30. Juli 2007

USA Wie die Freiheit entdeckt und errungen wurde

Was die amerikanische Verfassung für die Freiheitsbewegung bedeutet

Ich habe in einem vergangen Kommentar hier versprochen, mehr über das Buch „The Discovery of Freedom“ von Rose Wilder Lane zu schreiben. Heute will ich mich auf ihre Ausführungen zum Thema Verfassung konzentrieren.

Im Verlauf der zurückverfolgbaren, aufgezeichneten 6000 Jahre Menschheitsgeschichte haben die meisten Menschen fast überall und fast immer geglaubt, dass jene, die die Herrschaftsmacht hatten, auch über die Autorität und das Recht verfügten, das Leben der Menschen zu lenken, ihnen dieses oder jenes zu erlauben oder zu verbieten.

Regierung, sagt Lane, ist immer durch allgemeine Zustimmung der Regierten erlaubte Gewaltanwendung. Gewaltanwendung sei aber nicht Beherrschung. „Kein lebendiger Herrscher hat seine Untertanen jemals beherrscht. Es gibt keine übermenschliche Macht in der Regierung; Menschen innerhalb der Regierung verfügen über keine natürliche oder göttliche Überlegenheit einem anderen Menschen gegenüber. Keine denkbare Gewaltanwendung kann ein Individuum dazu zwingen, zu handeln. Eine Gewaltanwendung kann seine Handlungen nur behindern, einschränken oder einstellen.“ (Seite 30)

Eine Planwirtschaft im weitesten Sinne ist nach Lane eine Wirtschaft, wo die Regierung versucht, die produktiven Energien des Menschen lenken. Und wo die Untertanen dem Glauben anhängen, gestützt durch heidnische Glaubensinhalte, die Regierung könne so etwas tun. Dieser Glaube bestehe seit Anbeginn menschlicher Geschichte. Doch genau dreimal bisher im Verlauf der 6000-jährigen Menschheitsgeschichte entdeckten Menschen, dass diese Annahme grundsätzlich falsch war. Sie entdeckten statt dessen, dass sie frei waren, dass alle Menschen frei waren. Dass die individuellen Menschen ihre Energie lenken, nicht ihre irdischen oder überirdischen Herrscher. In den ersten zwei Fällen waren es Lane zufolge jeweils einzelne Männer, nämlich Abraham, der Stammvater der Hebräer, und Mohammed, der Gründer des Islam. (Wem das jetzt zu merkwürdig vorkommt, wird auf ein späteres Posting von mir vertröstet.) Im dritten Fall war es kein einzelnes Individuum, sondern eine Masse von Menschen in den Kolonien der englischen Krone an der Ostküste Nordamerikas.

Der amerikanische Unabhängigkeitskrieg fing nicht mit der Unabhängigkeitserklärung 1776 an, erklärt Lane, auch nicht einige Jahre vorher, sondern gleich von Beginn der Besiedlung Nordamerikas an. Damals sollten Siedler jenen Investoren im Mutterland, die ihre Überfahrt bezahlt hatten, mit Rohstoffen vergüten, wofür sie im Gegenzug zusätzliche Lieferungen bekommen sollten. Doch die Entfernung machte Lieferungen unsicher und die Durchsetzung der Investoren-Forderungen schwierig. Die Siedler merkten bald, dass es für sie besser war, die Rohstoffe direkt zu nutzen, als auf Lieferungen von Fertigprodukten zu warten

Hinzu kam der historische Zufall, dass die englischen Könige und Königinnen lange Zeit wenig Interesse daran zeigten, ihrer Macht im Inland und in den Kolonien Geltung zu verschaffen. Die Investoren baten die Krone vergebens um Hilfe gegen die aufsässigen Pioniere. Erst (bezeichnenderweise) ein König aus Deutschland, nämlich Georg III., nahm die Zügel wieder fester in die Hand, wollte Ordnung schaffen und schrieb tausende Verordnungen. Im Mutterland konnte er sich weitgehend durchsetzen, doch in Nordamerika biss er bei vielen (nicht bei allen, es gab durchaus viele Königstreue Amerikaner) auf Granit. Viele Pioniere der Anfangszeit waren an den Strapazen der Wildnis gestorben. Aber die, die überlebten und ihre Gene an die nächsten Generationen weitergaben, waren robuste Typen, die sich nicht so einfach herumschubsen ließen. Außerdem hatten sie im Kampf mit der Wildnis, fern jeglicher Zivilisation, gelernt, dass der individuelle Mensch seine eigenen Energien lenkt und nicht auf Dekrete von oben warten muss. Als der deutsch-englische König ihnen Vorschriften zu machen versuchte, verstärkte er nur den Unabhängigkeitswunsch vieler Kolonisten.

Nach langen und blutigen Kämpfen mit der Kolonialmacht, nach vielen heftigen internen Auseinandersetzungen, gaben sich die Amerikaner schließlich eine Verfassung. Deren Besonderheit war nicht die Demokratie (die „Founding Fathers“ kannten die Geschichte des alten Griechenlands und waren deshalb sehr skeptisch der Demokratie gegenüber eingestellt), sondern die Trennung der gesetzgebenden Macht in zwei Kammern, die sich gegenseitig zu kontrollieren hatten. Nach wenigen Jahren fügten sie ihr zehn Zusatzartikel hinzu, die als „Bill of Rights“ in die Geschichte eingegangen sind. Diese Bill of Rights waren in der Geschichte der Menschheit etwas völlig Neues. Zum ersten Mal wurde festgelegt, was eine Regierung nicht machen darf (und zwar eine ganze Menge). Die zeitlich vorangehende englische „Bill of Rights“ dagegen legt fest, welche Freiheiten der Staat dem Bürger gewährt. Doch die Kenntnis von der fundamentalen Freiheit der Menschen erlaubte es einer Mehrheit in den Vereinigten Staaten, den völlig neuen Ansatz in ihrer Verfassung zu verankern. Der Ansatz, der die Freiheit des Menschen und die Souveränität des Individuum anerkennt.

Liest man die amerikanischen Bill of Rights, kann in einem der Wunsch nach einem ganz anderen deutschen Grundgesetz erwachen. Eines, in dem zum Beispiel steht, dass alle Staatsgewalt vom Individuum ausgeht. Angesichts des Satzes in Artikel 20, 2, der diese Gewalt von einem abstrakten und amorphen Wesen wie dem „Volk“ ausgehen lässt, würde Lane vermutlich sagen, dass er lediglich Ausdruck des „alten Glaubens“ an eine irdische oder überirdische Macht ist, die über den einzelnen Menschen herrscht. Doch trotz der Lobgesänge Lanes über die amerikanische Verfassung sollte man sich nicht der Illusion hingeben, mit einer „richtigen“ Verfassung sei die Freiheit auch wirklich geschützt. Spätere Zusätze zur Verfassung waren für die Freiheit nicht immer so förderlich wie die Bill of Rights. Beispielsweise der 16. Zusatzartikel, der dem Kongress die Erhebung einer bundesweiten Einkommenssteuer erlaubt. Heute behaupten viele Menschen, dass dieser Zusatz nicht verfassungsgemäß zustande kam. Sie behaupten aber nicht, dass der Inhalt des Zusatzes selbst gegen die Verfassung verstößt. Es ist daher zu befürchten, dass keine wie auch immer formulierte Verfassung einen territorialen Monopolisten langfristig daran hindert, seine Zuständigkeit und Macht auszudehnen.

Dennoch ist die amerikanische Verfassung, besonders die Bill of Rights, für den freien Menschen von immenser Bedeutung. (Mit „freien Menschen“ meine ich all jene, die sich des staatlichen Gefängnisses, in dem sie sich persönlich befinden, bewusst sind, trotz aller Freiheiten, die ihnen der Staat gewährt.) Sie wurde von freien Menschen formuliert, die sich ihrer Freiheit bewusst waren. Zwar hat sie die Freiheit nicht vollständig und dauerhaft schützen können. Auch hat sie den Bürgerkrieg und den danach entstandenen Imperialismus der USA nicht verhindern können. Aber sie schuf einen Raum, in dem eine große Anzahl von Menschen (viele Millionen) weitgehend frei leben konnten und das Wissen um die Tatsache, dass Menschen ihre Energie selber lenken, also frei sind, bis in die heutige Generation bewahren und als Botschaft an die ganze Welt weitergeben konnten.

Internet:

Rose Wilder Lane: „The Discovery of Freedom“

Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika (deutsche Übersetzung)

Deutsches Grundgesetz


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