19. März 2007

Geschichte Das deutsche Wirtschaftswunder

Woher kam es? Wohin ging es?

Das war das Thema einer Rede, die ich am letzten Mittwoch vor der „Bath German Society“ hielt. Es ranken sich ja viele Mythen um dieses Thema: Marshallplan, Währungsreform, „soziale“ Marktwirtschaft, sogar die optimistische Persönlichkeit des ersten Wirtschaftsministers Ludwig Erhard, all dies und noch mehr soll irgendwie für das „Wirtschaftswunder“ verantwortlich gewesen sein. Ich nahm mir vor, zunächst einige dieser Mythen zu widerlegen, um danach den wesentlichen verantwortlichen Punkt hervorzuheben, nämlich die Liberalisierung der Wirtschaft.

Deutschland als ganzes lag 1945 nicht, wie es manchmal heißt „in Schutt und Asche“. Die Stadtkerne und die Wohngegenden, ja. Aber nicht die Produktionsanlagen. Diese hätten im besagten Jahr eine 20 Prozent höhere Kapazität gehabt als 1936, so der historische Rückblick des Deutschen Bundesverbandes für Steuer-, Finanz- und Sozialpolitik. Es war die danach einsetzende Demontage, die die Produktionskapazität in Westdeutschland bis 1947 auf 44 Prozent des Niveaus von 1936 im gleichen Gebiet schrumpfen ließ. Außerdem fehlte es vor allem an Fachkräften, weil viele entweder gefallen, oder aufgrund von Kriegsverletzungen nicht mehr arbeitsfähig, oder aber in Kriegsgefangenschaft waren. Die meisten Kriegsgefangenen (im Westen) wurden jedoch bis 1947 in die Freiheit entlassen.

Aber die Rückkehr der Fachkräfte und die Beendigung der Demontage waren lediglich notwendige, nicht hinreichende Bedingungen für den folgenden Wirtschaftsaufschwung. Dieser kam auch zunächst noch nicht. Und es war auch nicht der dann einsetzende Marshallplan, der ihn in Gang brachte. Der finanzierte zwar gern gesehene humanitäre Hilfe und infrastrukturellen Aufbau, aber Frankreich und Großbritannien erhielten jeweils mehr als doppelt so viel (jeweils mehr als 3 Milliarden Dollar) als Westdeutschland (1,5 Milliarden Dollar) aus diesem Topf. Diese Staaten aber erlebten, auch ohne Demontage, keinen vergleichbaren Aufschwung Anfang der 50er Jahre.

Bevor ich auf den entscheidenden Faktor kam, habe ich noch mit einigen anderen Legenden aufgeräumt: Auch die Währungsreform war nicht der Auslöser des Wachstums, sondern allenfalls ein psychologisch wichtiger Startschuss. Auch ohne diese Reform hatten die Menschen sich schon von der zwecks Kriegsfinanzierung mächtig inflationierten Reichsmark abgewendet. Auf dem Schwarzmarkt hatten sich Dollar, Schokolade, Zigaretten und Kaugummi als Ersatzwährung etabliert. Doch halt: Wieso eigentlich „Schwarzmarkt“? Aufgrund der Umstellung der Produktion auf „kriegsnotwendiges Material“ und der anschließenden Demontage gab es nur sehr wenige Produkte des alltäglichen Bedarfs. Das würde zwar hohe Preise erklären, nicht aber einen schwarzen, also illegalen, Markt.

Der Grund für den anhaltenden Mangel – und für den Schwarzmarkt – waren Preiskontrollen, eingeführt von der Nazi-Regierung zur Kaschierung der von ihnen in Gang gesetzten Inflation. Diese waren, wie die ebenfalls von den Nationalsozialisten forcierte Zwangsbewirtschaftung (staatliche Bestimmung darüber, wer wieviel wovon und unter welchen Bedingungen zu produzieren habe) vom Militärgouvernement der Alliierten schlicht beibehalten worden. Damals herrschte – viel stärker noch als heute – der von Keynes geprägte Glaube auch im Westen vor, dass der Staat schon am besten weiß, was für die Menschen gut ist. Und genau gegen diese Glauben ging Erhard vor.

Die Alliierten wollten von einer Liberalisierung der Wirtschaft nichts wissen. Sie meinten, Marshall-Plan und Währungsreform würden schon reichen, um die Produktion wieder in Gang zu bringen. Doch Erhard wusste es besser. So sehr war er von der Richtigkeit seiner Forderung überzeugt, staatliche Preisbindung und Bewirtschaftung aufzuheben, dass er kurzerhand einen Tag vor Beginn der Währungsreform, also am 19. Juni 1948, im Radio genau diese Aufhebung bekanntgab – ohne rechtliche Grundlage. Es war ein Sonntag, die Militärgouverneure waren zu Hause. Am nächsten Tag wurde Erhard zum amerikanischen Militärgouverneur Lucius D Clay zitiert, der ihn vorwurfsvoll daran erinnerte, dass er ohne Genehmigung der Alliierten keine Vorschriften verändern darf. Die entwaffnende Antwort Erhards sollten sich alle Libertären für den Tag ihrer Revolution gut merken: „Ich habe sie nicht verändert, ich habe sie abgeschafft.“

Zunächst stiegen natürlich die Preise stark an, weil sie nun über die herrschende Knappheit „die Wahrheit sagen durften“. Hohe Preise aber locken Investoren an, zumal sie nicht mehr auf behördliche Bewirtschaftungsanweisungen warten mussten. Jedoch lösen starke Preiserhöhungen auch Proteste bei den Verbrauchern aus, und genau das geschah auch. Im November kam es sogar zu einem zweitägigen Generalstreik deswegen. Doch Erhard blieb standhaft. Allmählich sanken die Preise, aber dann kam anfang der 50er Jahre die Koreakrise, und die Menschen machten Hamsterkäufe, wodurch die Preise wieder anzogen und es in den Läden an Produkten mangelte. Und nun kam den Deutschen eine Ironie des Schicksals zugute. Alle Welt rüstete für den neuen Krieg – nur Deutschland nicht, denn hier war Rüstungsproduktion untersagt. Das war eine prima Gelegenheit, den Rest der Welt mit zivilen Waren zu beliefern – beispielsweise mit dem fast ikonenhaften VW-Käfer. Und schon war Deutschland auf dem Weg, Exportweltmeister zu werden. Die niedrigste Wachstumsrate in den 50er Jahren war 4 Prozent, die höchste 12 Prozent. Die Arbeitslosenzahl sank im gleichen Zeitraum von 2 Millionen auf eine Viertelmillion. Und das, obwohl damals die Vertriebenen aus den Ostgebieten zu integrieren waren und Flüchtlinge aus der DDR ins Land strömten.

Noch zwei Mythen sind zu zerstreuen: Die Rolle der Gewerkschaften und die „richtige Mischung“ aus „sozialer Umverteilung“ und „Eigenverantwortung“, aus Staat und Markt. Die Gewerkschaften hatten sich, wie erwähnt, mit aller Macht gegen die entscheidenste Maßnahme überhaupt gestellt. Sie wurden schließlich mit der Montanmitbestimmung und dem Betriebsverfassungsgesetz ruhiggestellt (Bestimmungen, die inzwischen jedoch sklerotisch auf die deutsche Wirtschaft wirken). Erwähnen könnte man auch, daß die Gewerkschaften auf Anraten der Briten zu wenigen großen Verbänden zusammengeschlossen wurden, was eine gewisse Verläßlichkeit in der Einhaltung von Absprachen garantierte. Aber auch das war kein wirklich wesentlicher Faktor für den Aufschwung.

Zum ganzen Sozialbereich ist zu sagen, dass es die moderne Sozialhilfe erst seit 1962 gibt, also als das eigentliche „Wirtschaftswunder“ schon fast vorbei war. Davor waren Nothilferegelungen von 1924 und die Bismarckschen Sozialversicherungen in Kraft, also nichts was speziell auf Regelungen zurückgeht, die in den ersten 15 Jahren nach dem Krieg beschlossen wurden. Was es jedoch gab waren Ausnahmen von der Liberalisierung. Die letzte Preisbindung wurde 1952 abgeschafft, aber es gab quasi eine begrenzte Fortsetzung der Zwangsbewirtschaftungs, nämlich in Form von Steuervergünstigungen für die Bereiche Kohle, Stahl, Eisenbahn, Energie und Wasser. Fast sämtlichst Bereiche, die der deutschen Wirtschaft heute auf die eine oder andere Weise zur Last fallen. Genauso wie die Umwandlung der Rente vom Kapitaldeckungs- zum Umlageverfahren im Jahr 1957, eine Maßnahme, die Erhard gegen Adenauer nicht verhindern konnte.

Bleibt die Frage: Weshalb konnte Erhard bei der Durchsetzung extrem unpopulärer (und eigentlich verbotener) Maßnahmen eine für einen Politiker sehr ungewöhnliche Furchtlosigkeit und Standhaftigkeit an den Tag legen? Seine Persönlichkeit wird da eine eher untergeordnete Rolle gespielt haben, galt er doch später als Kanzlererbe und als Kanzler als zögerlich. Ich bin überzeugt, dass seine Standhaftigkeit hier allein auf die Lektüre und das Verständnis stringent logischer ökonomischer Argumente zurückzuführen ist. Er war Mitglied der Mont Pelerin Gesellschaft, er kannte unter anderem Wilhelm Röpke persönlich, hatte dessen Bücher noch während des Krieges in aller Heimlichkeit gelesen. Röpke wiederum war nach dem ersten Weltkrieg, wie viele andere seiner Generation, zunächst Sozialist gewesen, wurde aber, nachdem er Schriften Ludwig von Mises gelesen hatte, bald glühender Verfechter der freien Marktwirtschaft, wenn auch nicht zu hundert Prozent ein Verfechter der Österreichischen Ökonomie. Das war auch Ludwig Erhard beileibe nicht, sondern eher ein Anhänger des sogenannten „Ordoliberalismus“, der einen zwar schlanken, dafür aber starken und ordnenden Staat vorsieht. Doch das, was er von den Ideen der Österreichischen Ökonomie vertrat und durchsetzte, reichte aus, um aus einem demoralisierten und chaotischen Land binnen eines Jahrzehnts einen Motor der Weltwirtschaft zu machen. Es war tatsächlich ein „Wunder“, doch wer die Hintergründe kennt, wundert sich nicht.

Im letzten Absatz verbirgt sich auch der Grund, weshalb das „wunderbare“ an der deutschen Wirtschaft wieder allmählich verschwand und sie jetzt, trotz ihrer immer noch großen Bedeutung in der Welt, einen riesigen Berg an Arbeitslosen und sonstigen Unproduktiven mit sich schleppt. Die Liberalisierung ging, wie auch Röpke damals schon monierte, nicht weit genug. Ausnahmen wurden zu Ausreden für immer mehr Ausnahmen, die Sozialgesetzgebung und die Rentenversicherung wirkten zersetzend auf Sparneigung und Eigenverantwortlichkeit. Hinzu kamen dann verwöhnte Nachkriegs-Mittelschichtkinder, die nicht den blassesten Schimmer davon hatten, warum sie so reich waren und folglich unnötige Schuldgefühle entwickelten, und die dann den nachfolgenden Generationen in staatlichen Zwangsschulen vorgaukelten, Leistung sei etwas unanständiges. So muss man sich auch über den Niedergang des „Wunders“ nicht mehr wundern.

Internet:

„Zeitreport“ des DBSFS über die „Soziale Marktwirtschaft“ (PDF)

Über Ludwig Erhard

Mont Pelerin Gesellschaft

Über Wilhelm Röpke

Texte über Wilhelm Röpke auf mises.org:

http://www.mises.org/content/roepke.asp
http://www.mises.org/story/866


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