18. Februar 2008

Ökonomie Einfach und verständlich

Gary North über Makro- und Mikroökonomie

Für die meisten Menschen ist Ökonomie ein Buch mit sieben Siegeln. Aber eigentlich ist sie ganz einfach zu verstehen. Sie ist nur in den letzten hundert Jahren, spätestens seit der Veröffentlichung des Buches „The General Theory of Employment, Interest, and Money“ von John Maynard Keynes im Jahr 1936, ziemlich unverständlich gemacht worden. Politiker waren begeistert von der Empfehlung von Keynes, mit breiten Eingriffen wie Leitszinsveränderungen, Steuererhöhungen und dergleichen den Schlamassel aufzuräumen, den sie zuvor mit anderen Eingriffen in die Wirtschaft angerichtet hatten. Die Begeisterung hält heute noch an, auch wenn die vermeintlichen Aufräumaktionen das Chaos nur vergrößern. Das ist verständlich, denn die Übernahme der Empfehlungen Keynes hatte einen riesigen Zuständigkeits- und Machtzuwachs zur Folge. Das Problem ist nur, dass mit dem Keynesianismus eine Obskurität in die Ökonomie Einzug erhalten hat, die sie bis heute nicht abgeworfen hat. Kein Wunder: Würde man sie abwerfen, stünden die meisten Politiker, die letztlich die Gelder für die Wirtschaftslehrgänge bereithalten, für alle offensichtlich da wie der berühmte Kaiser im Märchen von Hans Christian Andersen: Ohne Kleider.

Die Ausnahme ist natürlich das gesammelte Werk der österreichischen Schule der Ökonomie. Der amerikanische Publizist und Anhänger der österreichischen Schule Gary North hat jetzt ein paar freche Definitionen formuliert, mit denen die moderne, staatstragende Welt des menschlichen Handelns verständlicher wird.

Er fragt sich zunächst, was Ökonomie-Studenten in den ersten Semestern wohl schreiben würden, wenn sie in einer Klausur folgende Aufgabe gestellt bekämen: „Diskutieren Sie den Unterschied zwischen Mikroökonomie und Makroökonomie.“ Sie hätten mit der Beantwortung arge Probleme, meint North, „denn von Studenten in den ersten Semerstern wird weder jemals erwartet, noch werden sie dazu ermuntert, den Unterschied zu verstehen.“ Dies sei deswegen der Fall, weil „die Makroökonomen die Mikroökonomen fast so sehr hassen wie die Mikroökonomen die Makroökonomen.“ Deswegen werden die jeweiligen Kurse nicht nacheinander gegeben, sondern gleichzeitig. North: „Nur weil die wirtschaftswissenschaftlichen Abteilungen beide Kurse benötigen, um die für die Stellenquote der Fakultät nötige Zahl an Studenten zu bekommen, bleiben beide Kurse bestehen. Es mag Meinungsverschiedenheiten über die ökonomische Methodologie geben, aber es gibt Einmütigkeit über das fundamentale Ziel der Bildung auf Universitätsebene, nämlich die Vermeidung des Stellenverlusts.“

Der Selbsterhaltungstrieb sei der einzige gemeinsame Nenner dieser verfeindeten Brüder: „Der Mikroökonom erklärt menschliches Handeln unter dem Aspekt des wirtschaftlichen Eigeninteresses. Er glaubt an die Wirksamkeit der ‚tit for tat‘ [‚wie du mir, so ich dir‘] genannten Verhandlungsstrategie, eine Strategie, die eine langfristige Kooperation von Konkurrenten ermöglicht. Also stimmt er in der Erwartung für die Beibehaltung des Makrokurses im Lehrplan, dass die Makroökonomen für die Beibehaltung des Mikrokurses stimmen werden. Auch der Makroökonom erklärt menschliches Handeln unter dem Aspekt des persönlichen Eigeninteresses. Es ist in seinem Interesse, dass Universitätsgelder weiterhin in seine Abteilung fließen, wo zumindest im Augenblick die Makroökonomen nicht genug Stimmen haben, um die Mikroökonomen zu entfernen. Sein Handlungsprinzip ist nicht ‚wie du mir, so ich dir‘. Es lautet: ‚Auf den rechten Augenblick warten‘.“

Norths eigenwillige formale Definitionen von Mikro- und Makroökonomie lauten dann: „Mikroökonomie: Die Untersuchung darüber, wer das Geld hat und wie ich es in meine Hände bekommen kann. Makroökonomie: Die Untersuchung darüber, welche Regierungsabteilung die Schusswaffe besitzt, und wie wir sie in unsere Hände bekommen können.“

Es gebe natürlich Zwischenpositionen, so North. Im Westen werde die Untersuchung dieser Zwischenpositionen politische Ökonomie genannt, wovon es zwei Hauptausprägungen gebe: den demokratischen Kapitalismus und den sozialdemokratischen Kapitalismus. North: „Demokratischer Kapitalismus: Eine kooperative Unternehmung mit dem Ziel, genug Geld zu verdienen, um genug Einfluss auf das Parlament zu kaufen, um Kontrolle über die Schusswaffen der Regierung zu erlangen, um noch mehr Geld für die Sonderinteressen der eigenen Gruppe zu bekommen. Sozialdemokratischer Kapitalismus: Eine kooperative Unternehmung mit dem Ziel, genügend Wählern ausreichende Zuschüsse von der Regierung zu versprechen, um Kontrolle über die Schusswaffen der Regierung zu erlangen, um andere Sonderinteressengruppen davon abzuhalten, so viel Macht zu bekommen wie die eigene.“

Für die allseits bestimmende Kraft, nämlich Männer im reiferen Alter, sei das primäre gesellschaftliche Ziel in beiden Systemen der politischen Ökonomie das Anlocken attraktiver jüngerer Frauen. „Demokratische Kapitalisten glauben, dass sich attraktive jüngere Frauen hauptsächlich dem Geld hingezogen fühlen. Sozialdemokratische Kapitalisten glauben, dass sie sich hauptsächlich der Macht hingezogen fühlen.“ In Amerika seien die demokratischen Kapitalisten hauptsächlich Republikaner. „Ihre Vorbilder sind Rudolph Giuliani und Newt Gingrich, die jeder drei Frauen gehabt haben – wenn auch in Folge.“ Die sozialdemokratischen Kapitalisten seien hauptsächlich Demokraten. „Ihr Vorbild ist Bill Clinton, der weder Sex mit jener Frau, Monika Lewinsky, hatte, noch inhalierte.“

Die Makroökonomie beruhe auf einer Reihe von Annahmen, so North weiter, von denen keine jemals in einem Grundkurslehrbuch der Ökonomie diskutiert werden. Sie repräsentieren jedoch die grundlegenden Prinzipien der Makroökonomie. „Die primäre Annahme ist diese: zwei Dutzend Individuen, die bewiesen haben, dass sie nicht in der Lage sind, am unregulierten freien Markt mehr als $60.000 im Jahr zu verdienen, besitzen als Mitglieder eines Parlamentsausschusses die Fähigkeit, einen Unterbereich der Wirtschaft zu regulieren, der mindestens hundert Milliarden Dollar pro Jahr erwirtschaftet.“

Eine weitere Annahme sei, dass die Durchsetzung eines Gesetzes von festangestellten Arbeitnehmern eines oder mehrerer Bundesämter gerecht und effizient vorgenommen wird. Von Arbeitnehmern, die nur bei gesetzwidrigem Verhalten gefeuert werden können, das in den meisten Fällen dem versehentlichen Abfeuern einer Nuklearrakte entsprechen müsse. In diesem Zusammenhang verrät uns North das „fundamentale Arbeitsprinzip eines jeden Bürokraten“, das in keinem Lehrbuch zu finden sei. Er zitiert dabei eine Dame, die am Ende ihrer langen Bürokratenkarriere in Washington einer Zeitung ein Interview gab. Auf die Frage, wie sie es geschafft habe, so lange in ihrem Amt zu bleiben, antwortete sie: „Egal wofür mich irgendwer außerhalb des Amtes um Genehmigung bat, war meine Antwort immer: Nein. ... Ich sagte anfangs ‚Nein‘ weil, wenn ich später aufgrund der Regeln gezwungen war, mich auf ein ‚Ja‘ zurückzuziehen, ich mir einen Freund geschaffen hatte. Aber wenn ich gezwungen war, mich auf ein ‚Nein‘ zurückzuziehen, nachdem ich ‚Ja‘ gesagt hatte, hatte ich mir einen Feind gemacht. In dieser Gegend will man sich keine unnötigen Feinde schaffen.“

Die letzte von North genannte implizite Annahme ist, dass innerhalb der Wirtschaft kein Wandel stattfinden wird, der die Koordinaten der Makroökonomie so unvorhersehbar verzerren wird, dass etwas gefährliches oder schädliches passiert, bevor neue Gesetze verabschiedet werden können und neue Vorschriften im Bundesgesetzblatt veröffentlicht werden können. Makroökonomen unterschätzten jedoch die Komplexität des Marktes gewaltig.

Norths hier meist ironischen Bemerkungen haben einen wahren Kern: Wer die reale Welt menschlichen Handelns verstehen will, kommt an den Einsichten der österreichischen Schule der Ökonomie nicht vorbei.

Internet:

Gary North: An Introduction to Macroeconomics

Gary Norths Homepage

Deutsche Seite über die österreichische Schule der Ökonomie


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