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Alkohol: Steuertrunkene Flatrate-Politiker

von Björn Tscheridse

Wie unsere Staatswirte sich verrechnen

Der tragische Tod eines Berliner Schülers nach einem Alkohol-Exzess war erwartungsgemäß eine Steilvorlage für Politiker aus allen Parteien, um eine weitere trunkene Sau durchs Bundesdorf zu jagen: Nun sollen Feierlichkeiten, auf denen man gegen eine Pauschalgebühr, solange der Vorrat reicht, Alkohol trinken kann, verboten werden. Damit sind nicht etwa der Bundespresseball oder auch zünftige DGB-Freibierversammlungen gemeint, sondern sogenannte „Flatrate-Partys“ privater Gastronomie-Unternehmer.

Wie die „Berliner Zeitung“ meldet, will die Berliner Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher von der Linkspartei Gewerbeämter, Jugendämter und die Polizei dazu anhalten, ein Auge auf Flatrate-Partys zu werfen, um Beweismaterial für ein Verbot derselben zu sammeln. Sollte sich nämlich herausstellen, dass dort wie vermutet viel Alkohol getrunken wird, dann müsse der Staat sich schützend zwischen die geldgierigen Wirte und die verführten Jugendlichen werfen. Auch der gesundheitspolitische Sprecher der CDU in Berlin, Mario Czaja, ist da ganz auf der Linie von Lompscher und fordert schärfste Kontrollen.

Beflügelt werden derlei Staatsgewaltphantasien durch märchenhafte Berichte von Flatrate-Partys in den Massenmedien. So sollen Jugendliche gegen einen Pauschalpreis von 9 Euro bis zu 50 Tequila trinken können – nebst Bier und anderen prozenthaltigen Flüssigleckereien. Sollte das wahr sein, würden sich die Flatrate-Partys schon sehr bald auch ohne das Dazutun von Politikern erledigen. Denn bei so grottenschlecht kalkulierten Preisen ist der Ruin vorprogrammiert: Die billigste Tequila-Flasche kostet im Großhandel etwa 6 Euro, was etwa 10 Gläschen ergibt. Die günstigste Amortisationsgrenze im Gaststättengewerbe liegt, wenn man Miete, Personal- und andere Kosten berücksichtigt, beim zweifachen des Einkaufspreises. Das würde bedeuten, dass der Wirt sofort arm wird, wenn jeder Flatrate-Kunde mehr als sieben Tequila-Gläschen trinkt. Auch wenn man zwecks Kundenbindung Dumping unterstellt – mehr als 10 Gläschen würde kein noch so betuchter Gastwirt lange durchhalten. Die Berichte über die sagenhaften Pauschalpartys, wo unbegrenzt Bier und Schnaps fließen, sind also entweder falsch, oder aber wir haben es mit einem Ausbruch von Wirtswahnsinn zu tun, der bald alle Flatrate-Gastronomen dahinraffen wird.

Vielleicht sollten sich die Wirte eine Scheibe bei den Politikern abschneiden. Die machen nämlich vor, wie man ein hochpreisiges Flatrate-System installiert, von der man leben kann wie die Maden im Speck. Man zieht den Zwangsgästen im staatlichen Wirtshaus einfach im Schnitt die Hälfte des Geldes aus der Tasche und beschenkt ihn dann mit allen möglichen selbst erfundenen Wohltaten – zum Beispiel gönnt man ihnen die Finanzierung von Wissenschaftlern, die dann messerscharf analysieren, warum Jugendliche neuerdings so viel trinken: Wie die „Welt“ am 30.03. berichtete, interpretiert der Bielefelder Soziologe Klaus Hurrelmann das Trinken „als Reaktion auf Leistungsdruck“. Dabei meint er wahrscheinlich den Druck, den Schüler verspüren, wenn sie nach vier Grundschuljahren immer noch nicht lesen und schreiben können oder wenn sie nach dem Abitur immer noch nicht ihre Muttersprache beherrschen und im internationalen Vergleich (siehe PISA) immer weiter zurückfallen. Heerschaften von staatlich bestallten Pädagogen und Soziologen und anderen staatsnahen Gelehrten wiederum erforschen, warum das so ist und fordern noch mehr Staat in der Erziehung, bei der Kinderpflege, bei der Gesundheit und bei der Altersvorsorge.

Doch erst wenn der letzte ausgenüchterte Bürger ganz an der Flasche des Staates hängt, werden unsere Politiker merken, dass man Zombies nicht melken kann.

30. März 2007

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