16. April 2007

Umweltbewegung Ihr fundamentaler Irrtum

Wir zerstören kein Paradies, sondern zähmen eine Wildnis

Mein Artikel „Das Ende der Umweltbewegung ist nahe“ in „eigentümlich frei“ Nr. 68 hat Herrn Karl-August Hansen zu einem Leserbrief veranlasst (veröffentlicht in ef Nr. 71). In diesem bezweifelt er die These, daß die Verknappung von Ressourcen zu ihrem Erhalt führe. Dann kritisiert er, ich hätte diese These auf die Regenerationsfähigkeit der Natur „unbekümmert“ übertragen. Schließlich fragt er, ob wir das Recht haben, „das Paradies, das wir von unseren Vätern übernommen haben, hochgemut in eine unwirtliche Umwelt zu verwandeln?“ Im folgenden will ich auf diese drei Punkte eingehen.

Zum ersten Punkt schreibt Hansen: „Ob wir aber für kommende Generationen noch einen Tropfen Öl übrig lassen werden, muss sich erst noch erweisen.“ Nein, das muss sich nicht „erst“ erweisen. Das sagt die reine Logik in Verbindung mit den schon jetzt ersichtlichen Fakten. Die Fakten sind: Öl (oder jede andere Ressource) gibt es in sehr unterschiedlich leicht erreichbaren Orten. Manches ist (bzw. war) nahe der Erdoberfläche. Dieses wurde als erstes verbraucht. Wäre die Nützlichkeit des Öls sehr beschränkt gewesen, wäre es bei dieser ersten Ausbeute geblieben. Aber Öl ist für den Menschen auf sehr vielfältige Art nützlich und einsatzfähig. Deswegen lohnen sich (bislang) immer tiefere, das heißt immer kostspieligere und risikoreichere Bohrungen. Genau wie kostspielig, genau wie risikoreich vorgegangen wird, hängt vom Marktpreis des Öls ab. Je höher der Preis, desto mehr wird unter immer schwierigeren und kostpieligeren Umständen nach Öl gebohrt. Eines Tages muss aber ein Punkt kommen, wo das verbliebene Öl so schwer erreichbar ist, dass es sich zum dann herrschenden Marktpreis nicht zu fördern lohnt. Das heißt jedoch nicht, dass es dann kein Öl mehr gibt. Es heißt auch nicht, daß es dann keine nutzbare Energie oder Kohlenstoffverbindungen mehr gibt. Es heißt nur, dass Energieformen und Materialien, die derzeit im Vergleich zu Öl sehr teuer und unpraktikabel sind, am Marktpreis gemessen konkurrenzfähig geworden sind. Dies würde auch dann geschehen, wenn wir mal die Logik außer Kraft setzen und davon ausgehen, dass, nur um noch eine weitere Fahrt zum nächsten Kiosk zu ermöglichen, irgendwann der allerletzte Tropfen Öl aus den tiefsten Tiefen der Erde gequetscht wird.

Zum zweiten Punkt: Diese Gedanken kann man insofern durchaus auf die Regenerationsfähigkeit der Natur übertragen, wo diese dem Menschen nutzt. Wo sie ihm nutzt, wird sich – vorausgesetzt, es herrscht Kapitalismus – eine verschlechternde Regeneration in einem steigenden Marktpreis für diesen Teil der Natur ausdrücken, was dazu führt, dass sich Investoren finden werden, die die Regeneration fördern werden. Wo die Natur dem Menschen nicht oder nur marginal nutzt (z.B. im Fall des Dodo oder der „Delfine im Jangste“ [Hansen]), geschieht dies nicht. Aber über letzteren Fall brauchen sich Menschen keine Gedanken zu machen (das tun nur Menschen, die zu viel Zeit haben). Wiederum reine Logik.

Zum dritten Punkt: Hier hat Hansen, vielleicht unbewusst, den fundamentalen Irrtum der Umweltbewegung offenbart: Wir haben von unseren Vätern kein Paradies geerbt. Selbst ein an die wortwörtliche Wahrheit der christlich-jüdischen Schöpfungsgeschichte glaubender Mensch kann dies nicht behaupten, denn laut Bibel wurden die ersten Nachkommen Adams und Evas erst nach der Vertreibung aus dem Paradies geboren. Nach dem Sündenfall also, als Gott zu Adam sagte: „So sei der Erdboden verflucht um deinetwillen: mit Mühsal sollst du davon essen alle Tage deines Lebens; und Dornen und Disteln wird er dir sprossen lassen, und du wirst das Kraut des Feldes essen! Im Schweiße deines Angesichts wirst du [dein] Brot essen, bis du zurückkehrst zum Erdboden, denn von ihm bist du genommen.“ (Genesis 3, 17 -19) Geerbt haben wir eine lebensgefährliche Wildnis, eine Welt voller Dornen und Disteln, voller Pestbakterien, Malariamücken, Ratten, menschenfressenden Raubtieren, Sand-, Fels-, Wasser- und Eiswüsten, aktiven Vulkanen, Sturmfluten, erntevernichtenden Hagelstürmen und dinosuriervernichtenden Meteoriten, eine Welt mit ständigem (!) Klimawandel, aber kein Paradies. Was wir außerdem geerbt haben ist ein Verstand. Mit diesem Verstand verwandeln wir kein „Paradies“ in eine „unwirtliche Umwelt“, wie Hansen behauptet, sondern eine Wildnis in eine sehr „wirtliche“ Umwelt. Genauer: Das tun wir in dem Maße, wie echter Kapitalismus zugelassen ist. Da aber derzeit praktisch überall staatlicher Interventionismus bis hin zum Sozialismus vorherrscht, kommt es örtlich zu Situationen, wo tatsächlich praktisch das letzte Quentchen Rohstoff aus der Erde gepresst wird, oder die Regenerationsfähigkeit der Natur gedankenlos vernichtet wird, nur um die oben erwähnte figurativ zu verstehende Kioskfahrt durchzuführen. Die Verkrüppelung, Verzerrung und Ausschaltung des Preismechanismus macht’s möglich.

Dass die Menschheit trotzdem noch gedeiht, ist allein den noch vorhandenen kapitalistischen Elementen in den jeweiligen Gesellschaftsordnungen zu verdanken. Sollte unser Gedeihen in der Freiheit einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung einmal für die Ressourcen und die Regenerationsfähigkeit der Natur dieses Planeten insgesamt zu viel werden, wird sich das rechtzeitig in den Marktpreisen ausdrücken. Spätestens dann wird es sich lohnen, Weltraumkolonien zu bauen und zu bevölkern. (Staatliche Wettläufe zum Mond und so weiter sind dagegen reine Ressourcenverschwendung.) Die Ressourcen dafür können unter anderem den erdnahen, also bislang nur eine Gefahr darstellenden Asteroiden entnommen werden. Wenn wir allerdings diese Freiheit nicht haben, werden wir irgendwann unter den Dornen und Disteln dieser Erde (und an den krausen Ideen von Menschen, die zu viel Zeit haben) ersticken.


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