31. März 2008

Vergangenheitsbewältigung Die Wiederkehr des Verdrängten

Die deutschen 68er – die eigentlichen Neo-Nazis?

Ein Plädoyer für die „Bewältigung der Vergangenheit“ der 68er impliziert erkennbar einen Vergleich, wenn nicht gar die Gleichordnung dieser „Bewegung“ mit dem Nationalsozialismus der 1930er Jahre; denn nach den Prämissen bundesdeutscher Bewältigungspolitik gilt es bekanntlich nur den Nationalsozialismus zu „bewältigen“, so daß die Bewältigungsaufforderung an die 68er notwendigerweise den Vorwurf des „Faschismus“ zur Voraussetzung hat. Dagegen gilt etwa der Internationalsozialismus nicht als besonders bewältigungsbedürftig, wie man daran erkennt, daß bekanntlich dessen Vertreter in der moralisch fortgeschrittenen Bundesrepublik trotz teilweise noch erfolgter Eintragung in sogenannten VS-Berichten als „Linksextremisten“ Regierungsämter übernehmen dürfen. Selbstverständlich wird die sog. demokratische Partei, die einst als „Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands“ firmiert hatte und aus der dann der Internationalsozialismus einst hervorgegangen war und die dessen Vertretern heute die Regierungsämter verschaffen kann, nicht in diesen „Verfassungsschutzberichten“ aufgeführt.

Warum Bewältigung?

Stellt man sich die Frage, warum denn überhaupt „bewältigt“ werden muß, dann lautet die Antwort in der Regel: Zur Wahrung der Würde der Opfer und vor allem soll durch „Bewältigung“ verhindert werden, daß sich ein bewältigungsbedürftiges Ereignis wiederholt. Bei den Deutschen erwartet man, was wohl rassisch bedingt sein muß, die Wiederkehr des Nationalsozialismus, wenn nicht amtlich etwa durch Bewältigungsbriefmarken, staatlichen Bewältigungstränen und dergleichen „bewältigt“ werden würde. Dagegen befürchtet man nichts Schlimmes durch den Internationalsozialismus, falls man dessen Wiederkehr überhaupt voraussieht, obwohl dieser in einem Teil Deutschlands immerhin ganz real ein Projekt verwirklichen konnte, das Reichskanzler Bismarck einst als „allgemeines sozialistisches Zuchthaus“ vorausgesagt hatte und was der liberale Reichstagsabgeordnete Eugen Richter, der durchaus in Opposition zum genannten Kanzler stand, in vergleichbarer Weise in seinen „Sozialdemokratischen Zukunftsbildern“ von 1891 als Folge der Umsetzung der zeitgenössischen SPD-Ideologie bei einem entsprechenden Wahlausgang für möglich hielt. Wenn demnach schon im Fall des DDR-Kommunismus nicht wirklich „bewältigt“ werden muß, weil er mit dem allein bewältigungsbedürftigen Nationalsozialismus nach herrschender Meinung nichts zu tun habe, dann verbietet es sich gewissermaßen von vornherein, überhaupt nur an die Bewältigung des 68er-Phänomen zu denken.

Aufgrund der publizistischen Machtverhältnisse, die in der Tat dazu beitragen, der Ex-SED den Erwerb von Regierungsämtern in der freiheitlichen BRD zu sichern, dürfte im Ergebnis der Aneinanderreihung von 68ern und NS-Bewegung politisch erfolgreich entgegengehalten werden: Die 68er „waren antiautoritär, die Nazis totalitär, sie wandten sich gegen Krieg, die Nazis machten Krieg; die 68er traten für die Durchsetzung demokratischer Freiheitsrechte ein, während der Nationalsozialismus mit seinen Wegbereitern eine Versklavungsbewegung war und jegliche Demokratie abgeschafft hat“; so der Leserbrief von Tilman Fichter im „Spiegel“ Nr. 10/2008, vom 03.03.2008, S. 15. 

1. Terror und Gewaltherrschaft (Opferperspektive)

Dieser Verteidigung der deutschen 68er ist entgegenzuhalten: Man stelle sich vor, der Boykott jüdischer Geschäfte, die öffentliche Bücherverbrennung, der „Röhmputsch“ und die „Reichskristallnacht“ hätten auf einmal stattgefunden, sich dabei aber nicht nur auf jeweils etwa einen Tag beschränkt, sondern sich tagtäglich über zwei Jahre hingezogen, mit einer insgesamt über ein Jahrzehnt dauernden Abwicklung durch Landverschickung zur Zwangsarbeit und KZ-Einweisung mit Folter. Dann bekommt man eine Vorstellung vom Horror der großen „Proletarischen Kulturrevolution“, die sich etwa zeitgleich zur westlichen 68er-Bewegung und für diese nachhaltig inspirierend in der Volksrepublik China vollzog. Allein die unmittelbaren Todesopfer dieser von der kommunistischen Diktatur losgelassenen Anarchie belaufen sich auf 1 bis 1,5 Millionen. Diese eher vorsichtige Schätzung sei hier nur angeführt, um eine Bewertung der vielleicht dann doch bewältigungsbedürftigen Tatsache zu erlauben, daß bundesdeutsche 68er seinerzeit mit dem Plakat des Hauptverantwortlichen dieses anarchistischen Staatsterrors, nämlich des chinesischen KP-Vorsitzenden Mao Zedong, demonstriert und sich auf dessen Kampf-Schrift, die sog. Mao-Bibel bezogen haben. Diese erreichte immerhin eine bundesdeutsche Gesamtauflage von 140 000 Stück! Die deutschen 68er können sich nicht darauf hinausreden, daß sie über den Horror der ihnen kongenialen Kulturrevolution in China nichts gewußt hätten, was eine Entschuldigung darstellt, die sie bei der kritisierten Vätergeneration absolut nicht gelten ließen. Schon 1967 hatte nämlich der wirklich vorsichtig argumentierende Chinaexperte Prof. Domes berichtet, daß Mao-Kritiker „durch die Straßen geschleift, geschlagen, gedemütigt, gefoltert und mit Sicherheit in vielen Fällen auch getötet“ worden seien. Die Roten Garden „zerstörten Tempel, christliche Kirchen...“. Am 24. Januar 1967 hatte sogar der Außenminister der Volksrepublik China in einer erzwungenen „Selbstkritik“ mitgeteilt, „daß allein im Spätsommer und Herbst 1966 mehr als 400 000 Kader physisch liquidiert worden“ waren.

Wie ist diese nun wirklich unter 68ern weit verbreitete Mao-Verehrung in Verbindung zu bringen zu dem „demokratischen Bewußtsein“, dessen sich diese 68er so berühmen? Die Antwort ergibt sich aus dem Klapptext des Buches von Jan Myrdal, China – Die Revolution geht weiter, das im dtv-Verlag erschienen ist: „Mao lehrte seine Landsleute, ... Demokratie als absolute Gleichberechtigung zu verstehen, allerdings mit einer ebenso absoluten Unterordnung des einzelnen unter die Beschlüsse der Gemeinschaft“. Diese Beschlüsse, denen man sich absolut, also mit sog. Kadavergehorsam unterordnen muß, sollen natürlich durch die Erkenntnisse des großen Vorsitzenden, also des chinesischen Führers zum Ausdruck kommen. In Klapptext des Buches des Sohnes der Chefideologen der schwedischen Sozialdemokratie, des Ehepaars Myrdal, ist dann eine Würdigung des Buches durch den Westdeutschen Rundfunk, einem Hort linken bundesdeutschen Demokratiebewußtseins abgedruckt: „Das (nämlich die großen Fortschritte Chinas unter der Führung Maos, Anm.) in einer ... verständnisvollen Weise dem Leser vermittelt zu haben, ist das einzigartige Verdienst von  Jan Myrdal“. Vielleicht sollte darauf hingewiesen werden, daß das Ehepaar Myrdal einst dem deutschen Nationalsozialismus als Bewegung der Jugend durchaus aufgeschlossen gegenübergestanden war. Bei deren Sohn scheint sich dies also in Mao-Verehrung fortgesetzt zu haben!

Die Maxime, daß zumindest die Opferperspektive die Bewältigungsbedürftigkeit des 68er Phänomens gebietet, führt aber noch weiter: Elizabeth Becker, die ein sehr beeindruckendes Buch über Kambodscha und das Herrschaftssystem von „Bruder Nr. 1“, also Pol Pot, geschrieben hat, stellte die 68er-Generation als politisch-ideologische Strömung damit wie folgt in Verbindung: „Der Unterschied zwischen den Roten Khmer und den meisten ihrer revolutionären romantischen Zeitgenossen, der einem das Herz stillstehen läßt, besteht darin, daß die Kambodschaner tatsächlich gewonnen haben und ihre revolutionären Ideen umsetzten“ (s. S. 288 des Buches: When the War was over, 1986). Bekanntlich haben die Roten Khmer das für den Sozialismus zentrale demokratische Recht auf Arbeit verwirklicht; wer sich dieser der sozialen Gerechtigkeit und Gleichheit geschuldeten Verpflichtung und damit dem Sklavenlager entzog, das das ganze „Demokratische Kambudschea“ darstellte, kam nicht ins Gefängnis. Gefängnisse waren ja, sieht man von revolutionären Befragungszentralen ab, dem Freiheitsideal entsprechend abgeschafft. Man konnte deshalb nur vom Leben befreit werden. Nun könnte man sagen, daß die Kollektivzurechnung, die im eigentlichen Zusammenhang jedoch kennzeichnend für die amtliche bundesdeutsche Bewältigung ist, doch etwas zu weit geht, wenn man den 68ern insgesamt auch noch das sog. Autogenozid in Kambodscha zuschreiben würde, bei dem etwa ¼ der Bevölkerung vom Leben befreit wurde. Auf die damalige BRD übertragen wäre dies auf ca. 15 Mio. Todesopfer hinausgelaufen! Der relativ konkrete Zusammenhang zwischen bundesdeutschen 68ern und Pol Pot läßt sich allerdings folgender FAZ-Meldung vom 31.01.2001, S. 10, entnehmen: „Am 15. April 1980 sandte der Sekretär des KBW (Kommunistischer Bund Westdeutschland, Anm.) Hans-Gerhart Schmierer ein Glückwunschtelegramm in die Dschungelfestung des Roten Khmer „an den Genossen Pol Pot“ ... Der KBW sammelte für die im Dschungel untergetauchten Reste der Roten Khmer 238 650 Mark“.

Dabei ist hervorzuheben, daß Grußbotschaft und Geldüberweisung, also Ehrerbietung und Finanzierung eines sozialistischen Massenmörders durch bundesdeutsche 68er, getätigt wurden als in der Zeitschrift Der Spiegel bereits ein Artikel des bekannten Ostasienkorrespondenten Tiziano Terzani mit folgenden entscheidenden Aussagen erschienen war: „Überall, wo ich anhielt ... fand ich Massengräber und Vernichtungsfelder. Manchmal ließ es sich nicht vermeiden, über Knochen von Menschen zu gehen, die zwischen 1975 und 1978 umgebracht worden waren“ (s. den Spiegel-Artikel „Ich höre noch Schreie in der Nacht“,  Nr. 16/1980, S. 164 f.). Schon am 14. April 1976 hatte die maoistische KPD in Dortmund anläßlich einer Festveranstaltung zum ersten Jahrestag der Machtergreifung von Pol Pot, d.h. der Eroberung von Phnom Penh und den Beginn der Massenevakuierung der Millionenbevölkerung in den Dschungel zur sozialistischen Zwangsarbeit ihre „bedingungslose Unterstützung“ für Pol Pot erklärt. Der Mitbegründers der sogenannten Alternativzeitung TAZ, Michael Sontheimer, hat die Unterstützung für Pol Pot durch deutsche 68er wie folgt gerechtfertigt: „Die Verbrechen, die Pol Pot und seine Genossen … nach der „Befreiung“ … an ihrem Volk begingen, waren so ungeheuerlich, daß sie am besten gleich verdrängt wurden“ (s. Kambodscha – Land der sanften Mörder, 1990, S. 13). Diese Einlassung eines Vertreters der bundesdeutschen 68er ist aber nicht besonders glaubwürdig, abgesehen davon, daß hier wiederum das verdammenswerte „Wegschauen“ und „Verdrängen“ zu konstatieren ist. Man mag zwar nicht die Einzelheiten gewußt haben, wie etwa den rituellen Kannibalismus, bei dem man die Leber des revolutionär vom Leben befreiten Klassenfeindes verspeiste, daß aber zum Heil der Menschheit gemordet wurde, war sehr wohl bekannt und wurde als wohl unvermeidbar und geschichtsnotwendig, also als nicht besonders bewältigungsbedürftig hingenommen!

Die Notwendigkeit der Bewältigung des 68er-Phänomens, das sich damit wohl aufdrängt, wird vielleicht die Antwort auf folgende Frage ergeben: Kann man wirklich davon ausgehen, daß die 68er, wie Elizabeth Becker in ihrem Buch über Kambodscha unterstellt, Pol Pot-artige Verhältnisse verwirklicht hätten, wenn es ihnen auch außerhalb dieses asiatischen Landes, etwa in der Bundesrepublik Deutschland gelungen wäre, die Macht zu übernehmen? Diese Frage ist zumindest auf einer ideologischen Ebene eindeutig zu bejahen; wie sich dies realpolitisch dargestellt hätte, kann natürlich nicht gesagt werden. Hingewiesen sei auf die berühmte „Fischmehlfabrik“, die unter K-Gruppenanhängern angedroht wurde - wobei sich die damaligen Protagonisten noch immer darüber streiten, ob damit nur ein Arbeitslager, also KZ-Einweisung gemeint war oder doch ein Vernichtungslager; vor allem aber kann die hier vorgenommene Einschätzung der Folgen einer möglichen 68er-Machtergreifung an dem maßgeblichen Idol der 68er, nämlich Ernesto Che Guevara belegt werden; dieser war von Geburt und sozial privilegierter Abstammung nach Argentinier, er hat aber die kubanische „Revolution“, d.h. den Umsturz von Fidel Castro und die Errichtung einer karibisch-kommunistischen Diktatur wesentlich geprägt. „Er, nicht Fidel, erfand 1960 das erste Lager für Besserungsarbeit (wir würden Zwangsarbeit sagen), das auf der Halbinsel Guanaha errichtet wurde“, so die Einschätzung seines zeitweiligen Mitläufers und späteren Beraters des französischen Sozialisten Mitterand, Régis Debray. Als unfähiger Industrieminister und Zentralbankdirektor hat „Che“ maßgeblich den Niedergang der kubanischen Wirtschaft bewirkt. Er hat den kubanischen Totalitarismus vorbereitet, indem er schon vor der Machtergreifung besondere Härte zeigte, mit der er Munddiebstahl ohne irgendeine Art von Prozeß mit Erschießung verfolgen ließ. „Nach dem Sieg übernimmt Guevara das Amt des „Anklägers“ und entscheidet über Gnadengesuche. Auf jeden Fall ist das Gefängnis La Cabaňa, in dem er amtiert, Schauplatz zahlreicher Hinrichtungen, insbesondere von ehemaligen Waffengefährten, die demokratisch bleiben“, so die Einschätzung im „Schwarzbuch des Kommunismus“. Es war vor allem Guevara, der für die Rekrutierung der kubanischen Jugend in Organisationen verantwortlich war, die dem Kult des neuen Menschen huldigten.

Wie konnte eine derartige mörderische Polit-Figur zum Gegenstand eines weltweit blühenden, aber insbesondere in der BRD wirkenden Jugendkults werden, der vor allem dem toten „Che“ galt und sogar Anzeichen eines quasi-religiösen Auferstehungsglaubens zeitigte? Als Argentinier sozial privilegierter Abstammung erschien „Che“ im Gebaren und Typus („Rasse“) noch „europäisch“ genug, um bei revolutionsbedürftigen 68er-Deutschen eine genuine Identifizierung herbeizuführen; bei einem wirklichen Kubaner hätte sich dies etwas artifiziell ausgenommen wie die Demonstrationen mit Mao- und Ho-Bildern. Enzensberger schrieb seinerzeit vom „rücksichtslosen manichäischen Blick“, den die Weltvölker auf ihre Unterdrücker würfen. Die manichäische Weltbrand- und Reinigungs-Lehre hat der jugendlich wirkende, Christus-Ikonen imitierende „Che“ für ein westliches Publikum am besten verkörpert: Nach Sven G. Papcke habe „Che“ eine „Lehre vom Menschen“ entworfen, die „die Annihilation des anderen fordert, um jenseits aller Egozentrik neue, menschliche Zustände zu schaffen“. Daß diese Selbsterschaffung des „neuen Menschen“ nur durch den „absoluten Krieg“ möglich wäre, den ein früherer Vertreter des manichäischen Typus als „totalen“ angesehen hatte, die nichts anderes als „die Erlösung der Menschheit“ zum Ziele hat, ist natürlich klar. Um diese Menschheitserlösung zu erreichen, müßten - so „Che“ - die „Soldaten der Revolution“ beseelt sein vom „unbeugsamen Haß dem Feind gegenüber“, der die Menschheitserlöser, „in eine wirksame, gewaltsame, selektive und kalte Tötungsmaschine verwandelt“. Holthusen hat sicherlich richtig beobachtet, wonach mit „Che“ die „extrem autoritätsfeindliche und ehrfurchtslose Jugend die Epiphanie des Heldischen erlebte: „Selbstlosigkeit, Unbedingtheit, Todesverachtung, Großmut und - Grausamkeit.“ Letztlich feierten mit „Che“ demnach die Tugenden der vorausgegangenen Weltkriegsepoche, die man als „faschistisch“ einordnet, in Gestalt eines - angeblich - unbefleckten Weltrevolutionärs ihre Wiederauferstehung (so in etwa auch Gerd Koenen). Wenn „Der Spiegel“ jüngst hinsichtlich eines üblicher Weise bewältigten Ereignisses die Frage aufwarf, wie normale Deutsche zu Mördern hätten werden können, dann soll er doch den Weg analysieren, der zu den aus den 68ern hervorgegangenen Terroristen geführt hat. Am konsequentesten ist diesen Weg, nämlich die Entschlossenheit zum Mord aus Gründen der Menschheitserlösung, Andreas Baader gegangen, der sich als Weltrevolutionär schlechthin in der Nachfolge Guevaras sah. Mit Baader ist angedeutet, daß die 68er-Ideologie keine bloße Theorie oder Heldenverehrung und Sammelaktion für sozialistische Dritte Welt-Diktatoren geblieben ist, sondern wesentlich das Phänomen RAF (Rote Armee Fraktion) getragen hat. Deren Terrorismus war bislang das einzige Phänomen, das die politische und verfassungsrechtliche Ordnung der Bundesrepublik wirklich hatte erschüttern können. Von sogenannten oder auch tatsächlichen Neo-Nazis hat der Bundesrepublik Deutschland auch nicht im Entferntesten eine derartige fundamentale Gefährdung gedroht. Dabei ist ja noch zu berücksichtigen, daß ein der BRD äußerst feindliches Regime, nämlich die DDR mit ihrer Geheimpolizei mit dem RAF-Terrorismus verbunden war (s. dazu Jochen Staadt, Eine deutsche Waffenbrüderschaft. Die Rote-Armee-Fraktion (RAF) und der Staatssicherheitsdienst der DDR waren in vielerlei Hinsicht Brüder im Geiste. Doch nicht nur das. Ohne die Unterstützung durch die DDR wäre die RAF nie die Terrororganisation geworden, die sie in der siebziger und achtziger Jahren war, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 5.10.2007, S. 12), der daher nicht nur ein polizeiliches und staatsanwaltschaftlich relevantes Phänomen darstellte. Wenn es nicht zum Schlimmsten gekommen ist und daher die 68er ihre Mythen einer moralischen Selbsterhöhung pflegen und verbreiten können, dann ist dies wahrlich nicht ein Verdienst der 68er selbst, sondern vielmehr ihrer konservativen und liberalen Gegner (unter ihnen auch rechte Sozialdemokraten), die die 68er davor bewahrt haben, Verhältnisse und Vorgänge zu bewirken, , an denen dann, um es vorsichtig auszudrücken, auch die bundesdeutsche „Bewältigung“ ihre Augen nicht weiter verschließen könnte.

2. NS-Charakter des deutschen 68er Phänomens

Nun könnte man einwenden, daß eine derartige Gewaltherrschaft jedoch auch dann nicht bewältigungsbedürftig wäre, die bis zur Verwandlung eines ganzen Landes in ein unter demokratischen Parolen verwaltetes Sklavenlager hätte gehen können, wenn sich die 68er nicht nur in Kambodscha, sondern eben auch in Deutschland gewaltsam durchgesetzt hätten. Ein Gewaltregime der 68er hätte nämlich allenfalls ein Linksregime bedeutet und dieses muß ja, wie nicht nur der Umgang mit den Opfern des RAF-Terrorismus, sondern vor allem der Umgang mit dem DDR-Regime und dessen Opfern zeigt, nicht wirklich bewältigt werden. Zwar ist Heinsohn in seinem „Lexikon der Völkermorde“ (s. S. 243 ff.) zu der Erkenntnis gelangt, daß unter „keiner Weltanschauung ... in der Menschheitsgeschichte größere Mega-Tötungen vollzogen (wurden) als unter Regierungen, die sich dem Marxismus bzw. dem wissenschaftlichen Sozialismus verpflichtet fühlten“. Diese Opfer scheinen aber bewältigungspolitisch weitgehend irrelevant zu sein, da sie wohl unvermeidbar dem Menschheitsfortschritt geschuldet sind. In diese Kategorie wären dann auch die tatsächlichen und potentiellen Opfer der 68er einzuordnen, d.h. diese dürfen oder müssen gar, vielleicht sogar nachhaltig, demokratisch ins Vergessen verdrängt werden.

Aber auch nach den etwas eigenartigen Prämissen bundesdeutscher Bewältigungspolitik, müßte sich die Bewältigungsbedürftigkeit der 68er jedoch dann ergeben, wenn es sich dabei um ein Phänomen handeln würde, das doch irgendwie als „faschistisch“ zu kennzeichnen wäre. In diese Richtung geht durchaus eine Selbstkritik aus den Reihen ehemaliger 68er, wie sie etwa von Gerd Koenen, Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967-1977 geäußert worden ist und wie sie jüngst Götz Aly mit seinem Buch mit dem sich selbst erklärenden Titel „Unser Kampf 1968“ geäußert hat. Dort wird etwa die Einsicht des amerikanischen Außenministers Henry Kissinger mitgeteilt, wonach die studentischen Rebellen in Deutschland „nazistischer als etwa die NPD“ sein würden. Der jüdische Professor Ernst Fraenkel bemerkte in diesem Zusammenhang, daß die Judengegnerschaft auf der rechten politischen Seite nicht in Erscheinung trete, wohl aber auf der linken und es sei erschütternd, „mit welcher Inbrunst die ahnungslosen Jünglinge und Jungfrauen ... ihre proarabischen Sprüche herunterleierten.“ Diese Problematik sollte im Laufe der Entfaltung der deutschen 68er-Ideologie in den politischen Terrorismus zum Vorfall in Entebbe führen, wo deutsche Linksterroristen die jüdischen Passagiere eines entführten Flugzeuges der Air France in einem Selektionsverfahren von den übrigen Passagieren trennten, ersichtlich, um jene eine „Sonderbehandlung“, nämlich Geiselermordung, angedeihen zu lassen: „Daß Linke dies dreißig Jahre nach Auschwitz fertig brachten, gehört bis heute für mich zu den traurigsten und schlimmsten Kapiteln der 68er-Bewegung“, so der Kommentar eines 68er-„Renegaten“. Aus eigentlich aufklärungs- und damit bewältigungsbedürftigen Gründen ging der Weg der deutschen 68er, erkennbar einer inneren Ideologik folgend, vom „zutiefst moralischen Antifaschismus zum mordbereiten Antizionismus“, also von „Auschwitz nach Entebbe“ „ein Weg, der für alle deutschen Terroristen, jedenfalls in den siebziger Jahren, zum geheimen Gravitationszentrum ihrer Aktionen wurde,“ so immerhin Koenen.

Die Bewältigungsbedürftigkeit des „Faschismus“, womit meist der deutsche Nationalsozialismus gemeint ist, wird in den staatlichen Bewältigungszeremonien in der Regel ideologisch auf den dem Nationalsozialismus sicherlich kennzeichnenden Nationalismus zurückgeführt. Dieser Nationalismus wird dann für Krieg, Gewaltherrschaft und Holocaust verantwortlich gemacht, obwohl derartige Erscheinungen ansonsten doch eigentlich mehr dem Sozialismus oder vergleichbaren Fortschrittsdoktrinen zugeschrieben werden müssen, außer natürlich im Falle der Deutschen. Da aber die deutschen 68er das Gegenteil von Nationalisten waren, können sie dann - so die offiziöse Auffassung  - in keine NS-Tradition gestellt werden. Das Selbstverständnis der 68er als Antinationalisten ist jedoch deshalb verfehlt, weil bei ihnen durchaus auch Nationalismus vorhanden war, der sich allerdings als entschiedener Fremdnationalismus zum Ausdruck brachte. Die Bewegungen der sog. Dritten Welt, die sie unterstützt und deren Führer, wie „Mao“ oder „Ho“, sie als Idole verehrt haben, waren nämlich extreme Nationalisten. Mao war ja in der Tat, wie andere chinesische Kommunisten auch, auf Befehl Stalins als Kommunist auch Mitglied der nationalistischen Kuomingtang gewesen und er hat nach dem Bruch der Kommunisten mit den Nationalisten lange gezögert, wem er sich bleibend anschließen sollte. Mao hat sich vor allem deshalb für den Kommunismus entschieden, weil dieser zur größeren Gewaltanwendung bereit war. Der Maoismus, der sich schließlich in China erfolgreich im Bürgerkrieg zugesetzt hat, behielt dann zwar die Bezugnahme auf den Marxismus bei, hat diesen jedoch so modifiziert, daß man aus einer orthodoxen Sicht mit Stalin den Vorwurf erheben kann, daß Mao die Grundsätze des Marxismus verkannt habe, und zwar in einer Weise, die eigentlich auf eine inhaltliche Verabschiedung vom Marxismus hinausgelaufen ist. So hat der Maoismus die Klassen des Klassenkampfes kaum als soziologische Kategorie aufgefaßt, sondern sie als rein ideologische Gattung verstanden, so daß sich der Klassenkampf gegen alle politischen Gegner der chinesischen Volksgemeinschaft richten konnte. Insbesondere beim Kambodschaner Pol Pot kam dann sogar der rassistische Charakter der Klassenkampfkonzeption zum Vorschein, ging es bei seiner Revolution doch darum, mit kommunistischen Methoden die „Dauerhaftigkeit der kambodschanischen Rasse“ zu sichern. Man muß allerdings sagen, daß sich eine derartige Konzeption durchaus schlüssig aus dem Marxismus ableiten ließ, geht doch die Vorstellung des Klassenkampfes auf eine Rassenkampfkonzeption zurück: Man führte nämlich Ende des 18. Jahrhunderts das Entstehen einer Klassengesellschaft darauf zurück, daß sich eine im Krieg siegreiche Rasse als führende Klasse etabliert habe. Dementsprechend wurde etwa beim Historiker Augustin Thierry, auf den sich Karl Marx bei seiner Formulierung der Klassenkampftheorie vor allem stützte, der Sieg der Bourgeoisie über die Aristokratie in der Französische Revolution gleichzeitig als Sieg der Gallier über die Germanen verstanden. Der in diesem Sinne nationalistische, ja rassistische Charakter der 68er-Bezugspunkte wird nachträglich etwa von dem schon angeführten TAZ-Redakteur Sontheimer zugestanden, der rechtfertigend meint, die westlich aufgeklärten deutschen 68er hätten die nationalistischen und rassistischen Ressentiments der sozialistischen Dritt-Welt-Bewegungen, die für den politischen Massenmord verantwortlich gemacht werden, nicht erkannt. Diese Einlassung ist insofern unglaubwürdig, weil bei den zahlreiche Demonstrationszügen gegen den amerikanischen Krieg in Indochina fremdnationalistische Parolen wie „Vietnam den Vietnamesen“ mitgeführt wurden. Wenn aber das dieser Parole zugrundeliegende Prinzip richtig ist, dann rechtfertigt dies auch die sog. rechtsextreme Parole „Deutschland den Deutschen“. Die deutschen 68er standen dann auf etwas entfremdete Weise dieser Schlußfolgerung dann doch nicht so fern, die sich im übrigen etwa bei der Terroristin Ulrike Meinhof durchaus nachweisen läßt.

Wie läßt sich nun die sich aufdrängende Ähnlichkeit zwischen deutschen 68ern und der NS-Bewegung der 1930er Jahre erklären? Einen wichtigen Hinweis vermag vielleicht der Politikwissenschaftler Wilhelm Hennis zu geben, der seinerzeit die 68er wie folgt in Relation zu den 33ern setzte: „Ich kenne eigentlich niemanden, der die Nazis aus eigener Anschauung gefürchtet hat, den am Nazismus reaktionäre, obrigkeitsstaatliche oder antidemokratischen Tendenzen besonders bedrückt hätten, sondern: das Tyrannische, Zwingende, Unfreie, alles in Marsch setzende, das Totalitäre im wirklich privat-existenziell erfahrenen Sinne, die Herstellung einer unentrinnbaren Wir-Atmosphäre, das Gefühl, daß ständig etwas geschieht, Aktionen bevorstehen - dies war es doch - was die Menschen fürchten ließ. Der Stahlhelm war reaktionär, die SS wohl kaum. Herr von Papen war für den Obrigkeitsstaat, Hitler sicher eher für die levée en masse, genannt `Bewegung´. Im Nationalsozialismus nur das Autoritäre, Obrigkeitsstaatliche zu sehen, aber das Element der Bewegung nicht sehen zu wollen, heißt, ihn so gut wie nicht zu erkennen.“ Nun bringt aber der Sozialdemokrat Hennis auch nicht auf den Punkt, was dann eigentlich beim Nationalsozialismus bewältigungsbedürftig ist, wenn es die reaktionären Züge nicht oder nicht unbedingt sind, sondern etwas anderes, was die 68er, soweit es sich um ein sehr deutsches Phänomen handelt, dem Nationalsozialismus doch sehr ähnlich erscheinen ließ. Bei dieser Gemeinsamkeit kann es dann nur um den entscheidenden sozialistischen Aspekt gehen.

Auch wenn der sozialistische Charakter der Nationalsozialismus von konkurrierenden Sozialisten und teilweise auch von NS-Sympathisanten, trotz der parteiamtlichen Selbstbezeichnung in der Regel wütend bestritten worden ist: Gerade die bewältigungsbedürftig wesentlichen Aspekte des Nationalsozialismus, die ihm zu Recht als vorgehalten werden, ergeben sich aus der sozialistischen Tradition des 19. Jahrhunderts. Wären nämlich die nationalistischen oder auch „reaktionären“ Tendenzen wirklich bewältigungsbedürftig, dann verwundert es doch, warum das Regierungssystem des 19. Jahrhunderts, des Höhepunkts des deutschen Nationalstaatskonzepts nicht bereits so funktioniert hat, wie dann das sog. Dritte Reich. Es muß sich dann bei der bewältigungsbedürftige Seite wohl doch eher um Aspekte handeln, die im 19. Jahrhundert nicht zum Zuge gekommen waren. Dabei kann es sich nur um sozialistischen Aspekte handeln, die vom offiziellen Sozialismus, also der SPD, die einmal als „Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands“ firmiert ist, teilweise verdrängt wurden, um dann im 20. Jahrhundert als Sozialismushäresie hervorzutreten. Als Beleg darf hier auf die Ansichten des nachträglich zum SPD-Gründer ernannten Ferdinand Lassalle verwiesen werden, die sein Biograph Thilo Ramm in seinem 1956 erschienen Werk „Ferdinand Lassalle als Rechts- und Sozialphilosoph“ im Hinblick auf das geschichtliche „Übergangsstadium“ zum Sozialismus wie folgt zusammenfaßt (s. S. 214 f.): „...führt doch der Weg in die Freiheit durch den denkbar größten Zwang, wird doch der Friede der Menschheit durch Vernichtungskriege erreicht, das ´irdische Paradies´ durch Betrug und Mord verwirklicht und im Namen des Glücks und der Wohlfahrt der Menschheit unzählige Familien zerstört, Menschenleben vernichtet und Völker ausgerottet... Der kurze Zeitraum, der zwischen Goethes Tod und Lassalles erstem öffentlichen Auftreten lag, genügte, daß ein Denker von dem geistigen Niveau eines Lassalle den politischen Terror und die Ausrottung der Völker mit dem Humanitätsideal verbinden konnte... Er hat die nationalstaatliche Idee bis zum Imperialismus, den Gedanken der deutschen Sendung bis zur Forderung der deutschen Weltherrschaft geführt. Lassalle hat gezeigt, daß auch von der idealistischen Philosophie her eine Brücke zum Kommunismus geschlagen werden konnte. Hierin und in seiner Verbindung zwischen Kommunismus und Nationalismus, die ihn zum Theoretiker eines nationalen Sozialismus und Kommunismus werden ließ, liegt seine Bedeutung.“ Auch wenn der Nationalsozialismus und mit ihm seine amtliche bundesdeutsche Bewältigung so getan hat und weitgehend noch tut als sei er allein der Genialität Hitlers entsprungen, der damit wohl eine - rassische? - deutsche Veranlagung zur Entfaltung brachte, so ist schon von anderen wie vom Ökonomen von Hayek oder vom späteren Bundespräsidenten Theodor Heuß erkannt worden, daß der SPD-Gründer Lassalle als wesentlicher Vorläufer des Nationalsozialismus angesehen werden muß. Insbesondere die Konzeption der demokratisch begründeten sozialistischen Führerdiktatur ist beiden gemein. Aus der sozialistischen Tradition resultiert auch der spezifische Antisemitismus, der das Judentum mit dem durch den Sozialismus zu überwindenden Kapitalismus gleichgesetzt hat und die Vorstellung, daß die individuelle Freiheit durch die Freiheit des Volks „aufgehoben“ werde und daher Grundrechte im Sozialismus nur noch etwas theoretisches sein würden. Dazu kommt die Vorstellung, daß in der Industriegesellschaft der Staat die Selektionsmechanismen übernehmen müsse, die Darwin in der Natur erkannt hatte. Die politische Eugenik, die etwa beim maßgeblichen SPÖ-Arzt Julius Tandler zur Befürwortung der Euthanasie führte, spielte im Diskurs der Sozialdemokratie etwa von 1900 bis in die 1930er eine bedeutende Rolle und ergab sich ideologisch aus dem Bemühen, im Darwinismus den naturgeschichtlichen Beweis für den Marxismus zu erkennen. Der SPD-Ideologe Ludwig Woltmann, der dann zwar mit der SPD brach, weil er den Marxismus als zu utopisch erkannte, sah von Marx ausgehend bei der modernen industriellen Arbeiterschaft eine rassenmäßig höher stehende germanische Elite am Werk und sprach sich deshalb zur Verwirklichung des Sozialismus für „Entmischung“ der europäischen Rassen mittels künstlicher Rückzüchtung aus. Mit Woltmann hat sich auch ein Zweig des Sozialismus, aus dem wesentlich der Nationalsozialismus hervorgehen sollte, vom Marxismus verabschiedet, eine Entwicklung, die schon auf Eugen Dühring zurückgeht. Als sich dieser nicht zuletzt wegen des sog. Anti-Dühring von Friedrich Engels nicht als maßgeblicher SPD-Ideologe durchsetzen konnte, als der er sich bereits gesehen hatte, erkannte er im Marxismus und in den „moderneren Lehren von Lassalle“ eine „israelitische“ Verfälschung der hehren Sozialismus-Idee, was nur zu einem unterdrückenden Staatskapitalismus führen könne. Die wesentliche Transformation, die vom klassischen Sozialismus zum NS führte, stellte dann die Ersetzung des Proletariats durch die Nation als Agens des Fortschritts dar, wobei allerdings der Arbeiter weiterhin der Kern der Nation blieb: deshalb NSDAP. Diese sich durchaus aus der sozialistischen Ideenströmung ergebende Transformation wurde insbesondere in den Kriegschriften des SPD-Reichstagsabgeordneten Paul Lensch vorgenommen, der mit den 1. Weltkrieg als Weltrevolution erkannte.

Diese im allgemeinen schamhaft verschwiegenen ideologischen Übergänge von klassischer SPD-Ideologie zum Nationalsozialismus, die sich hierbei auftun, erklären sicherlich auch den „faschistisch“ erscheinenden und damit, falls vorliegend, dann auch nach amtlicher Lehre bewältigungsbedürftigen Charakter der deutschen 68er. Daß es sich dabei um keine mehr zufällige Ähnlichkeit handelt, sondern um etwas Gleiches ergibt sich daraus, daß Ausgangspunkt der deutschen 68er der „Sozialistische Deutsche Studentenbund“ (SDS) gewesen ist, der ursprünglichen Studentenorganisation der SPD. Diese mußte sich vom marxistisch gebliebenen SDS absetzen, um glaubwürdig die Position vertreten zu können, sie hätte sich mit dem 1959 beschlossenen Godesberger Programm offiziell vom Marxismus als Parteidoktrin verabschiedet. Die gewisse Heimat- und Bindungslosigkeit, die sich aus dieser Abgrenzung der Mutterpartei bei den angehenden 68ern ergab, führte zu einem Voluntarismus, der den späteren BRD-Staatsphilosophen Jürgen Habermas veranlaßte, relativ frühzeitig die Gefahr eines „linken Faschismus“ zu postulieren, da Verwandtschaft „mit gewissen, an Sorel anknüpfenden linken Tendenzen des frühen italienischen Faschismus“ zu erkennen wären. An dieser Einschätzung ist bemerkenswert, daß demnach der Begriff „Faschismus“, womit vielleicht der Nationalsozialismus gemein sein sollte, durchaus mit „links“ verbunden werden konnte, ja es wurde sogar, was sonst bewältigungspolitisch tabuisiert wird, ein linker Ausgangspunkt des historischen (italienischen) Faschismus anerkannt, so daß die Kennzeichnung „linker Faschismus“, nicht nur polemisch oder metaphorisch gemeint sein konnte! Dazu kommt, daß der Verfasser des Werkes, das als „die Bibel der Apo“, also der sog. Außerparlamentarischen Opposition ausgemacht werden kann, nämlich Giovanni bzw. Johannes Agnoli - vorübergehend im NS-Deutsch: Aknoli -, seinen Weg vom Bewunderer Mussolinis und italienischen Kriegsfreiwilligen der Wehrmacht im Partisanenkrieg in Jugoslawien über die SPD-Mitgliedschaft zum Wortführer (Apo) machte, deren Kern der SDS darstellte. Die maßgeblichen Thesen von Agnoli über die „Transformation der Demokratie“, welche die Apo begeisterten, gehen dabei unverkennbar auf eine entsprechende prä- oder frühfaschistische These, insbesondere auf Vilfredo Pareto zurück. Auch insofern ist daher der NS-ähnliche Charakter der deutschen 68er kaum zu bestreiten. Letztlich ergibt sich diese Ähnlichkeit aus der Ähnlichkeit des ideologischen Ausgangspunkts von 68er und Faschismus, die zeitverzögert jeweils aus der ideologischen Krise der Sozialdemokratie resultierte. Der sog. Revisionismus-Streit innerhalb der Sozialdemokratie vor dem 1. Weltkrieg, also die Frage, wie die Glaubenssätze des Marxismus politisch einzuschätzen seien, hatte dann nicht nur zur Abspaltung des Kommunismus von der klassischen Sozialdemokratie geführt, sondern auch einen Linksrevisionismus hervorgebracht, welcher als wesentlicher Ausgangspunkt des Faschismus angesehen werden kann. Mit den späteren sozialistischen Unabhängigkeitsbewegungen der sog. Dritten Welt teilte dieser Sozialismus der dritten Art, also des Dritten Reichs und der dritten Welt, die Ansicht, daß die nationale Unabhängigkeit Voraussetzung des Sozialismus sei oder umgekehrt der Sozialismus die nationale Unabhängigkeit unter den Bedingungen des Weltkapitalismus gewährleiste. Unter politisch geänderten Bedingungen wiederholte sich dieser Ideologiekonflikt, als sich die SPD mit dem Godesberger Programm vom Marxismus verabschiedete, was dann in der BRD zur Abspaltung der 68er-Bewegung führte, die deshalb gleichermaßen kommunistische wie faschistische Charakteristika aufwies.  
3. Wiederholungsgefahr

Nun könnte man sagen, daß die 68er ja integriert sind. Aus den ehemaligen Mitgliedern der sog. K-Gruppen, deren prominenteste Variante wohl der KBW als Vertreter des virtuellen Totalitarismus darstellte, rekrutierten sich nach einer 1987 vorgenommenen Schätzung 21% der Amts- und Mandatsträger der Partei „Die Grünen“. So konnte der frühere KBW-Chef und Pol Pot-Unterstützer Schmierer unter Außenminister „Joschka“ Fischer von der ehemaligen Putz-Fraktion einen Job im Beraterstab des Außenministeriums erhalten. Die Karrieren von Mitgliedern einer anderen K-Gruppe, der maoistischen KPD, die ebenfalls zu den entschiedenen Pol Pot-Unterstützern zählte, stellen dar: „Vizepräsidentin (des Deutschen Bundestags, Anm.), Chefredakteur des Handelsblatts, Sektenbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland, angehender Kommentator der Welt, Parteivorsitzende der Grünen, Professor für osteuropäische Geschichte, erfolgreicher Sachbuchautor mit starken philosophischen Neigungen, Referent der Konrad-Adenauer-Stiftung, enge Mitarbeiterin der Vertriebenenpräsidentin Erika Steinbach und vieles mehr“ (so Goetz Aly, Unser Kampf 1968, S. 21). Nun könnte man sagen, daß diese Integration so erfolgreich verlaufen ist, daß daraus keine Wiederholungsgefahr erwachsen kann. Allerdings haben gerade die 68er die erfolgreiche Integration ehemaliger NSDAP-Anhänger in der BRD als besonders anstößig empfunden, obwohl von dem antifaschistisch geohrfeigten Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger (Ex-NSDAP, CDU) und dem nicht antifaschistisch geohrfeigten, sondern nur vom ehemaligen SS-Mann Günther Grass besserwisserisch belehrten Bundeswirtschaftsminister Karl Schiller (Ex-NSDAP, SPD) nun wirklich keine „faschistische“ Gefahr ausgegangen war. Allerdings sah der Großpsychologe Mitscherlich wegen der sehr erfolgreichen und ohne Bewältigung erfolgten Integration der Ex-Nazis die BRD unter „einem unheilvollen, fast unausweichlichen Wiederholungszwang“ stehen. Realisiert hat sich dieser prophezeite Wiederholungszwang dann aber ersichtlich nur durch die 68er!

Aufgrund der Prämissen bundesdeutscher Bewältigung ist zu schließen, daß wegen des immer noch unbewältigten Sozialismus die Wiederholungsgefahr, ja der Wiederholungszwang im folgenden besteht: Es fehlt dem „Antifaschismus“, also dem Aspekt, der sich über die 68er bleibend der bundesdeutschen Demokratie eingeprägt hat, die Erkenntnis, daß seine Anhänger vielleicht selbst die eigentlichen „Faschisten“ sind. Bekanntlich ist das wesentliche politische Anliegen der nunmehr etablierten 68er aller Parteien und Strömungen, was sogar bis zur Katholischen Kirche geht, der „Kampf gegen Rechts“. In welcher Tradition sich dabei die 68er und damit die derzeit maßgebliche politische Klasse einordnen, läßt sich der Tatsache entnehmen, daß Hitler Anfang 1945 sein sich abzeichnendes Scheitern darauf zurückgeführt hat, „den Schlag gegen rechts“ unterlassen zu haben. Das wäre die „große Unterlassungssünde“ des Nationalsozialismus gewesen. Hitler dürfte dabei mit „rechts“ zumindest in der Tendenz etwas ähnliches verstanden haben, wie die Maoisten, wenn sie gegen „Rechtsabweichler“ vorgingen oder eben die deutschen 68 in ihrem „Kampf gegen Rechts“, nämlich die Restbestände der überlieferten religiösen und mentalen Tradition, insbesondere die als „kapitalistisch“ bekämpfte Privatwirtschaft. Bekanntlich konnte der Nationalsozialismus diesen Komplex nicht wirklich überwinden, weil er sich in der sog. Legalitätstaktik verfangen sah, war er doch im Bündnis mit der traditionellen politischen Rechten an die Macht gelangt. Diese hat sich zur Lösung der politischen Krise dazu bereit gesehen und hat deshalb auch dem Ermächtigungsgesetz zugestimmt, allerdings nur unter der Maßgabe, daß spätestens mit dem 1.4.1937 wieder normale verfassungsrechtliche Zustände hergestellt würden. Diese Legalitätstaktik hat seinen Preis gefordert, indem sich die NS-Führung etwa gezwungen sah, gegen die Röhm-Revolutionäre vorzugehen, die die „nationale Erhebung“ zum Abschluß bringen wollten, indem sie aus Deutschland erst einen national-sozialistischen Staat machen wollten. Das sog. Dritte Reich stellte dies demnach nach den eigenen Postulaten dann nicht dar, auch wenn eine Revolution insofern vollzogen wurde, als man sich plebiszitär mit der Volksabstimmung über das Gesetz, das nach dem Tode von Hindenburg die Funktion des Reichspräsidenten und des Reichskanzlers vereinigte, über das Ermächtigungsgesetz hinwegsetzte. Nach Goebbels, der immer für eine entschiedene, ja radikale Abgrenzung des Nationalsozialismus gegen rechts plädiert hatte, wäre nur in der Judenfrage eine wirkliche revolutionäre Politik betrieben worden.

In der Tat zeigt sich, daß mit den 68ern eine Wiederkehr des Verdrängten eintritt, das nur deshalb nicht auf Anhieb zu erkennen ist, weil etwas Verdrängtes nur in einer Metamorphose wiederkehrt; sonst wäre die „Bewältigung der Vergangenheit“ doch so einfach, wie sich dies die bundesdeutsche Ideologiepolitik so vorstellt. So wie in der Vergangenheit die innerhalb der SPD mit dem Marxismus verdrängten sozialistischen Ansätze eines Lassalle, Dühring, Woltmann in der Sozialismushäresie des Nationalsozialismus in einer sicherlich speziellen Weise und einmaligen Kombination ihre Wiederkehr erfuhren, so dürften mit den 68ern zumindest an den Nationalsozialismus gemahnende Tendenzen ihre Wiederkehr erfahren haben und noch erfahren. Der Neo-Sozialismus, der sich insbesondere durch die Integration des DDR-Kommunismus abzeichnet, wird wie der Nationalsozialismus förmliche Verstaatlichungen vermeiden; zur Herstellung der sozialen Gerechtigkeit reicht schon die staatliche Umverteilung aus, zumal es primär um die Sozialistisierung des Menschen geht. Man will amtlich eine gleichgerichtete Denk- und Gefühlswelt erzwingen, wobei amtlich vorgeschrieben wird, wo staatliche Tränen vergossen werden dürfen und wo fröhlich-demokratisch ins Vergessen verdrängt werden muß. Sozialismus wird zwar nicht mehr durch die Förderung der arischen Rasse zu erreichen gesucht, sondern es wird ein multirassischer Einheitsmensch angestrebt, eine Politik, die eigentlich zu einem Programm nötigt, das in einer expliziten Weise einst in Paraguay unter der von 1814 bis 1840 währenden Diktatur des Jakobiners Rodríguez de Francia praktiziert wurde. Dort war Angehörigen der weißen Oberschicht verboten, untereinander zu heiraten und diese waren stattdessen von Staatswegen gehalten, bei Sanktion Landesverweis, sich Ehegatten unter Indios, Mulatten und Schwarzen zu suchen. Den rassistischen Charakter dieses Neo-Sozialismus erkennt man vor allem daran, daß politische Gegner, die in einer spezifischen Weise als Vertreter der rassisch noch unvermischten einheimischen Bevölkerung angesehen werden, in einer Weise gekennzeichnet werden, wie dies Rassisten bei Angehörigen einer anderen Rasse zu tun pflegen. Der Antifaschismus ist – was letztlich nicht im Widerspruch zum Marxismus steht – deshalb latent rassistisch, weil er den „Rechten“ in einer Weise kategorisiert, wie Rassisten die Angehörigen einer als minderwertig angesehenen Rasse beschreiben. Gegen den „Rechten“ verwirklicht sich dabei das sozialistische Gerächtigkeitsbedürfnis, weil dieser „Rechte“ wohl schuld ist, daß sich die Utopie, die nunmehr multikulturell den multirassischen, transsexuellen Einheitsmenschen der Endzeit anstrebt, wieder nicht verwirklicht. Deshalb sollte nicht verwundert, daß das Vorgehen etwa gegen Repräsentanten der NPD mit der Verweigerung der Hotelbuchung, der ärztlichen Behandlung etc. häufig dem Spruch „Juden unerwünscht“ oder „Kauft nicht bei Juden“ gleicht.

Die Übertragung von Rassenkategorien zur Beschreibung politischer Feinde ist dabei schon immer kennzeichnend für die radikale politische Linke gewesen, mag sie sich selbst auch häufig als anti-rassistisch verstanden haben. Der Rassismus als Produkt der modernen Fortschrittsdoktrin ergibt sich nämlich daraus, daß die Menschheit, auf die die Linke politisch ausgerichtet ist, eben eine biologische Kategorie darstellt, was bei deren Politisierung fast unvermeidlich auf einen Rassismus hinausläuft, der das Ungleiche und damit Demokratiewidrige und auch Fortschrittsfeindliche entweder ausrottet (Genozid) oder einschmilzt (Assimilation). Das US-amerikanische „Rassenrecht“ der Segregationszeit als wesentliche Inspirationsquelle der Nürnberger Gesetze geht auf das entsprechende ideologie-demokratische Dilemma zurück. Wenn die 68er Linke aufgrund der Erkenntnisse der Fortschrittsdoktrin den Nationalstaat für überholt hält, muß sie sich konsequenter Weise auch gegen den Nationalstaat Israel richten, womit der latente Antisemitismus des offiziellen Philosemitismus deutlich wird, der bei den deutschen 68er Terroristen schon als Kombination von Antisemitismus und Antifaschismus hervorgetreten war. Hält die 68er Linke jedoch den Staat Israel und auch - wie die sog. „Antideutschen“, die sich zumindest offen als solche verstehen - den Staat USA für erhaltenswert, während etwa der deutsche Nationalstaat überwunden werden muß, dann kann dies nur aufgrund einer rassistischen Annahme postuliert werden, auch wenn sich dieser Rassismus als „Bewältigung“ oder „historische Verantwortung“ kaschiert wird.

Die radikalen 68er meinen vor allem deshalb, mit NS-Tendenzen nichts zu tun zu haben, weil sie selbst sich nachhaltig der Demokratie verpflichtet gesehen haben, während die Nazis doch Antidemokraten gewesen seien. Wer sich von diesem Argument beeindrucken läßt, wie dies bei den etablierten politischen Strömungen der Fall sein dürfte, hat jedoch wirklich nichts von den ideologischen Entwicklungen und zentralen politischen Erscheinungen der vergangenen beiden Jahrhunderte verstanden, so daß in der Tat höchste Wiederholungsgefahr besteht: Im Demokratiegedanken liegt doch gerade der Totalitarismus begründet! Dieser tritt dann mit einer fast zwingenden Logik ein, wenn man bei der Demokratiekonzeption eine bestimmte Weichenstellung vornimmt. Man braucht hierzu mit dem klassischen Sozialismus nur die Freiheit der Individuen durch die Freiheit eines Kollektivs, sei dieses nun Volk oder Menschheit, „aufgehoben“ zu sehen. Dann ergibt sich die Diktatur sehr wohl aus dem Demokratiekonzept, weil dann die Macht dieses politischen Kollektivs und damit Demokratie in den Machtbefugnissen der politischen Führung zum Ausdruck gebracht wird. Anliegen des Sozialismus ist deshalb schon seit Beginn seines expliziten historischen Auftretens die demokratisch legitimierte Diktatur gewesen. Diese erscheint dann nicht als solche, weil sie ja demokratisch gewollt gewesen ist und damit für die Freiheit steht. Dieser Gedanke ist von Lassalle am konsequentesten dargelegt und von Hitler am plausibelsten umgesetzt worden. In einer etwas weniger dramatischen Weise vollzieht sich dieser Gedanke in der Demokratisierung von Bereichen, die eigentlich primär den Individualrechten zugeordnet sein müßten, auf die aber das demokratische Mehrheitsprinzip ausgedehnt wird. So bedeutet ja „Demokratisierung der Wirtschaft“ nichts anderes als ihre Halbsozialisierung. Amtliche „Bewältigung“ bedeutet, daß der wirklich äußerst individuelle Bereich des Erinnerns und Vergessens staatlich gelenkt und kontrolliert wird und damit das Individuum weitreichend sozialisiert wird. Würde diese Sozialisierung des Denkens und Fühlens erreicht werden können, bräuchte man die Wirtschaft wirklich nicht mehr zu verstaatlichen, weil die Akteure aufgrund des politischen Gleichklangs des Fühlens und Denkens und damit des Gehorchens ohnehin tun, was sie politisch tun müssen. Diese Vorstellung stellte die Essenz des Sozialismus des Nationalsozialismus dar und dies ist auch Kern des Anliegens der etablierten 68er, das sich nunmehr als Neo-Sozialismus zu verwirklichen droht.

Zusammengefaßt: Nach den Prämissen der bundesdeutschen Bewältigungspolitik ist das Phänomen der 68er, insbesondere in seiner bundesdeutschen Ausprägung, schon aus der Opferperspektive zu bewältigen. Vor allem ist es zu bewältigen, weil sich mit dem 68er Phänomen die Wiederkehr des Verdrängten vollzogen hat und Gefahr droht, daß es sich weiter vollzieht und dabei eine besondere Gefährlichkeit aufweist, weil die Wiederkehr des Verdrängten nur als Metamorphose möglich ist und dann häufig nicht erkannt wird: Der Faschismus tritt dann als Antifaschismus auf und der Rassismus als Antirassismus. Der „Kampf gegen rechts“, dessen Opfer die Deutschen insgesamt sind, schon weil ihnen eine in normalen Demokratien anerkannte politische Option genommen wird, ist seinem inneren Wesen nach faschistisch. Will man dagegen in Deutschland eine normale Demokratie, wird man nicht umhin kommen, die Bewältigung zu bewältigen, die selbst den faschistischen Charakter des Antifaschismus verfehlt. Wesentlicher Bestandteil dieser Bewältigung der Bewältigung ist die Bewältigung des 68er-Phänomens. Für diese Bewältigung des 68er-Phänomens wird hier denn auch nachdrücklich plädiert! 
 

Internet:

Die hier ausgeführten Gesichtspunkte sind vertieft in dem jüngst erschienenen und den bundesdeutschen 68ern gewidmeten Buch des Verfassers: „Roter, brauner und grüner Sozialismus“


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