10. Juli 2008

Integrationskurse Lose-Lose statt Win-Win

Wie private Sprachschulen schleichend verstaatlicht werden

Verglichen mit anderen Einwandererländern ist Deutschland offenbar eine Problemzone, in die es sich besonders schwer integrieren lässt. Untersuchungen wie die PISA-Studie zeigen, dass eine nicht-deutsche Herkunft ein viel größeres Risiko birgt, nicht besonders gebildet aus deutschen Schulen hervorzugehen, keine Arbeit zu finden und dauerhaft auf staatliche Almosen angewiesen zu sein. Doch wo es Probleme gibt, kommt stets und zuverlässig der deutsche Sozialstaat ins Spiel. Wenn die Menschen sich hierzulande nicht so leicht integrieren wie etwa in den klassischen Einwandererländern USA oder Kanada, dann muss eben staatlicherseits aufwändig nachgeholfen werden.

So sind im Jahre 2005 sogenannte „Integrationskurse“ eingeführt worden, die vom „Bundesamt für Migration und Flüchtlinge“ (BAMF) betreut werden. Für die meisten Immigranten sind diese Kurse verpflichtend, für andere Gruppen wie EU-Bürger dagegen freiwillig. Ein Integrationskurs umfasst 640 Unterrichtsstunden, dauert an den meisten Sprachschulen etwa ein halbes Jahr bei durchschnittlich 20 Unterrichtsstunden pro Woche. Vermittelt werden Deutschkenntnisse bis zur Niveaustufe B1 des Europäischen Referenzrahmens sowie etwas Landeskunde. Arbeitslose bekommen alle Kurskosten aus Steuergeldern erstattet während die übrigen Teilnehmer einen Euro pro Unterrichtsstunde als Eigenanteil bezahlen, was monatlich etwa 100 Euro ausmacht.

Kursträger dürfen neben den aus Steuergeldern finanzierten „öffentlichen“ Einrichtungen wie „Volkshochschulen“ oder „Bildungswerken“ auch private Sprachschulen sein, die nach einem langwierigen Prozedere eine Lizenz vom BAMF bekommen können. Alle Schulen müssen sich an die sehr detaillierten Vorgaben und bürokratischen Regeln des BAMF halten, was zum Beispiel Anmeldungen, Anwesenheitskontrollen oder Rechnungsstellung angeht. Auch der Preis pro Unterrichtseinheit, den die Schulen bekommen, ist genau festgelegt. Er liegt momentan bei 2,35 Euro. Zum Vergleich: Eine private Sprachschule in einer mittelgroßen Stadt, die sich selbst finanziert, muss bei einer Klassengröße zwischen 10 und 16 Personen zwischen 3,50 und 5 Euro pro Unterrichtseinheit verlangen, um nicht pleite zu gehen. Lässt man Kursgrößen von über 16 Personen zu, leidet zwangsläufig die Qualität des Unterrichts so sehr, dass sich keine private Schule, die sich im freien Wettbewerb zu anderen Sprachschulen befindet, höhere Klassengrößen erlauben kann. Bei einem Integrationskurs dagegen müssen private Sprachschulen wohl oder übel größere Teilnehmerzahlen zulassen, da sich der Kurs sonst nicht rentieren würde. Selbst die steuerfinanzierten Volkshochschulen lassen bis zu 25 Personen oder mehr in einem Integrationskurs zu.

Nun könnte man einwenden, dass ja keiner die privaten Schulen zwingt, Integrationskurse anzubieten, wenn diese sich nur ab einer Größe rentieren, bei der ein qualitativer und zielführender Unterricht nicht möglich ist und somit der gesamten Ruf einer Schule leiden würde. Doch es gibt, wie wir im folgenden sehen werden, durchaus wirtschaftlich zwingende Gründe für eine private Schule, Integrationskurse ins Programm aufzunehmen.

Zunächst müssen wir die Frage klären, ob die Integrationskurse wenigstens ihren Zweck erfüllen, nämlich die sprachliche und landeskundliche Integration in das Zielland zu beflügeln. Die meisten Sprachschulen werden bestätigen, dass die Kurse nicht unbedingt dazu angetan sind, überhaupt eine integrierende Wirkung zu haben, dass sie aber zumindest keinen Mehrwert für Integrierungswillige darstellen. Man kann nämlich bei den Teilnehmern zwischen zwei Gruppen unterscheiden: Etwa die Hälfte sind nicht wirklich an Integrationstechniken wie Spracherwerb oder an westlichen Werten interessiert. Sie werden einfach zur Teilnahme an etwas gezwungen, was sie nicht mögen. Sie leben zumeist schon sehr lange in Deutschland, haben jedoch nie ernsthaft Anstalten gemacht, Deutsch zu lernen oder mit Deutschen Kontakt aufzunehmen. Sie leben zumeist von Sozialhilfe und haben einen geringen Bildungsstand. Sie kommen unmotiviert in die Kurse, können mit dem Lerntempo nicht mithalten und stören den Unterricht. Ihre Berufsaussicht heißt „Hartz IV“. Man kann sagen, dass die Integration bereits irreparabel gescheitert ist.

Die andere Hälfte der Teilnehmer ist zwar zunächst motiviert und möchte gerne schnell Deutsch lernen, da sie hier eine neue Heimat sucht. Sie haben bereits viele Kontakte mit Deutschen oder gar einen deutschen Ehepartner, und viele gehen einer bezahlten Arbeit nach. Diese Teilnehmer mussten nicht extra in einen Deutschkurs gezwungen werden. Die meisten hätten freiwillig einen Deutschkurs besucht und diesen sogar selbst bezahlt, so wie das auch vor Einführung der Integrationskurse der Fall war. Nun müssen sie ihre Kursgebühren nicht mehr selbst bezahlen, was sie zunächst einmal dankbar annehmen.

In den Integrationskursen werden sie dann aber mit zu großen Klassengrößen sowie mit einer großen Menge unmotivierter Mitschüler konfrontiert, was ihnen auch selbst allmählich die Freude am Deutschlernen vergällt. Die meisten privaten Sprachschulen können es sich jedoch betriebswirtschaftlich nicht leisten, separate Gruppen von Motivierten und Unmotivierten einzurichten. Sie können es sich aber auch nicht erlauben, gar keine Integrationskurse anzubieten, denn sonst würde man der Gruppe der Motivierten verlustig gehen, die ja vorher Selbstzahler waren, nun aber natürlich Angebote annehmen, bei denen sie fast gar nichts zahlen müssen. Mittlerweile haben fast alle Ausländergruppen, selbst Bürger wohlhabender Staaten wie USA oder Kanada, das Recht auf einen Integrationskurs. Und es gibt Anzeichen dafür, dass Ausländern bald auch höhere Niveaustufen als B1 bewilligt werden. Privaten Deutschkursanbietern bleiben als selbstzahlende Kunden fast nur noch die Gruppe der Studienbewerber übrig. Diese sind natürlich vom Leistungsniveau her überhaupt nicht mit der typischen Integrationskursklientel zu vergleichen, so dass auch die Studienbewerber einen schlechten Eindruck von der betreffenden Schule gewinnen, wenn sie mit Integrationsanwärtern in einen Kurs zusammengelegt werden. Das führt dazu, dass viele private Schulen fast nur noch Integrationskurse anbieten, da ihnen die übrige Kundschaft abhanden kommt. Sie hängen bereits ganz am Tropf von Vater Staat. Immer weniger Schulen schaffen es dagegen, ganz auf Integrationskurse zu verzichten.

Gewinner der Integrationskurse sind also die in die Tausende gehenden Beamten, die mit der bürokratischen Verwaltung der Integration betraut wurden. Verlierer sind die motivierten Kursteilnehmer und die Steuerzahler, vor allem aber auch die privaten Sprachschulen, die nun weniger Geld pro Teilnehmer bekommen, einen erhöhten Bürokratieaufwand haben und dadurch insgesamt weniger Qualität bieten können. Auch gibt es keinen Spielraum mehr für höhere Honorare für die zumeist freiberuflichen Deutschlehrer, viele müssen sogar Einbußen beim Stundenlohn in Kauf nehmen.

Man kann Leute nicht durch irgendwelche Kurse in die Integration zwingen. Integration funktioniert nur als freiwilliger Prozess von Menschen, die sich mit den Werten ihrer neuen Heimat identifizieren. Was in Deutschland stattfindet, ist lediglich eine Integration in die Sozialsysteme. Doch nur Integration im Sinne eines Ergreifens neuer Chancen in Freiheit und Selbstverantwortung mit dem Ziel von Glück und Wohlstand wird die Menschen dazu bringen, hart und gerne für dieses Ziel zu arbeiten und sogar freiwillig und auf eigene Kosten die deutsche Sprache zu erlernen. Diese bei vielen anfangs vorhandene Einstellung wird vom Staat systematisch aberzogen, indem er den Eindruck erweckt, dass Integration nur mit legitimen Ansprüchen zu tun hat, etwas umsonst zu bekommen. Integration müsste eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten sein. Eine erzwungene Integration auf Kosten der Steuerzahler führt jedoch in letzter Konsequenz nur zu Lose-Lose-Situationen. Und diese Lose-Lose-Situationen haben wir immer, wenn der Staat unser Sozialleben von oben herab verplant. Da ist es kein Wunder, dass es sich in Deutschland so schlecht integriert.


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Björn Tscheridse

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