29. Mai 2007

Wochenzeitung „freitag“ Mord und Totschuss

Markt oder Gewalt. Eine Replik zu Götz Eisenbergs Artikel Alles mitreißen in den Untergang.

Nur ein toter Linker ist ein guter Linker? Weit gefehlt! Links sein heißt: Gemeinsam so durch und durch gut sein, dass nur noch die böse Welt des Privaten, der Einzelne eben, in eine Gruppe sozialisiert werden muss, damit alle Befreiung erleben. Der montanlinke Götz Eisenberg erklärt uns seine vermeintlich sozialistisch-friedliche Welt in der aktuellen Ausgabe Nr. 21 der Ost-West-Wochenzeitung Freitag.

Seine Theorie: Der Kapitalismus ist der Grund für die gegenwärtige Jugendgewalt, für Vandalismus und Amoklauf. Er erklärt uns den Zusammenhang zwischen ungebremstem Markt und der Zunahme von extremer Gewalt. Und dass die radikale Linke dafür sorgte, dass der Privatwahn Einzelner nicht tonangebend wurde. Und noch mehr: Politische (!) Bewegungen, zum Beispiel, leiten den Zorn ihrer Akteure in eine produktive und rationale Richtung. Ganz wichtig ist auch die Erkenntnis: Spätkapitalistische Herrschaft hat sich entpersonalisiert. Dringend bedarf es einer intellektuellen Kontrolle und diese müsse in eine aufklärerische Rolle gelenkt werden. Aber logisch. Machen wir. Denn Götz Eisenbergs Ausführungen zu Jugendgewalt, Vandalismus und Amok bedürfen dringend einer Aufklärung. Sein dortiger Versuch, Jugendgewalt, Vandalismus und die Amokläufe an Schulen einem vermeintlichen Kapitalismus in die Schuhe zu schieben, geht zwar völlig fehl, verdient aber, erörtert zu werden. Hier aber geht es zunächst darum, seine Ausgangsbegriffe und -annahmen zu klären.

Nicht einmal ein Drittel seines spätsozialistischen Traktates habe ich bisher ausschnittsweise in kursiv zitiert, da ist doch schon klar, mit wie wenig Worten man schon grundsätzliche Gedankenfehler artikulieren kann. Zunächst zum Versuch einen Zusammenhang zwischen ungebremstem Markt und der Zunahme extremer Gewalt zu suggerieren, jawohl, zu suggerieren, denn ein Konstatieren würde diesbezügliche Belege erfordern. Aber das Reden über Dinge, die es nicht gibt, klingt allemal besser, als eine Vergegenwärtigung der benutzten Begriffe: Was bitte also, soll ein ungebremster Markt sein? Ein Markt ist – obschon lebendig – ein Zustand, ein Sein, kein Automobil. Ein Markt ist da, wo gehandelt wird, wo verhandelt wird, wo entschieden und eingelöst wird. Märkte zu bremsen und Märkte zu behindern heißt freie Entscheidungen und freies Handeln zu behindern. Dies ist nur durch Gewalt und Zwang möglich. Und wenn man dieses falsche Bild schon gebrauchen will, wird’s auch nicht besser: Ungebremst ist gewaltlos. Wer freie Märkte bremst, ist der Gewalttäter. Bremsen ist der gewalttätige Eingriff. Und bedeutet letztendlich Stillstand. Eisenberg steht fest – aber hat nichts verstanden. Und redet so dem Verfall weiter das Wort, der nur durch Tun, durch Schaffen, durch Unternehmung umgekehrt wird – und nicht durch befehlsweise Gruppenbildung. Wer was, wann tut – und dabei immer den Nutzen eines freiwilligen Nachfragers im Auge behalten wird – dies fügt sich auf Märkten. Und selbstredend sind nur freie Märkte wirkliche Märkte. Angebot und Nachfrage sind unmittelbar und untrennbar mit dem menschlichen Dasein verbunden.

Was nun von Eisenberg als extreme Gewalt gegeißelt wird, ist keinesfalls eine solche, es sei denn, er mag sich als Holocaustverharmloser outen. Die Atombomben über Hiroshima und Nagasaki mag man als extreme Gewalt bezeichnen, ebenso wie die Massenmorde in Vietnam, der Sowjetunion und anderswo; die millionenfache „Entsorgung“ von Juden, Anderen und Systemgegnern durch die deutschen National-Sozialisten muss man als extreme Gewalt bezeichnen. Die Amokläufe Einzelner oder gar Vandalismus als extreme Gewalt zu bezeichnen, erfüllt den Tatbestand des § 130 StGB (Volksverhetzung), der in der vorgeblichen Bundesrepublik Deutschland zur Anwendung durch die diese repräsentierenden GewalttäterInnen kommt. Aber dies nur nebenbei.

Der Privatwahn Einzelner kann nur in einer sozialistischen Gesellschaft tonangebend werden, in einer freien Privatrechtsgesellschaft tatsächlich nicht. Dies ist völlig unmöglich. In einer freien Privatrechtsgesellschaft souveräner Individuen ist nur eine solche Idee tonangebend, die sich entscheidend viele Personen zu eigen gemacht haben. Dann ist es aber – egal ob Idee oder Wahn – eben keine private Sache mehr, sondern eine derart allgemeine. Der Privatwahn der Personen Hitler, Stalin, Lenin oder Pol Pot war nur in einer sozialistischen Gesellschaft exponierbar. Und genau so geschah es.

Kommen wir zum nächsten Punkt: Spätkapitalistische Herrschaft hat sich entpersonalisiert. Ja, wer hat denn wirtschaftliches Agieren entpersonalisiert? Der Staat als sozialistische Wirkmächtigkeit hat doch erst entpersonalisierte ‚Juristische Personen’ geschaffen. Und die Verantwortlichkeit staatlicher Stellen ist meist nicht einmal zu orten, geschweige denn zu personalisieren. Das Kapital aber versucht sich einen Namen zu machen: Unternehmer schaffen Marken, schaffen Wiedererkennungswert und schaffen vertrauenswürdige Produkte. Märkte repersonalisieren über Markenbildung (und auch Aldi ist eine solche Marke) die von des Staats wegen ermöglichten entpersonalisierten und entverantworteten Produkt(ions)entitäten. Selbst hier noch wirkt der Markt ausgleichend zum Wohle aller. Ganz anders als der gewalttätige Sozialismus, der Produktion und Konsum befiehlt und kein Sparen kennt. Und darum keine Verbesserungen. Sozialismus: Nein Danke! Freie Menschen, freie Märkte brauchen wir: Jeder Einzelne für sich und wir alle für uns alle. So läuft das Leben. So läßt es sich leben. Auch für Linke.

Kommen wir zurück zum real existierenden Kapitalismus: Verstehen wir Kapitalismus als herrschaftliche Möglichkeit zur Anhäufung von Geld, welches im ebenfalls real existierenden National-Staatismus übrigens Fiatgeld (fiat money) ist, also allenfalls ein bloßes willkürliches (nationalstaatliches, mithin politisches) Versprechen, ja dann sind die Missstände dieses vielfach staatlich sanktionierten Kapitalismus tatsächlich gefährlich. Der Staat gibt das Geld aus, als Emittent und als Schuldenmacher: der Staat gibt vor, wie dieses Geld akkumuliert, inflationiert und entschuldet werden kann. Hier ist der Staat selbst Kapitalist und Kapitalistenmacher. Vor allen Dingen aber ist er Schuldenmacher in seiner eigenwilligen „Kapitalwährung“, die eben kein Kapital, kein Wert ist. Oder wir verstehen Kapitalismus als freiwilliges Sparen, Sammeln und Investieren in einer freien Gesellschaft, gebildet von frei handelnden Menschen, die als Geld benutzen, was Ihnen dazu geeignet ist. Menschen, die Werte schaffen, wo Sie etwas der Leistung und Zuwendung als wert erachten – aus welchen Gründen auch immer. Hier dann kommen Arbeit und Freiheit zur Wohlfahrt zusammen. So sieht Aufbau aus. Das wollen wir schaffen.

Internet:

freitag: Alles mitreißen in den Untergang

Literaturempfehlungen:

Gabriel Busch: Lob der Schwäche, 1999
Ralf Miggelbrink: Der zornige Gott, 2002
Ludwig von Mises: Nationalökonomie, 1940 und 1980


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Stefan Sedlaczek

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