01. Mai 2008

Achtundsechziger-Kochbuch Von Angsthasenrücken bis Is-Mus

Eine kleine Vorauswahl für den Hobbygourmet

Der 40. Jahrestag der Revolution von 1968 ist ein besonderer Grund zum Feiern. Für den Fall, dass Sie vor lauter Dankbarkeit über die Errungenschaften eine Gesellschaft geben möchten, sollten Sie unter den gegenwärtigen Umständen damit rechnen, dass sich auch der ein oder andere Achtundsechziger in Ihre Gesellschaft einschleicht. Denn das tun sie gern, und Sie werden sich wundern, was dann am Ende aus Ihrer Gesellschaft geworden ist.

Im folgenden haben wir Ihnen eine kleine Vorabauswahl von Rezepturen zusammengestellt, die die Achtundsechziger gern auftischen und über die sie sich freuen. Prost Mahlzeit!

Angsthasenrücken

Der Angsthasenrücken wird seit einiger Zeit in Achtundsechziger-Land immer häufiger gebraten, denn an Angsthasen ist kein Mangel, und sie haben sich in den letzten Jahren zu einer regelrechten Landplage entwickelt. Man erkennt sie daran, dass sie versuchen, vor näherrückenden Gefahren putzig wegzuhoppeln und vorauseilend ins Dikkicht zu kriechen, statt ihnen ins Auge zu blicken.

Besorgen Sie sich einen frischen Angsthasenrücken, am besten einen frisch geschlachteten, der dem Schlachter eben noch um den Bart gegangen ist, und stecken Sie ihn in den Bräter. Da der Angsthasenrücken von Natur aus gekrümmt ist, sollte Ihnen das nicht sonderlich schwerfallen. Den fertigen Rücken garnieren Sie am besten mit Feigen.

Beschlagnahmte-Worte-Torte

Die Achtundsechziger haben in den vergangenen 40 Jahren jede Menge Worte beschlagnahmt und stapeln sie heute in einer Lagerhalle in Bremen, um sie eines Tages in der Nordsee zu verklappen. Hin und wieder müssen sie anbauen, weil sie immer mehr von solchen weggesperrten und versagten Worten auf ihrer Halde halten. Da sich die Achtundsechziger ständig darin mühen, alles irgendwie zu ersetzen, mühen sie sich natürlich auch darin, die beschlagnahmten Worte zu ersetzen. Meistens aber sind ihre Ersatzworte so unaussprechlich, dass man sie sich gar nicht merken kann, es sei denn, man war mindestens zwei Wochen lang auf Schulung und hat sie dort gedrillt. Für Bürger, die bisher um derartige Zwangsmaßnahmen herumgekommen sind, wird es in den letzten Jahren deshalb zunehmend schwieriger, sich überhaupt noch zu verständigen, und die Gespräche werden immer vieldeutiger.

Hier das Rezept für eine Torte mittlerer Größe: 100 hm (zensiert), 200 hmhmhm (zensiert), 500 hm hm (zensiert), 35 hm, hm, hm (zensiert), 25 hmhmhmhmhm (zensiert). Beim Essen halte man dann ganz den Mund.

CDU-Mousse

Die CDU saß früher im Bundestag und war eine Abspaltung der SPD, das kommt bei denen ja häufiger vor. Im Gegensatz zu anderen Abspaltungen der SPD ist die CDU allerdings inzwischen aus der politischen Landschaft verschwunden, und man weiß heute gar nicht mehr, was die CDU eigentlich genau wollte. Wir wissen es leider auch nicht.

Nehmen Sie ein paar knallrote Früchtchen, zum Beispiel Hagebutten, und kochen Sie die solange durch, bis sie etwas blässlich werden und orange aussehen. Schütten Sie ein Kilo Speisestärke dazu, damit die abgefärbte Masse nicht zu plötzlich in sich zusammenfällt vor lauter luftiger Schlüpfrigkeit. Falls Sie mit dem ganzen dann immer noch nichts anfangen können, schicken Sie die krude Mischung einfach in die Ukraine, wo sie vielleicht gebraucht wird, weil Orange in Kiew gerade in Mode ist. Aber tun Sie das der Ukraine nur an, wenn die Mousse bis dahin nicht schon zu ausgelaugt ist.

Döner

Der Döner hieß früher Gyros und bringt keinen Achtundsechziger zum Kochen, denn er kauft es an der nächsten Ecke und isst es für sein Leben gern. Döner ist nämlich garantiert 100 Prozent politisch korrekt, egal aus welchem Fleisch. Der Döner passt deshalb überhaupt nicht in unser Buch und findet sich hier auch nur als Quotendöner, weil unser Buch sonst nicht durch die Achtundsechziger-Zensur gekommen wäre, also ein Zugeständnis, wie wir es in ähnlicher Hinsicht bestens aus unserem gewohnten Alltag in Achtundsechziger-Land kennen. Wir bitten unsere Leser daher um Verständnis.

Einheitsbrei

Der Einheitsbrei zählt zu den unter 68ern mit besonderem Genuss genossenen Gerichten, weil er sie an alte DDR-Zeiten erinnert, als es noch eine richtige Einheitspartei gab und die dazugehörige Einheitspresse. So ähnlich zwar wie heute, aber eben doch nicht ganz.

Die Achtundsechziger kochen den Einheitsbrei gern in sentimentalen Stunden, zum Beispiel mittags um 12, wenn sie die Uhren vergleichen und alle mit ihnen wieder einheitlich einer Einheitsmeinung sind, genau wie früher. Nehmen Sie für den Einheitsbrei eine halbe Tasse Mehl und geben Sie lauwarmes Wasser aus der Leitung dazu. Kein Salz, kein Zucker. Das ganze schmeckt dann so, wie die Presse sich liest, wenn Eva Herman wieder etwas Falsches gesagt hat. So haben es Alt- und Neu-Achtundsechziger am liebsten.

Fasel-Ei

Das Faselei ist ein sehr einfaches Gericht, das jedem Achtundsechziger auf Anhieb gelingt, auch wenn er garnicht weiß, um was es geht.

Das Faselei muss außen pflaumenweich sein, innen aber steinhart. Das ist das Erfolgsrezept der Achtundsechziger. Wenn Sie Ihrerseits jemals Erfolg haben wollen, dann sollten Sie langsam anfangen zu üben.

Gesamtschulsüppchen

Das Gesamtschulsüppchen ist ein sehr traditionelles Gericht der Achtundsechziger und außerdem eine regionale Spezialität aus ihrem Lieblingsland NRW. Die Achtundsechziger glauben, dass alle Menschen gleich begabt sind und deshalb alle in die gleiche Schule passen. Das ist in etwa so, als ob man glaubt, dass alle Menschen gleich große Füße haben und deshalb alle in die gleichen Schuhe passen.

Das Gesamtschulsüppchen sollte ganz und gar durchschnittlich schmecken. Man bekommt es stets in einem Einheitstopf serviert, einerlei, wie groß der Magen und der Hunger ist. Wie das Gesamtschulsüppchen schmeckt, wissen die Achtundsechziger übrigens selber gar nicht, denn für ihre eigenen Kinder kochen sie natürlich nur das etwas feinere Privatschulsüppchen, vor allem in ihrem Lieblingsland NRW.

Humorkeks

Der Achtundsechziger hat keinen Humor und wenn, dann lacht er nur über andere. Damit auch wir wissen, worüber wir gefälligst zu lachen haben, zeigen uns die Achtundsechziger ihre Komiker ständig im Fernsehen, denn das Fernsehen gehört ihnen wie all die anderen Institutionen, und da dürfen sie uns deshalb zeigen, was sie wollen, schlimmstenfalls immer dasselbe. Irgendwie scheint den Achtundsechzigern auch bei den Komikern im Fernsehen der Nachwuchs zu fehlen, ganz wie im richtigen Leben. Wenn jemand zur Abwechslung doch einmal einen Witz über die Achtundsechziger macht, reagieren sie schnell säuerlich. Man merkt das daran, dass sie sich am Magen fassen und etwas aufstoßen. Man soll dann keine Witze mehr über die Achtundsechziger machen, sondern lieber über das Wetter reden oder zur Not einen Kohl-Witz nachschieben. Dar- über lachen die Achtundsechziger noch heute gern.

Der Humorkeks muss sehr trocken sein, am besten staubtrocken, und genauso schmecken wie die Komiker der Achtundsechziger aussehen, also ziemlich alt.

Is-Mus

Das Is-Mus ist ein Mus, das unter Achtundsechzigern gern als Dessert gereicht wird und das kein Achtundsechziger lange unberührt stehenlässt. Kaum sieht er nämlich ein Is-Mus auf dem Tisch, leckt er sich seine Finger danach. Manche fangen dann gleich an, darauf herumzutatschen. Man lege deshalb stets eine gefaltete Serviette neben das Is-Mus, damit die Achtundsechziger sich ihre Finger daran nicht zu schmutzig machen. Das Is-Mus gibt es in allerlei Varianten, denn es zählt zu den Leib- und Magenspeisen der Achtundsechziger. Besonders bekannt und beliebt sind zum Beispiel das klassische Marxis-Mus, das scharfzüngige Leninis-Mus, das exotische Trotzkis-Mus, das bittere Stalinis-Mus, das blutrote Maois-Mus, das karge Sozialis-Mus, das feurig-flambierte Multikulturalis-Mus und das giftgrüne Islamis-Mus – alles echte Leckerbissen, die kein Achtundsechziger vom Tisch gehen lässt ohne sie mindestens einmal im Leben auszuprobieren.

Das Is-Mus kochen Sie stets unter Aufsicht eines anerkannt autoritären Is-Mus-Gurus, der es ganz genau weiß und Ihnen deshalb ganz genau sagt, wo sie lang zu kochen haben. Haben Sie einen solchen Guru gefunden, gehorchen Sie ihm aufs Wort und schwenken auf Zuruf artig Ihre kleine rote Mao-Bibel, damit Sie ja nichts falsch machen. Finden Sie dann aber zufällig heraus, dass Ihr Guru Dreck am Stecken oder blutige Finger hat, sollten Sie sich natürlich schleunigst einen neuen Guru suchen. Verzichten Sie daher auch bei Ihrem jeweiligen Is-Mus vorsorglich auf etwaige Bindemittel, sonst pappt es Ihnen womöglich an Ihrem guten Namen fest und lässt sich dann wie ein ausgelutschtes Kaugummi nur schwer abstreifen, wenn Sie es wieder loswerden wollen, sogar nach dem großen Reinemachen.

Literatur

Die komplette Liste mit 111 Rezepten ist aus dem gerade erschienenen folgenden Buch nachzukochen: Joschka Pfuscher und Claudia Brot: Das 68er-Kochbuch


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Joschka Pfuscher

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