15. Februar 2008

Wolfgang Wippermann Stalins Mann und sein Buch

Neues von einem, der nicht rechtzeitig und nicht radikal genug eingegriffen hat

Der Geschichtsprofessor Wolfgang Wippermann ist einer breiten Öffentlichkeit vor allem durch seine Mitwirkung bei Artikeln der „Bild“-Zeitung sowie seine Rolle als „Experte“ in einer Johannes-B.-Kerner-Sendung zum Thema Kinderkrippen bekannt geworden, bei der auch Eva Herman zu Gast war. In dieser Sendung ereiferte sich Wippermann über den von Herman verwendeten Begriff „Gleichschaltung“, da dieser bereits von den Nationalsozialisten verwendet worden war. Nach Wippermanns Auftritt hagelte es auf ihn nur so ein von Kritik, er habe Eva Herman das Wort im Munde herumgedreht. Um dieser Kritik zu begegnen geht Wippermann in seinem aktuellen Buch „Autobahn zum Mutterkreuz“ zum Gegenangriff über. So heißt es bereits im Klappentext: „Hitler hat die Autobahn gebaut und die Frauen geehrt. Die Arbeitslosen hatten Arbeit, und die Kriminellen waren alle weggesperrt. So hat die schweigende Mehrheit schon immer gedacht. Jetzt hat sie laut und offen gesprochen.“ Mit anderen Worten: Auf der Autobahn, auf der sich Wippermann befindet, ist nicht er als Geisterfahrer unterwegs, sondern fast alle anderen.

Man muss an dieser Stelle ein wenig aufpassen: Wippermanns Auslassungen sind häufig polemisch, aggressiv und herabsetzend. Dieser Stil kann auf einen Rezensenten überspringen, was lediglich zu einer publizistischen Eskalationsspirale beitragen würde. Andererseits kommt man um das Urteil aber auch nicht herum, dass Wippermann an vielen Stellen intellektuell unredlich auftritt.

Zu Beginn seines Buches setzt sich Wippermann mit Eva Herman auseinander. Deren Kritik am Feminismus kann er nicht nachvollziehen, „weil es den Feminismus heute kaum noch gibt und er nur noch von wenigen verteidigt wird“. Weil Eva Herman in ihrem Buch von „Designer-Kindern“ gesprochen habe, habe sie Wippermann zufolge „die Grenzlinie zwischen Konservativismus und Faschismus zumindest tangiert, wenn nicht sogar schon überschritten“. (Als Kronzeugin gilt Wippermann hier übrigens die Kabarettistin Desirée Nick.) Die zentrale Frage, ob Herman den Wunsch nach „Designer-Kindern“ gutgeheißen oder kritisiert hatte, bleibt im Text allerdings völlig unbeantwortet. Hier fühlt man sich unangenehm an Wippermanns Kritik an Hermans Verwendung des Begriffes „Gleichschaltung“ erinnert: Die Nationalsozialisten waren dafür gewesen, Herman dagegen, aber schon ihre Verwendung dieses Ausdruckes sollte sie als Rechtsradikale entlarven. Das ist nicht nur fragwürdig, das ist grotesk.

Auch an anderer Stelle wirft Wippermann Herman eine „mangelhafte Abgrenzung vom Faschismus“ vor und spricht gar von ihrer „Lobpreisung der nationalsozialistischen Frauen- und Familienpolitik“. Erkenntnisse wie jene, dass die bevölkerungspolitischen Maßnahmen der Nationalsozialisten deren verbrecherischer Ideologie dienten, seien Eva Herman nicht bekannt gewesen. Bei solchen Verstiegenheiten ignoriert Wippermann volle sechs Seiten aus Hermans Buch „Das Eva-Prinzip“, in dem diese das Dritte Reich eben wegen dieser Dinge aufs Schärfste verdammt und die auch auf Hermans Website einsehbar sind. Sowohl Hermans Buch als auch ihre Website werden von Wippermann als Quelle angeführt...

Fragwürdige Quellenarbeit scheint bei Wippermann indes kein Einzelfall darzustellen: So finden sich in der Literaturliste seines Buches volle 16 Titel von Wippermann selbst. Was allerdings hier und in seinem Text fehlt, ist das einzige Buch, das sich bislang mit der Eva-Herman-Debatte beschäftigt hatte – mein eigenes: „Der Fall Eva Herman“. Dass es Wippermann unbekannt sein könnte, ist auszuschließen, da er meine Artikel für „eigentümlich frei“ mehrfach anführt. Für eine wissenschaftliche Arbeit selbst auf Studentenniveau ist das komplette Ignorieren der vorangegangenen Sachliteratur zu einem Thema ein Armutszeugnis, und wenn es im Klappentext seines Buches heißt, Wippermann stelle den „Historikerstreit der schweigenden Mehrheit“ erstmals dar, ist das schlicht eine Irreführung der Leser. Wippermanns Verfehlungen kann ich hier nur insofern interpretieren, dass er meinem Buch einerseits nichts entgegenhalten konnte, er andererseits seine Thesen aber nicht ernsthaft hätte vertreten können, wenn er die Kenntnis meiner Analyse hätte zugestehen müssen.

Einige Beispiele: Wippermann behauptet, Herman „fand kein Wort des Bedauerns oder der Selbstkritik, als sie eben wegen ihres NS-Vergleichs in der Presse heftig und fast unisono kritisiert wurde.“ Im Gegensatz zu Wippermann allerdings, bei dem sich in der Tat trotz vergleichbar heftiger Vorwürfe kein Hauch von Selbstkritik findet, hatte sich Herman bereits wenige Tage nach ihrer Pressekonferenz öffentlich entschuldigt, falls ihre Äußerungen Anlass zu Missverständnissen gegeben haben sollten (worüber etliche Medien von „Zeit“ bis „Bild“ breit berichteten). Wenn Wippermann beklagt, Herman habe sich von den Rechtsextremen, die sie vereinnahmen wollten, nicht ausreichend distanziert, unterschlägt er, dass sie in derselben Kerner-Talkshow, in der Wippermann zu Gast war, mehrfach erklärte, gegen diese Vereinnahmungsversuche juristisch vorzugehen. Wie kann man sich noch stärker von jemandem distanzieren als durch das Einleiten juristischer Schritte? Indem man auf ihn schießt? Selbst den Ablauf der Kerner-Sendung schildert Wippermann irreführend: Kerner habe erklärt „Autobahn – das geht halt nicht“ und dann „nach einigem Hin und Her“ Herman zum Verlassen der Diskussionsrunde aufgefordert. Das „Hin und Her“ bestand darin, dass man zum eigentlichen Thema der Sendung („Kinderkrippen oder Erziehung durch die Mutter?“) übergegangen war und Senta Berger erklärte, sich mangels Vorbereitung Eva Herman nicht gewachsen zu fühlen, worauf Hermans Verabschiedung erfolgte. Und Zu Hermans Äußerung schließlich „Ich muss einfach lernen, dass man über den Verlauf unserer Geschichte nicht reden kann, ohne in Gefahr zu geraten“ fällt Wippermann nur folgendes ein: „Hitler ist tot, und wir leben nicht in einer Diktatur, sondern in einer Demokratie. In ihr herrscht die in der Verfassung geschützte Forschungs- und Meinungsfreiheit. Wer etwas anderes behauptet, hat ein Problem mit dieser Verfassung oder weiß einfach nicht, wovon er spricht. Eva Herman jedenfalls wusste es nicht. Daher war es richtig, dass Kerner nicht mehr mit ihr reden wollte.“ Im Klartext: Wer behauptet, es gebe hierzulande keine Meinungsfreiheit, soll diese Meinung nicht öffentlich vertreten dürfen. Hier befinden wir uns schon tief im Bereich des Absurden.

Wippermanns Logik zufolge kann die Meinungsfreiheit offenbar nur dann gefährdet sein, wenn der Staat Zensur ausübt. Insofern verwundert es schon sehr, wie sehr sich Wippermann darüber empört, dass seine Meinung mit Beschimpfungen wie „Judenknecht“ und „Volksschädling“ belegt wird und irgendjemand im Internet davon phantasierte, Dossiers über ihn anzulegen. Genauso ungerührt wie Wippermann die Attacken beiseitewischt, die auf Herman niedergehen, so empfindlich ist er, wenn es seine eigene Meinung betrifft: Rechtsradikale Auswürfe wie „Volksschädling“ nennt er dann in einem Atemzug mit fundierten Kritiken wie dem „eigentümlich frei“-Artikel „Stalins Mann in Berlin“ (zu dem Wippermann nicht mehr einfällt als dass er den 1953 verstorbenen Stalin wohl kaum wieder zum Leben erwecken könne, um dann als „sein Mann“ zu fungieren). Und in einer Auflistung von aus Wippermanns Sicht offenbar skandalösen Zuschriften an ihn stehen Unsäglichkeiten wie „Judenknecht“ in trauter Einigkeit mit einer klaren, aber völlig legitimen Ansicht wie „Ihr Auftritt war peinlich, respektlos, billig und intolerant.“ Die Stoßrichtung ist klar: Wer Wippermann scharf kritisiert, ist nichts anderes als ein Nazi. Gegen ihn ist keine Kritik erlaubt, gegen Eva Herman jede.

Im Endeffekt versucht Wippermann nichts anderes als seine linksextreme Sicht der Wirklichkeit als die einzig akzeptable Sicht durchzusetzen. Die 68er-Bewegung etwa in einem Atemzug mit dem Nationalsozialismus zu nennen, sei „sprachlich wirr“ und „inhaltlich skandalös“, denn: „Was hat die 68er-Bewegung mit dem Nationalsozialismus gemein?“ Götz Aly hätte darauf einige Antworten zu geben. Wippermann warnt vor einer „unzulässigen Dämonisierung der DDR“ und erklärt „Konservativismus und Faschismus waren politische Bundesgenossen und hatten gleiche oder zumindest vergleichbare ideologische Ziele“. Da ist es nur zwangsläufig, dass er die „Junge Freiheit“, die sich für Hermans Meinungsfreiheit ausgesprochen hatte, als „rechtsradikal“ verortet und daran anschließend erklärt: „Wenn sich Rechtsradikale zu Anwälten der Meinungsfreiheit aufschwingen, wird es immer gleichermaßen grotesk wie gefährlich.“

Die große Bedrohung bei dem Versuch, eine ausgesprochen linke Perspektive der Welt als allgemeingültig durchzusetzen, sieht Wippermann verständlicherweise nicht in den traditionellen Medien, sondern in der Gegenöffentlichkeit, die sich im Internet formiert. „In der Öffentlichkeit wurde Eva Herman von kaum jemandem verteidigt“, führt er hierzu aus. „Anders war es in einigen Blogs. In dieGesellschafter.de stimmte Peter Großmann Hermans Lob der nationalsozialistischen Frauen- und Familienpolitik ausdrücklich zu.“ Dass Blogs und Internetforen für Wippermann keinen Teil „der Öffentlichkeit“ darstellen, mutet einigermaßen bizarr an. Mit einer fast schon bewundernswerten Selbstverständlichkeit erklärt Wippermann sodann, dass Meinungsäußerungen dann keine Gegenöffentlichkeit zu den traditionellen Medien darstellen können, wenn diese Äußerungen nicht ebenfalls politisch linksgerichtet sind: „Hier meldete sich jedoch die schweigende Mehrheit zu Wort, in den rechten Blogs als negatives und rechtes Korrektiv zu den öffentlichen Medien. Von einem kritischen Graswurzeljournalismus kann zumindest bei diesen Blogs und in diesem (Herman)-Fall nicht die Rede sein.“ In solchen Passagen wird klar, wie absolut Wippermann seine eigene Auffassung setzt. Alles ihr zuwiderlaufende kann nicht ernstgenommen und muss (siehe Eva Herman) eigentlich aus der Sphäre des öffentlichen Diskurses verbannt werden. Man ahnt hier schon, dass die Verknüpfungen zu Stalin nicht so völlig falsch gewesen sein können.

Aber wie schafft man es, die eigene Meinung als die einzig akzeptable durchzusetzen? Wippermann greift hier vor allem auf zwei verlässliche und bewährte Strategien zurück. Die eine: Der mit der anderen Meinung ist selbstverständlich ein Antisemit. Wenn etwa die rechtskatholische Internetzeitschrift kreuz.net „Hussah! Hussah! Die Hatz geht weiter“ schlagzeilt, dann muss das in Wippermanns Welt einfach eine Anspielung auf das „Hep! Hep!“ sein, mit dem Antisemiten 1819 in mehreren deutschen Städten Juden durch die Straßen getrieben haben. Und wenn Mario Bohrmann von der „Interessensgemeinschaft gegen Medienmanipulation“ im Interview mit ef-online bemängelt, dass der Zentralrat der Juden in Deutschland „Hermans Auftreten und das breite Lob dafür wieder mit der Nazi-Keule“ kritisierte, dann wird auch das ohne nähere Begründung unter der Rubik „Antisemitismus“ eingeordnet. Der zweite Kracher in Wippermanns Arsenal ist der Vorwurf der „Verschwörungstheorie“. Das passt erstens schön zum Antisemitismus, weil es bekanntlich auch antisemitische Verschwörungstheorien gibt, und zweitens erledigt dieses Schlagwort offenbar jede weitere Analyse, ob die Vorwürfe einer Verschwörung berechtigt sind oder nicht. Wippermann: „Die Medien des Mainstreams hätten sich wieder einmal gegen die Meinung des Volkes verschworen, hieß es immer wieder. Mario Bohrmann erklärte dazu im Interview mit ef-online, man könne sich gegen diese 'massive Manipulation der Medien' jedoch wehren, indem man sich 'unzensierte Hintergrundinformationen' aus dem Internet verschaffe.“ Was genau damit gemeint ist (die Verkoppelung von Kerner mit „Bild“ oder der dpa mit dem NDR, das Veröffentlichen einer irreführend geschnittenen Fassung der Kerner-Sendung in der ZDF-Mediathek usw.), das erklärt Wippermann nicht und es interessiert ihn offenbar auch nicht. Einer „Verschwörungstheorie“ anzuhängen, reicht schon, damit man bei ihm zum Nazi wird, denn, so Wippermann: „Hier fehlt nur noch der Ruf nach dem, der `uns frei macht´ - nach dem, der uns von den gegen uns gerichteten Verschwörungen befreit und die dafür Verantwortlichen bestraft. In der Geschichte der bisherigen Verschwörungsideologien war dieser Erlöser meist gleichbedeutend mit dem 'Führer'.“ Aus dem Ruf nach mehr Demokratie, mehr Pluralität und mehr Meinungsvielfalt den Ruf nach einer autoritären Obrigkeit, ja einer Diktatur zu machen – das ist nach allen Unredlichkeiten, die sich Wippermann bis hier geleistet hat, nun doch, man kann es leider nicht anders sagen, ein Husarenstück an Demagogie.

Was aber tut man außer solchen Anschuldigungen konkret, um die eigene, linke und damit natürlich einzig legitime Meinung gegen die immer weiter aufbrechende Meinungsvielfalt des Internets durchzusetzen? Auf der Schlussseite seines Hauptteils gibt Wippermann die Antwort: „Wir können uns dessen nicht erwehren, dass wir auch hier einiges falsch gemacht haben. Aber was? Vor allem haben wir nicht genau hingehört, was die vormals schweigende Mehrheit heute keineswegs mehr nur denkt, sondern mittlerweile auch von sich gibt, zumindest im halböffentlichen und privaten Bereich der Blogs und Briefe. Weiterhin haben wir dieses, nennen wir es mal `Grummeln der schweigenden Mehrheit´ zu schnell und zu voreilig entschuldigt, eben weil es sich doch `nur´ um die schweigende Mehrheit handelt. Schließlich haben wir nicht rechtzeitig und nicht radikal genug eingegriffen.“
An dieser Stelle wird jeder Kommentar überflüssig.

Gibt es also gar nichts Gutes über Wippermans Werk zu sagen? Wenig. Einige der von ihm zitierten Briefe und Blogs sind in der Tat widerwärtig, rassistisch, antisemitisch und generell menschenfeindlich, aber die berechtigte Kritik daran verpufft, weil sie mit völlig legitimen Äußerungen zusammengerührt werden. Eine Beobachtung Wippermanns aber ragt aus allen anderen deutlich heraus. Nämlich die, dass sich keiner der mit Eva Herman „in einem Atemzug genannten Konservativen für sie eingesetzt“ hat. „Arnulf Baring, Udo di Fabio, Matthias Matussek, Frank Schirrmacher und viele weitere der in diesem Zusammenhang Genannten schwiegen.“ Wenn es der radikalen Linken gelingt, ihre eigene Lesart als die einzig statthafte durchzusetzen, dann sind so einige konservative Meinungsführer nicht zuletzt selbst dafür verantwortlich.


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