18. Oktober 2007

Demographischer Wandel Geschichte kann sich wiederholen

Präzedenzfälle für eine Enteuropäisierung Europas

[Der folgende Artikel ist eine gekürzte Fassung einer vom Autor am 26. Mai 2007 auf der zweiten Konferenz der Property and Freedom Society in Bodrum, Türkei, gehaltenen Rede]

Die Frage, die meine Frau und ich uns stellten – während wir die antiken Ruinen entlang der Ägaischen Küste der Türkei im Mai 2007 erkundeten, so wie auch schon bei unseren Besichtigungen weiterer Ruinenstädte anderswo am Mittelmeer – ist, was diesen Städten wirklich zugestoßen ist. Was war die Ursache dafür, dass sie verlassen wurden und zu Ruinen zerfielen? Was bedeutete das für die Zivilisation, deren Zentren sie waren? Betrachtet man die archäologischen Zeugnisse in Kleinasien, in Syrien und in Ägypten, scheint es klar zu sein, dass diese Städte alle zur gleichen Zeit und in einer einzigen Generation verfielen. Aber das Ende geschah nicht gewaltsam. Falls irgendeine zerstörerische Kraft diese Mauern durchdrang, so war sie nicht von Menschenhand.

Die Wahrheit, und dies wird zum Konsensus unter den Historikern der Spätantike, ist, dass diese Städte dem Bazillus pasteurella pestis zum Opfer fielen – dem Krankheitserreger, der von den Flöhen der Schwarzen Ratte übertragen wird und der die Beulenpest verursacht. Unsere Beweise für alle Ereignisse in der Antike sind spärlich und so muss es immer viele Mutmaßungen geben. Aber die Quellen, die wir für die Plage und ihre Auswirkungen haben, sind wahrscheinlich ausreichend, um vertreten zu können, was ich nun darlegen werde.

Im Frühsommer des Jahres 542 n.Chr. gab es die ersten bekannten Fälle von Beulenpest in Konstantinopel. Die Pest hatte in China ihren Ausgange genommen und reiste entlang der Handelsrouten, welche die Märkte der antiken Welt verbanden. Sie hatte die Mittelmeerwelt über die Häfen des Roten Meeres erreicht. Von hier aus reiste sie direkt nach Konstantinopel. Zuerst gab es nur wenige Fälle. Innerhalb weniger Wochen jedoch breitete sich die Pest stark aus. Als die Seuche andauerte, stieg die Todesrate zuerst auf 5000, dann auf 10.000 Fälle pro Tag und sie blieb während der folgenden drei Monate auf diesem Niveau. Nach einer Weile nahm die Anzahl  allmählich ab.

Die Folgen der Epidemie waren katastrophal für das allgemeine Leben in der Hauptstadt. So schlimm wie die rein administrativen Probleme, wie man mit der großen Anzahl Kranker, Sterbender und Leichen umgehen sollte, war der Kollaps jeglicher Vernunft im Angesicht von etwas, für das es keine rationale Erklärung gab. Zu jeder Zeit ist das Festhalten an der Vernunft schwach. Ihre Vorrangstellung wird von den meisten Menschen nur geduldet. Sie wird akzeptiert, weil sie unleugbar wahres Wissen über die Welt vermittelt. Wenn diese Vorrangstellung fehlt, wird die Vernunft zugunsten eines reinen Aberglaubens verworfen.

Ich muss fortwährend betonen, daß unsere Quellen zu spärlich sind für jede sichere Einschätzung der demographischen Folgen dieser Plage. Betrachtet man die Zahlen der Todesfälle der Epidemie in Konstantinopel genau, dann belaufen sie sich auf eine Bevölkerung so groß wie die von London in der Mitte des 19. Jahrhunderts – was unwahrscheinlich ist. Aber wir können unsere Quellen ergänzen durch das, was wir von späteren Pestplagen wissen. Darin wiederholt sich dasselbe Muster sehr hoher Sterblichkeitszahlen, aber oft in Zeitaltern, für die wir viel zuverlässigere und dichtere Quellen haben.

Wenn wir Prokop zusammenfassen, der eine Chronik über die Pest in Konstantinopel geschrieben hat, und von den Aufzeichnungen zu späteren Pestplagen, können wir sagen, dass vielleicht ein Drittel der Bevölkerung des Mittelmeerraums in den Jahren 542-43 starb. Wenn das so ist, dann war es dieses Ereignis, das diejenige Grenze verursacht hat, die wir unscharf zwischen der klassischen Antike und dem Mittelalter erkennen können, – zwischen Zeitaltern, in denen  die Grundlage des Lebens in der Stadt lag und Zeitaltern, in denen die meisten Städte verschwunden waren und die Lebensgrundlage auf dem Lande und in kleinen Haushalten war.

Es scheint, dass die Welt des östlichen Mittelmeers dichter bevölkert war als die westliche und dass Städte im Osten nicht den gleichen allgemeinen Untergang erlitten wie im Westen. Obgleich sehr verkleinert, blieb Konstantinopel die imperiale Hauptstadt und erholte sich zu einer großen  Stadt. Für die kleineren Städte von Kleinasien jedoch war der Kollaps so total wie im Westen.  Wenn wir die Zahl von einem Drittel Sterblichkeit akzeptieren, würde diese nicht gleichmäßig über die gesamte Mittelmeerwelt verteilt gelten. In den Städten wäre sie größer gewesen. Und sogar angenommen, dass alle Klassen innerhalb der Städte gleichermaßen litten – wir wissen, dass der Kaiser Justinian sowie sein bedeutendster Jurist und Minister Tribonianus von der Seuche dahingerafft wurden – die Auswirkungen würden nicht dieselben in allen Bevölkerungsklassen gewesen sein.

Wenn ein Drittel oder die Hälfte aller unausgebildeten Arbeiter in einer Stadt sterben, dann wird es für eine kurze Zeit einen Mangel an Arbeitskräften geben, aber dieses Problem wird gelöst durch Veränderungen in der Struktur relativer Preise und Löhne. Die Verluste werden irgendwie wettgemacht. Wenn aber ein Drittel der Ingenieure, Vermesser, Installateure und Schreiner sterben – und wenn sie in solchen Zahlen in allen Städten einer Region sterben, dann bedeutet dies das Ende der Städte. In diesem Fall kann die urbane Infrastruktur nicht aufrechterhalten werden. Es wird einen unmittelbaren Mangel an ausgebildeten Fachkräften geben, auf denen das zivilisierte Leben basiert. Darüber hinaus werden die Ausbildungsmuster und die Mitgliedschaft in Gilden zerstört auf eine Weise, die eine Erholung verhütet oder zumindest auf lange Zeit behindert.

Eher als den grausamen Verfall dieser Plätze können wir uns vorstellen, wie die Stadträte zusammentraten, sobald die volle Wucht der Epidemie vorüber war. Die Räte würden endlosen Problemen gegenüberstehen und es mit Einrichtungen zu tun haben, die nicht länger aufrechterhalten werden können. Die Basis für die Steuern wäre verkleinert. Die reichen Wohltäter, von denen viel vom Stadtleben abhing, wären tot. Wasserleitungen wurden abgesperrt. Gebäude mussten verriegelt werden. Zuerst mag die Annahme vorgeherrscht haben, dass alles in der nahen Zukunft zur Normalität zurückkehren würde. Aber Jahr um Jahr verging. Schlösser verrosteten. Aquädukte fehlten. Dächer wurden löchrig und die Häuser stürzten ein. Die Erinnerung an ein großräumigeres und komfortableres städtisches Leben verschwand. Schließlich, im Angesicht von Raubrittertum und Überfällen sarazenischer Piraten, entstand innerhalb der alten Wälle eine neue und kleinere Stadt, gebaut aus Abrissmaterialien älterer Gebäude, mit einem weniger geometrischen Muster und mit engeren Straßen als in den antiken Städten.

Nun ist die Geschichte der Zivilisation per Definition die Geschichte der Städte. In den Städten wurden Hochkulturen entwickelt und aufrechterhalten. Von den Städten beziehen ländliche Distrikte das meiste ihrer eigenen Kultur. Wenn Städte zugrunde gehen oder sich verändern, wird die Weitergabe ihrer Kultur zumindest unterbrochen. Die großen Verluste lateinischer Literatur fielen in das 6. Jahrhundert. Installateure und Schreiner sind schwer zu ersetzen. Gelehrte sind noch schwerer zu ersetzen Die Bibliotheken verfielen. Mit dem Tod der Gelehrten, die diese am Leben erhalten hätten, vermoderten die meisten der lateinischen Klassiker. Im griechischen Osten erhielt das Überleben von Konstantinopel und seinen Bibliotheken den größten Teil der griechischen Klassiker am Leben bis zum Einfall der Kreuzzügler im Jahre 1204. In der Tat hat die griechische Zivilisation als Ganzes nur überlebt durch Konstantinopel. Milet und Halikarnassos mögen dahingeschwunden sein. Aber die kaiserliche Hauptstadt blieb und konnte sich erholen.

Aber ich wende mich nun den Auswirkungen der Seuche südlich von Kleinasien zu – Syrien und Ägypten. Diese Auswirkungen, so möchte ich nahe legen, können helfen, eine der größten kulturellen Transformationen, über die uns Überlieferungen vorliegen, zu erklären. In den 150 Jahren seit dem ersten Erscheinen der Epidemie, wurden Syrien, Ägypten und Nordafrika dauerhaft vom Imperium getrennt. Das (oströmische) Reich selber wurde beschränkt auf Konstantinopel – selbst belagert – auf ein belagertes Anatolien und eine Handvoll Inseln im östlichen Mittelmeer.

Obwohl das oströmische Reich nach und nach die Kontrolle über den Balkan und Griechenland wiedererlangen konnte und obwohl es für viele Jahrhunderte als reichster und mächtigster Staat im Mittelmeergebiet fortleben konnte, konnte es dennoch niemals mehr tun als den Islam nur einzudämmen. Wo immer die Araber Eroberungen machten, gab es eine überwältigende Chance, dass sie die alte hellenistische Zivilisation auslöschen würden, welche dort vor tausend Jahren errichtet worden war. Immer wenn das geschah, wurde die Hauptreligion der Islam, und Arabisch wurde die Sprache des Gesetzes, der Verwaltung, von Wissenschaft und Literatur.

Dies steht in völligem Gegensatz zu dem, was im Westen geschah. Dort hatten die Barbaren ihre Nachfolgerkönigreiche errichtet. Aber sie strebten nie danach, die alte Zivilisation zu zerstören – die lateinische Literatur, das Römische Recht und den christlichen Glauben.  Diese Zivilisation durchschritt das siebte, achte und neunte Jahrhundert als ein erschüttertes Wrack, wurde aber nie ausrangiert. Nach Beendigung der Invasionen der Barbaren, fing die neue Zivilisation Europas an zu wachsen.

In Syrien und Ägypten aber geschah eine totale Revolution. Ein gebildeter Ägypter des 15. Jahrhunderts konnte recht klar auf das siebte Jahrhundert zurückblicken. Aber alles was davor gewesen war, war unverständlich wenn nicht dunkel. Die Ankunft der Araber hatte die historische Uhr neu gestellt. Ein gebildeter Europäer dagegen, hatte das historische Konzept von Antike und Renaissance mit einem dunklen Zeitalter dazwischen. Vor dem 19. Jahrhundert betrachteten die Historiker dies nicht als etwas Seltsames. Sie hatten das Geschichtsbild der Renaissance wie eine gerade Linie von Athen nach Florenz gezogen. Die Zivilisation hatte mit den klassischen Griechen begonnen. Etwa seit dem Tode von Alexander war die Fackel an die Römer weitergereicht worden. Deren Reich war dann im 5. Jahrhundert zusammengebrochen und die Welt war in ein dunkles Zeitalter gelangt, aus dem sie die italienischen Humanisten errettet hatten. In dieser Anschauung der Dinge gab es keinen Raum für irgendwelche wahrhaft kreativen Neuansätze. Byzanz wurde ignoriert oder herabgewürdigt. Es wurde betrachtet wie eine altersschwache Sackgasse. Sein höchster Wert  war der des passiven Übermittlers der klassischen griechischen Kultur an einen wieder erstarkten Westen. Die einzige Frage, die seine westlichen Geschichtsschreiber beantworten mussten, war die, warum es so lange gewährt hatte, nicht, warum es untergegangen war.
Seit dem 19. Jahrhundert wissen wir die Leistung des Byzantinischen Reiches besser zu würdigen. Es war eine große Zivilisation, auch wenn ihr die Betonung der individuellen Freiheit fehlte, welche ein Teil dessen ist, was uns die Griechen so anziehend macht und welche letztendlich ein bedeutender Teil unserer Zivilisation in all ihren Perioden gewesen ist. Daher ist seitdem folgende Frage aufgeworfen worden: Warum hat das Ostreich nicht nur seine reichsten und dynamischsten Provinzen durch militärische Eroberung an ein bis dahin unbedeutendes Volk verloren, sondern auch noch völlig verloren im kulturellen Sinne, was, selbst in Zeiten wildester Zerstörungen,  nirgendwo im Westen eine Parallele findet, nicht einmal in Britannien?

Verschiedene Antworten sind dazu gegeben worden. Die erste ist die, dass die Araber eine Bedrohung völlig anderer Art waren als die, welche die westlichen Barbaren darstellten. Die letzteren waren Wilde abgesehen davon, dass sie von Rom zivilisiert worden waren oder nach und nach zivilisiert wurden. Sie mögen dem westlichen Europa eine Erfahrung individueller oder korporativer Freiheit mitgebracht haben, welche den Despotismus der Cäsaren nicht überlebt hat. Darüber hinaus jedoch lernten sie alles von den Römern – besonders den christlichen Glauben, der sie, wie schwach auch immer, einzementierte in die Zivilisation, die zu unterwerfen sie mitgeholfen hatten. Die Araber jedoch hatten eine semitische Kultur, die weitgehend außerhalb des Orbit der klassischen Zivilisation lag. Vor allem hatten sie eine neue und militante Religion, die alles was vor ihnen lag, für die Mülltonne der Geschichte bestimmte. Man kann vielleicht auch sagen, dass der Islam für die weitgehend semitischen Völker von Ägypten und Syrien ein weniger beunruhigender Glaube war. Er war frei von den endlosen Disputen über die Trinität, welche das Christentum so schwer verständlich für seine durchschnittlichen Gläubigen gemacht hatte.

Andererseits waren die Araber sogar weit nachsichtiger gegenüber christlichen Häretikern als die Behörden des (byzantinischen) Reiches. Von den Christen, die sich nicht zum Islam bekehrten, wurde verlangt, eine spezielle Steuer zu zahlen und einen niedrigeren bürgerlichen Status zu akzeptieren, sie wurden aber darüber hinaus in Ruhe gelassen. Dann waren da die kommerziellen Vorteile. Anfänglich waren die Araber weniger erpicht auf Steuern als die kaiserliche Regierung es je gewesen war. Und ihre Eroberung öffnete den Kaufleuten von Syrien und Ägypten ein allgemeines Handelsgebiet, das in einen weiten und volkreichen Markt hineinreichte, der sich bis zum Indischen Ozean und darüber hinaus erstreckte.

Zweitens war das dringende Hauptanliegen des byzantinischen Reiches seine Balkangebiete und bis zu einem gewissen Grade seine westlichen Provinzen. Sobald die Balkanländer und Italien im neunten Jahrhundert stabilisiert worden waren, konnte das Reich sich der Wiedergewinnung Syriens und anderer an den Islam verlorener Provinzen zuwenden, soweit es überhaupt konnte. Bis dahin war es jedenfalls anderweitig beschäftigt.

Dies sind schlüssige Erklärungen und sie erklären Vieles von unserer Fragestellung. Sie geben jedoch keine vollständig zufriedenstellende Antwort darauf, warum die griechische Zivilisation so schnell und so unwiderruflich ausgerottet wurde in Gebieten, die Teil der griechischen Ökumene waren seit den Eroberungen von Alexander dem Großen tausend Jahre zuvor.

Eine vollständigere Antwort mag in den demographischen Auswirkungen der Pestplage liegen. Seit der Zeit Alexanders waren Syrien und Ägypten griechisch. Alexandria und Antiochia hatten schon seit langem Athen und Korinth an Größe und Bedeutung verblassen lassen. Syrien und Ägypten waren griechisch aber nur in dem Sinne, dass die bedeutendsten Städte griechisch waren. Die Eroberungen Alexanders hatten der griechischen Zivilisation ein hohes Prestige gegeben, welches der Grund dafür war, dass die Eliten sozusagen jeder Stadt des Ostens diese Zivilisation annahmen. Aber die ländlichen Regionen blieben unberührt vom Griechischen und der griechischen Zivilisation. Während der tausend Jahre zwischen Alexander und Justinian blieb die griechische Zivilisation in Syrien und Ägypten in einem unstabilen Gleichgewicht. Drei kausale Faktoren sind zu diskutieren, die dieses Gleichgewicht beeinflussten. Der erste arbeitete dagegen, die beiden anderen zu seinen Gunsten.

Erstens, Tatsache ist, dass alle Städte vor der Mitte des 19.Jahrhunderts dazu tendierten, Bevölkerungen zu verbrauchen. Die Geburtsraten waren niedriger als die Sterberaten. Sogar in alten Zeiten, als viel Obacht gegeben wurde auf sauberes Wasser und das Vermeiden von Übervölkerung, waren Städte sehr ungesunde Plätze. In jeder Generation mussten neue Leute aus den ländlichen Regionen angelockt werden, um die Lücken zu füllen, die durch Krankheit und allgemein schlechte Lebensbedingungen bedingt waren.

Zweitens wurde dieser ständige Zufluss in Grenzen gehalten durch die Beschränkungen, die es für das Wachstum der Städte gab. Ohne Eisenbahn oder Flotten großer Schiffe ist es teuer Nahrung über weite Entfernungen herbei zu bringen. Rom und Konstantinopel wurden gefüttert mit kaiserlichen Stempelgeldern für Lebensmittel, die aus Ägypten und Nordafrika herbeigeschafft wurden, und ganze Regierungsabteilungen waren mit der Verteilung der Nahrungsmittel beschäftigt. Aber dies waren Hauptstädte. Andere Städte mussten überleben mit dem was lokal angebaut werden und dann den Bauern abgenommen werden konnte, ohne eine Hungersnot unter der ländlichen Bevölkerung auszulösen.

Daher konnten die größten antiken Städte normalerweise nur anwachsen bis zu einer Bevölkerung von etwa einer Viertel Million Menschen. Tatsächlich waren die meisten Städte viel kleiner. Das bedeutet, dass, während die antiken Städte ständig neue Leute brauchten, die Zahlen neu Hinzuziehender immer begrenzt waren durch ihre Geschicklichkeit, eine Unterkunft zu finden.

Drittens waren antike Städte, mit der möglichen Ausnahme demokratischer Stadtstaaten wie Athen, beherrscht von mehr oder weniger formalen Oligarchien. Von Stadträten zu Gilden aller Art war das Stadtleben eine Sache von Verbindungen. Obwohl Neuankömmlingen der Eintritt aus den bereits erwähnten natürlichen Verlustgründen erlaubt werden musste, mussten diese ihren Weg immer über verschiedene Barrieren gehen. Diese waren ein Gemisch aus religiösen und sprachlichen Hürden. Was auch immer die kulturellen Werte der Landbevölkerung waren, und sogar die der niederen städtischen Klassen, die höheren Klassen in den Städten Syriens und Ägyptens mussten Griechen werden. Sie mussten die griechische Sprache lernen. Sie mussten die griechischen Arten des Gymnasiums annehmen. Sobald das Christentum der etablierte Glaube des Römischen Reiches geworden war, mussten sie die Orthodoxie der Konzile von Nikäa und Chalkedon annehmen.

Dieses Gleichgewicht blieb tausend Jahre lang erhalten. Generation folgte auf Generation. Die Römer lösten die Griechen als bürgerliche Regenten ab. Das Christentum wurde Staatsreligion. Aber was die anfängliche Eigenartigkeit urbaner Zentren, die von fremden Eliten dominiert wurden, gewesen sein mag, hatte sich längst normalisiert.
Es wurde nur zerstört durch die Seuche. Als die Seuche vorbei war, müsste es einen Mangel an qualifizierten Kandidaten für die Positionen in der Verwaltung syrischer und ägyptischer Städte gegeben haben. Ähnliche Knappheit mag es im Management der Gilden gegeben haben. Man wird zu wenig griechische Lehrer gehabt haben.

Aber eine gewisse Verwaltung musste fortgeführt werden. Es mag eine Vereinfachung der Verwaltung gegeben haben. Aber die verbliebenen Positionen mussten besetzt werden mit Sprechern der einheimischen Sprachen. Die Konsequenz war, dass die Städte nicht länger mehr griechisch und orthodox waren. Sie würden syrisch und koptisch und mehr und mehr monophysitisch geworden sein. Würden sie als Folge davon der kaiserlichen Regierung in Konstantinopel weniger ergeben gewesen sein? Vielleicht ja. Wir wissen, dass die Städte dieser Region ohne heftige Kämpfe in dem anfangs verheerenden Großen Krieg von 602-628 an die Perser fielen. Und wir wissen, dass sie nach 644 fast ohne Gewalt an die Araber fielen. In diesem Schema wäre die Enthellenisierung von Syrien und Ägypten nicht auf die arabischen Invasionen hin erfolgt. Sie wäre diesen vorangegangen. Die Islamisierung wäre dann viel schneller und leichter für verwandte Semiten als für assimilierte Griechen gewesen. Wenn diese Provinzen aufgehört hatten griechisch zu sein lange bevor sie arabisch wurden, dann würde das erklären, warum sie so schnell islamisch wurden.

Wir können nicht mit Sicherheit wissen, ob es die Unterbrechung der Muster des städtischen Lebens war, was diesen tiefgreifenden und schnellen kulturellen Wandel vom Hellenismus zum Islam verursachte. Aber es gibt indirekte Beweise aus anderen Zeiten. Der Schwarze Tod von 1348 verursachte einen Sprachwechsel in den englischen höheren Klassen, die seit der normannischen Invasion Französisch gesprochen hatten. Nach der Seuche, durch die ein Drittel der englischen Bevölkerung starb, gab es einen unmittelbaren Mangel an Verwaltern, die Französisch sprechen konnten. Es gab zu wenig französische Lehrer. Bevor das 14. Jahrhundert zu Ende ging, hatte der Königliche Hof aufgehört, Französisch zu sprechen und die Parlamentsprotokolle begannen, in Englisch festgehalten zu werden.

Oder da ist ein Parallelfall in Böhmen. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts waren die oberen Klassen in Böhmen germanisiert worden. Im 18. Jahrhundert war Prag auf allen wichtigen Ebenen eine deutsche Stadt. 1848 jedoch war der Prozess der Germanisierung in eine scharfe Rückwärtsbewegung geraten. Diese war nicht durch einen demographischen Kollaps verursacht, sondern durch das Ende der drei oben diskutierten Faktoren. Der Bau von Kanalisationen und Eisenbahnen hob die Auflagen für das Wachstum von Städten wie Prag auf. Tschechen kamen nicht nur zu Hunderten jedes Jahr neu dazu, sondern zu Tausenden und Zehntausenden. Jetzt gab es Platz für jeden. Die böhmischen Städte schwollen an. Tschechische Neuankömmlinge hatten ihre eigenen ökonomischen und sozialen Institutionen. Sie konnten ein paralleles Leben neben den Deutschen führen. Schließlich erreichte die Zahl der gebildeten und wohlhabenden Tschechen eine kritische Masse, und Prag und andere Städte verloren ihre deutschen Mehrheiten.

Bringen diese Überlegungen eine Botschaft, die für die Menschen von heute relevant sein könnte? Vielleicht ja. Es ist unwahrscheinlich, dass London oder Paris die gleiche Art von demographischem Kollaps erleiden könnten wie die Städte des Mittelmeerraums im 6. Jahrhundert. Wenn wir aber auf Länder sehen statt auf Städte, so sehen wir uns jetzt einer demographischen Ausdehnung ähnlich der im Prag des 19. Jahrhunderts gegenüber. Es gibt hohe Einwanderungsraten in alle westlichen Länder. Zu Beginn dieses Prozesses fühlten die Neuankömmlinge – gleich welchen Ursprungs – sich durch die Umstände gezwungen, entweder sich selbst oder ihre Kinder so gut sie konnten an die etablierte Kultur zu assimilieren. Aber die Geschwindigkeit und die Wucht der Immigration hat jetzt den Punkt erreicht, an dem jeder Neuankömmling sich weniger verpflichtet sieht als der vorherige, sich zu anzupassen. Schon gibt es parallele Kulturen in den größeren Städten von Europa und wohl auch in den USA. Die etablierte Sprache mag immer noch aus praktischen Gründen gelernt werden – und auch weil viele der Neuankömmlinge sich im positiven Sinne anzupassen wünschen. Aber Anpassung wird immer weniger zum Ideal. Diese Tendenz weg von der Assimilierung mag gefördert werden durch die Politik des Multikulturellen und – um dies deutlich zu sagen – durch die steigende Unerfreulichkeit und Degenerierung der etablierten Kulturen. Aber es würde auch so schon geschehen. Es ist eine Frage der kritischen Menge.

Für einen Engländer oder Franzosen mag es unvorstellbar sein, dass ihre Länder im gegenwärtigen Jahrhundert aufhören könnten, französisch oder englisch zu sein. Aber es wäre für einen alexandrinischen Griechen des frühen 6. Jahrhunderts genauso unvorstellbar gewesen, dass die Stadt, die vor tausend Jahren von Alexander gegründet wurde und die Heimat der griechischen Wissenschaft und dann der griechischen Theologie gewesen ist, jemals aufhören sollte, griechisch zu sein. Geschichte ist zum Teil Geschichte des demographischen Wandels. Es gibt kein Naturgesetz, welches ein bestimmtes Territorium einem bestimmten Volk zuteilt. Die Geschichte ist nicht zu Ende. Tausend Jahre Europa könnten so sicher dahinschwinden wie einst tausend Jahre Griechentum in Syrien und Ägypten.
 
Ob dies wirklich geschehen wird und ob das bedauernswert sein wird oder ob man dem sogar auf irgendeine Art Widerstand entgegenbringen wird, sind Fragen, denen ich mich nicht gewachsen fühle. Aber die Geschichte des demographischen Wandels und dessen Auswirkungen auf die antike Zivilisation hat mich seit Jahren fasziniert und wird es weiterhin  ungeachtet jedweder weiterer Implikationen tun.

Autoreninfo:
Dr. Sean Gabb, Jahrgang 1960, Direktor der britischen Libertarian Alliance; Autor des historischen Romans „The Column of Phocas“, der in Kürze in Deutsch erscheint

Internet: www.seangabb.co.uk

Literatur:
J. Nohl, The Black Death: A Chronicle of the Plague Compiled from Contemporary Sources, Übers. C. H. Clarke, Unwin Books, London, 1961


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