ef investigativ

Haben Sie Informationen oder Dokumente für uns? Hier können Sie unserem Investigativ-Team eine Nachricht schreiben.

investigativ@ef-magazin.de

ef auf Facebook

Besuchen Sie uns auch auf Facebook:
facebook.com/efmagazin

Anzeige

Hitler-Wachsfigur: Kopflose Aktion

von Robert Grözinger

Madame Tussauds durchkreuzt den letzten Plan des „Führers“

07. Juli 2008

Die im wahrsten Sinne des Wortes irrsinnige Debatte um die Frage, ob es richtig sei, eine Wachsfigur Adolf Hitlers in Berlin auszustellen, erhielt am vergangenen Samstag eine neue Dimension, als einer der ersten Besucher der Berliner Niederlassung von Madame Tussauds der Figur kurzerhand den Kopf abriss. Merkwürdig an der ganzen Debatte war, dass so getan wurde, als sei ein Wachs-Hitler etwas völlig neues und unerhörtes.

Ende der siebziger Jahre besuchte der Autor dieser Zeilen zum ersten und bislang letzten Mal Madame Tussauds – in London. Nur wenige Figuren sind ihm von damals in Erinnerung geblieben, als junger Teenager interessierte er sich eigentlich mehr für das benachbarte Planetarium. Im Treppenabgang zum „Gruselkabinett“, ein Raum voller Mörder, Folterer und ähnlich freundlichen Exemplaren der Gattung Homo sapiens, stand – untypischerweise durch eine Vitrine geschützt – Adolf Hitler. Der „Führer“ fungierte hier sozusagen als Torwächter zur Unterwelt. Er sah allerdings ziemlich neutral aus, weder aggressiv noch deprimiert. In der Erinnerung des Autors hat er einen Zivilanzug an, keine Uniform und keine Hakenkreuzbinde, aber vielleicht täuscht er sich. Es ist ja auch lange her, und ein Foto hat er damals auch nicht gemacht. Möglicherweise ist es aber die selbe Figur, von der ein anderer Tourist im Jahr 2001 ein Foto gemacht hat, das er ins Internet gestellt hat – siehe ersten Link unten.

Inzwischen gibt es offenbar eine andere oder zusätzliche Hitler-Figur in der Londoner Wachsfigurensammlung. Auch diese ist in Uniform mit Hakenkreuzbinde gekleidet. Doch dieser Hitler posiert viel aggressiver als die vormalige Figur – siehe zweiten Link unten. Der rechte Unterarm ist nach oben gewinkelt, die Hand zur Faust geballt, das Gesicht zeigt Wut und Trotz. Ist es falsch, ihn so darzustellen? Die Besucher scheinen das nicht zu glauben. Der historische Hitler soll sich unter anderem deswegen umgebracht und die Verbrennung seiner Leiche verfügt haben, damit er nicht, wie von ihm befürchtet, als Monster in einem Käfig in Moskau ausgestellt würde. Dank Madame Tussauds ist ihm dieser Wunsch nicht völlig gewährt worden. Jetzt, zweieinhalb Generationen nach seinem Ende, ist Hitler, selbst in aggressiver Pose, nur noch eine Witzfigur. Man kann über ihn lachen, ohne zu vergessen, dass er ernst genommen werden muss. Das zeigt das dritte verlinkte Foto. Dort sind zwei junge Damen mit der Wachsfigur zu sehen. Die eine hebt in offensichtlicher Ironie den rechten Arm zum Hitlergruß, so wie sie ihn in zahllosen Spiel- und Dokumentarfilmen gesehen haben wird. Die andere deutet derweil mit freudestrahlendem Gesicht eine versuchte Erdrosselung des „Führers“ an. Doch es bleibt bei der Andeutung. Man versteht, dass es sich in Wahrheit nur um eine Puppe handelt, nicht um das wirkliche Monster.

Dies ist der Kontrast zwischen London und Berlin: In Deutschland gibt es offenbar noch viele Menschen, die Hitler quasi als einen – wenn auch bösartigen – „Gott“ betrachten, von dem man sich kein Bild machen darf. Jedenfalls kein „realistisches“, und nicht am Ort seiner historischen Handlungen. Eine solche Unfähigkeit, zwischen realistischem Bild und vergangener Realität zu unterscheiden, grenzt an Infantilismus. Eine Diagnose, die durch die grobe Missachtung des Privateigentums Madame Tussauds durch den Besucher noch erhärtet wird. Wie auch im übrigen durch die skurrile Entrüstung ex-Bundeskanzlers Helmut Kohl, er sei nicht gefragt worden, ob eine Figur von ihm ausgestellt werden dürfe.

Natürlich ist es verständlich, wenn viele Deutsche an der Geschichte des zweiten Weltkrieges und des Naziregimes bis heute schwer leiden. Doch es gibt auch so etwas wie Selbstmitleid, mit dem man verhindert, über den Schmerz hinaus zu wachsen und ihn zu überwinden. Viele Deutsche scheinen sich in einer solchen Selbstmitleidsschleife gefangen zu halten. Es ist zu wünschen, dass Madame Tussauds die malträtierte Hitler-Figur wieder herrichtet und im ursprünglichen Zustand wieder aufstellt und damit weiterhin einen Beitrag zur Heilung des seelischen Schmerzes vieler Deutscher leisten kann.

Internet:

Hitler bei Madame Tussauds, London, in Vitrine (2001)

Hitler bei Madame Tussauds in aggressiver Pose, neben Churchill

Hitler bei Madame Tussauds in aggressiver Pose, mit zwei Touristinnen

Psychologische Definition von Infantilismus

Unterstützen Sie ef-online

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie uns durch eine Fördermitgliedschaft. Damit helfen Sie uns, unser Angebot stetig weiter auszubauen und genießen zusätzlich attraktive Privilegien.
Klicken Sie hier für Informationen zur Fördermitgliedschaft.

Testen Sie eigentümlich frei

Prominente Autoren und kantige Kolumnisten wie Bruno Bandulet, Theodore Dalrymple, Carlos A. Gebauer, Jörg Guido Hülsmann, Michael Klonovsky oder Frank Schäffler schreiben jeden Monat exklusiv in eigentümlich frei. Testen Sie ein Magazin, das über das Angebot auf ef-online hinausgeht.

Diesen Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare


Der Kommentarbereich für diesen Artikel wurde geschlossen.

Anzeige