16. Juli 2007

Staatenlose Gesellschaft Ist sie dauerhaft möglich?

Ist Religion der Schlüssel zur Lösung?

Ist eine Gesellschaft ohne Staat – also ohne ein territoriales Monopol der Gewaltanwendung – möglich? Mit dieser grundsätzlichen Frage werden alle diejenigen immer wieder konfrontiert, die bei ihren Forderungen nach Einschränkung der Regierungstätigkeit nicht bereit sind, ein absolutes Minimum an Staat zu benennen. Wer Sympathie für eine Null-Staat-Position bekundet, sollte vor den möglichen praktischen Problemen nicht die Augen verschließen.




Ein großes, ungeplantes Experiment an Staatenlosigkeit war der „Wilde Westen“, das Land westlich des Mississippi von der Zeit der ersten europäischen Siedler bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Dass er nicht annähernd so wild war, wie es die entsprechenden Romane und Filme oft darstellen, sagen uns Terry L. Anderson und Peter J. Hill in ihrem Papier „An American Experiment in Anarcho-Capitalism: The Not So Wild, Wild West“. Andererseits: Es gab sie schon, die „Bösewichte“. Und irgendwie mussten sich die friedlichen und anständigen Siedler vor ihnen schützen. Das taten sie zunächst mit ihren eigenen Waffen.





Nun aber setzte sich eine Entwicklung in Gang, die am Ende zur Akzeptanz einer Regierung führte. Wie genau dies geschah, beschreibt Rose Wilder Lane in ihrem Buch „The Discovery of Freedom“ (ein äußerst faszinierendes Buch, über das ich an dieser Stelle in Zukunft noch mehr zu schreiben gedenke). Die Autorin ist Tochter von Laura Ingalls Wilder, welche wiederum Autorin der weltberühmten Roman-Serie „Little House on the Prairie“ (zu deutsch: „Unsere kleine Farm“) ist. Rose kannte also den Wilden Westen zumindest aus den Berichten ihrer Eltern, vielleicht auch ihrer Großeltern.

Lane schreibt, dass vielen Menschen das ständige Tragen ihrer Waffen lästig war, sie störten bei der eigentlichen Arbeit der Erschließung des Landes und seiner Rohstoffe. Also wurden, getreu dem ökonomischen Prinzip der Arbeitsteilung, landauf, landab, sogenannte „vigilance committees“ gegründet, Bürgerwehren oder Selbstschutzorganisationen, die im Auftrag aller anderen die Gegend von den Störenfrieden zu säubern hatten. Lane zufolge erfüllten sie ihren Auftrag mit großem Erfolg. Jedoch: Diese Bürgerwehren seien allesamt auf die schiefe Bahn geraten. Der Grund hierfür war der: Einen entwaffneten und schutzlosen Menschen zu töten, selbst wenn dieser ein Schwerverbrecher war, löste bei den Mitgliedern der Bürgerwehren eine von zwei Gefühlen aus. Entweder man hasste es und wollte das Erlebnis verdrängen, oder man entdeckte einen Spaß daran. Jene mit der ersten Reaktion verließen die Bürgerwehren ziemlich schnell wieder, während die übrigen „im Herzen zum Killer wurden“. Die Bürgerwehren, so Lane, „starteten als Gruppe von Männern, die Gewalt einsetzten, um Räubern und Mördern Einhalt zu gebieten. Stets verwandelten sie sich in eine Gruppe von Männern, die Raub und Mord verübte.“ Lane weiter: „Nur eine noch stärkere Gewalt konnte diese Gruppen stoppen. Also organisierten die friedfertigen Menschen eine Regierung. Die Gemeinden wählten sich einen Sheriff sowie einen Richter, der sich eine Jury aus zwölf Geschworenen suchen durfte.“ (Lane, S. 28)

Ist „Regierung“ also unvermeidlich? Vielleicht. Anarchokapitalisten weisen oft auf den Monopolcharakter der Regierung hin als Grund dafür, dass die Regierung ihre Zuständigkeitsbereiche immer weiter ausdehnt, bis irgendwann das System aus Überlastung in sich selbst zusammenbricht. Weder Ochs noch Esel noch eine geschriebene Verfassung hält auf Dauer die Entwicklung vom Minimalstaat zum Sozialismus und zum totalen Staat auf. Eine Vorausseztung für dauerhafte vollständige Freiheit ist also die Entmonopolisierung der legalen Gewaltanwendung. Aber hinreichend ist sie nicht, das zeigen Lanes Ausführungen. Eine hinreichende Voraussetzung wäre eine, die das folgende Problem löst: Wie kann man verhindern, dass die am freien Markt agierenden, entmonopolisierten „Sicherheitsagenturen“ zu Kristallisationspunkten „schlechter“ Menschen werden, die zwar als gute Menschen ihre Mitarbeit in den Agenturen beginnen, dann aber entdecken, dass sie „im Herzen Killer“ sind?

Zu behaupten, darauf eine abschließende Antwort zu haben, wäre sicherlich vermessen. Was aber nicht heißt, dass eine (oder mehrere) Lösung(en) ausgeschlossen ist (sind). Es ist anzunehmen, dass der Schlüssel zu den Lösungen in der religiösen Sphäre liegt. Kein Mensch ist ohne Religion. Und sei es, dass er an sich selbst als einzige Realität glaubt. Oder an den Zufall (den man genauswenig beweisen kann wie den göttlichen Eingriff). Wenn jemand, der „im Herzen zum Killer wird“, zuvor nur an sich selbst oder an den Zufall glaubt, gibt es keine innere Barriere gegen den Tötungswunsch mehr. Ein solcher Mensch wird sich Gründe dafür suchen, andere Menschen töten zu „müssen“. In manchen Fällen wird er vielleicht sogar psychopatisch. Wenn aber jemand, der „im Herzen zum Killer wird“, zuvor schon an einen Gott glaubt, der „du sollst nicht morden“ zu einer seiner heiligsten Regeln erkoren hat, an einen Gott zumal, der im Jenseits Strafen vorsieht für den, der seine Regeln bricht, erlebt er potentiell eine stärkere Einschränkung seiner diesbezüglichen Handlungsmöglichkeit als vom stärksten Sheriff der Welt. „Potentiell“ heißt natürlich nicht „tatsächlich“. Schießlich werden viele Mitglieder der erwähnten Bürgerwehren christlich erzogen worden sein, geholfen hat es in ihren Fällen nicht. Und beispielsweise die modernen Skandale um Kindesmissbrauch durch Priester zeigen, dass praktiziertes Christentum keine automatische Schutzimpfung gegen Schlechtigkeit ist.

Wie dem auch sei: Ohne die Beachtung dieser religiösen Dimension sind alle anarchokapitalistischen Lösungsansätze hinfällig. Mit Gott ist eine staatenlose Gesellschaft – vielleicht – möglich. Ohne Gott ganz sicher nicht.


Internet:

Anderson/Hill: The Not So Wild Wild West


Rose Wilder Lane: The Discovery of Freedom


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