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![]() Robert Grözinger, Jahrgang 1965, Diplom-Ökonom, ist freier Journalist und Übersetzer. ef-Sucheef-EinkaufspartnerWenn Sie ef-online unterstützen möchten, starten Sie bitte Ihre Amazon-Einkäufe mit Klick auf diesen Button: ef auf FacebookBesuchen Sie uns auch auf Facebook: |
Nietzsche: Wie frei kann der autonome Mensch sein?von Robert Grözinger Was kommt nach dem Nihilismus? In einem bei LewRockwell publizierten Artikel von Thomas Schmidt findet sich ein Zitat von Tom Wolfe, der sich in einem Artikel („Sorry, But Your Soul Just Died“) unter anderem mit Friedrich Nietzsche beschäftigt. Wolfe weist darauf hin, dass dieser schrieb: „Was ich erzähle, ist die Geschichte der nächsten zwei Jahrhunderte“. Und Wolfe bringt dieses Zitat in Zusammenhang mit folgender Aussage des Philosophen: „Es wird Kriege geben, wie es noch keine auf Erden gegeben hat.“ Nietzsche hat eine so unmittelbare und im bisherigen Rückblick sehr zutreffende Vorhersage meines Wissens nicht gemacht; diese zwei Zitate stammen nämlich aus unterschiedlichen Werken. Dennoch ist es nicht unzulässig, sie in einem Zusammenhang zu bringen.. Das erste Zitat stammt laut Friedhelm Decher aus einer nicht näher bezeichneten „Aufzeichnung aus dem Zeitraum 1887-88“, das zweite aus Nietzsches Autobiographie „Ecce Homo“, die allerdings zeitnah, nämlich 1888 entstand. Nicht nur aufgrund der zeitlichen Nähe beider Aussagen ist es geboten, diese Zitate in einen engen Zusammenhang zu bringen, denn es kann im Kontext der unbenannten Aufzeichnung durchaus von einer Vorahnung kommender Katastrophen die Rede sein. Unmittelbar nach seinem „zwei-Jahrhunderte-Satz“ führt Nietzsche nämlich weiter aus: „Ich beschreibe, was kommt, was nicht mehr anders kommen kann: die Heraufkunft des Nihilismus. Diese Geschichte kann jetzt schon erzählt werden: denn die Notwendigkeit selbst ist hier am Werk. Diese Zukunft redet schon in hundert Zeichen, dieses Schicksal kündigt überall sich an; für diese Musik der Zukunft sind alle Ohren bereits gespitzt. Unsre ganze europäische Kultur bewegt sich seit langem schon mit einer Tortur der Spannung, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wächst, wie auf eine Katastrophe los: unruhig, gewaltsam, überstürzt: einem Strom ähnlich, der ans Ende will, der sich nicht mehr besinnt, der Furcht davor hat, sich zu besinnen“. Der Kontext des zweiten, des „Ecce Homo“-Zitats ist folgender: „Denn wenn die Wahrheit mit der Lüge von Jahrtausenden in Kampf tritt, werden wir Erschütterungen haben, einen Krampf von Erdbeben, eine Versetzung von Berg und Thal, wie dergleichen nie geträumt worden ist. Der Begriff Politik ist dann gänzlich in einen Geisterkrieg aufgegangen, alle Machtgebilde der alten Gesellschaft sind in die Luft gesprengt – sie ruhen allesamt auf der Lüge: es wird Kriege geben, wie es noch keine auf Erden gegeben hat.“ Hier wird also das Wesen der kommenden, an anderer Stelle vorgeahnten Katastrophen genauer beschrieben. Wolfe fasst Nietzsches Gedanken wie folgt zusammen: „Und warum [würde es diese katastrophalen Kriege geben]? Weil Menschen keinen Gott mehr hätten, dem sie sich zuwenden könnten, der sie von ihrer Schuld freisprechen könnte; doch sie wären weiterhin von Schuld geplagt, da Schuld ein Impuls ist, der Kindern sehr früh eingeflößt wird. Im Ergebnis würden die Menschen nicht nur sich gegenseitig, sondern auch sich selbst hassen. Das blinde und beruhigende Vertrauen, das sie zuvor in ihren Glauben an Gott schütteten, sagt Nietzsche, würden sie nun in einen Glauben an barbarische nationalistische Bruderschaften schütten.“ Es muss allerdings nicht so bleiben. Decher führt Nietzsches diesbezügliche Gedanken weiter aus: Der Philosoph begreift diesen Nihilismus, so Decher, als „Zwischenzustand“. Der „nach-nihilistische Mensch [nimmt] die Gottlosigkeit der Welt an, aber er versinkt nicht in der Resignation des Nihilisten. Vielmehr lässt er sich auf den Wagnis- und Experimentiercharakter des Lebens ein: er experimentiert mit neuen Werten, er ‚wagt‘, wie Nietzsche sagt, neue Werte – auch um den Preis, dass er dabei vielleicht scheitert.“ Dieser nach-nihilistische Mensch ist der „Übermensch“, dessen höchster Wert das „wirkliche Leben“ ist. Nichts in der historischen Realität seit Nietzsche deutet allerdings darauf hin, dass diese letzte und etwas schwammige Projektion zutreffend ist. Nun sind seit seiner Vorhersage erst 120 Jahre vergangen, der Übermensch hat also bis zu seinem Erscheinen noch 80 Jahre Zeit. In den Nazis, hätte Nietzsche sie erlebt, hätte er wohl keine Übermenschen gesehen, sondern Götzendiener. Nietzsche betrachtete nämlich „nationale Machtentfaltung und die Betonung der nationalen Überlegenheit der Deutschen gegenüber anderen Völkern“ ebenso als Götzen wie den Sozialismus. Andererseits: Wie soll sich der (selbsternannte?) Übermensch in einer Welt des Wertepluralismus verhalten, wenn er seine Werte erstmal als die „richtigen“ erkannt hat? Wie anders im Prinzip, als es die Nazis versuchten? Oder anders gefragt: Was sollte den Übermenschen davon abhalten, sich wie ein Herrenmensch zu gebärden? Während wir auf die Antwort warten, die uns die historische Realität irgendwann in den nächsten acht Jahrzehnten geben könnte, können wir in der Zwischenzeit überlegen, ob hier nicht die eine oder andere Prämisse falsch ist, die zur Schlussfolgerung „Übermensch“ geführt hat. Nietzsche zufolge wurde „die Heraufkunft des Nihilismus dadurch ermöglicht, dass die ihm vorausgehende Weltdeutung, die christlich-moralische, selbst schon – wenn auch in einem anderen Sinn – nihilistisch war“, schreibt Descher. „Und zwar war sie für Nietzsche insofern nihilistisch, als sie das Leben, die sinnlich erfahrbare Wirklichkeit – also das, was wir als die ‚Realität‘ bezeichnen – entwertete und allein ein Jenseits des Lebens, das heißt eine übersinnliche ideale Welt als Wert gelten ließ. Und der Nihilismus kam herauf, als diese jenseitige Welt als das entlarvt wurde, was sie in Nietzsches Augen in Wahrheit ist: nämlich ein Nichts, eine Illusion. Damit war all der Wert, den man ihr beigelegt hatte, vernichtet. Und übrig blieb die reale Welt – und die war nach christlichem Verständnis ohnehin ohne Wert und Sinn.“ Wenn Deschner Nietzsche hier richtig wiedergibt, hat der Philosoph das Problem, das zum neuzeitlichen Nihilismus führte, nicht ganz richtig erkannt. Es stimmt nicht, dass die christlich-moralische Weltdeutung das „reale“ Leben „entwertete“, sondern eben umgekehrt gerade deswegen aufwertete, weil es aus ihrer Sicht von einem persönlichen Gott mit Absicht erschaffen worden und eben kein Zufallsprodukt war. Die Wurzel des modernen Nihilismus sieht der christliche Rekonstruktionist Gary North in seinem Buch „Unholy Spirits“ woanders: In den von den frühen Theologen in die Verteidigung des christlichen Glaubens übernommenen Aspekten dualistischer Philosophie der alten Griechen. Dualismen wie die von Form und Materie hätten zur Zerstörung der klassischen Kultur geführt. Zwar hätten dann die Scholastiker, zum Schluss mit Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert, eine Art Synthese von Natur (also philosophischer Spekulation) und göttlicher Gnade (Theologie) hergestellt, diese sei aber schon hundert Jahre später von zwei Seiten herausgefordert worden. Wilhelm von Ockham (der mit dem Rasiermesser) postulierte, „dass, wenn Logik oder Beobachtung ein bestimmtes Ereignis präzise beschreiben, die Menschen nicht Gott oder Engel zur Erklärung heranziehen dürfen“. Nach Ockham „reicht die natürliche Vernunft daher für das Verständnis der Welt aus.“ Auf der anderen Seite der Debatte stand Thomas Bradwardine, der „Vernunft als Instrument für das Verständnis der Offenbarung Gottes ablehnte. Persönliche Erfahrung, nicht endlose Ketten logischer Beweisführung, stehe im Mittelpunkt wahrer Religion.“ Diese zwei Positionen führten zum Zusammenbruch der mittelalterlichen Synthese von Glaube und Vernunft. „Da Ockham und seine Anhänger sich weigerten, durch das Natürliche hindurch das Übernatürliche zu sehen, stellten sie den Glauben außerhalb der Sphäre der Vernunft. Weil Bradwardine der Vernunft keinerlei Autonomie zugestand, verlor sie jegliche Gültigkeit, und aus Glaube wurde reines Gesetz. Das bedeutete einerseits, dass Vernunft, Philosophie und Naturwissenschaft autonome Disziplinen ohne Bezug zur Theologie wurden, während andererseits Glaube und Theologie sich zu reflexionsfreien Systemen der Anbetung entwickelten.“ Diese Verdrängung Gottes aus dem rationalen Universum hatte als erste Folge, die sich noch heute manifestiert, die Erhebung des Menschen zur höchsten Autorität, zur Autonomie. Zur Autonomie gehört jedoch auch die vollständige Beherrschung der Natur. Zur Natur gehört zwangsläufig auch die Natur des Menschen. Auf der genannten philosophischen Grundlage führte die Suche nach der größtmöglichen Autonomie oder Freiheit des Menschen (vor der Unbill der Natur) schließlich zur Einschränkung der menschlichen Freiheit. Denn wenn der Mensch als reines Produkt der Natur betrachtet wird, kann man seine Verhaltensweisen und sozialen Systeme ebenfalls mit Naturgesetzen erklären – und beherrschen. Man muss sie nur entdecken. „Zerstört das mechanische Gesetz die Freiheit des Menschen oder bedroht die Autonomie des Menschen – notwendig als außerhalb der natürlichen Ursache-Wirkungskette stehend – die universale Regel des Naturgesetzes von Ursache und Wirkung?“, bringt North die zentrale Frage auf den Punkt. „Die Philosophie des autonomen Menschen kann keine Antwort liefern, doch die Frage verlangt nach einer Antwort. Die Geschichte der modernen Philosophie“, so North weiter, „kann ziemlich gut als Geschichte des Versagens der Menschen beschrieben werden, eine akzeptable Antwort auf das Problem zu finden, wie die Freiheit des autonomen Menschen mit einer Welt deterministischer Ursache und Wirkung in Einklang gebracht werden kann.“ Auch Nietzsches Übermensch hat dieses Problem nicht gelöst. Seine Vorhersage über zukünftige katastrophale Kriege aufgrund des Dahinscheiden Gottes war zwar offensichtlich sehr präzise. Doch seine „Lösung“ beruhte auf falschen Voraussetzungen. Auch der Übermensch, wenn er je Wirklichkeit werden sollte, wird ein Götzendiener sein. „Der Mensch als Gott als Lenker des evolutionären Prozesses, ist eine unweigerlich religiöse Vision“, zitiert North C.S. Lewis und ergänzt: „Um Fortschritt [also Beherrschung der Natur] ohne Tyrannei zu bewerkstelligen, müssen wir die Ethik der Macht voranstellen. Die Frage ist: Welches ethische System sollten Menschen annehmen? Eines die den Menschen und die menschlichen Ziele erhöht, oder eines, das Gott erhöht und somit die Macht des Menschen einschränkt?“ Was also kommt nach dem Nihilismus? Götzen- oder Gottesdienst? Internet Gary North: Unholy Spirits, siehe insbesondere Seiten 25 – 38. Thomas Schmidt: „Programming the 21st Century“ Tom Wolfe: „Sorry, But Your Soul Just Died“ Friedrich Nietzsche: Ecce Homo 21. Mai 2008 Unterstützen Sie ef-onlineHat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie uns durch eine Fördermitgliedschaft. 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