09. Juli 2008

"Ein Quantum Trost" Bye, bye Mr. Bond

Ein politisch korrekt demontierter Held

Mit James Bond formte Ian Fleming in 12 Romanen und 5 Kurzgeschichten einen  Rohdiamanten, der jedoch erst mittels filmtechnischer Umsetzung durch den Produzenten Albert R. Broccoli zum cineastischen Edelstein geschliffen und mit mittlerweile 21 Teilen zur längsten und kommerziell erfolgreichsten Filmsaga aller Zeiten wurde. Fleming und Broccoli erschufen gemeinsam weitaus mehr als ein selbständiges Subgenre des Agententhrillers, welches neben diverser Realisierungsvarianten banaler Weltmachtsansprüche als Personifizierungen des absolut Bösen mit den ebenso wiederkehrenden Stilelementen exotischer Schauplätze, raffiniert-absurder Angriffs- und Verteidigungstechnologien und solider, harter Zweikampfkultur spielt und dabei vom legendären Glamour der eine laszive Erotik versprühenden Bondgirls gekrönt wird. Bond, James Bond, ein Prototyp des mit britischer Zurückhaltung wie englischem Humor ausgestatteten zynischen Dandys, dessen ritueller Getränkewunsch den Ausdruck der gepflegten Lebenslust des Augenblicks widerspiegelt. Im Gegensatz zum stets tumb und grobschlächtig wirkenden Auric Goldfinger im gleichnamigen Streifen weis er in jeder Lebenslage die Contenance zu wahren, seine kühle Intellektualität gepaart mit einem lexikalischen Wissen, solider Kampftechnik sowie ausgeprägten Nehmerqualitäten sind jene Eigenschaften, mit deren Hilfe er schließlich seinen langjährigen, genialen wie feigen Erzfeind Ernst Stavro Blofeld zur Strecke bringen kann. Operativzeichnet ihn eine zielorientierte Vorgehensweise aus, die Konzentration auf das Wesentliche, d. h. die Schwäche des Gegners, ist der Schlüssel zum Sieg des Trägers einer alten Walther PPK im direkten Duell gegen Francisco Scaramangas in arroganter Überheblichkeit geführten goldenen Colt. Seine wohl selbst am liebsten gepflegte und durch einen nachdrücklich wirkenden Charme unterstützte Einsatztätigkeit ist wohl die in nicht gänzlich selbstloser Aufopferung betriebene Sozialakquise zwecks Unterstützung geheimdienstlich relevanter Informationsbeschaffung, mal in der eher undankbaren Rolle eines Männchens der schwarzen Witwe in der Paarungszeit, hier zwischen den formidabel zupackende Adduktoren Xenia Onatopps in Goldeneye, mal aber auch in der Funktion eines ideologische Grenzen sprengenden Friedensbotschafters im Rahmen der engen Zusammenarbeit mit der KGB-Agentin Triple X, der Spionin, die ihn für eine Filmlänge hassliebte. Seinen Kämpfen und Missionen begegnete er dabei immer mit der für die Filmreihe so wohltuenden Portion Selbstironie, die schelmisch unterschwellig knisternden Dialoge mit Mrs. Moneypenny, die grotesk überspitzten Weltuntergangsdispute mit M sowie die in ihrer Kürze und Oberflächlichkeit im umgekehrten Verhältnis zur technischen Komplexität stehenden Unterredungen in Qs bzw. Rs Laboratorien legen hiervon reichlich Zeugnis ab. Kurz, ein herrlich unkonventioneller und markanter Popkornheld, eine Zweistundenprojektionsfläche harmloser (Männer-) Fantasien.

Doch der Erfolg dieses einzigartig über Jahrzehnte gereiften Filmcharakters hinderte die Produzenten zuletzt nicht, die historisch gewachsenen Strukturen zu zerschlagen und somit ein zum neutralen Agentengenre reduziertes Werk abzuliefern. So hat sich zwar seit den 90er Jahren das dominahafte Charisma einer weiblichen M – vielleicht nicht ganz zu unrecht – etablieren können und auch der seit einigen Jahren betriebene Verzicht auf den Genuss edler Tabake ist an der Grenze des zu verschmerzenden. Doch in dem Streben, es auch noch dem letzten Bedenkenträger und Minderheitenvertreter recht zu machen, wurde jüngst das Rad der Änderungen ganz im Stile einer Elektra King mit ihrer sanften Hand an der tödlichen Garotte gänzlich herumgerissen. In “Die Welt ist nicht genug“ konnte sich James Bond gerade noch befreien, doch nun brach es dem Charakterkopf das Genick – völlig losgelöst von Daniel Craigs schauspielerischer Leistung, die sich ja letztendlich auch nur am Drehbuch messen lassen kann. In so fern ist die – technisch zweifelsohne interessante – Folter, der Le Chiffre unter Zuhilfenahme eines Schiffstaus James Bond im zuletzt ausgestrahlten Film der Reihe, “Casino Royal“, unterzieht, weit mehr als ein Angriff auf die Kronjuwelen des Agenten Ihrer Majestät. Sie spiegelt geradezu die zeitgeistkonforme Entmännlichung des Protagonisten wider, die Reduktion eines generationsübergreifenden Heroen mit Ecken und Kanten zu einer politisch korrekt durchgestylten Actionfigur, die von Cocktailkultur genauso wenig hält wie von adäquaten Anzugsformen, einen den irgendwie alle lieb haben können, ein spielfigurtauglicher wie austauschbarer Polizeibeamter mit Identifizierungspotenzial bis ins Prekariat. Was wurde noch im Vorfeld der Dreharbeiten Daniel Craigs Eignung für diese Rolle thematisiert, die, eventuell bewusst lancierte, Konzentration auf seine vermeintliche Wehleidigkeit lenkte indes geschickt ab von der eigentlich praktizierten Demontage des James Bond und begeisterte große Teile des Publikums ob der handgemachten Action und schlagkräftigen Härte des neuen, wiedererstandenen Helden. Da bemerkte kaum jemand, dass auch die sonst so lieb gewonnenen Traditionen der genderadäquaten Richtlinienumsetzung seitens der Produzenten zum Opfer fielen. Denn zeitgemäß und statuskonform verfügt M nunmehr über einen blassen, laptopschwingenden wie praktikaerprobten MBA-Absolventen, einen “Mr. Moneypenny“ mit Pennälercharme im Konfirmatenanzug. Und um auch die technophobe Fraktion der Fortschrittspessimisten bezüglich ihrer Zukunftsängste nicht zu beunruhigen, wurde auf R respektive Q gleich gänzlich verzichtet. Schließlich hat auch noch Felix Leitner, Bonds Freund und CIA-Pendant, anscheinend seine afroamerikanischen Wurzeln wiederentdeckt, obwohl er in den zeitlich ja später spielenden Vorgängerfilmen am Michael-Jackson-Syndrom erkrank zu sein scheint – vielleicht teilen die beiden aber auch nur denselben Hautarzt und Schönheitschirurgen.

Bevor der belgische Comiczeichner Hergé, Erfinder der ebenfalls weltweit erfolgreichen Abenteuer von Tim und Struppi, verstarb, verfügte er testamentarisch, dass seine Kinder im Geiste mit ihm untergehen sollten: “Wenn andere Tim und Struppi fortführen, könnten sie es besser oder schlechter machen. Sicher ist nur, dass sie es anders machen würden, und dann wäre es nicht mehr Tim und Struppi.“

Mr. Fleming respektive Mr. Broccoli hätten gut daran getan, diesem Beispiel zu folgen. So muss man sich, trotz der gesellschaftspolitisch äußerst bedenklichen Signalwirkung, an den verbliebenen schönen Frauen, exotischen Schauplätzen und der soliden Action laben. Doch ob diese Refugien des diskriminierenden Sexismus, des klimaschädlichen Ferntourismus und der jugendgefährdenden Gewaltverherrlichung als Stilelemente des 22. Abenteuers erhalten bleiben, ist mehr als fraglich. Es darf daher spekuliert werden, ob uns die Produzenten zwecks Befriedigung partikularer Sonderinteressen mit weiter gehender Vermainstreamung beglücken. So ist es durchaus vorstellbar, dass James Bond nun doch seine jahrelang unterdrückten homoerotischen Sehnsüchte, zu deren Kompensation sein Frauenverschleiß in Wahrheit ja diente, in zarter Vertrautheit mit seinem Freund Felix Leitner kultiviert, nicht zuletzt, um diesem über den ihn traumatisierenden Tod seiner Frau Della in “Lizenz zum Töten“ hinwegzutrösten. Hinfort wechseln beide, angewidert von dem profanen Machtstreben ihrer Dienstherren den Arbeitgeber und ziehen fortan im Stile von Mr. Wint und Mr. Kidd, dem illustren Killerpärchen aus “Diamantenfieber“, im Auftrag von G, einem anonym bleiben wollenden, spendablen Sophisten und einst gescheiterten Präsidentenanwärter einer großen westlichen Industrienation, als CO2-Agenten aus, gerade noch rechtzeitig das globale Klima zu retten. Bye, bye, Mr. Bond.

Information

James Bond 007 - Ein Quantum Trost - ab 06.11.2008 im Kino

Filmtrailer

Informationen zum Film


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