26. Februar 2007

England Starker Anstieg beim Heimunterricht

Eine kleine Meldung inmitten aufgeblasener Belanglosigkeiten

Letzte Woche, meine Tochter hatte Schulferien, war für die Familie eine Gelegenheit, mal die Hauptstadt des jüngst verblichenen britischen Empires zu besuchen.

Untergebracht waren wir bei Freunden, von deren Wohnung aus man Einblick in den Garten der Queen hinter dem Buckingham Palast hat. Glücklicherweise gab es keine besonderen Vorkommnisse der Art, die in den letzten Wochen die Nation aufgerüttelt haben: eine Art Bandenkrieg mit mehreren Erschießungen von Jugendlichen. Auch von Terrorangriffen blieben wir erspart, obwohl die Bedrohung, wie der Sunday Telegraph gestern meldete, für Großbritannien so groß sei wie nie zuvor.

Am vergangenen Samstag, auf der Fahrt von einem Museum ins Zentrum zurück, sitzen wir in einem Doppeldecker-Bus (natürlich oben) und auf einem Sitz finde ich – nein, keine Bombe, sondern eine aktuelle Ausgabe des „Independent“, jener Tageszeitung, die seit Jahren mit Öko-Schocker-Stories und sonstigen politisch korrekten Horrormeldungen aufmacht. In diesem Fall mit der Geschichte einer Frau in Kanada, die jetzt für den Friedensnobelpreis nominiert worden ist, weil sie versucht, das Volk der Inuit vor den Folgen des Klimawandels zu schützen. Neben diesen und vielen anderen mächtig aufgeblasenen belanglosen Meldungen befindet sich, auf Seite 27, ein kleiner Bericht mit dem Titel „Big rise in home education“ (Starker Anstieg beim Heimunterricht.) Laut einer Untersuchung der Regierung werden in England 16.000 Kinder zu Hause unterrichtet, was ein Anstieg um das Dreifache seit dem Jahr 1999 darstellt. Die Gründe, die genannt werden, sind in erster Line „schlechte Disziplin an den Schulen“ (vermutlich ein Euphemismus für zunehmendes Mobbing), die sinkenden Unterrichtsanforderungen und die Ansicht, dass das Bildungssystem zu bürokratisch, unflexibel und von einer Bewertungsmanie getrieben sei.

Im letzten Absatz der Meldung heißt es noch, dass die Mehrheit der Eltern, die ihre Kinder aus den Schulen herausnehmen, „white British“ sind. Dazu muss man wissen, dass die Labour-Regierung sich kaum einen Anlass entgehen lässt, die „ethnische Herkunft“ ihrer Untertanen festzustellen. Ob man bei der Polizei anruft, um Anzeige gegen Unbekannt zu erstatten, oder beim medizinisch-telefonischen Beratungsdienst des „National Health Service“, weil sein Kind unerklärbare Schmerzen hat, wird man nach der eigenen Hautfarbe gefragt. Zwar muss man diese Angbe nicht machen, aber darauf wird man bei der Frage nicht hingewiesen, wenn sie mündlich erfolgt. Der angebliche Grund für dieses Vorgehen ist der Versuch, eine Bevorzugung oder Benachteiligung bestimmter ethnischer Gruppen zu vermeiden. Dass man als Deutscher dabei trotzdem unwillkürlich an die nationalsozialistichen Rassengesetze denkt, ist nicht weiter verwunderlich. Aber hier handelt es sich ja um eine gute Regierung voll mit gutmeindenden Menschen, die außer einigen tausend Irakern, Afghanen und Serben niemanden wirklich auf dem Gewissen haben.

Wie schön, dass man in diesem Land noch die Wahl hat, ob man seine Kinder diesen netten Zeitgenossen anvertraut - oder lieber nicht.


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