10. März 2008

Monogamie und Familie Zeichen einer expansiven Zivilisation

In der auch das Individuum zur Geltung kommt

Stefan Blankertz, der in der Freiheitsfabrik meinen letzten Beitrag auf ef-online in einigen Punkten dankenswerterweise ergänzt und präzisiert, wenn auch nicht das Hauptargument berührt hat, schrieb kürzlich auf dem selben Blog auch einen anderen Beitrag mit der Überschrift „Soll, wo Ich war, Es werden?“, in dem er sich mit dem Verhältnis zwischen Vernunft und Trieb beschäftigt. Er stellt die Frage, ob das „Es“ nur zerstörerische, weil verdrängte Triebe repräsentiert oder ob es auch einfach nur natürliche Triebe darstellt. Dann bringt er ein Beispiel, „das Adornos Bewahrung von Freuds urspünglicher Unentschiedenheit [über diese Frage] beleuchtet“, und sagt: „Die monogame Ehe, Grundlage der bürgerlichen Familie, ist eindeutig Repression natürlicher Triebenergie.“

Dem ist zwar zuzustimmen. Ebenso eindeutig ist aber auch ein Deich eine Repression natürlicher Energie, mit der das Wetter Wasser in ansonsten trockene Gefilde befördert. Ebenso ist eine Bewässerungsanlage auch eine Repression der natürlichen Wirkungen der Sonnenenergie. Ein Medikament ist eine Repression natürlicher Krankheitserreger. Ein Haus ist eine Repression natürlicher Kälte und Hitze. Ein Flugzeug ist ein Instrument zur Repression natürlicher räumlicher Entfernung. Und so weiter. Ebenso sind ethisch-moralische Normen eine Repression natürlicher Triebe. Was beim Vergleich des Menschen mit der Tierwelt („Alle Primaten sind polygam“) oft übersehen wird, ist der einzigartige Bestandteil der menschlichen „Natur“, der ihn befähigt, den Rest der Natur, der inneren wie der äußeren, zu seinen Gunsten zu unterdrücken.

Nun meint Blankertz aber auch, dass die Einehe „eindeutig ein wichtiger Motor von Individualisierung“ sei. „Allerdings“, so führt er weiter aus, „führt die Individualisierung, im Bereich der Partnerschaft als Liebe gekennzeichnet, nicht zu einer Stabilisierung der Partnerschaft. Der Anspruch des Gemeint-Seins macht sensibel, führt zur Eifersucht, lässt für ‚Seitensprünge‘ und Scheidung anfällig werden, wenn die Individualität des Anderen ‚nervt‘.“ Der Grund für die Auflösung der Institution Einehe, die wir in westlich geprägten Gesellschaften beobachten, ist aber meines Erachtens nicht in einem historisch plötzlich erhöhten Bewusstsein der Individualisierung durch den danach dann geschmähten Liebespartner zu finden. Denn, und das scheint Blankertz zu übersehen, „gemeint-sein“ ist man nicht erst in der Partnerschaft, sondern schon als Kleinkind in der Familie. Dort ist der wichtigste „Motor der Individualisierung“, dort fängt die Individuation an, und sollte idealerweise so gut wie abgeschlossen sein, bevor man eine langfristige, monogame Partnerschaft einzugehen wagt. Der Grund hoher und steigender Scheidungsraten ist also in erster Linie im Mangel an vorangegangener Individuation zu suchen, nicht, oder allenfalls nachrangig, in der in der Partnerschaft stattfindenden „Repression“ der Triebe.

Das führt mich zu einem anderen Gedanken. Der große Unterschied zwischen Haus, Flugzeug und so weiter auf der einen und ethisch-moralischer Normen auf der anderen Seite scheint der zu sein, dass der Mensch die individuelle Freiheit hat, technische Hilfsmittel zur Unterdrückung der äußeren Natur zu verwenden oder auch nicht, nicht aber im Hinblick auf die Unterdrückung seiner inneren Natur, denn letztere werde ihm von den Eltern oder sonstigen „Bezugspersonen“, den Trägern jener ethisch-moralischen Normen, alternativlos eingeprägt. Der Mensch wird „geformt“, bevor er sich seiner Formung wirklich bewusst sein kann. Ist dieser Unterschied aber wirklich so groß? Seine Eltern und deren Normen kann man sich nicht aussuchen. Aber auch die Unterkunft und sonstige Hilfmittel suchen sich die meisten Kinder nicht aus, ohne sich zumindest am Rat einer älteren Bezugsperson zu orientieren. Meist bleibt ihnen sogar keine realistische Wahl, als jene technischen Hilfsmittel anzunehmen, die man ihnen vorgibt. Oft hat ihnen die Annahme dieses Rates das Leben gesichert oder gerettet, was man anhand der inzwischen stattlichen Zahl der Spezies Homo sapiens unschwer erkennen kann.

Natürlich gibt es immer wieder Menschen, die mit einer vorgegebenen Situation unzufrieden sind. Zum Glück, sonst gäbe es keinen technischen und auch keinen moralischen Fortschritt. Wenn aber jemand daherkommt und zum Beispiel Deiche abbaut, weil sie seine Freiheit, das Meer zu sehen, behindern, oder weil er das Recht des Meeres, Land zu überfluten, für ein höheres Gut hält als das Recht der Menschen, auf diesem Land zum Beispiel Lebensmittel anzubauen, dann ist die Frage berechtigt, ob das, was hier angestrebt wird, wirklich ein Fortschritt technisch oder moralischer Natur ist. Das gerade so ein „Deichabbau“ (mindestens im übertragenen Sinne) in der Umweltpolitik genau zur gleichen Zeit geschieht, wie mit staatlichen Mitteln alles getan wird, um den Institutionen Einehe und Familie zu schaden, ist sicher kein Zufall, denn diese Bestrebungen speisen sich beide aus ein und der selben antizivilisatorischen Quelle.

Im Jahr 1934 veröffentlichte Joseph Daniel Unwin seine Studie von 86 unterschiedlichen Gesellschaften in allen Phasen der Menschheitsgeschichte, worin er feststellte, dass es in allen Fällen eine direkte Verbindung zwischen „expansiver Energie“ einer Zivilisation und der Monogamie gab. Wenn die Sexualmoral in diesen Gesellschaften sich lockerte, folgte ein Verfall der Gesellschaft. Warum dem so sei, konnte er nicht erklären. Inwieweit diese Studie später erhärtet wurde, entzieht sich meiner Kenntnis. Scheinbar haben staatlich besoldete Akademiker kein allzugroßes Interesse daran, dieses Thema weiter zu erforschen. Die Erkenntnisse der Unwin-Studie stimmen jedoch gut mit der Untersuchung des Soziologen Pitirim Sorokin aus den 50er Jahren überein, der verschiedenste Kulturen in einer Zeitspanne von mehreren Jahrtausenden analysierte. Er stellte fest, dass sämtlichen politischen Revolutionen, die einen gesellschaftlichen Zusammenbruch zur Folge hatten, eine sexuelle Revolution voranging, in der Ehe und Familie entwertet wurden.

Die eben vergangene sexuelle Revolution der 1960er Jahre hat, ebenso wie die Umweltschutzbewegung, eine gemeinsame neomarxistische, antizivilisatorische Wurzel. Die Neomarxisten um Antonio Gramsci, Louis Althusser und Michel Foucault erkannten in den frühen Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts, dass der Kapitalismus nicht, wie von den frühen Marxisten vorhergesagt, an seinen eigenen Widersprüchen zugrunde gehen wird. Sie erkannten darüber hinaus, dass die bürgerliche Kultur des Kapitalismus im Gegensatz zu dem, was Marx behauptet hatte, nicht sein Überbau, sondern im Gegenteil sein Fundament war. Sie schlossen daraus, dass, sollte der Marxismus jemals verwirklicht werden, dieses Fundament untergraben werden muss. Die Frankfurter Schule und ihre „Kritische Theorie“ stehen ganz in der Nachfolge des Neomarxismus. Sie hat einen immensen Einfluss auf die heutige geisteswissenschaftliche Elite ausgeübt und bestimmt über sie weitgehend die Inhalte der (Un-)Bildung und (Un-)Kultur in der ganzen westlichen Welt.

Wenn Unwin und Sorokin mit ihren Untersuchungen auf eine reale Ursachenkette gestoßen sind, können wir uns, unabhängig davon, ob wir die Mechanismen verstehen oder nicht, demnächst auf eine politische Revolution einstellen, „die einen gesellschaftlichen Zusammenbruch zur Folge hat“, unter dem auch das Individuum als Institution leiden wird.

Internet:

Stefan Blankertz: Soll, wo Ich war, Es werden?

Über die Unwin-Studie

Über die Sorokin-Studie


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