01. Mai 2008

Frauen und 68 Der heiße Herd

Hintergründe zum wohlsituierten, hochbewussten, spätjungen Damendasein

Eins ist klar: Die Deutungshoheit über historische Kontinuitäten, über kulturelle Schnittmengen oder Brüche liegt in den Händen der Achtundsechziger. Daher umfasst der konkrete und symbolische Raum dessen, was als „faschistisch“ bezeichnet werden darf, weit mehr als ein Jahrhundert und zahlreiche disparate Strömungen. Mitunter reichen schon Stichwörter und subkutane Schlüsselreize, um die entsprechende Riesenschublade der notorischen Achtundsechziger-Messies aufzumachen: Autorität, Hierarchie, Uniform, nationaler Bezug, jedwede Form von Düsternis – schwupp, rein damit in die Großabteilung der faschistischen/nationalsozialistischen (so genau wird auch das nicht genommen) Auswüchse. So groß ist der Bauch, so weit die Korridore (vulgo: „Traditionslinien“), die alle in diesen längst überfüllten Raum der Ruchlosigkeit führen. Wer oder was Fascho ist, bestimmen wir, lautet die Devise dieses Aufräumsystems. Nicht nur ausgewiesene Linke und Mainstream-Historiker bedienen es; eine ganze Horde von Lehrern, Redakteuren und sonstigen Subalternen verfährt ähnlich: gelernt ist gelernt! Damit korrespondiert die innere Ordnung der Achtundsechziger. Hier verfährt man umgekehrt. Nämlich um so weniger großzügig.

Im eigenen Saustall, bei der Plazierungsregel des Eingemachten, zeigt sich die penible Spießigkeit von 68: Da wird jedes Symptom ganz genau genommen, treu im Geiste jener Redewendung, die wie noch mal geht? Scheiben nach Geruch sortieren? War da nicht was mit Glashaus und Steinewerfern? Gemeint ist jedenfalls ein wenig probates Ordnungsverfahren. Nicht umsonst sind die Väter der deutschen Mülltrennung auch Achtundsechziger – und sei es nur der Alterskohorte nach. Es wird differenziert und sortiert bis zum Geht-nicht-mehr, meist mit dem Ziel, die leidlich hübschen oder auch nur bunten Blüten jener Zeit vom Unkraut zu trennen. Motto: Es war nicht alles schlecht – man muss nur genau unterscheiden!

Alles klar: Der SDS ist nicht die Kommune 1 ist nicht die Kommune 2 ist nicht die Subversive Aktion ist nicht die Ostermarschbewegung ist nicht Hippietum ist nicht die DKP ist nicht die RAF. 1968 fand, zumindest hierzulande, in Wahrheit ein Jahr zuvor statt. Vielmehr noch fand eigentlich gar nichts statt, was nicht schon ein Jahrzehnt lang vorher betrieben wurde. Insofern war es auch nie eine Revolution (sonst gäbe es nicht immer noch patriarchale Strukturen, Kriege und andere Ungerechtigkeiten). Überhaupt waren maximal 20.000 Personen mitbewegt – im Grunde fristet der große Rest ja bis heute ein Dasein am Stammtisch oder hinterm Herd. Womit wir beim Thema wären, beim hei- ßen Herd der zweiten deutschen Frauenbewegung, der bis heute ausstrahlt.

Nö, sagen unsere Mülltrennungsfetischisten: Das Thema Mann/Frau galt damals explizit als „Nebenwiderspruch“. Die nackten Tatsachen der beiden populärsten Kommunen seien nur Medienmache gewesen. Wer auf sich hielt, nahm die Parole „das Private politisch werden zu lassen“ nicht wirklich ernst: die wilden Weiber als schmückendes Beiwerk. Sexuelle Volksaufklärung und die Pille waren schon vorher, sagen die einen, während die anderen darauf beharren, dass das Feminismus-Ding erst 1971 mit Alice Schwarzers „Wir haben abgetrieben“-Kampagne (O-Ton: „Mit dem neuen Unterdruckgerät, das wie ein Staubsauger arbeitet, ist der Eingriff innerhalb von zwei Minuten durchgeführt. Das Unterbrechen einer Schwangerschaft ist, medizinisch gesehen, geringfügiger als das Herausnehmen der Mandeln“) angelaufen sei.

Stimmt schon, irgendwie. Die von weiblicher Seite arrangierten Höhepunkte, die genau ins Signaljahr fallen, sind spärlich: Die Gründung des Aktionsrats zur Befreiung der Frau, das berühmte Flugblatt mit den abgehackten Penissen, der Wurf dreier Tomaten auf ein SDS-Podium, die Wahl von Sigrid Fronius zur ersten AStA-Vorsitzenden der FU Berlin und ihre Inhaftierung wegen Zertrümmerung einer Scheibe, die Vorbereitung des Kinderkacke-Attentats auf die „Stern“-Redaktion. So gesehen wäre 68 bezüglich weiblicher Täterschaft tatsächlich eine Petitesse, und man müsste das feministische Flechtwerk aufdröseln, bis die Fäden ordentlich in einem Koordinatensystem von Clara Zetkin bis Thea Dorn gespannt wären. Unergiebig und unfruchtbar!

Kurz: Mag sein, dass es möglich ist, Scheiden nach Geruch zu sortieren, wie es Charlotte Roche in ihrem pornographischen Bestseller nahelegt. Wir wollen mal unsere eigene Schublade öffnen und zusammenwachsen lassen, was zusammengehört: Schwarzer, die Roche und ihre ungezählten Mitschwestern (unter denen heute Mode ist, sich heftig gegen Alice Schwarzer zu verwahren, nachdem sie an ihren Früchten groß geworden sind), Uschi Obermaier und all die anderen „Damen“, die eben diesen Geist verkörpern: 1968. Manipulation des Körpers, Trennung von Begattung und Fortpflanzung, von Lust und Ewigkeit, Primat weiblicher Bedürfnisse und Fähigkeiten, wie-ein-Mann-sein-dürfen (nicht müssen – je nach Laune halt), aber in jedem Fall besser geheißen werden wollen.

Deutlich ist dennoch ein Qualitätssprung zwischen den alten und den neuen Achtundsechzigerinnen: Die damals aufmuckten, Tomaten warfen und vor dem Problem der sexuellen Dauer- und Allseits-Verfügbarkeit standen, waren insofern Rebellinnen wider den Zeitgeist, da ihnen im Normalfall kein liberales Elternhaus und kein wohlwollender Redakteursklüngel den Rücken freihielten. Sowohl öffentliche als auch veröffentlichte Meinung standen ihnen zwar mit heimlicher Lüsternheit, doch plakatierter Abscheu entgegen. Vergleichen wir nur die Gehässigkeit, mit der einst Alice Schwarzer begegnet wurde mit den silbernen Tellern, auf denen ihre selbsternannte Kontrahentin Charlotte Roche heute von Feuilleton zu Feuilleton getragen wird! Der Schoß, der jene beiden Archetypen gebar, ist jedoch derselbe. Ist ja bekannt, dass spätere Kinder mit deutlich weniger Anstrengung zur Welt kommen als die Erstgeburt. Ist ein Weg mal mit aller Kraft gebahnt worden, wird er leichter passierbar. Das ist ebenso natürlich wie der Mutter-Tochter-Konflikt, der sich nun in jener Schelte ausdrückt, mit der sich heute die nachgeborenen Spät-Achtundsechzigerinnen bei Mutterfiguren wie Schwarzer bedanken. Man kennt das von allfälligen Abnabelungsversuchen heranreifender Töchter: Da werden die Altvorderen vordergründig zum Antibild stilisiert, dabei ist für jeden Außenstehenden die psychogenetische Erblinie deutlich sichtbar: Dieser Gestus, dieser Stil – ganz die Mutter!

Dabei ist gerade Schwarzer nicht die perfekte Stellvertreterin der alten Achtundsechzigerinnen. Damals wurde noch heftig debattiert zwischen Differenz- und Gleichheitsfeministinnen. Die eine Liga war bisweilen eher spirituell orientiert und wollte die Polarität des Geschlechtsunterschieds hervorheben; sie unterlag, wenn auch nicht auf ganzer Linie. Alles, was heute in irgendeiner Weise mutterkultig daherkommt, hat hier seinen Ursprung: Die selbstbestimmte Geburt, öffentliches Stillen, Anteile der feministischen Theologie – Privatangelegenheiten im weiteren Sinne. Die andere Front bildeten die, welche heute im feministischen Diskurs als Gender-Artisten annonciert werden, diejenigen, die das als überkommen empfundene „Rollensystem“ sprengen wollten – auf Teufel komm raus. Heißt: Das biologisch/anatomische Geschlecht ist eine zu vernachlässigende Größe, allein auf kulturelle Zuweisungen („Gender“) komme es an. Heißt weiter: Gender ist eine dehnbare Größe voller Interpretationsspielräume. Nicht weniger als „the best of both worlds“ ist bis heute Ziel der angesagten Feministinnen: Soviel Weiblichkeit, wie uns guttut (Kommunikation, Shopping, soziale Fürsorge, Gefühligkeit bis hin zum moralischen Empörungsgestus) und soviel Anteil an der Männerwelt, wie irgend möglich ist: Karrierechancen (Chance freilich als Ziel statt als Startbedingung formuliert), Aufhebung des „schwersten Gewichts, das eine Frau zu Boden zieht“ (Achtundsechziger-Mutti Simone de Beauvoir über Schwangerschaft), Entlastung von Aufzucht und Pflege.

Wer die Innen- und Wirkungswelt der Achtundsechziger-Frauen kennenlernen will, dem seien zwei sehr unterschiedliche, doch gleichermaßen erhellende Bücher an die Hand gegeben: Zum einen Ute Kätzels „Die 68erinnen“ (2002) mit 14 intimen Porträts damaliger Protagonistinnen. Zum anderen Sophie Dannenbergs Roman „Das bleiche Herz der Revolution“ (2004): Kätzel verfährt affirmativ, Dannenberg äußerst polemisch – beides zusammen ergibt ein vielsagendes Bild. Kätzels Achtundsechzigerinnen stellen sich als bewegte und durchaus bewegende Frauen dar. Deutlich bleibt, dass es die Männer waren, die den Rhythmus vorgaben, einerlei, ob im „teach-in“ oder im Bett. Frauen seien der „revolutionärste Teil dieser nur etwas revolutionären Bewegung“ gewesen, resümmiert die Aktionskünstlerin und Sebastian-Haffner-Tochter Sarah Haffner. Wenn es so war, dann war dieser Weg gepflastert von riskantesten Selbstentäußerungen und Demutsübungen zugleich. Haffner fügt auch hinzu, dass der „Erfolg“ war, „dass die Männer abblockten, was ja zeigt, wie sehr sie getroffen waren.“ Ein, nun ja, recht verschwiemelter Erfolg. Zur politischen Partizipation wollte es nicht recht kommen. Gab ja auch noch keinen Quoten-Muff unter Talaren und auf Gesetzestexten!

Frauen wurden bei Wortmeldungen ausgelacht, „Frauensolidarität war minimal“, berichtet Gretchen Dutschke-Klotz. Letzteres bestätigen auch andere Mitkämpferinnen: „Frauen habe ich als Bedrohung empfunden und sie so wahrgenommen, dass sie nur mit meinem Mann ins Bett steigen wollen.“

Weil frauenpolitische Agitation stets als Marginalie endete, blieb frau die Arena der sexuellen Befreiung. Ein auch männlicherseits willkommenes Betätigungsfeld! Eine der Gretchenfragen auf diesem Gebiet stellte sich nicht nur Frau Dutschke: „Ich war nicht prinzipiell dagegen, hatte aber schon ein Problem bei der Vorstellung, mit allen Männern schlafen zu müssen. Noch schwieriger fand ich die Vorstellung, was man mit den Leuten machen sollte, mit denen überhaupt niemand schlafen wollte.“ Die Sexfrage war nicht mehr eine private, sie war politisch geworden. „Die kommunale Promiskuität galt nicht der Lust, sondern einem guten Menschheitszweck.“ (Manfred Schneider, Kursbuch 144, 2001). Heute sind diese Kategorien wohl verschwommen und undeutlich geworden. Schwierig zu erkennen, ob das, was frau tut oder anstrebt, wirklich eigenen Wünschen und eigenem Begehren entspricht. Das „Herumgeschlafe“, so berichtet rückblickend die ehemalige Großkommunardin Karin Adrian, habe sie „als besonders hart“ empfunden. Frauen seien damals „im Allgemeinen durch viel größere Schmerzen gegangen. Viele Frauen haben unter diesem Fremdgehen der Männer gelitten, auch unter den Trennungen. Viele sind mit den Kindern alleinstehend zurückgeblieben. Sie mussten dann ihre Frau stehen, so wie ich auch alles alleine managen musste. Die Männer hatten meistens schon eine Woche später die nächste Beziehung und sind gleich bei ihr eingezogen. Inzwischen sind alle so um die fünfzig und fangen an zu begreifen, dass es eben auch Einsamkeit gibt.“ Hier klingt eine Bitterkeit an, die von den weniger fügsamen Vertreterinnen ihrer Zunft schon im Zenit der damaligen Zeit zum Ausdruck gebracht wurde. Idealtypisch hierfür, wenn auch in den USA zu lokalisieren, steht Valerie Solanas. Ihr letztlich tödliches Attentat auf Andy Warhol unterfütterte sie mit ihrem bis heute in gewissen Kreisen populären SCUM-Manifest, jenem Gründungsdokument der „Gesellschaft zur Zerstückelung von Männern“. Die „Emma“ lobte noch Jahrzehnte später den „kühlen, logischen und sehr komischen Ton“ jener Hasstirade auf die Männerwelt. Auch hierzulande ließen sich mit „Schwänzen“ und „Eminenzen“ hübsche Reime verfertigen. Die unter dem Pseudonym Sophie Dannenberg schreibende 37-jährige Autorin ließ in ihrem brachialen Schlüsselroman etwa jene Konzeptkünstlerin sprechen, die das martialische Schwanz-ab-Flugblatt entworfen habe: „Mein erstes Werk war das Flugblatt des Frankfurter Weiberrates für die Tagung des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes. Das mit der nackten Frau auf dem Diwan, die in der Rechten ein Hackebeil hält. Über ihr hängen Trophäen an der Wand, blutige Penisse. Mein Flugblatt war eine Wucht! Dann haben wir die Männer mit emanzipatorischen Symbolen beworfen, mit frischen Föten und alten Eiern. Drei Jahre später war ich im ‚Stern’ abgedruckt. Als Prominente. Weil ich abgetrieben habe.“ Dannenbergs Schilderungen der psychosexuellen Verwerfungen ihrer Achtundsechzigerinnen sind grotesk und überzeichnet. Doch selbst wer zwei Drittel ihrer Romanhandlung unter „Fiktion“ verbucht, sieht sich immer noch Symptomen einer menschlichen Verwesung gegenüber.

Nun geht eine kritische Kosten-Nutzen-Rechnung in bezug auf die Resultate der Achtundsechzigerinnen üblicherweise so: Ja, sie haben wohl manches übertrieben, einiges unschön entzaubert. Aber, Hand aufs Herz: Profitiert nicht selbst eine ausgewiesene Anti-Achtundsechzigerin wie Eva Herman von Errungenschaften dieser Zeit, sämtliche ideologieferne Girlies und feminismusskeptische Karrierefrauen sowieso? Wer will schon zurück unters Joch patriarchaler Verfügungsgewalt? Stellten sich nicht schon die unausgesprochenen Kleidungsvorschriften der fünfziger Jahre – man nehme nur die jahrhundertealte Tradition der Schürze! – als erniedrigende Symbole, vergleichbar mit dem Schleier, dar?

Wir sollten festhalten: Ja, es gibt ein gewisses Wenn und Aber in Bezug auf unsere Revoluzzerinnen. Dies aber trennt nicht nach „angemessen“ und „übertrieben“, sondern fasst die wirksamen Resultate ins Auge. Heißt: Ja, es wurde ordentlich zerstört und zersetzt rund um 68, in jenem „roten Jahrzehnt“ (Gerd Koenen). Und: Natürlich hatten die Frauen daran gehörigen Anteil. Gerade an dem, was deutlich zukunftsgerichtet war: Bis heute haben Frauen die entscheidenden Posten in der Empfängnis- und Gebärpolitik (privat wie politisch) inne, fungieren Frauen wenn nicht als Träger, so doch als praktische Umsetzer pädagogischer Ideen (gibt es eigentlich einen westdeutschen Kindergarten ohne „Plenum“?). Doch: Was wurde konstruktiv aufgebaut? Wo wäre ein gesellschaftlich nicht absprechbarer Zugewinn? Die jüngst wieder populär gewordene Essayistin Silvia Bovenschen, die sich im Dunstkreis der Achtundsechzigerinnen über „imaginierte Weiblichkeit“ promovierte, sieht die Sache heute pessimistisch. Erfolge seien punktuell geblieben, sagte sie nun in einem „FAZ“-Interview: „Das weibliche Aufbegehren hatte durch alle Jahrhunderte hindurch die Geschichtsmacht eines Schluckaufs.“ Für das Dilemma erscheinen ihr zwei grundsätzliche Lösungen: Entweder eine „radikale Flexibilisierung“ des Rollensystems (die ja seit 68 in Arbeit ist). Oder: „Man inszeniert das Ganze im Reagenzglas und übergibt es dann dem Staat.“ Auch der immer lesenswerte Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann („Kleine Jungs – Große Not“) relativierte eben auf Spiegel-online die großartigen Böse-Mädchen-Entwürfe mit leichter Hand: „Schauen Sie sich doch mal die moderne Kultur an. Internet, globale Wirtschaft, Börsengeschehen, die ganze digital durchwirkte Gesellschaft – das ist eine reine Männerproduktion. Es gibt bei der Entwicklung des Internets und den digitalen Technologien keine bedeutenden weiblichen Anteile. Unsere Wirklichkeit besteht aus reinen Männerphantasien. Die Frauen sind nicht zufällig noch immer nicht in den Spitzenpositionen angekommen. Sie bewegen sich lediglich hervorragend in einem Bildungsideal, das gar nicht mehr zeitgemäß ist. Jungs sind da schon längst weiter. Das wird die männliche Dominanz fortschreiben.“

Am Ende, so legt eine Intervention des Alt- und nun Anti-Achtundsechzigers Götz Aly (keineswegs eine ungewöhnliche Kombination!) nahe, rollte die Achtundsechziger-Front doch nur auf den Gleisen der Evolution. (Und wer sagt, dass der Streckenplan von Mutter Natur keine toten Gleise kennt?) „Es gab damals ja weniger als 25 Prozent Frauen an den Hochschulen. Das hat die Dynamik dieser Revolte stark befördert. Wenn das Geschlechterverhältnis ausgeglichen gewesen wäre, wäre es anders gelaufen. Es war ein Tanz auf dem Affenfelsen.“ Mit Freudscher Schützenhilfe behauptet Aly, dass protestierende Männer über „besondere sexuelle Qualitäten verfügten – also XXL-Männer seien. In diesem Sinne verfolgten die sexuelle Selbstund vor allem Fremdbefreiung sehr unmittelbare Zwecke. Das war lustig, hatte aber mit Emanzipation nicht viel zu tun.“

Epilog

Es hätte mich gereizt, hier zwei Achtundsechziger-Frauen zu porträtieren, die ich persönlich ganz gut kenne. Sie sind keineswegs irgendwie aktenkundig geworden, damals, Google findet ihre Namen nur unter heutigen Zusammenhängen, als Hundezüchterin die eine, in einer bürgerlichen Kulturinitiative die andere. Dennoch waren sie damals mittendrin, auf Demos, im Abtreibungskampf. Man darf sagen: Sie haben tüchtig in der Scheiße mitgerührt. Die ganzen Kämpfe an vorderster Front ausgefochten. Kein Experiment unversucht gelassen, ohne Rücksicht auf Verluste. Nimmt man die Parole „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“ biologisch, sind beider Hinterlassenschaften zweifelhaft: Die Zwillinge der einen und der Sohn der anderen zählen zu der Klientel, die sich die Devise „Zersetzung“ geradezu auf die Fahne geschrieben haben. Es sind in jeder Hinsicht (optisch, habituell, effektiv) Widerlinge, sämtlich entweder im Staatsdienst oder auf fett subventionierten Stellen zugange. Man möchte dies gern en detail schildern, sowohl die Brut als auch das alte Zerstörungswerk, die Erziehungsmethoden damals. Allein – da gibt es eine merkwürdige Loyalität. Daher ist der Blick auf diese Achtundsechzigerinnen doch ein ambivalenter. Nicht nur, weil beide heute (vielleicht leicht nostalgisch-verklärten Blicks) den Kopf schütteln darüber, was vor vierzig Jahren möglich und nötig erschien: etwa die Kleinstkinder stundenweise unbeaufsichtigt im Laufstall alleinzulassen, weil das Selbstverwirklichungsgebot dies erlaubte. Oder Greise von ihren Krücken geschubst zu haben – im Namen des antifaschistischen Kampfes. Die beiden Alt-Achtundsechzigerinnen, wie sie sich heute darstellen, mit den ausgelutschten und ungefähren Prädikaten „interessant“ und „sympathisch“ zu beschreiben, führt kaum weiter. Das haben gealterte Akademikerinnen häufig an sich, dass sie im Gespräch freundlich und zugewandt erscheinen. Ach, wie anders stellte sich gerade in Zeiten der töchterlichen Pubertät, aber auch abgesehen davon, der eigene Familienkreis dar: Da gab es kein offenes Ohr für Zweifel, für Neuerungen, für Fragen. Alles ist, wie es ist und schon immer war; so soll es bleiben, punktum. Langt doch, wenn die Wohnung warm, das Essen reichhaltig und die Kleider sauber sind. Wozu Diskussionen – uns gehts doch gut! Bei den Achtundsechziger-Omis (faktisch zwar enkellos – Gottseidank, muss man sagen) war und ist das anders: Da wurde gelesen, Veranstaltungen besucht und abends bis in die Puppen diskutiert. Es sind, nebenbei, schöne, attraktive Frauen, qualitätsbewusst und stilsicher. Kontroversen wurden und werden nicht ausgesessen, Eingeschnapptsein gilt nicht. Wie angenehm, diese Beleidigungsresistenz! Das empörte Man-kann-doch-nicht der Spießer gibts hier nicht, es zählt bis heute die Langhanssche „Politik der ersten Person“: Wer ist „man“? Und was kannst du – kannst du es aus eigener Kraft? Dann beweis es! Die Glotze bleibt aus und die Haribotüte im Schrank, wenn die Kleinen da sind – groß genug, einen süßen (wenn auch optisch halbperfekten) Kuchen zu backen, sind die Kinderhände allemal. Klar, meine beiden würdig ergrauten Ladies (im Gegensatz zu den oft unwürdig scheckig-gesträhnten Nicht- Achtundsechziger-Altersgenossen) lassen sich mit Fug und Recht den „Best-Agern“ zuordnen, jenen hedonistisch nutznießenden und nichtsnutzigen Profiteuren des Großelternerbes, das sie einst mit Füßen getreten haben. Sie fahren ihr Wellness-Programm und leben ihr wohlsituiertes, hochbewusstes spätjunges Dasein nach Kräften aus. Sie kann man nicht von ihren Krücken stoßen. Schicksal, Körperbewusstsein, ein für- und vorsorgliches Gesundheitssystem und am Ende die Konjunktur von manierlichem Benehmen werden sie davon verschonen. Wir müssen am Ende doch die Drecksarbeit machen – und sortieren, was sie zu bieten haben. Sie sind eben unser Erbe.

Literatur

Institut für Staatspolitik: 68. Ursachen und Folgen, Arbeitsgruppe 2, März 2008


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