19. Januar 2007

Somalia Kreuzzug Nummer Vier

Die neue Askari-Strategie der Neokonservativen

„Die USA hat eine vierte Front im Kampf gegen den Terrorismus eröffnet“, verkündete letzte Woche das Pentagon, als ob die USA nicht schon genug scheiternde Kriege mit Al-Qaida, Afghanistan und dem Irak am Bein hätten.

Ironischerweise waren es F18-Bomber von dem nach Präsident Eisenhower benannten Flugzeugträger, welche Somalia tödliche Schläge beibrachten. Als nämlich Amerikas jüngster Krieg mit Luftschlägen von der „USS Eisenhower“ begann, erinnerte sich kaum jemand an Präsident Dwight Eisenhowers großartige Abschiedsrede aus dem Jahre 1961 an die Adresse der Amerikaner, in welcher er vor Einmischungen im Ausland sowie vor dem wachsenden politischen Einfluss des militärisch-industriellen Komplexes warnte.

Nur wenige Amerikaner verstanden, dass ihre Nation gerade ein anderes Land überfallen hatten – in einem Akt, der dem KP-Chef Leonid Breschnew selig zur Ehre gereicht hätte.

Ein großer Teil von Somalia ist bereits durch die von den USA finanzierte mächtige äthiopische Armee besetzt worden, welche mit Washingtons Segen und unter dem Schutz der Weihnachtstage in ein schutzloses Land eindrang.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Somalia-Operation dem neuen Modell der Bush-Cheney-Administration beim Krieg gegen widerspenstige Muslime entspricht. Das Weiße Haus vermochte es nicht, Indien oder Pakistan dazu zu bewegen, Truppen für den Besatzungsjob im Irak auszuleihen, doch es konnte erfolgreich die äthiopische Armee dazu bewegen, in Somalia einzumarschieren. Äthiopiens repressives Regime war darüber allzu glücklich und erhielt von Washington großzügige Finanzspritzen. Die Bush-Cheney-Administration kopiert somit den Usus des Britischen Empires, einheimische Truppen („Sepoys“ in Indien und „Askaris“ in Ostafrika) für seine Kolonialkriege zu benutzen.

Doch ist Somalia wirklich eine „Brutstätte des Terrorismus“, wie Washington behauptete? Die amerikanisch-äthiopische Invasion wurde ausgelöst durch die Niederlage der korrupten somalischen Kriegsherren im Herbst letzten Jahres. Letztere waren kürzlich von der CIA bewaffnet und finanziert worden, um die wachsende Popularität der lokalen Islamisten zu bekämpfen.

Es gab indes bislang keine Anzeichen dafür, dass die Islamisten sich an anti-amerikanischen Dschihadisten-Bewegungen beteiligten oder Verbindungen zu Al-Qaida hatten, wie Washington behauptete. Nun sehen Somalis mit Zorn auf Amerika, was den Aktionen der Dschihadisten Zulauf bescheren dürfte. Die US-Äthiopische Invasion von Somalia droht die Gewalt am Horn von Afrika weiter anzufachen.

Das wirkliche Ziel der US-Luftangriffe war es, die verbliebenen Kampfeinheiten der Islamischen Gericht zu vernichten und den Weg für eine somalische Marionettenregierung freizuschießen.

Die Invasion und Besatzung von Somalia ist das jüngste, wahrscheinlich aber nicht das letzte Beispiel für die zunehmende Militarisierung der US-Außenpolitik. Dick Cheneys neue Pentagon-Goldjungen, das Special Operations Command, drängte die gedemütigte CIA sowie das schwache Außenministerium zur Seite und gelobte, in Somalia den „islamischen Sumpf auszutrocknen.“

Die Bush-Cheney-Administration verstrickt sich wieder rücksichtslos in einem Dickicht von Stammespolitik in einer entfernten Nation, von der sie nichts versteht. Die US-Politik in Somalia wird von Neokonservativen angeführt, die den Krieg gegen die gesamt muslimische Welt sucht und sich dabei des Verbündeten Äthiopien bedient. Israel, welches enge nachrichtendienstliche, militärische und wirtschaftliche Beziehungen zum äthiopischen Regime unterhält, ist auf diskrete Art in den Konflikt involviert. Es hatte bereits seit langem verdeckte Operationen am Horn von Afrika und an der Westküste des Roten Meeres durchgeführt.

Eritreas Sezession im Jahre 1993 hatte Äthiopiens natürlichen Zugang zum Meer beseitigt und das Land zu einem Binnenland gemacht. Äthiopiens strategische Ziele in Somalia können darin liegen, einen oder mehrere Tiefwasserhäfen in Somalia zu besetzen, Somalia in ein Protektorat zu verwandeln und jegliche islamische Bewegung niederzuschlagen, welche die eigene muslimische Bevölkerung anstecken könnte, die etwa die Hälfte von Äthiopiens 73 Millionen Einwohnern ausmacht.

Der amerikanische Angriff auf Somalia erinnert an Afghanistan. Die USA stolpert wieder in alte Clan- und Stammeskonflikte hinein, verwendet ausländische Truppen und lokale Söldner, um ein Statthalter-Regime ohne Rückhalt bei der Bevölkerung zu verteidigen.

Wie auch Afghanistan war Somalia leicht zu besetzen, doch es mag sich als schwer erweisen, es zu beherrschen oder zu verlassen. Viele Somalis sahen die nun niedergeschlagenen Milizen der Islamischen Gerichte als beste Hoffnung für Stabilität und Normalität an. Wie auch in Afghanistan nach der US-Invasion 2001, lassen sich die Somalis Zeit damit, Widerstand zu leisten. Doch bald könnten sie der neuen US-äthiopischen Herrschaft über Somalia ernsthaften Widerstand entgegensetzen.

Zwischen 1899 und 1930 führten somalische Mudschaheddin einen erbitterten Kampf gegen die Briten, welch ein Drittel der einheimischen Bevölkerung töteten. Im Jahre 1954 händigte Großbritannien die von ethnischen Somalis bewohnte Region Ogaden an Äthiopien aus und garantierte somit eine kontinuierliche Feindschaft zwischen diesen alten Gegnern.

Nun haben wir einen neuen Krieg an einem weit entfernten Ort, der dem Westen Ärger und Kopfschmerzen bereiten und ein weiterer Inkubator für rachsüchtige Dschihadisten sein könnte.

Eric Margolis ist Autor des Buches „War at the Top of the World“. Der vorliegende Text ist die leicht gekürzte und mit freundlicher Genehmigung von Lew Rockwell erfolgte Übersetzung des englischen Originalbeitrags, der am 16.01.2007 auf lewrockwell.com erschien. Übersetzungsdienstleister: Steinke-Institut.

Internet:

Webseite von Eric Margolis


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Eric Margolis

Über Eric Margolis

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige