29. Oktober 2007

Freiheit und Bindung Zwei eng verwandte Begriffe

Letzte Freiheiten, moralische Autonomie und die Etymologie der Freiheit

Die letzte Zuflucht eines freien Menschen ist sein Inneres, sein Selbst. Als Einleitung zu einer interessanten Diskussion über den Unterschied zwischen den beiden oft synonym verwendeten englischen Wörtern „liberty“ und „freedom“ zitiert Brian Micklethwait auf samizdata.net einen Text von Stephen R. Covey, eine Geschichte aus dem Leben des Psychologen Victor Frankl. Dieser war als jüdischer Häftling in den Todeslagern der Nationalsozialisten unbeschreiblichen Torturen ausgesetzt.

„Eines Tages“, heißt es da, „nackt und allein in einem kleinen Raum, wurde [Frankl] sich dessen bewusst, was er später ‚die letzte der menschlichen Freiheiten‘ nannte, die Freiheit, die ihm die Nazis nicht nehmen konnten. Sie konnten seine gesamte Umgebung beherrschen, sie konnten mit seinem Körper tun, was sie wollten, aber Victor Frankl selbst war ein seiner Selbst bewusstes Wesen, das wie ein Beobachter seine eigene tatsächliche Mitwirkung betrachten konnte. Seine Grundidentität war intakt. Er konnte für sich selbst entscheiden, wie dies alles ihn beeinflussen würde. Zwischen dem, was mit ihm passierte, oder dem Stimulus, und seine Antwort darauf, lag seine Freiheit oder Macht, diese Antwort zu wählen.“ In erster Linie unter Verwendung seines Gedächtnisses und seiner Vorstellungskraft, heißt es weiter, „trainierte er seine kleine, embryonale Freiheit [freedom] bis sie größer und größer wurde, bis er mehr Freiheit [freedom] hatte als die ihn gefangen haltenden Nazis. Sie hatten mehr Freiheit [liberty], in ihrer Umgebung mehr Optionen, aus denen sie wählen konnten; aber er hatte mehr Freiheit [freedom], mehr interne Macht für die Ausübung seiner Optionen. Er wurde für die um ihn herum zur Inspiration, sogar für einige der Wachleute. Er half anderen, in ihrem Leid einen Sinn zu finden und eine Würde in ihrer Existenz als Gefangene.“ (Hervorhebungen im Original.)

Kommentator Dale Amon zitiert auf der gleichen Seite trocken einen Satz von Science Fiction Autor Robert A. Heinlein: „Du kannst einen freien Menschen nicht bezwingen. Du kannst ihn höchstens töten.“ Damit sei das selbe gesagt. Man muss aber auch hinzufügen, dass es nicht jedem Menschen,der nicht gleich getötet wird, gelingt, in horrenden Zwangslagen so standhaft zu bleiben wie Frankl. Manch einer, der nicht umgebracht wurde, wurde immerhin um den Verstand gebracht. Ob es nur daran lag, dass diese Menschen nicht das „richtige“ Bewusstsein ihrer Selbst hatten, ist fraglich. Dennoch: Hier dürfte ein Kernbestandteil der Freiheit beschrieben sein. Kommentator Wirkman Virkkala trifft es vielleicht am besten, wenn er das von Frankl Beschriebene „spirituelle Freiheit“ nennt: „Sie ist das Gefühl der Macht und der Selbststeuerung, das selbst eine unter Zwang stehende, misshandelte und gefesselte Person spüren kann. Und dieses Gefühl ist keine simple Selbsttäuschung. Sie ist eng mit moralischer Autonomie verbunden und führt zu persönlichem Wachstum. Wenn solch eine Person auf eine freie Gesellschaft losgelassen wird, kann sie erstaunliche Dinge vollbringen.“ Moralische Autonomie also ist die Voraussetzung für den Erhalt der eigenen Freiheit selbst unter widrigsten Umständen.

Die eben gestreifte etymologische Betrachtung ist ein weiterer Ansatz zur Entdeckung der Kernbedeutung der Freiheit. Micklethwait wollte mit dem Frankl-Zitat zeigen, dass es zwischen „liberty“ und „freedom“ tatsächlich Bedeutungsunterschiede gibt. Er meint, „liberty“ beziehe sich auf äußere Umstände, also Politik „und vielleicht auch Wirtschaft“, „freedom“ dagegen sei etwas „psychologisches, sogar existenzielles“. Kommentatorin Shannon Love meint dazu, „liberty“ käme etymologisch von der Gewährung von Freiheiten, etwa wie Städten im Mittelalter gewisse Freiheiten vom Kaiser zugesprochen bekamen. „Free“ dagegen bedeutete schlicht unversklavt oder unbeherrscht („un-ruled“). „Historisch also“, fährt Love fort, „begannen ‚Liberty‘ und ‚Freedom‘ an den entgegengesetzten Enden eines Spektrums der Staatsmacht, trafen sich jedoch letztendlich in der begrifflichen Mitte.“

Auch das deutsche Wort Freiheit hat eine Etymologie, der Autor dieser Zeilen hat ein wenig danach gesucht und beim „Liberalismus-Portal“ folgendes gefunden: Zum einen bedeutete das alte Wort „fri“ zugleich Frau und frei. Zum anderen gibt es eine enge Wortstammverwandschaft von „Freiheit“ und „Eigentum“ – Liberale und Libertäre werden sich also hier auch von der Etymologie bestätigt finden – sowie eine Verknüpfung von „Freiheit“ und „Liebe“: „Die Bedeutung ‚frei‘ entwickelt sich aus ‚eigen‘, vermutlich aus Wendungen wie ‚die eigenen Kinder‘. Jemand ist frei, wenn er ‚zu den Lieben gehört‘ und kann sich deshalb einiges herausnehmen.“ Gleich im nächsten Satz heißt es: „So kennzeichnet der Wortursprung der Freiheit einen Aspekt von Bindung und ist damit weit von dem heutigen Verständnis entfernt.“ Kann es sein, dass die Freiheit heute auch deswegen gefährdet ist, weil nach heutigem Verständnis der begriffliche Zusammenhang von Bindung und Freiheit verlorengegangen ist? Freiheit ohne (freiwillige) Bindung des Individuums an Eigentum, auch an das eigene Selbst, ist keine Freiheit sondern Abhängigkeit. Freiheit ohne (freiwillige) Bindung zwischen individuellen Menschen, auch Liebe genannt, ist lediglich eine Ansammlung atomisierter Individuen, also eine beliebig formbare Masse.

Jene von Frankl unter schlimmsten Umständen entdeckte Freiheit ist eine letzte, wahrlich unveräußerliche Freiheit. Doch gerade weil sie unveräußerlich ist, kann sich keiner etwas dafür kaufen, wenn man einmal darauf zurückgeworfen ist. Deshalb muss sich, wer mehr als nur diese Freiheit will, rechtzeitig um individuell geeignete, freiwillige Bindungen bemühen. Sonst bleiben ihm nur noch unfreiwillige, aufgezwungene Bindungen übrig.

Internet:

What is the difference between 'freedom' and 'liberty'?

Liberalismus-Portal über „Die Freiheit“


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