Robert Grözinger

Robert Grözinger, Jahrgang 1965, Diplom-Ökonom, ist freier Journalist und Übersetzer.

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Amoklauf: Staatlich institutionalisierte Gewalt verschlimmert das Problem

von Robert Grözinger

Wie Sicherheitsagenturen und „Friedenstische“ den Schaden minimieren könnten

Nach dem neuerlichen Amoklauf will ich nicht schon wieder die Argumente pro und contra Waffenkontrolle diskutieren. Diese sind längst zur Genüge ausgetauscht. Ich will mich hier auf einen anderen Aspekt dieser Tragödie konzentrieren, der in den Berichten fast unterging:

Cho Seung-Hui, das Kind einer im Jahr 1992 aus Südkorea eingewanderten Familie, wurde in seiner Schulzeit jahrelang gemobbt. „Er wurde wegen seiner Schüchternheit und seiner merkwürdigen Sprechweise herumgeschubst und ausgelacht. Ein Mitabsolvent an der High School sagte, dass Cho fast nie den Mund aufmachte und dass er Versuche, ein Gespräch zu eröffnen, ignorierte“, berichtet Matt Apuzzo von Canadian Press. „Einmal, in einer Englisch-Klasse, lachten die Schüler Cho aus, als er vorlas, und sagten ‚Geh’ zurück nach China!‘

Wenn jemand im pc-hysterischen Amerika in der Klasse, offenbar in Anwesenheit des Lehrers, derart „rassistisch“ angepöbelt wird, muss es sich schon um einen ziemlich krassen Fall gehandelt haben. Cho galt schon länger als psychisch krank und hätte, auch nach dem liberalen Waffengesetz Virginias, eigentlich keinen Zugang zu Schusswaffen haben dürfen. Statt also nach schärferen Waffengesetzen zu rufen, sollten die Menschen in Amerika und Europa darüber nachdenken, weshalb ein psychisch Gestörter jahrelang herumlaufen kann, ohne die Betreuung zu erhalten, die er eigentlich braucht.

Sind vielleicht unsere gesellschaftlichen Strukuren selbst „psychisch gestört“, so dass sie nicht mehr richtig funktionieren? Schulen und Universitäten in Amerika und Europa sollen zwar waffenfrei sein, sind es aber sehr oft nicht; und schon gar nicht sind konfliktfrei. Sie sind in einer Gesellschaft eingebettet, die Gewalt in staatlicher Form als institutionalisierte Problemlösung betrachtet. Aber der Staat als Verkörperung organisierter Aggression hat kein wirkliches Interesse an friedlicher Konfliktbeilegung. Also steht so etwas in seinen Schulen nicht auf dem Programm, jedenfalls nicht ernsthaft, sondern allenfalls in Form der Gehinwäsche namens „political correctness“. Anders als beispielsweise in Montessori-Schulen. Dort gibt es einen „Friedenstisch“, an den sich streitende Kinder setzen sollen, bis sie sich einig werden. Wenn das scheitert, holen sie sich einen Mediator, in letzter Instanz präsentieren sie ihren Fall der ganzen Klasse, um von ihr Lösungshilfe zu erbitten.

War psychische Krankheit im aktuellen Fall wirklich das einzige Problem? Die Beschreibung von Chos Verhalten an der Schule steht in einem merkwürdigen Gegensatz zu einer kleinen Bemerkung im Statement seiner Famile, in der es heißt, dass er darum kämpfte „sich einzupassen“. Versuchte er vielleicht, wie der deutsche Amokläufer Sebastian B., zunächst die Codes der herrschenden Cliquen übernehmen, um akzeptiert zu werden? Und wurde auch er trotzdem verstoßen? Frappierend ist jedenfalls die Übereinstimmung in den Aussagen in den Abschiedstexten und –videos: im Mittelpunkt der Tiraden beider Amokläufer stehen der offen zur Schau getragene, protzige Reichtum, und die damit in Verbindung gebrachte innere Leere der Objekte des Hasses. Damit ist keiner der beiden Täter auch nur annähernd entschuldigt. Die Texte und die Vorgeschichten der beiden Täter können jedoch helfen, den Ursachen dieser und der Verhinderung ähnlicher Tragödien näherzukommen, fernab von Waffengesetzen und Videospielen.

Natürlich wird man Amokläufe nie völlig verhindern können; „Berserker“ gab es schließlich schon bei den Wikingern. Aber es ist denkbar, dass ihre Anzahl durch „Friedenstische“ und ähnlichen Institutionen gesenkt würde. Trotzdem: Amokläufer müssen im Notfall rigoros unschädlich gemacht werden. Die Lösung überlässt man auch hier am besten dem Markt. Eine Sicherheitsagentur, die im Versagensfall den Opfern oder ihren Angehörigen eine vorher festgesetzte Summe auszahlen muss, und im Gegenzug die Waffen aller Schul- und Universitätsbesucher aufbewahrt, wäre eine mögliche Variante von vielen marktgerechten Lösungen, die der Staat auch im aktuellesten, amerikanischen Fall verhindert hat.

Und: Natürlich wird es immer wieder Gewohnheitsmobber geben, die über „Friedenstische“ und dergleichen nur lachen. Solche Menschen müssten aus zivilisierten Gesellschaften rigoros ausgeschlossen werden. In Demokratien dagegen werden sie oft in hohe und höchste Ämter gewählt.

Internet:

Bericht der Canadian Press

Die Funktionsweise des „Friedenstisches“ an Montessori-Schulen (englischer Text, PDF)

ef-online über Sebastian B.

23. April 2007

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