03. März 2008

Materialismus und Konstruktivismus Woran der Westen krankt

Wo Ibn Warraq unrecht hat

In der Winter 2008-Ausgabe des New Yorker „City Journals“ hat Ibn Warraq, ein vom Islam abgefallener, unter diesem Pseudonym schreibender Autor einen Artikel darüber geschrieben, warum „im Westen“ alles „nur vom Besten“ ist und warum wir nicht zögern sollten, „die Überlegenheit westlicher Werte zu erklären“. Der Artikel wurde in deutscher Fassung in der Märzausgabe von eigentümlich frei wiedergegeben. In vielem, was Warraq hier schreibt, hat er recht. „Vernunft, Selbstkritik, die unvoreingenommene Suche nach der Wahrheit, die Trennung von Kirche und Staat, die Rechtsstaatlichkeit, die Gleichheit vor dem Recht, Gedanken- und Redefreiheit, Menschenrechte und die freiheitliche Demokratie“ sind allesamt vom Westen entwickelte Ideen, und sie haben  zweifellos direkt und wesentlich zu in der Geschichte der Menschheit beispiellosen persönlichen Freiheiten und zu einem bislang unerreichten allgemeinen Wohlstand geführt (mit Ausnahme der Demokratie, aber das ist ein anderes Thema). Auch hat er recht mit der Feststellung, dass die Abschaffung der Sklaverei und die Gleichbehandlung von Frauen und ethnischen und religiösen Minderheiten vom Westen ausging.

Aber Warraq führt auch Argumente ins Feld, die deutlich machen, dass er nicht versteht, warum das westliche Modell überhaupt groß diskutiert wird. Warum er diese Selbstverständlichkeiten überhaupt meint verteidigen zu müssen. Dass sie einem Angriff ausgesetzt sind, steht außer Frage. Doch zur Verteidigung der Errungenschaften westlicher Zivilisation reichen einige wohlgesetzte Worte nicht aus. Selbstmordattentäter und andere religiöse Fanatiker lassen sich durch rationale Argumente nicht beeindrucken.
 
Das weiß auch Ibn Warraq. Deswegen hat er an anderer Stelle zu einem „kalten Krieg“ gegen den Islam aufgerufen. Interessant an diesem Vorschlag ist das implizite Eingeständnis, dass gegen diesen Gegner ein heißer Krieg sinnlos ist. Allerdings ist damit schon fast alles über die Nutzlosigkeit dieses Vorschlages gesagt. Ein kalter Krieg ergibt nur dann Sinn, wenn ein heißer Krieg eine realistische Bedrohung darstellt. Doch genau das ist er für radikale Islamisten offenbar nicht. Die entscheidende Frage, die auch Warraq nicht beantwortet, lautet: Was schreckt einen zu allem entschlossenen Selbstmordattentäter ab? Und wenn, wie es derzeit scheint, die Antwort darauf „nichts“ ist, lautet die nächste Frage: Was also kann man sonst tun, um die Gefahr terroristischer Angriffe islamischer Fanatiker auszuschalten? Zumal sie sich schon längst „unter uns“ befinden.

Der Schlüssel zur Antwort auf diese Frage liegt in einigen Sätzen im Aufsatz Warraqs versteckt. Wenn er zum beispiel sagt: „Wie die Wissenschaft führt westliche Politik vorsichtige Schritte des Versuchs und Irrtums aus, offene Diskussionen, Kritik und eigenständige Fehlerbereinigung.“ Das zu behaupten, zeugt im besten Fall von Blauäugigkeit. Wer glaubt, die westliche Politik gehe tatsächlich so vor, wie die westliche Wissenschaft vorgehen sollte, der glaubt am Ende vielleicht sogar, dass die Selbstetikettierung des Kommunismus als „wissenschaftlich“ zutreffend ist. In Wirklichkeit geht auch die westliche Politik von einigen „betäubenden, erzwungenen Gewissheiten und Regeln“ aus, die Warraq – zu Recht – dem Islam vorwirft. Und selbst die wissenschaftlichen Institutionen des Westens sind von einer solchen Dogmatik nicht ganz frei. Wer in den letzten Jahrzehnten die Diskussionen um den Klimawandel oder revisionistische Geschichtsforschung beobachtet hat, kann das nicht ernsthaft leugnen. Und so muss auch Warraq seine Eloge auf den Westen einschränken: „Zusammen mit Forschungsinstituten und Bibliotheken sind Universitäten, zumindest idealerweise, unabhängige Akademien, die diese epistemologischen Normen bewahren, wo wir ohne politischen Druck die Wahrheit im Geiste unvoreingenommener Forschung ermitteln können.“ (Hervorhebung von mir.) Es ist also selbst im Westen nicht alles Gold, was glänzt.

Gänzlich realitätsfern wird Warraq aber, wenn er von den „Millionen von Flüchtlingen“ schreibt, die in den Westen fliehen, „wo sie Toleranz und politische Freiheit suchen“. Es stimmt zwar, dass viele in den Westen fliehen. Die genannten Gründe sind aber nur für einige Hundert, allenfalls für einige Tausend pro Jahr ausschlaggebend. Für den großen Rest geht es schlicht um Essen, Kleidung, Unterkunft und „ein bißchen Frieden“. Damit soll das wirklich bemitleidenswerte Schicksal der Flüchtlinge (ganz zu schweigen von dem jener, denen die Flucht nicht rechtzeitig gelang) nicht verharmlost werden. Aber ihre Veredelung nützt keinem.

Es gibt bei Warraq also Anzeichen für eine bei Renegaten typische Überhöhung seines neuen heiligen Grals, des „Westens“. Er sieht nicht, oder nur ganz eingeschränkt, dass es im Westen erhebliche Defizite gibt. Das allein wäre nicht der Rede wert. Problematisch ist jedoch, dass Warraq zu meinen scheint, dass die Islamisten den Westen aufgrund seiner Ideale angreifen. Es mag unter einigen islamischen Fanatikern ein Element der Weltherrschaftsphantasie geben. Aber ihre Munition, die Selbstmordattentäter, wird nicht mit einer solchen Vorstellung geschmiedet. Fanatiker dieser Sorte können in nennenswerter Zahl nur rekrutiert werden, weil sie meinen, dass der Westen ihrer Religion und ihren Idealen Schaden zufügt. Weil seine Soldaten und sein Zentralbanksgeld ihren Heimat- und Ursprungsländern dort, wo sie sie nicht mit Krieg überziehen, jene Aspekte des Westens aufdrücken, die Warraq im „City Journal“ nicht anspricht, an die aber auch unzählige „originäre“ Westler leiden: Den Materialismus und den mit ihm verwandten Konstruktivismus.

Sie sind die strategischen Schwachpunkte des modernen Westens. Sie sind seine unerklärte Religion. Sie sind nicht mit seinem Wohlstand gleichzusetzen. Materialismus ist die Vergötterung des Wohlstandes. Konstruktivismus ist der Glaube an die Machbarkeit des Paradieses auf Erden. Sie sind die Ursache für eine spirituelle Armut im Westen, die unterhalb des Subsistenzniveaus liegt. Die Natur mag kein Vakuum, auch kein spirituelles. Das erklärt die Sogkraft, die okkulte und andere, fremde Religionen auf viele Menschen im Westen ausübt. Dr Michael Nazir-Ali, Bischof im englischen Rochester, der seit kurzem Polizeischutz bekommt, weil er Todesdrohungen erhielt, nachdem er behautptete, der islamische Extremismus erzeuge „No-go-areas“ für Nichtmuslime, hat die Situation auf den Punkt gebracht: Ein „spirituelles und moralisches Vakuum“ habe sich im vergangenen halben Jahrhundert in Großbritannien ausgebreitet. Wenn das Christentum diese Leere nicht fülle, könne etwas anderes seinen Platz einnehmen, „und das könnte der Islam sein“.

Ibn Warraq und andere Materialisten und Konstruktivisten übersehen nämlich gerne die christlichen Wurzeln der Freiheit und des Wohlstandes im Westen. Sie übersehen, dass es schon im frühen, „finsteren“ Mittelalter in Europa eine industrielle Revolution gab, in der Wasser- und Windmühlen erfunden und entwickelt wurden, Pferdegeschirr und Steigbügel, Pflüge mit Rädern und vieles andere mehr, das direkt wohlstandsfördernd wirkte und im Abendland ein bis zur Ankunft der Pest ungebrochenes Bevölkerungswachstum auslöste. Sie übersehen ferner, dass es einen spirituellen Grund für diese Entwicklung gab, nämlich die aus dem Glauben an die persönliche Verantwortung für die eigenen Sünden entstandene christliche Doktrin des freien Willens. Eine Doktrin, die beispielsweise schon in der Spätantike von Augustinus und später vom Scholastiker Thomas Aquinas wiederholt betont wurde. Die ursächlich für die Entstehung des Individualismus sowie für die Abschaffung der Sklaverei im Mittelalter verantwortlich ist.

Damit ist nicht gesagt, dass das Christentum, wie es uns überliefert worden ist, ohne Fehler und eigene Probleme ist. Jedoch ist es die Besonderheit dieser Religion, dass sie, gerade weil ihr Begründer keine schriftliche Niederlegung seiner Gedanken hinterlassen hat, das rationale Denken und Argumentieren geradzu verlangt (und damit nebenbei die Disziplin der Theologie hervorbrachte). Nur mit rationalem Denken könne man den Willen Gottes zunehmend präzise erfahren, nahmen schon die ersten christlichen Theologen an, so Rodney Stark in seinem Buch „The Victory of Reason – How Christianity Led to Freedom, Capitalism, and Western Success“. Das Christentum ist im Grunde also ebenso ein „offenes Buch“, wie es laut der prinzipiell richtigen Einschätzung Warraqs der Westen ist. Solange sich der Westen jedoch nicht auch auf diese Wurzel seines berechtigten Erfolges besinnt und statt dessen dem goldenen Kalb des Materialismus huldigt und der Schimäre des Konstruktivismus nachjagt, wird er seiner derzeit gefährlichsten Herausforderung nicht begegnen können und untergehen.

Internet:

Why the West is Best

Im Westen nur vom Besten

Über Ibn Warraq

Rodney Stark: The Victory of Reason

'No-go' Bishop defends comments


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