17. Juli 2008

Videotheken Kein Vergnügen an Feiertagen

Der Sonntag gehört Kirchen und Gewerkschaften

Schon immer hatte ich mich darüber geärgert, dass Videotheken am Sonntag geschlossen sind. Zum Ausleihen kommt für mich meistens nur ein einziger Tag in der Woche in Frage, nämlich der Samstag. Doch sonntags kann ich das am Samstagabend konsumierte Video nicht zurückgeben, sondern erst einen Tag später am Montag, wenn ich den ganzen Tag arbeite und am Feierabend keine Lust habe, eine halbe Stunde zu investieren, um Videos zurückzubringen. Die Folge: Wenn es mich nach einem Film gelüstet, verkneife ich mir meistens den samstäglichen Videokonsum, gehe stattdessen lieber ins Kino oder schaue mir was Nettes im Fernsehen an. Und vielen meiner Bekannten geht es ganz ähnlich.

Naiv wie ich war, schrieb ich diese bizarren Öffnungszeiten lange Zeit der betriebswirtschaftlichen Unvernunft der Videothekenbetreiber zu, doch hatte ich natürlich die Rechnung ohne die Politik gemacht. Videotheken fallen nämlich unter die Sonntagsruhe, die im bundeseinheitlichen Arbeitszeitgesetz geregelt ist. Die einzelnen Bundesländer haben jedoch etwas Spielraum, was die Auslegung der Sonntagsruhe angeht, und tatsächlich gibt es inzwischen neun Länder, wo man für Videothekenbesitzer, ähnlich wie für Tankstellenbetreiber, eine Ausnahme macht. Doch in meinem Bundesland Nordrhein-Westfalen ist man noch nicht so weit. Zwar beschäftigt sich der Landtag ab und zu schon mal mit diesem Thema und hört sich auch Expertenmeinungen an. Experten sind neben dem Verband der Videothekenbesitzer vor allem Kirchen und Gewerkschaften, und die beiden letzteren wirken offenbar auf die Mehrheit von CDU-, SPD- und Grünenpolitikern irgendwie überzeugender. Die Kirchen finden es nicht gut, dass die Sonntagsruhe gestört werden könnte, wenn die Schäfchen zuhause Filme wie „Die letzte Versuchung“ oder „Die Passion“ schauen, statt besinnlich über die morgendliche Predigt zu grübeln. Und die Gewerkschaften möchten verhindern, dass ausbeuterische Videothekenbesitzer ihre Beschäftigten arbeiten lassen, wenn anderswo gebetet, gefeiert oder ferngesehen wird. Vielleicht findet sich ja bald auch eine Gewerkschaft, die es ungerecht findet, dass Pfarrer, Küster und Messdiener sonntags arbeiten müssen.

Eine Unterschriftenaktion des „Interessenverbands des Video- und Medienfachhandels“ (IVD) im Jahre 2005 brachte über 100.000 Unterschriften für ein Aufhebung des Sonntagsverbots in Nordrhein-Westfalen. Doch die meisten Landtagspolitiker waren wenig beeindruckt. Lediglich eine Mehrheit der FDP-Landtagskandidaten, 74 an der Zahl, sprachen sich für eine Aufhebung der Sonntagsprohibition aus. Lediglich acht SPD-Kandidaten, nur sechs CDU-Kandidaten und ganze zwei Grünen-Kandidaten waren der gleichen Meinung. Am deutlichsten äußerte sich der Bottroper FDP-Kandidat Volker Stotz: „Eine gesetzliche Einschränkung von Öffnungszeiten ist für mich eine staatliche Beschneidung von Freiheitsrechten. Deshalb bin ich für die Freigabe der Öffnungszeiten auch bei Videotheken.“

Es gibt jedoch nicht nur moralische Gründe, Kleinunternehmern und Kunden nicht die Freiheit zu nehmen, wann sie etwas verleihen, ausleihen oder kaufen möchten. Auch volkswirtschaftlich gesehen ist das sonntägliche Videoverbot kontraproduktiv. In den Bundesländern, wo das Verbot aufgehoben wurde, stieg der Umsatz in den Videotheken um bis zu 25%. Dort sind die drei besten Ausleihtage Samstag, Sonntag und Freitag. Das bedeutet mehr Arbeitsplätze und damit weniger Sozialkosten. Nach Schätzung des IVD wird im Schnitt ein zusätzlicher Arbeitsplatz pro Videothek geschaffen, wenn auch sonntags verliehen werden darf.

Und wenn Politiker und Gewerkschaften schon mit dem Stichwort „Gerechtigkeit“ kommen, dann müssen sie sich die Frage gefallen lassen, warum man auf der einen Seite Videotheken sonntags schließen lässt, aber auf der anderen Seite die staatlichen Fernsehsender auch am Sonntag ein umfangreiches Filmangebot bieten dürfen. Und wenn den Kirchen das Sonderrecht eingeräumt wird, das sonntägliche Freizeitverhalten der Bürger pauschal zum eigenen Vorteil steuern lassen zu können, warum gewährt man dieses Recht nicht auch anderen Gruppen, etwa der zahlenmäßig nicht unerheblichen, aber lobbylosen Gruppe der Bürger, die sich auch gerne sonntags ein Video ausleihen, was sich übrigens auch gut nach dem Kirchgang erledigen ließe?

Der CDU-Landtagsabgeordnete Peter Biesenbach meint, dass die Tradition des Sonntag nicht ökonomischen Gesetzlichkeiten und Interessen geopfert werden dürfe. Ich dagegen meine, dass die ganz persönlichen Traditionen und Interessen jedes einzelnen Bürgers nicht von „Volksvertretern“ wie Herrn Biesenbach geopfert werden dürfen.


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Naomi Braun-Ferenczi

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