19. Februar 2007

Laura Ingalls Wilder Kapitalismus für Kinder

Geld, Konsum und Investition kindgerecht erklärt

In Deutschland herrscht ein bedenklicher Mangel an Wirtschaftsfachwissen. Das ist nicht unbedingt vom Staat so gewollt (er hätte ja gerne mehr effiziente, Steuern verdienende Arbeiter), aber es liegt ihm offenbar nicht viel daran, an diesem Zustand was zu ändern (unfähige Menschen sind Problemerzeuger und somit die besten Freunde des Staates). Wirtschaftswissen befähigt zum logischen Denken über zwischenmenschliche Beziehungen, im Kleinen wie im Großen, also auch über die Politik. Und es befähigt zum Denken in freiheitlichen und individualistischen Kategorien, mithin zum selbstbestimmten Leben. Da das an den hiesigen Schulen (natürlich) nicht angeboten wird, ist es umso wichtiger für Eltern, die ihren Kindern so früh wie möglich ein solches Wissen vermitteln wollen, an kindgerechte Wirtschaftstexte heranzukommen, die gerade nicht vom bösen Kapitalismus schwadronieren, sondern schlicht sagen, was Sache ist.

Viel gibt es leider nicht, schon gar nicht in deutscher Sprache. Ich möchte daher hier einen Buchauszug vorstellen, der in diese Kategorie fällt. Er ist aus dem Werk „Little House on the Prairie“, von Laura Ingalls Wilder, in Deutschland als „Unsere kleine Farm“ bekannt. Im Band „Farmer Boy“ kommt eine Episode vor, die meiner Meinung nach als „kindgerechte“ Version der „Geldrede“ von Francisco d’Anconia in Ayn Rands „Atlas Shrugged“ (Deutsch: „Wer ist John Galt“) gelten kann.

Der zehnjährige „Farmer Boy“ Almanzo Wilder ist in der erwähnten Episode mit seiner Familie in der Stadt, um auf einem Art Jahrmarkt den amerikanischen Unabhängigkeitstag zu feiern. Dort trifft er auf Cousin Frank, der ihm gegenüber angibt, einen „Nickel“ (5 Cents) von seinem Vater erhalten zu haben. Damit kauft er sich eine Limonade, während sich Almanzo mit Wasser aus der Pumpe begnügt. Almanzo hat noch nie Geld von seinem Vater erhalten, aber ihn auch noch nie um welches gebeten. Er behauptet Frank gegenüber, er würde auch einen Nickel bekommen, wenn er seinen Vater darum bitten würde. Frank glaubt ihm nicht. Er fordert ihn vor einer Gruppe Jungen auf, es zu beweisen.

Etwas weich in den Knien geht Almanzo zu seinem Vater, der mit dem Wagenhersteller Mr. Paddock im Gespräch vertieft ist. Er bittet ihn um einen Nickel. „Warum?“ fragt ihn der Vater. Als Almanzo erklärt, verstehet der Vater zunächst, daß Frank eine Limonade für Almanzo gekauft hat, und will ihm schon eine Münze geben, damit sein Sohn den Gefallen erwidern kann. Doch dann will er es genau wissen: „Hat dir Frank eine Limonade gekauft?“

Almanzo nickt zunächst, windet sich aber und murmelt: „Nein, Vater.“

Der Vater schaut ihn lange schweigend an. Dann zieht er eine Halbdollarmünze aus seiner Brieftasche.

„Almanzo, weißt du, was das ist?“
„Ein halber Dollar, “ antwortete Almanzo.
„Richtig. Aber weißt du, was ein halber Dollar ist?“
Almanzo wußte nicht, dass die Münze irgendetwas anderes war als ein halber Dollar.
„Das ist Arbeit, mein Sohn.“, sagte Vater. „Das ist es, was Geld ist; es ist harte Arbeit.“

Mr. Paddock gluckste. „Der Junge ist noch zu jung, Wilder,“ sagte er. „Sie können von einem Jüngling nicht erwarten, dass er das versteht.“
„Almanzo ist klüger als Sie denken“, erwiderte Vater.
Almanzo verstand überhaupt nichts. Er wollte nur verschwinden.

Dann fordert der Vater ihn auf, ihm zu sagen, was man alles tun muss, um Kartoffeln anzubauen. Zögernd erst, aber mit wachsendem Selbstvertrauen, referiert Almanzo die vielen nötigen Schritte. Erst schneidet man die Saatkartoffeln auf, dann düngt man den Acker, dann pflügt man ihn um. Anschließend wird das Feld geeggt, dann der Boden markiert. Daraufhin werden die Kartoffeln gepflanzt, dann das Feld wieder gepflügt, dann behackt. Zweimal muss der Boden nach der Pflanzung gepflügt und gehackt werden. Dann gräbt man sie aus und lagert sie in einem Keller. Der Vater ergänzt: Beim Ernten sortiert man die kleinen und verfaulten Kartoffeln aus, und im Frühling lädt man sie auf einen Wagen und bringt sie in die Stadt, um sie auf den Markt zu verkaufen. Schließlich fragt ihn der Vater, wieviel man für „einen halben Bushel“ Kartoffeln am Markt erzielen kann.

„Einen halben Dollar“, sagte Almanzo.
„Ja“, sagte Vater. „Das ist es, was in diesem halben Dollar steckt, Almanzo. Die Arbeit, die einen halben Bushel Kartoffeln hervorgebracht hat, die ist da drin.“
Almanzo schaute das runde Geldstück an, das Vater hochhielt. Es sah klein aus, verglichen mit der vielen Arbeit.
„Du kannst ihn haben, Almanzo“, sagte Vater. Almanzo traute seinen Ohren kaum. Vater gab ihm den schweren halben Dollar.
„Er gehört dir“, sagte Vater. „Du kannst damit ein Ferkel kaufen, wenn du willst. Du könntest es großziehen, und dann würde es Ferkel werfen, das Stück vier oder fünf Dollar wert. Oder du kannst mit diesem halben Dollar Limonade kaufen und austrinken. Tu, was du willst, es ist dein Geld.“

Als Almanzo zu Frank und den anderen Jungen zurückkehrt, ist es Zeit für seine süße Rache.

„Wo ist der Nickel?“
„Er hat mir keinen Nickel gegeben“, sagte Almanzo, und Frank jubelte:
„Jawohl! Ich hab’s dir gesagt, er würde es nicht tun. Ich hab’s dir gesagt!“
„Er hat mir einen halben Dollar gegeben“, sagte Almanzo.
Die Jungen wollten es nicht glauben, bis er ihnen die Münze zeigte. Dann drängten sie sich um ihn herum und warteten darauf, dass er sie ausgeben würde. Er zeigte sie ihnen allen und steckte sie zurück in seine Hosentasche.
„Ich werde mich umsehen“, sagte er, „und mir ein gutes kleines Ferkel kaufen.“

In der deutschen Version der „Little Farm“-Reihe fehlt leider ausgerechnet der Band „Farmer Boy“, er ist scheinbar seit 1956 nicht wieder auf Deutsch aufgelegt worden. Aber auch die anderen Bücher der Reihe sind voller Beispiele, wie man in der amerikanischen Pionierzeit selbständig und selbstverantwortlich, mit großem persönlichen Einsatz und moralischer Aufrichtigkeit gelebt hat.

Literatur:

Zitate aus: Laura Ingalls Wilder, Farmer Boy, Harper Trophy, Kapitel „Independence Day", Seiten 179 ff

Die Reihe „Unsere kleine Farm“, von Laura Ingalls Wilder

Ayn Rand: „Wer ist John Galt?“


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