12. November 2007

Sexualökonomie Gewalt- oder Vertragsprinzip

Ludwig von Mises über die Ehe und ihren Beitrag zu den „Höhen der individuellen Kultur“

„Um die Sexualität drehen sich die bewußten Wünsche des Wachenden und die unbewußten des Träumenden“, wusste Ludwig von Mises. Der österreichische Ökonom wusste, dass sich die „Gesellschaftsreformer“, also jene, die eine andere Gesellschaftsordnung herbeizwingen wollen, an diesem Thema nicht vorbeigehen werden. Im Kapitel „Gesellschaftsordnung und Familienverfassung“ in seinem 1922 erschinenen Buch „Die Gemeinwirtschaft“, dessen hauptsächlicher Zweck der Beweis der Undurchführbarkeit des Sozialismus ist, entlarvt Mises deshalb eine bis heute nicht ausgestorbene Vorstellung über das idyllische vorkapitalistische Familienleben als Vorurteil und weist nach, dass die moderne, monogame Ehe die „Grundlage für die Entwicklung der weiblichen Individualität“ ist – und indirekt auch für die des Mannes, denn „den Weg zu den Höhen individueller Kultur können die Geschlechter nur vereint zurücklegen.“

Die Ehe, noch dazu die monogame, als Befreiung für die Frau? Um sein Argument zu vermitteln, räumt Mises zunächst mit einer Illusion auf, die er so beschreibt: „In reinster Liebe hätten sich die Menschen der Urzeit gepaart, schlicht und natürlich seien Ehe und Familienleben im vorkapitalistischen Zeitalter gewesen. Erst der Kapitalismus habe Geldheiraten und Vernunftehen auf der einen Seite, Prostitution und geschlechtliche Ausschweifungen auf der anderen Seite gebracht. .... So gibt es denn kaum jemand, der nicht der Meinung wäre, daß die moderne Auffassung der Ehe als eines Vertrags dem Wesen der Geschlechtsverbindung abträglich sei, und daß der Kapitalismus die Reinheit des Familienlebens zerstört habe.“

In Wahrheit aber sei die „Sexualökonomie“, so Mises, früher vom „Gewaltprinzip“ beherrscht gewesen. Der stärkste und aggressivste Mann habe die meisten Frauen besessen, und diese seien genauso behandelt worden wie Vieh und anderes Eigentum: „Das Weib ... wird geraubt oder gekauft, es wird ersessen, es wird verschenkt, verkauft, letztwillig vermacht, kurz, es ist im Hause wie eine Sklavin.“ Doch dieser Zustand konnte nicht für immer währen, denn „Der Geschlechtsakt ist ein wechselseitiges Geben und Nehmen, und bloß duldendes Verhalten des Weibes mindert auch des Mannes Lust am Verkehr.“ Unter dem Gewaltprinzip benötige der Geschlechtsakt auf Dauer eine „außerordentlichen psychische Anstrengung, die nur unter Zuhilfenahme besonderer Antriebe gelingt. [Er] erfordert jetzt eine besondere seelische Einstellung auf das Sexualobjekt; das ist die Liebe, die dem Urmenschen und dem Gewaltmenschen, die wahllos jede Gelegenheit benützen, unbekannt ist.“

Ironischerweise war es gerade der Reichtum der Starken, der die Abkehr vom Gewaltprinzip nötig machte. Mises: „Die Polygamie war ... stets auf die Reichen und Vornehmen beschränkt gewesen. Bei diesen mußte sie aber in dem Maße größere Schwierigkeiten erregen, als die Frauen als Erbinnen und Besitzerinnen in die Ehe traten, mit reicherer Mitgift ausgestattet und mit größeren Rechten zur Verfügung über die Mitgift bedacht wurden. Die Frau aus reichem Haus, die dem Manne Reichtum in die Ehe bringt, und ihre Verwandten haben allmählich die Monogamie erzwungen; sie ist geradewegs die Folge des Eindringens der kapitalistischen Denkungs- und Rechnungsart in die Familie. Zum vermögensrechtlichen Schutze der Frau und ihrer Kinder wird die scharfe Grenze zwischen legitimer und illegitimer Verbindung und Nachkommenschaft gezogen, wird das Verhältnis der Gatten als wechselseitiger Vertrag anerkannt.“ (Hervorhebungen von mir.)

Man beachte: Keine Frauenbeauftragte, kein Gleichstellungsgesetz hat die Dschingis Khans dieser Welt von der Vielweiberei abgehalten, sondern die Überzeugungskraft unzähliger individueller Frauen, ihrer Verwandten, und das von ihnen in die (Viel-)Ehe mitgebrachte Kapital.

Die Idealvorstellungen, die wir von der Ehe haben, seien aus diesem, im Grunde kapitalistischen, Vertragsverhältnis gewachsen, führt Mises den Gedanken weiter: „So ist die Ehe, die wir kennen, ganz ein Ergebnis des Eindringens des Vertragsgedankens in diesen Bezirk des menschlichen Lebens. Alle Idealvorstellungen, die wir von der Ehe hegen, sind ganz aus dieser Auffassung heraus erwachsen. Daß die Ehe einen Mann und ein Weib verbindet, daß sie nur aus freiem Willen beider Teile entstehen könne und den Gatten die Pflicht wechselseitiger Treue auferlege, daß die Verletzung der ehelichen Pflichten nicht anders beim Manne zu beurteilen sei als beim Weibe, daß die Rechte von Mann und Frau in jeder entscheidenden Beziehung die gleichen seien, das alles sind Forderungen, die sich nur aus dieser Einstellung zum Problem der Geschlechtsgemeinschaft ergeben.“

Es ist jedoch nicht Schuld der monogamen Ehe, dass sie dieses Ideal in den seltensten Fällen erfüllen kann. Mises: „Daß auch die Ehe nicht imstande ist, das Erdendasein in eine unendliche Reihe von wonnigen Tagen herrlichsten Liebesgenusses umzugestalten, ist weder an ihr gelegen noch an den Verhältnissen der sozialen Umwelt. ... Die Ehen, die unglücklich werden, gehen nicht daran zugrunde, daß die Gatten in der kapitalistischen Gesellschaftsordnung leben, und daß es Sondereigentum an Produktionsmitteln gibt. Der Keim der Krankheit, an der sie leiden, kommt nicht von außen, sondern von innen, aus den Anlagen der Gatten. Daß diese Konflikte in der vorkapitalistischen Gesellschaft gefehlt haben, ist nicht etwa darauf zurückzuführen, daß dort in der Ehe das erfüllt war, was diesen kranken Ehen fehlt, vielmehr darauf, daß dort Liebe und Ehe gesondert waren, und daß man von der Ehe nicht verlangte, daß sie ewig ungetrübtes Liebesglück gewähre. Erst die folgerichtige Durchführung des Vertrags- und Konsensgedankens läßt die Ehegatten von der Ehe verlangen, daß sie ihre Liebessehnsucht befriedige. Damit wird an die Ehe eine Forderung gestellt, der sie unmöglich entsprechen kann.“
 
Zwar gesteht Mises zu, dass die Ehe als eine Art Zwang empfunden werden kann: „Als soziales Institut ist die Ehe eine Eingliederung des Einzelnen in die gesellschaftliche Ordnung, durch die ihm ein bestimmter Wirkungskreis mit seinen Aufgaben und Anforderungen zugewiesen wird.“ Jedoch sei keiner gezwungen, in den Ehestand zu treten. Jene, die den „Zwang solcher Einfügung in den Lebensstand der Masse“ nicht ertragen können, seien selten. Von dort drohe daher keine Gefahr für die Institution der lebenslangen Zweiergemeinschaft.

Die wirkliche Gefahr für die Ehe drohe vom radikalen Flügel der Frauenbewegung, die „übersieht, daß es nicht die Einrichtung der bürgerlichen Ehe ist, die der Entwicklung der Persönlichkeit im weiblichen Menschen Hindernisse in den Weg legt. Was das Weib in der Entfaltung seiner Kräfte und Fähigkeiten hemmt, ist nicht die Bindung an Mann, Kinder und Haushalt, sondern der Umstand, daß die Sexualfunktion den weiblichen Körper in weit stärkerem Maße ergreift als den männlichen. ... Man mag die ungleiche Verteilung der Lasten des Fortpflanzungsdienstes als eine Unbilligkeit der Natur bezeichnen, man mag der Ansicht sein, daß es der Frau unwürdig sei, Kindergebärerin und Amme abzugeben, doch man kann damit an den natürlichen Tatsachen nichts ändern.“

Über die Rolle der Verhütung, die mit der Markteinführung der „Pille“ im Jahr 1960 sehr viel sicherer und bequemer wurde als zuvor, schreibt Mises in diesem Kapitel nichts. Sie ist auch bei diesen Überlegungen nicht entscheidend. Zwar können sich Menschen heute für kinderlose Ehen entscheiden, und nicht wenige tun dies. Was aber passiert, wenn auch die sicherste Verhütung, da nicht hundertprzentig sicher, scheitert, steht auf einem anderen Blatt. Zum anderen und in diesem Kontext wichtiger: Da die ungebrochene „Reihe von wonnigen Tagen herrlichsten Liebesgenusses“ bei jedem Paar früher oder später zuende geht, ist die Frage interessant, wie die Paare auf die Änderung der Stimmungslage reagieren, wie sie die einsetzende Enttäuschung verarbeiten. „Manche Ehe geht da in die Brüche; die Gatten trennen sich, um neuen Illusionen in anderen Verhältnissen nachzujagen, oder bleiben zwar beisammen, um sich in lebenslangem Kampfe zu zermartern.“ Einige wenige mögen die abkühlende Leidenschaft allein mit kreativer Tätigkeit sublimieren können. Die meisten jedoch „lernen sich bescheiden und erkennen, daß es auf Erden kein ewiges Glück gibt. Sie übertragen die Kraft, die in ihrem Sexualleben nicht aufgezehrt wird, auf die Liebe zu den Kindern; in der Sorge um deren Wohl werden sie alt und verzichten.“ Dieser letztgenannte Weg bleibt den Kinderlosen versperrt, weshalb hier eine höhere Scheidungsquote zu erwarten ist. So überrascht die Feststellung der Schrader-Stifung aus dem Jahr 2004 nicht: „Kinderlose und in Städten lebende Eheleute, sowie berufstätige Frauen werden wesentlich häufiger geschieden als kinderreiche und auf dem Land lebende Ehepartner sowie Hausfrauen.“

Der radikalen Frauenbewegung hält Mises entgegen: „Kein menschliches Gesetz hindert die Frau, die ihr Glück in der Hingabe an eine Sache zu finden glaubt, auf Liebe und Ehe zu verzichten. Denen aber, die darauf nicht verzichten können, bleibt nicht genug Kraft überschüssig, um das Leben gleich dem Manne frei zu meistern.“

Dabei gibt es aus der Sicht von Mises durchaus eine Rolle für eine Frauenbewegung, die „sich darauf beschränkt, die Rechtsstellung des Weibes der des Mannes anzugleichen und der Frau die rechtliche und wirtschaftliche Möglichkeit zu bieten, sich so auszubilden und zu betätigen, wie es ihren Neigungen, Wünschen und ökonomischen Verhältnissen entspricht.“ Eine solche Frauenbewegung ist „nichts weiter als ein Zweig der großen liberalen Bewegung, die den Gedanken der friedlichen freien Entwicklung vertritt. Soweit sie, darüber hinausgehend, Einrichtungen des gesellschaftlichen Lebens in der Meinung bekämpft, damit naturgegebene Schranken des menschlichen Daseins aus dem Wege räumen zu können, ist sie ein Geisteskind des Sozialismus; auch dessen Besonderheit ist es, die Wurzel naturgegebener, der menschlichen Einwirkung entrückter Umstände in gesellschaftlichen Einrichtungen zu suchen und durch deren Reform die Natur reformieren zu wollen.“

„Die radikale Lösung, die die Sozialisten für die sexuellen Probleme vorschlagen, ist die freie Liebe“, stellt Mises gegen Ende des Kapitels fest. „Die sozialistische Gesellschaft beseitigt die sexualökonomische Abhängigkeit der Frau, die darin besteht, daß die Frau auf das Einkommen des Mannes angewiesen ist. Mann und Frau erhalten die gleichen wirtschaftlichen Rechte und, soweit nicht die Rücksichtnahme auf die Mutterschaft eine Sonderstellung der Frau bedingt, auch die gleichen Pflichten. Unterhalt und Erziehung der Kinder werden aus öffentlichen Mitteln bestritten; sie sind überhaupt Sache der Gesellschaft, nicht mehr die der Eltern.“ (Hervorhebung von mir.) Dies jedoch hat natürlich Folgen für die Psyche der Menschen: „Man nimmt dem Weib ein Stück seines Lebens, wenn man ihm die Kinder fortnimmt, um sie in staatlichen Anstalten aufwachsen zu lassen, und man nimmt den Kindern die wichtigste Schule des Lebens, wenn man sie aus dem Schoße der Familie reißt. ... Von den Eltern lernt das Kind lieben und empfängt damit von ihnen die Kräfte, die es befähigen, zum gesunden Menschen heranzuwachsen. Konvikte züchten nur Homosexualität und Neurose.“

„Die Entwicklung, die vom Gewaltprinzip zum Vertragsprinzip geführt hat“, so schließt Mises den Gedankengang ab, „hat die Beziehungen der Geschlechter auf die freie Liebeswahl gestellt. Das Weib darf sich jedem verweigern, es kann vom Manne, dem es sich hingibt, Treue und Beharrlichkeit fordern.“ Der Sozialismus verkenne bewusst den Vertragsgedanken in der Ehe und kehre damit zum Gewaltprinzip zurück, schreibt Mises, „wenn auch bei gleichmäßiger Verteilung der Beute“. Daher müsse er „auch im Geschlechtsleben schließlich dazu gelangen, Promiskuität zu fordern.“

Und wo er sie nicht offen zu fordern wagt, da fördert er sie, möchte man hinzufügen; selbstverständlich hinterlistig im Namen der Freiheit.

Internet:

Ludwig von Mises: „Die Gemeinwirtschaft“

Schrader-Gesellschaft: Bericht über Ehe und Scheidungen


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