02. Juli 2008

Bildungspolitik Bildung ist ein privates Gut

Wie Planwirtschaft unser Schulwesen ruiniert

Bildung wird in Deutschland, dem Land der Dichter und Denker, wie man gerne zu sagen pflegt, eine große Bedeutung bemessen. Das hat auch handfeste wirtschaftliche Gründe, denn Bildung und Einkommen korrelieren stark miteinander: Schulabbrecher sind durchschnittlich stärker von Armut bedroht, während Spitzenverdiener üblicherweise einen Hochschulabschluss vorzuweisen haben. Nichts wünschen sich verantwortungsvolle Eltern daher sehnlicher als eine gute Schulausbildung für ihre Kinder. Obwohl Politiker in rhetorischen Sprechblasen Bildungspolitik gerne einen hohen Stellenwert zuschreiben, so haben sich die Probleme des öffentlichen Schulwesens nichtsdestotrotz weiter verschlechtert: Lerndefizite, Gewaltkriminalität und ein hoher Migrantenanteil plagen insbesondere städtische Haupt- und Realschulen.

Kürzlich hat Bundeskanzlerin Merkel in einer Rede Bildungspolitik zur Chefsache erklärt. Ein Bundesbildungsgipfel im Herbst soll die Probleme des deutschen Schulwesens erörtern und konkrete Maßnahmen entwickeln. Viel erwarten darf man von einer solchen Veranstaltung nicht, denn erstens ist Bildung immer noch Ländersache und zweitens verfolgen die Regierungsparteien unvereinbare Ziele. Während das bürgerliche Lager am dreigliedrigen Halbtagsschulsystem festhalten will, verlangen Linke und Sozialdemokraten die flächendeckende Einführung von ganztägigen Einheitsschulen. Entgegen aller Beteuerungen sind beide Konzepte rein ideologisch begründet und orientieren sich nicht an den Bedürfnissen von Schülern und Eltern, denn ein objektiv "bestes" Schulsystem gibt es nicht.

So mag es Schüler geben, denen mit einer Ganztagsschule geholfen ist, weil sie so in eine angenehmere Lernatmosphäre versetzt werden als bei ihren vier Geschwistern zu Hause in der Einzimmerwohnung. Andererseits, warum sollten leistungsstarke Schüler, die besser selbständig lernen, nicht mehr zu Hause arbeiten können? Kindern, die aus irgendwelchen Gründen Angst haben, in die Schule zu gehen, oder an Lernstörungen leiden, wäre vielleicht mit Einzelunterricht besser geholfen. Lernbehinderten sowie hochbegabten Kindern nützt es nichts, wenn sie zusammen auf eine Schule gehen müssen. Musikalisch begabten Kindern kann eine musikbetonte Schule eher fördern, religiöse Familien wissen ihre Kinder vielleicht in konfessionellen Schulen besser aufgehoben.

Wie wir sehen, hängt die angemessene Schuform vor allem von den individuellen Bedürfnissen der Schüler und ihren Eltern ab. Hier kann eine kollektive politische Entscheidung für oder gegen irgendein Schulsystem die Situation nur verschlechtern, weil sie den Betroffenen ihrer Wahlmöglichkeit beraubt. Nur Vielfalt ist das geeignete Mittel, um Bildungsarmut zu verhindern, aber leider ist genau die unvereinbar mit staatlicher Bildungsplanwirtschaft. Dies soll am Beispiel der Schulpolitik des Berliner Senats im Folgenden kurz illustriert werden.

Das Landesschulamt lässt den Schulen im Rahmen des neuen Schulgesetzes zwar eine gewisse Selbstverwaltung, was Lehrpersonal und Lehrmittel betrifft, im Zweifel unterliegt sie aber der Dienstaufsicht des Landesschulamts, die auch die mangelhaften Budgets der Schulen festlegt. Unterrichtsinhalte werden politisch bestimmt: Jüngster Streich des rot-roten Senats war die Einführung des Pflichtfachs Ethik und die Verweigerung der Wahlmöglichkeit zwischen Ethik oder Religion für Schüler und Eltern. An Freiheit mangelt es auch bei der Schulwahl durch die Eltern: So schreibt das Landesschulgesetz vor, das Kind in eine örtliche Grundschule des zuständigen Stadtbezirks einzuschulen. Dies hat dazu geführt, dass besorgte Eltern schulpflichtiger Kinder aus Bezirken mit hohem Ausländeranteil wegziehen, weil sie (leider nicht zu unrecht) befürchten, dass Migrantenkinder mangels Sprachkenntnissen und elterlicher Förderung das Unterrichtstempo verlangsamen. Selbst in der grün-alternativen Kreuzberger Mittelschicht hört die Toleranz bei der Bildung ihrer Kinder auf. Die Regelung verschärft die Ghettoisierung in der Stadt, was wiederum den örtlichen Schulen schwer zu schaffen macht. Die Neuköllner Rütlischule hat inzwischen einen Ausländeranteil von nahezu 80 Prozent und ein Problem mit Gewalt durch Schüler aus bildungsfernen familiären Hintergründen. Auf dieses Problem musste der Senat erst durch einen öffentlichkeitswirksamen Brandbrief des Lehrkörpers aufmerksam gemacht werden.

Einen Ausweg aus der staatlichen Bildungsmisere haben sich die Eltern selbst gesucht: Sie schicken ihre Kinder im zunehmenden Maße auf Privatschulen. Seit 1990 ist die Zahl der Privatschulen um 40 Prozent gestiegen, ihr Anteil an den allgemein bildenden deutschen Schulen beträgt heute rund acht Prozent. Allen Vorurteilen zum Trotz stehen hinter den privaten Schulen eher nicht kommerzielle Organisationen, sondern meist kirchliche Vereine und Elterninitiativen. Deutsche Privatschulen unterliegen einer staatlichen Aufsicht, sind aber grundgesetzlich geschützt und verfügen über viel größere Autonomie als öffentliche Schulen. Dem staatlichen Einheitsbrei setzen sie pädagogische Vielfalt entgegen: Deutsche Privatschulen verfolgen zum Teil sehr unterschiedliche pädagogische Ansätze und fachliche Schwerpunkte. Dank moderner Pädagogik und nicht zuletzt der Tatsache, dass in Privatschulen keine Beamten unterrichten, sind die schulischen Leistungen von Privatschülern im Durchschnitt besser.

Wollen wir unser Bildungssystem retten, brauchen wir mehr Privatschulen. Dies könnte beispielsweise dadurch erreicht werden, dass die Bundesländer dazu übergehen, Privatschulinitiativen zu unterstützen anstatt eigene Schulen zu betreiben und die staatlichen Schulen schrittweise in private Trägerschaften überführen. Noch besser als die Subventionierung privater Schulen ist jedoch die Subventionierung privater Bildung: Ein Bildungsgutschein, der Eltern einen Teil des Schulgeldes erspart, fördert Vielfalt sowie Qualität im Bildungssektor und kommt der Gesellschaft langfristig billiger als die alltägliche Misswirtschaft und Gängelung im gegenwärtigen staatlichen Schulwesen.

Internet

TAZ-Gründer bevorzugt Unikulti

Eltern machen ihre eigene Schulreform


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