaltlich von diesem unterscheidet, ist ihr Nationalismus, ihre Ausländerfeindlichkeit und ihr Antisemitismus – drei unterschiedliche Phänomene, die oftmals gemeinsam auftreten.

Nun ist Nationalismus in der Form von „Vaterlandsliebe“ per se nichts kriminelles. Mindestens jeder zweite CDU- oder SPD-Politiker behauptet schließlich, dass er sich a“us Liebe zu seiner Heimat für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit“ einsetzt. In der Tat könnte aber eine nationalistische Gesinnung, die etwa Angriffskriege befürwortet, potenziell zu einem kriminellen Akt führen. Die Gesinnung selbst ist jedoch noch kein krimineller Akt. Erst wenn der Nationalist zur Waffe greift, um seine Ansichten mit Gewalt durchzusetzen, wird er zum Täter. Es ist also nicht die Motivation, die ihn kriminell macht, sondern seine Handlung. Wenn eine Frau ihren Mann aus Eifersucht ermordet, dann ist nicht die Eifersucht die Straftat, sondern der Mord.

Ähnlich verhält es sich bei Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus. Zwar mögen bestimmte Meinungen widerwärtig und pervers sein. Doch steht es geistig minderbemittelten Menschen zu, das zu denken und zu sagen, was sie denken und sagen wollen. So wie es dem Autor dieser Zeilen zusteht, solche Menschen als geistig minderbemittelt zu klassifizieren.

Es steht jedoch keinem zu, anderen Menschen physischen Schaden zuzufügen. Ob „rechte“ Gewalt gegen Ausländer, „linke“ Gewalt gegen Deutsche oder staatlich verordnete Gewalt etwa gegen Wehrzwangverweigerer: Gewalt bleibt Gewalt. Sie ist zu verurteilen, egal von wem sie ausgeht und an wen sie gerichtet ist.

Es ist die überdurchschnittliche Gewaltbereitschaft vieler Nazis, die sie besonders gefährlich macht. Die Achtung vor der Unantastbarkeit des Anderen findet in ihrem vor Nationalismus, Sozialismus und Etatismus triefenden Weltbild keinen Platz, sodass Übergriffe gegen einzelne Menschen und Personengruppen als unbedeutend oder gar zur Erreichung eines bestimmten Gesellschaftszustandes notwendig erachtet werden. Leider sind die etablierten Parteien ebenfalls von dieser Pest namens Kollektivismus befallen: Auch sie sind bereit, Gewalt gegen unschuldige Menschen anzuwenden, um bestimmte Gesellschaftszustände zu erreichen – nur ist die Gewalt, derer sie sich bedienen, institutionalisiert und „demokratisch legitimiert“.

Erst wenn das kollektivistische Denken von rinks, lechts und „Mitte“ aufhört, und ein Geist der Achtung jedes einzelnen Individuums einkehrt, wird die Zahl der roten und/oder braunen Überfälle wirklich zurückgehen. Doch dazu müssen auch „Spiegel Online“ und Ralph Giodano und noch viel lernen.


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Gary Merrett

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