06. August 2007

Der frühe Islam eine freiheitliche Religion

Wie die Muslime die Freiheit entdeckten – und wie sie sie später verloren

Dossierbild

Mohammed, der Prophet der Muslime, ist einer derjenigen, die für sich und für die Menschheit die Freiheit entdeckt haben, sagt Rose Wilder Lane. Wie meint sie das? Und wie kann das sein? Immerhin sind heute einige der despotischsten Regime in der islamischen Welt zu finden. In ihrem Buch „The Discovery of Freedom“ wirft Lane ein Schlaglicht auf ein im Westen oft übersehenes Kapitel Freiheitsgeschichte.

Mohammed, so Lane, sah in Abraham den Verkünder einer Wahrheit: Es gibt nur einen Gott, und er beherrscht oder lenkt das Leben der Menschen nicht, er hat ihnen die Freiheit geschenkt. Weder Gott noch irgendwelche Menschen in hervorgehobenen Positionen beherrschen das Leben des Einzelnen, sondern nur dieser selbst. Mohammeds Heimatstadt Mekka war schon damals eine Pilgerstätte für die dortige polytheistische Religion und das Zentrum einer mächtigen Priesterkaste. Diese versuchte, so beobachtete der zuvor weitgereiste Geschäftmann Mohammed, die Menschen zu kontrollieren. Dasselbe Bestreben sah er bei den Priestern der Christen und Juden seiner Zeit, weshalb er sich auch diesen Religionen nicht anschließen wollte. Lane führt dazu aus: „Dies zeigte, sagte [Mohammed], dass Organisation ein Übel ist. Es dürfe keine Priester geben. Jedes Individuum muss seine direkte Beziehung zu Gott erkennen, seine selbst-beherrschende, persönliche Verantwortung.“ (Seite 83)

Über die Art, wie sich dieser Glaube ausbreitete, schreibt Lane nicht viel. Eines jedoch betont sie, nämlich dass der Islam in seiner frühen Phase oft als relativ tolerante Alternative zur Gewalt- und Willkürherrschaft der byzantinischen Kaiser begrüßt wurde. Diese These ist zwar in der Eindeutigkeit laut Wikipedia inzwischen wieder umstritten. Nicht bestritten werden kann jedoch die relative Freiheit der Wissenschaft im frühen Islam. Dessen ablehnende Haltung gegenüber Organisationen wirkte befreiend auf die Wissenschaft. Lane dazu: „Eine sarazenische Universität hatte kein Programm, keinen Lehrplan, keine Abteilungen, keine Regeln, keine Prüfungen; sie vergab keine akademischen Grade oder Diplome. Sie war schlicht eine Institution der Gelehrsamkeit. Nicht des Lehrens, sondern des Lernens. Ein Mann, jung oder alt, ging an die Universität, um zu lernen, was er wissen wollte, genau wie ein Amerikaner in einen Laden geht, um die Lebensmittel zu kaufen, die er haben will.“ (Seite 89)

Weiter führt Lane aus, welche Fortschritte die Sarazenen in den Bereichen Mathematik, Astronomie, Navigation und moderner Medizin machten. Berühmtestes Beispiel ist die Null, die sie von den Indern übernahmen. Mit ihr konnten sie die euklidische Geometrie, Algebra (ein aus dem Arabischen stammendes Wort) und quadratische Gleichungen weiterentwickeln. Was sie dann in den anderen Wissenschaften einzusetzen wussten. Nicht zufällig haben viele mit bloßem Auge sichtbare Sterne auch heute in der westlichen Welt noch arabische Namen. Einen Teil dieses Wissens, aber auch zivilisierte Umgangsformen, Hygiene (tägliche Bäder) und Güter, die das Leben angenehmer machen („Sofa“ ist ein arabisches Wort) trugen die Kreuzfahrer mit nach Hause. In diesen Kulturen (von einer einheitlichen Kultur kann keine Rede sein) gab es keine allumfassende Autorität, keinen Staat, keine „Kirche“. Die Menschen dort „gaben riesige Geldsummen aus, um Straßen und Observatorien und Universitäten und Krankenhäuser und Moscheen und Springbrunnen und öffentliche Gärten zu bauen. Gelehrte sammelten und tauschten Manuskripte und Bücher, Architekten schufen die schönsten Gebäude der Welt. Händler unterhielten Geschäftsbeziehungen, die sich über tausende Meilen erstreckten.“ (Seite 111).

Columbus und andere Seefahrer profitierten vom in Jahrhunderten gesammelten Navigations- und Schiffahrtswissen der Sarazenen. Als christliche Herrscher im Jahr 1492 die letzte Hochburg der Muslime auf der iberischen Halbinsel eroberten, übernahmen sie eine hochdynamische Gesellschaft. Mit den Individuen dieser Gesellschaft, so Lane, gelang es Spanien kurz darauf, fast die ganze Neue Welt sowie halb Europa einzuverleiben, während das restliche Abendland ein Jahrhundert lang, trotz des Wissens um neue Kontinente, nichts unternahm. Weil jedoch die neuen Herrscher Spaniens nicht verstanden, was diese Kraft speiste, nämlich eine jahrhundertealte Tradition, die das Individuum als sich selbst gegenüber verantwortlich und frei betrachtete, und weil sie statt dessen wieder versuchten, die Menschen in ihrem Verhalten zu kontrollieren, verfiel der Glanz Spaniens innerhalb von drei Generationen. Aus dem Mutterland des ersten echten Weltreichs der Menschheitsgeschichte wurde schnell ein Armenhaus.

Doch wie kam es, dass ein so fortschrittliches, tolerantes und heterogenes „Reich“ wie das der Sarazenen zerfiel und dass ihre Nachkommen nun seit Jahrhunderten unter despotischen Regimen leben? Hier bleibt Lane leider ein wenig vage (sie entschuldigt sich am Anfang des Abschnitts damit, dass die meiste Geschichtsschreibung über die Sarazenen nur in arabischer Sprache existiert – jedenfalls zur Zeit der Niederschrift ihres Buches im Jahr 1943). Zum einen habe es kein Privatrecht, ein außerhalb aller Individuen festgesetzten Kodex, gegeben. Recht wurde ad hoc von örtlichen Weisen gesprochen, ohne Bezug auf bisherige Rechtsprechung. Aus dieser Feststellung Lanes kann man zumindest mutmaßen, dass diese fehlende Rechtssicherheit für einen labilen gesellschaftlichen Zusammenhalt gesorgt und einen Fortschritt nach Art der industriellen Revolution behindert hat. Der Todesstoß für die 800 Jahre alten Kulturen der Sarazenen kam allerdings mit dem Eroberungszug der im 15. Jahrhundert neu zum islamischen Glauben übergetretenen Türken und dem Aufstieg des Osmanischen Reichs.

Als die Türken zuschlugen, Städte plünderten und die Infrastruktur zerstörten, konnten die jahrhundertelang ohne zentrale Führung lebenden Sarazenen keine andere Erklärung finden, als dass dies eine göttliche Fügung war, und weil ihnen die Entwicklung völlig unvernünftig vorkam, sagten sie sich, dass Gott unergründlich sei. Ein Glaube, der sich Lane zufolge auch auf die erobernden Türken übertrug. „Zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert vergaßen die Moslems den Gott Abrahams, Christus und Mohammeds. Sie fingen an, Gott als Autoriät zu betrachten, der Menschen beherrscht. Ich glaube, sie konnten sich die Zerstörung ihrer Welt nicht anders erklären.“ (Seite 113).

Die Muslime, so schlussfolgert die Autorin, „waren in das statische, unveränderlichere Universum und zur beherrschenden Autorität zurückgekehrt. Sie hatten sich von der Verantwortung der Freiheit abgekehrt. Das moslemische Leben stand sechs Jahrhunderte lang still, weil die Moslems nicht mehr wussten, dass Individuen sich selbst beherrschen und für ihre eigenen Handlungen und ihr eigenes Leben, und für die menschliche Welt, die sie herstellen, verantwortlich sind.“ (Seite 114)

Sicherlich gibt es in den Ausführungen Lanes über den frühen Islam Lücken und Ungenauigkeiten. Schließlich dreht sich ihr Buch hauptsächlich um die Entdeckung der Freiheit unter den Menschen in Nordamerika. Dennoch sollte man ihnen Beachtung schenken. Denn ein Kulturraum, der viele Jahrhunderte lang eine sehr fortschrittliche Wissenschaft und Technologie hervorbrachte, kann vielleicht wieder Anschluss an die freiheitlichen Elemente seiner Religion finden, die dieses möglich machten.

Internet:

Rose Wilder Lane: The Discovery of Freedom

Wikipedia-Eintrag zum Thema Islamische Expansion


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