05. Juli 2008

Die Ron-Paul-Revolution Für eine dezentralisierte freiere Welt

Amerika als Idee und Ansporn für uns Europäer

In vielerlei Hinsicht sind die europäischen Reaktionen auf Ron Paul und seine Präsidentschaftskampagne eine Spiegelung jener in Amerika, wenn auch in verkleinerter Form. Die europäischen Mainstreammedien haben den freiheitlichen Präsidentschaftskandidaten eher noch schlechter behandelt als die amerikanischen. Sie registrierten ihn kaum. Und wo doch, in einem Halbsatz vielleicht, wurde er als kauzig abgetan. Der „Spiegel“ nannte ihn einen „Hofnarren“, die „Welt“ eine „Lachnummer“. Es gab einige, sehr wenige, respektvolle und nachdenkliche Artikel oder Kommentare über ihn, aber sie waren die Ausnahme; und die meisten dieser Artikel erschienen erst, nachdem die Vorwahlen begonnen hatten und es klar wurde, dass Paul für das Establishment keine unmittelbare Bedrohung war. Die europäische Fernsehberichterstattung über Paul war noch schlechter. Sie fand praktisch nicht statt. Aber: Wo immer er erwähnt wurde und wo auf den Internetseiten des entsprechenden Medienorgans Kommentare möglich waren, gab es regelmäßig viele Einträge, die Paul wohlwollend erwähnten und die die Autoren dafür kritisierten, nicht respektvoller mit dem Kandidaten umgegangen zu sein. Manch ein europäischer „Paulaner“ ist allein aufgrund dieser elektronischen Leserbriefe auf die Freiheitsbotschaft des Texaners gestoßen.

Auch dies ist eine Spiegelung der Entwicklung in Amerika: Das Internet hat dazu beigetragen, dass trotz der Sperre der Mainstreammedien Tausende sehr unterschiedliche und engagierte Europäer nicht daran gehindert werden konnten, sich um den Kongressabgeordneten und seine Freiheitsbotschaft zu sammeln. Allein auf der Website RonPaulEurope.net sind 30 europäische Blogs verlinkt, die sich Ron Paul und „seiner“ Revolution widmen. Das sind die zweckbestimmten Blogs. Nicht gezählt sind die allgemein libertär oder radikalliberal eingestellten Blogs und Webseiten, die nicht speziell Ron Paul gewidmet sind, die jedoch über ihn und seine Bewegung regelmäßig berichten und kommentieren. Ben Novak, ein Amerikaner, der in der Slowakei lebt und arbeitet, und der Administrator der Google-Gruppe „Europeans4RonPaul“ ist, ist beeindruckt: „Die Zahl der nicht englischsprachigen Ron-Paul-Webseiten in Europa ist erstaunlich. Offensichtlich sprechen sie nicht die amerikanischen Wähler an, sondern sie wollen Europäern die Botschaft Ron Pauls nahebringen. Ich habe Webseiten auf estnisch, polnisch, ungarisch, kroatisch, portugiesisch, französisch, deutsch, flämisch, norwegisch und vieles mehr gesehen. Für mich ist das eine erstaunliche Entwicklung. Seitdem die Kommunisten Informationen in jedem Land und jeder Sprache verbreiteten, hat es so etwas nicht gegeben.“

Diese Blogs und Webseiten, zusammen mit heute etwa 25 europäischen Ron-Paul-Meetup-Gruppen, haben dazu gedient, gleichgesinnte, freiheitsliebende Menschen miteinander in Verbindung zu bringen, und dabei Grenzen und Sprachbarrieren sowie Unterschiede in Ethnien, Philosophien und Glaubensbekenntnissen zu überwinden, um das zu bilden, was Jay Roberts in einem Artikel bei LewRockwell.com eine „digitale Nation“ genannt hat. Eine digitale Nation ist eine Ansammlung von Menschen, die unabhängig von ihrem geographischen Ort zwecks Verwirklichung eines gemeinsamen Ziels ein Netzwerk bilden. Sie informieren sich, helfen einander, lernen voneinander. Sie umgehen dabei etablierte Institutionen, die Medien, die Schulen, die Parlamente, die politischen Parteien. Sie sind wortwörtlich „außer Kontrolle“ geraten. Jay Roberts beobachtete: „Die Tatsache, dass die erste digitale Nation sich um Ron Paul formierte statt um Obama oder das Verbot von gehärteten Fetten ist ein guter Frühindikator dafür, dass digitale Nationen vielleicht dazu tendieren werden, freiheitlich zu sein.“

Das bisher bemerkenswerteste Ergebnis dieser digitalen Vernetzung für Ron Paul in Europa war die „Straßburg Tea Party“. Am 16. Dezember 2007, dem Jahrestag der 1773 stattgefundenen „Boston Tea Party“, als amerikanische Siedler als Indianer verkleidet gegen die Steuerpolitik Londons protestierten, wurden in den USA innerhalb von 24 Stunden rekordbrechende sechs Millionen Dollar für den Wahlkampf Pauls gesammelt. Diese Spendensammlung fand unabhängig von der offiziellen Kampagne statt und wurde spontan von einigen Unterstützern Pauls im Internet organisiert. In Straßburg versammelten sich am gleichen Tag in Solidarität mit der „Ron Paul Revolution“ vor dem Europaparlament etwa 30 Europäer, von denen einige als Indianer verkleidet waren. Sie warfen Tee in den Rhein, feierten ihren Held und hatten einfach Spaß, miteinander zu sprechen und beisammen zu sein. Dieses Ereignis zeigt zweierlei: Erstens ein hohes Maß an Verständnis für die wichtigen Themen, nämlich die zunehmende Zentralisierung der Macht und den Transfer der Macht an internationale Körperschaften wie die Europäische Union. Und zweitens zeigt sich, dass Europäer anfangen zu lernen, was Amerika historisch für die Menschheit bedeutet hat und in Zukunft noch bedeuten könnte.

Seit dem Zweiten Weltkrieg können die Gefühle der Europäer, zumindest der Westeuropäer, Amerika gegenüber als manisch-depressiv bezeichnet werden. Einerseits wird Amerika als Befreier von der Nazi-Diktatur gefeiert und bis 1989 als der große Beschützer gegen die sowjetische Bedrohung gesehen, außerdem als Quelle scheinbar grenzenlosen Wohlstandes und scheinbar grenzenloser Freiheit. Andererseits wird der kulturelle Einfluss der USA als erdrückend empfunden und Amerika als die Supermacht betrachtet, die ihre Hegemonie auf den Großteil der restlichen Welt ausübt und die anderen Völkern ihren Willen und ihre Lebensart kaltschnäuzig aufzwingt.

Diese beiden Darstellungen vermitteln jeweils einen Teil der Wahrheit, aber sie harmonieren nicht, sie passen nicht zusammen. Etwas fehlt in diesem Bild, irgend etwas stimmt nicht. In der Zwischenzeit jedoch prägen diese Sichtweisen in den Vorstellungen der Menschen, zumindest in Westeuropa, ein ziemlich schizophrenes Bild von Amerika. Sie haben jene ungesunde Hassliebe erzeugt, die Europäer heute für die USA empfinden.

Im Licht dieser Tatsache ist Ron Paul ein erstaunliches Kunststück gelungen. Neben vielen anderen Errungenschaften hat er infolge seiner Kandidatur das Fundament für eine gründliche Genesung der europäischen und vermutlich weltweiten Wahrnehmung der Vereinigten Staaten gelegt. Er hat vielen geholfen, die manisch-depressive Sicht Amerikas als Land zu überwinden, indem er die Sicht von Amerika als Idee betonte. Manche mögen es den amerikanischen Traum nennen, ich bevorzuge den Begriff Idee, weil Ideen rational sein können, während Träume meist irrational sind. Die amerikanische Idee ist, dass individuelle Freiheit die beste und größte Hoffnung für die Menschheit ist. Es war Rose Wilder Lane, die 1943 in ihrem Buch „The Discovery of Freedom“ schrieb, dass die amerikanische Revolution tatsächlich eine Weltrevolution war, eine kühne Proklamation an die Welt als ganzes, dass der Mensch frei ist. Und dass sie eine fortlaufende Revolution gegen die Kräfte der Unterdrückung überall in der Welt ist. Aus dieser kämpferischen These leitete Lane zwei Schlussfolgerungen ab, eine zutreffende und eine falsche. Die falsche Schlussfolgerung war, dass der Eintritt Amerikas in den Zweiten Weltkrieg mit der Begründung zu unterstützen war, dass er eine Fortsetzung dieser Revolution war. Diese Schlussfolgerung war falsch, weil die im Jahr 1943 in Washington an der Macht Befindlichen inzwischen dabei waren, die Verfassung und die individuellen Freiheiten abzuschaffen. Lanes zutreffende Schlussfolgerung aber war, dass Marxismus und Sozialismus einschließlich Nationalsozialismus tatsächlich Konterrevolutionen gegen den historischen Aufstieg der individuellen Freiheit waren, einer Freiheit, die sich hauptsächlich aufgrund der Existenz der Vereinigten Staaten in der Welt verbreitet hatte. Lanes Fehler war es, die Tatsache zu übersehen, dass die Konterrevolutionäre auch in den USA bereits an der Macht waren.

Heutzutage hat diese Konterrevolution fast vollständig gesiegt. Die amerikanische Verfassung wird heute weitgehend ignoriert. Die amerikanischen Machthaber fühlen sich in ihren Handlungen im In- und Ausland durch nichts eingeschränkt. Ein wichtiger Teil dieser konterrevolutionären Bestrebungen ist die systematische Entfernung von Wissen über die amerikanische Geschichte und die Philosophie der Freiheit aus den Lehrbüchern und Klassenzimmern der Schulen und Universitäten und aus den Massenmedien, nicht nur in Amerika, sondern auch in Europa. In der dadurch entstehenden intellektuellen Wüste konnte die manisch-depressive Rezeption Amerikas aufblühen. Zuletzt war Amerika nicht mehr der makellose Leuchtturm der Freiheit. Heute jedoch, nach zwölf Monaten Wahlkampf von Ron Paul und der nach ihm benannten Revolution, haben geschätzte vier- bis zwanzigtausend Europäer zum ersten Mal in ihrem Leben Elemente der wahren Geschichte der amerikanischen Revolution und der ihr zugrundeliegenden Philosophie der Freiheit kennengelernt.

Sie lernen, dass Abraham Lincoln nicht der weiße Ritter in glänzender Rüstung war und dass Papiergeldinflation und Konjunkturzyklen keine unabänderlichen Naturphänomene sind. Sie hören von der Österreichischen Schule der Ökonomie und davon, dass Regierungsinterventionen immer zu ungewollten Nebenwirkungen führen, die Anlass geben zu immer weiteren Interventionen. Sie lernen, dass wir diesen Trend umkehren müssen. Sie lernen, dass die Teilnahme der USA am Ersten Weltkrieg katastrophale Folgen für die Freiheit in Europa hatte. Vor allem aber lernen sie, dass es eine andere Bedeutung von Amerika gibt als die eines großen Landes, das andere seine Kraft spüren lässt und Menschen zu seiner korrumpierten Vorstellung von Freiheit zwingen will. Sie lernen, dass Amerika vor allem eine Idee ist. Und sie mögen diese Idee. Entscheidend ist, dass viele sich vom Beispiel Ron Pauls ermutigt fühlen, für die Verwirklichung dieser Idee zu Hause, in Europa, tatsächlich zu kämpfen.

Diese Menschen, deren Mehrheit jung ist, haben das existierende System jetzt „im Geiste verlassen“. Es ist unwahrscheinlich, dass sie es jemals wieder betreten werden. Ich sage daher voraus, dass der europäische Zweig der digitalen Ron-Paul-Nation, genau wie der amerikanische Zweig, lange nach der Präsidentschaftskampagne von 2008 weiter wachsen wird. Zu diesem Zeitpunkt ist es schwer zu sehen, welche konkreten Veränderungen in Europa angestoßen werden, und wann sie geschehen werden. Eines scheint sicher: Von nun an werden die Machthaber einen beharrlichen, ständig wachsenden, Stachel im Fleisch spüren. Aufgr und des dezentralen Wesens des Internets wäre die Schaffung einer Weltregierung nötig, um diesen Stachel zu ziehen. Eine Weltregierung kann uns tatsächlich noch ins Haus stehen. Wenn irgendetwas dies verhindern wird, wird die digitale Ron-Paul-Nation oder ihr Nachfolger eine große Rolle dabei spielen, den Trend zur Weltregierung umzukehren, hin zu einer dezentralisierten und freieren Welt.

Information

Dieser Artikel basiert auf einer Rede, die der Autor am 25. Mai auf der Jahresversammlung der Property and Freedom Society in Bodrum, Türkei, hielt.

Literatur

Robert Grözinger: Wer ist Ron Paul? Der Kandidat aus dem Internet, Grevenbroich 2008.


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