David Schah

Jahrgang 1964, Redaktion eigentümlich frei

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Kaufsucht: Die Pathologisierung der Gesellschaft

von David Schah

Der moderne Mensch als therapiebedürftiges Mängelwesen

Stolz vermeldet die Universität Erlangen-Nürnberg, dass sie nun erstmals ein „wirksames Therapie-Modell gegen Kaufsucht nachgewiesen“ habe. An dieser Krankheit, so fand die Techniker Krankenkasse heraus, leiden allein in Deutschland mindestens 800.000 Menschen, also bereits ein Prozent der Gesamtbevölkerung. Die Dunkelziffer sei jedoch noch wesentlich höher. Das ZDF legte in seiner Sendung „Frontal 21“ am 22.07.2008 noch einen drauf: Bis zu acht Prozent der Deutschen sind demnach betroffen. Das wären umgerechnet etwa 6,5 Millionen Menschen. Wenn man kaufunfähige Bevölkerungsgruppen wie Kleinkinder und Pflegefälle herausrechnet, ist man schnell bei über zwölf Prozent. Würde man diese Kaufkranken alle kurieren, würde das Bruttosozialprodukt der BRD um mindestens sechs Prozent schrumpfen.

Wir haben es also mit einer regelrechten Volkskrankheit und Massenepidemie zu tun, die typisch für unsere Konsumgesellschaft ist. Denn Kaufsucht, so heißt es in der Meldung der Erlanger Uni-Therapeuten, sei ein „kulturspezifischer Verhaltensexzess“, der nur in den modernen Industrienationen vorkomme.

Da haben es die Bürger von Ländern wie Simbabwe, Nordkorea und Kuba natürlich besser, denn wo es kein ordentliches Geld zum Ausgeben und nur wenig Waren zum Kaufen gibt, können solch furchterregende Zivilisationskrankheiten nicht Fuß fassen. Auch vor dem Zeitalter der Industrialisierung, als der Mensch noch im „Einklang mit der Natur“ lebte, gab es keine neurotischen Zwangskäufe. Auch der neulich entdeckte steinzeitliche Indianerstamm im Amazonasgebiet wird wohl von Geld und Konsum verschont bleiben, denn die brasilianische Indianerbehörde war sich mit allen maßgeblichen Institutionen, Ethnologen und der Presse in der ganzen Welt darin einig, dass man diese schlanken und halbnackten, aber mutmaßlich glücklichen Menschen in ihrem paradiesischen Urzustand belassen und sie nicht in die Versuchung führen sollte, durch den Erwerb von besseren Werkzeugen, Kleidern und Medikamenten die eigene Lebenserwartung zu steigern und mehr CO2 auszustoßen.

Der Rest der Menschheit ist jedoch noch lange nicht so weit. Da wird nicht nur wild drauf losgekauft, sondern auch zu viel gearbeitet („Arbeitssucht“), zu viel gegessen („Fresssucht“), zu viel gespielt („Spielsucht“) und an zu viel Nachwuchs gebastelt („Sexsucht“). Doch um dieses umwelt- und somit auch sozial-unverträgliche Verhalten kümmern sich fürsorglich unsere staatlichen Forschungs- und Volksbildungsstätten. Therapien gibt es ebenso für den Workoholic, der anderen die Arbeit abnimmt, wie nun auch für den Shopoholic, der durch seine Nachfrage seine Mitmenschen zu Arbeit und Produktion verleitet und so dazu beiträgt, dass weltweit der Wohlstand ausbricht und das Klima ruiniert wird.

Wie schon der britische Psychiater Theodore Dalrymple festgestellt hat, gelten heutzutage schon geringfügige Abweichungen vom Normalgemütszustand als pathologisch. War man früher einfach mal „unzufrieden“ oder „unglücklich“, leide man heute vielmehr an einer zu behandelnden „Depression“.

Es gibt allerdings auch ein paar Ausnahmen. Wer sich zum Beispiel den ganzen Tag lang umweltverträglich zuhause auf dem Sofa lümmelt oder im Café abhängt, statt unter dem Mindestlohn oder ganz für lau etwas Nützliches zu tun, ist zwar ein pflegeleichter Sozialfall, aber völlig gesund. Für Ergophobe (Arbeitsscheue) gibt es keine Therapie, sondern Stütze. Und Frauen, die es übers Herz bringen, ihre einjährigen Kinder ins eigene Zimmerchen oder gar in den Hort abzuschieben, sind keineswegs seelenlose Soziopathinnen, sondern beherzte Heldinnen der Emanzipation, ganz im Gegensatz zu den vor Mutterglück strotzenden „Glucken“. Und für diejenigen, die aus purem Geiz dem Konsum weitestgehend entsagen, peinlich genau ihren Müll trennen und nachts nicht schlafen können, weil irgendwo noch ein vergessenes energie- und kostenverzehrendes Licht brennen könnte, gibt es ebenfalls keinen Behandlungsbedarf.

Nur noch eine Frage der Zeit sind dagegen staatlich geförderte Therapien für folgende Geißeln der Menschheit: Taxophobie (das Unbehagen beim Steuerzahlen), Diskriminierungssucht (der krankhafte Drang, bestimmte Menschen zu bevorzugen) und Politikverdrossenheit (die Wahnvorstellung, Politiker würden nicht unser Bestes wollen, sondern leichtfertig in Kauf nehmen, dass wir alle krank und staatssüchtig werden).


Internet:

Theodor Dalrymple: Die Unterträgliche Leichtigkeit des Seins (ef 84)

Bericht der Uni Erlangen-Nürnberg über eine Therapie gegen Kaufsucht

24. Juli 2008

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