07. Mai 2007

Libertäre Warum sie eine kleine Minderheit sind

Und warum sie eine bleiben werden, und warum das kein Problem ist

Oft genug fragen sich Libertäre, warum es nicht mehr von ihnen gibt, worauf sich dann gleich die Frage anschließt, wie man am besten für die libertäre Position wirbt. Wer aber dann wirklich einmal – egal wie – versucht, für die libertäre Position zu werben, der beißt schnell auf Granit – beziehungsweise Beton (im Kopf des Ansprechpartners).

Eine mögliche Erklärung hierfür hat James J. Martin. In einem Interview, das der libertäre Geschichtsrevisionist bereits im Jahr 1976 im Magazin „Reason“ gab, führte er aus, er sei davon überzeugt, dass es eine „biologische und genetische Basis für die Substanz philosophischer und ethischer Ansichten“ gibt. Er sei zu dieser Schlussfolgerung gekommen, nachdem er lange darüber nachgedacht habe, weshalb die Zahl der Libertären nicht wesentlich wächst.

Martin sieht keine Beweise dafür, dass Überzeugungsversuche mit dem Mittel der Literatur, des Gesprächs, des Predigens, der psychischen Einschüchterung, oder irgendeines anderen bekannten Mittels die Anzahl Libertärer vergrößert hätte. In den meisten Fällen, behauptet Martin, in denen Individuen von irgendeiner magischen Verwandlung ihrer vorhergehenden Position zu irgendeiner libertären Position berichten, haben sie lediglich entdeckt, was sie wirklich waren.

„Ihre Psyche war einer solchen Einstellung förderlich. Sie waren aus verschiedenen Gründen am Bewusstsein dafür gehindert, sei es aus religiösen Gründen, oder aufgrund familiären Drucks oder anderer Dinge, die sie daran hinderten, für sich die Freiheit zu entdecken.“ Daher, so das Fazit Martins, ist der Versuch der Überzeugung vergeblich.

Muss man also wirklich als Libertärer geboren sein? Leider führt Martin nicht weiter aus, wie er, abgesehen von der derzeit geringen Zahl an Libertären, diese Idee untermauert. Zwar verweist er in dieser Hinsicht auf die amerikanische Individualanarchistin Voltairine de Cleyre, eine nähere Erläuterung seinerseits wäre aber dennoch hilfreich gewesen. So bleibt mir vorerst nur die Möglichkeit, die Einschätzung Martins aus eigener Erfahrung zu bestätigen. Immer wieder höre ich von Gesinnungsfreunden Lebensgeschichten, die meiner sehr ähneln: Immer schon irgendwie anders getickt als alle anderen in der Umgebung, einschließlich der Familie, nirgends ein echtes Vorbild gefunden, dann Buch X, Y oder Z gelesen (in selteneren Fällen war’s eine Zufallsbegegung mit einem anderen Libertären), seitdem unerschütterlich libertär.

Damit ist Martins These natürlich noch lange nicht belegt. Libertäre können bei dieser Beweislage genausogut ein versprengter Haufen von Spinnern sein, deren Weltanschauung allen anderen viel zu verschroben ist, als dass sie sich davon überzeugen ließen. Dagegen sprechen allerdings andere anekdotische Hinweise. Zum einen nämlich haben sich nach meiner Kenntnis überdurchschnittlich viele Libertäre irgendwann in ihrer beruflichen Laufbahn mit strenger Logik befasst, als Informatiker, Mathematiker, Ingenieure oder Naturwissenschaftler beispielsweise, oder zumindest in der Schule oder im Studium sich für diese Fächer stark interessiert (ich zum Beispiel habe zwei Semester lang Physik studiert). Auch der sehr hohe durchschnittliche Bildungsgrad der ef-Abonnennten spricht gegen die Spinner-These.

Martins These ist also interessant genug, um weiter untersucht zu werden. Provokativ ist sie auch, sticht sie doch mitten in das „Nature versus Nurture“-Wespennest. Sollte sie zutreffen, lassen sich zwei Schlussfolgerungen ziehen, eine pessimistische und eine optimistische.

Die pessimistische Schlussfolgerung ist, dass Libertäre immer eine kleine Minderheit sein werden. Die optimistische: Libertäre wird es wird immer geben. Es hat sie in früheren Zeiten, auch in repressiveren als unseren, immer wieder gegeben, es besteht daher kein Anlass zur Befürchtung, dass sie irgendwann aussterben werden. Optimismus ist auch deswegen berechtigt, weil diese wenigen Libertären in der Geschichte immer wieder Großartiges erreicht haben. Ich zähle zu ihren Errungenschaften die amerikanische Unabhängigkeitserklärung und Verfassung, den Manchester-Liberalismus, aber auch noch Größeres wie das Judentum, das Christentum, den Taoismus, die Rennaissance und die Aufklärung. Treibende Kräfte dieser Entwicklungen waren Menschen, die sich aus eigener Überzeugung, unbeirrt und unbeirrbar gegen die „Macht der Masse“ auflehnten und durchsetzten. (Der Kommunismus und die Demokratie dagegen waren und sind Ideen, die sich die „Macht der Masse“ für ihre Zwecke zunutze machen.) Sind Libertäre also das „Salz in der Suppe“ der Menschheit? Vielleicht ist es so gesehen ganz gut, dass Libertäre immer eine kleine Minderheit sein werden, wer will schon eine versalzene Suppe?

Heute kommt ein Faktor noch hinzu, den es im Jahr 1976 noch nicht gab und der zu weiterem Optimismus Anlass gibt, nämlich das Internet. Mit diesem gelingt es den weit verstreuten Individualisten, praktisch kostenlos Gedanken auszutauschen. Das vermehrt ihre Zahl zwar nicht, verleiht aber Rückenstärkung, was für ewige Einzelkämpfer von immens wichtiger psychologischer Bedeutung ist. Und noch etwas: Es wird mit Hilfe des Internets in Zukunft mehr Libertäre geben, deren „Zeit in der Wüste“ entweder sehr kurz ist oder ganz ausbleibt. Es wird in Zukunft vermehrt vorkommen, dass sich schon Schüler selbstbewusst als Libertäre bezeichnen. Sie werden sich frühzeitig für einen Lebensplan entscheiden, der ihrem libertären Bewusstsein am ehesten entspricht, und zielführend darauf hinarbeiten. Auch wenn ihre Zahl nicht zunehmen wird, das öffentliche Auftreten der Libertären wird selbstbewusster sein. Und das heißt im Endeffekt: wirkungsvoller.
Literatur:

Interview mit James J. Martin in „Reason“


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