13. August 2007

Die Entdeckung Freiheit Eine historische Weltrevolution

Auslöser von Reaktion und Konterrevolution

Die Essenz des Buches „The Discovery of Freedom“ von Rose Wilder Lane ist die Darstellung zweier grundsätzlich unterschiedlicher, unvereinbarer Positionen: Die eine Position sieht in jedem Menschen den natürlichen Herrscher über sich selbst. Dies sei die Sicht gewesen, die mit der amerikanischen Revolution ihre neuzeitliche Ausprägung fand. Die andere Position, jene der „alten Welt“, wie Lane sagt, ist, dass jedes Individuum eine Zelle eines größeren Organismus ist. Dieser Ansicht zufolge ist der natürliche Zustand aller Menschen der, von einer Autorität beherrscht zu sein, von der sie abhängig und der gegenüber sie gehorsam sind.

Im ersten Fall ist die Regierung allenfalls ein notwendiges Übel. „Daher sind die besten Umstände jene, in denen die Regierung auf das kleinste mögliche Minimum reduziert ist; und weiterer Fortschritt in Richtung größerer Ausnutzung der Freiheit liegt darin, die Regierung weiter zu verkleinern und einzuschränken.“ (Lane, Seite 208 f.) Im zweiten Fall ist die Regierung die Autorität schlechthin, sie beherrscht die Massen und ist für ihre Wohlfahrt verantwortlich. Daher gilt nach dieser Position: „Je stärker die Regierung, desto besser für die Massen. Freiheit ist das Recht der Massen, jene Menschen auszuwählen, die die Massen beherrschen.“ (Seite 209)

Für Lane ist die amerikanische Revolution, die der ersten Position Geltung verschuf, eine Weltrevolution, und zwar gerade deshalb, weil sie mit der zweiten Position, die in der Geschichte für fast die ganze Menschheit galt und vielfach immer noch gilt, unvereinbar ist. Sie setzte mit dem Überlebenskampf der ersten Siedler in Nordamerika ein, als diese sich veranlasst sahen, Rohstoffe wie beispielsweise Baumstämme selber zu nutzen, die eigentlich für den König im fernen England vorgesehen waren. Sie war der Auslöser der industriellen Revolution, weil mit der amerikanischen Verfassung für die Menschen eine Freiheit erkämpft worden war, die ihnen erlaubte, mit ihrem Eigentum zu tun und zu lassen, was sie wollten; zu experimentieren, zu scheitern oder schließlich spektakuläre Erfolge zu erzielen wie beispielsweise Thomas A. Edison.

Gelegentlich setzte sich jedoch auch in den USA „altes“ Denken durch, zum Beispiel, als von der Mehrheit Zolltarife erzwungen wurden, die die Industrie im Norden schütze, aber für die Südstaaten schädlich waren und somit den höchst tragischen Sezessionskrieg 1861–65 auslösten. Fragmentarisch griff die Freiheitsrevolution auch auf andere Länder und Weltteile über. Doch in der alten Welt kam es daraufhin, ausgelöst von den Lehren Karl Marx, zu „Konterrevolutionen“: Kommunismus, Faschismus und Nationalsozialismus. Vor diesem Hintergrund betrachtet Lane den zweiten Weltkrieg als Fortsetzung der Weltrevolution. Hier haben ihr vielleicht die Zeitumstände (das Buch wurde 1943 geschrieben) den historischen Blick etwas vernebelt. Denn wer in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts in Amerika an der Macht war, hatte mit dem Geist der amerikanischen Revolution wahrlich nichts mehr am Hut.

Ansatzweise lässt Lane erkennen, dass sie sich dessen bewusst ist. Sie stellt nämlich fest, dass der „zunehmende Glaube, ein jeder hätte ein natürliches Wahlrecht, weil Wählen die massenseitige Herrschaft über eine Regierung ist, die Individuen beherrscht, konterrevolutionär ist [...]. [Dieser Glaube] bedroht das Heim und die Freiheit und das Leben eines jeden Amerikaners, er bedroht die Existenz der Republik und das Überleben der Revolution.“ (Seite 212, Hervorhebung im Original). Doch Lane sieht nicht, oder zumindest schreibt sie es nicht in diesem Buch, dass es ist eben dieses Wahlrecht ist, das nach dem Börsenkrach 1929 eine Finanz- und Wirtschaftspolitik ermöglichte, die zur Depression und somit zur bis dahin größten Abkehr vom Freiheitsprinzip in der amerikanischen Geschichte führte, nämlich zur „New Deal“ genannten Umverteilung unter F.D. Rooseveldt. Diese Abkehr hatte jedoch schon früher begonnen und war spätestens 1913 mit der Einführung einer bundesweiten Einkommenssteuer und der Ausstattung einer Privatbank (die „Federal Rerserve“) mit dem Recht, nach eigenem Gutdünken das einzige gesetzliche Zahlungsmittel zu drucken und zu emittieren, zum Hauptbezugssystem amerikanischer Politik geworden. Schon 1917, mit dem Eintritt der USA in den europäischen Stellungskrieg, kämpfte daher keine „revolutionäre“ Macht der Neuen Welt gegen die Kräfte der Alten, sondern, übernimmt man Lanes Vokabular, eine konterrevolutionäre Macht gegen eine andere, nur graduell verschiedene konterrevolutionäre Macht um die Herrschaft über einen Kontinent. Ebenso verhielt es sich im Zweiten Weltkrieg.

Immerhin erkennt Lane klar, dass die größte „deutsche Gefahr“ für Amerika und seine Freiheitsrevolution nicht in der Militärmacht des Dritten Reiches zu finden ist, sondern in einer in Deuschland hervorgegangenen besonderen Staatsgläubigkeit. „Die stärkste Konterrevolution kommt natürlich aus Deutschland. Nicht weil ein Deutscher von Natur aus anders als andere Menschen ist, er ist es nicht. [...] Doch die Völker [in] […] Deutschland erbten von ihren Vorfahren keinerlei Wissen über die Freiheit. Diese Völker sind [geistig] immer außerhalb Europas gewesen. Rom konnte sie nicht erobern; sie wussten nichts von der Gleichheit römischer Bürger im römischen Recht. Die Kirche konnte sie nicht hinreichend festhalten, um ihnen die feudale Idee der Menschenrechte zu vermitteln. Sie waren zu weit von der Welt der Sarazenen entfernt; ihr Einfluss erreichte sie nicht in dem Maße, wie er Italien oder England erreichte.“ (Seite 256) Als Bismarck die von Napoleon hinterlassene Staatsruine übernahm, „sozialisierte er Deutschland unter der Autorität des Kaisers. [...] Bismarck regulierte, regimentierte, disziplinierte die Deutschen, und behandelte sie sehr gut.“ Mit der Sozialgesetzgebung, den Pflichtversicherungen, den Gewerkschafts-Pflichtmitgliedschaften und der Schulpflicht wurden die Deutschen erstmals nicht tyrannisch, sondern fürsorglich geführt. „Das war ein riesiger Fortschritt. Natürlich mochten die Deutschen das. Jeder, der nichts besseres kennt, würde das mögen.“ (Seite 257).

Zwar unterbleibt hier leider die offensichtliche Verbindung zum amerikanischen „New Deal“, aber Lane wirft ihr Augenmerk auf eine andere deutsche Spezialität: „Die einzige gefährliche Veränderung, die die deutsche Reaktion [in Amerika] ausgelöst hat, ist die Ersetzung der zuvor freien amerikanischen Bildung durch staatliche Bildungspflicht.“ (Seite 258) „Diese amerikanische Methode der Bildung wurde nie vollständig entwickelt; beendet wurde wurde vor ungefähr 40 Jahren [also um 1900 herum] von eifrigen, geistig unter deutschem Einfluss stehenden Reformern, die glaubten, dass der Staat das Geld eines Amerikaners für seine Bildung, oder für die seiner Kinder, sehr viel weiser ausgeben kann als er selbst. Amerikanische Schulbildung ist jetzt Pflicht, von der Polizei durchgesetzt und vom Staat kontrolliert. Das unausweichliche Ergebnis ist die Verzögerung des Erwachsenwerdens eines Kindes. Es wird von der Autorität seiner Eltern zur Autorität des Staates weitergereicht. Es hat keine Herrschaft über seine Zeit und bis es sechzehn Jahre alt ist keine Verantwortung für ihre Verwendung.“ (Seite 258f).

Inzwischen gibt es jedoch wieder eine starke und wachsende Heimschulbewegung in Amerika und somit eine Abkehr vom „deutschen“, „konterrevolutionären“ staatlichen Bildungsprinzip. Doch der verheerende Flurschaden, den dieses Prinzip in den vergangen hundert Jahren in der heutigen Welthegemonialmacht verursacht hat, ist unübersehbar: Infantilisierte Massen, die an ihren Staat als den großen außen- und innenpolitischen Erlöser glauben. Und eine Politik, die diese Hegemonialmacht – einschließlich ihrer in Überrestform durchaus noch vorhandenen Freiheitstradition – sehenden Auges in den Abgrund steuert.

Wer meint, der Mensch sei „der natürliche Herrscher über sich selbst“, wer sich der Konsequenzen dieser Gedanken vollständig bewusst ist (zum Beispiel das uneingeschränkte Recht auf Eigentum und Waffenbesitz) der führt im Grunde die Tradition der amerikanischen Revolution fort, die in der Tat eine historische Weltrevolution für die Freiheit ist. Die Kampagne des republikanischen Präsidentschaftsaspiranten Ron Paul, der sich selbt nicht zufällig als „Constitutionalist“, als „Parteigänger für die Verfassung“, bezeichnet, verleiht dem vorhandenen Überrest – nicht nur in den USA – aktuell neue Schubkraft von ermutigendem Ausmaß.

Internet:

Rose Wilder Lane: „The Discovery of Freedom“

Tägliche Nachrichten und Diskussionen über die „Ron Paul Revolution“

Deutscher Ron-Paul-Blog


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