31. Juli 2008

Kindererziehung Die Ungnade der späten Geburt

Nachkommen als Hindernis für Karriere, Wohlstand und Freizeit

Im Kreise meiner 35 bis 39 Jahre alten besten Freundinnen gibt es seit etwa zwei Jahren einen kleinen Baby-Boom. Die allen gemeinsame Motivation für den späten Fruchtbarkeitswillen lässt sich folgendermaßen destillieren: „Jetzt oder nie. Bald läuft meine Eieruhr ab, ich werde zu alt für ein Kind sein, und vielleicht bereue ich es ja später, wenn ich kein Kind in die Welt gesetzt habe. Beruflich ist das natürlich nicht so optimal, aber immerhin gibt es jetzt das Elterngeld und bald auch mehr Kinderkrippen.“ Sind meine Freundinnen, die wahrscheinlich typisch für die berufstätigen Mitdreißigerinnen in Deutschland sind, nun mit ihrem in die Tat umgesetzten Kinderwunsch glücklich?

Wenn ich meine Freundinnen jetzt mal unterwegs in der Stadt treffe, lassen sich ihre Antworten auf meine Frage, wie es den so läuft, wie folgt zusammenfassen: „Das ist der schwierigste Job meines Lebens. Immer wenn ich Laura-Marie mittags vom Kinderhort abhole, ist sie so anhänglich und schreit elendig, wenn ich mich auch nur für eine Minute von ihr entferne. Sie kann ganz schön trotzig sein, dabei muss ich noch den Haushalt machen, denn mein Mann kommt erst um sieben nach Hause und hat dann nur noch Zeit, die Wäsche aufzuhängen. Nachts wacht Laura-Marie mehrmals auf und schreit, wovon wir immer wach werden, denn das Kinderzimmer ist direkt nebenan. Morgens um halb sechs ist sie dann hellwach und wir müssen alle mit aufstehen. Und was das alles kostet! Windeln, Kleidung, Babynahrung. Da kommen wir mit dem Elterngeld nicht aus. Freizeit ist sowieso Fehlanzeige, und mein Mann und ich haben noch nicht mal Zeit, um unser Eheleben zu pflegen. Natürlich liebe ich meine Kleine, aber wenn ich noch mal entscheiden müsste – ich weiß nicht! Meine Karriere kann ich jetzt wohl auch knicken, aber man muss halt Opfer bringen, so ist das nun mal. Ich wollte es ja so.“

Wenn die Kleinen sich bei solchen Treffen im Schlepptau der Mutter befinden, beende ich schnell von mir aus die Unterhaltung, denn meistens fangen die Kleinen dann herzzerreißend an zu schreien und die Mütter machen keine Anstalten, darauf zu antworten. „Lass sie ruhig schreien, man soll nicht reagieren, sonst lernen sie schnell, wie sie einen manipulieren können.“ Aus Sorge vor Manipulation wird nicht nur der schnelle Trost verweigert, sondern es wird auch nur dann etwas zu essen oder zu trinken gegeben, wenn der Elternteil es will, nicht wenn das Kind es möchte. Auch fürs Töpfchengehen und fürs Schlafen gibt es feste Zeiten. Kinder müssen nämlich pünktlich um acht ins Bett. Das Kind bekommt auch nicht die Nahrung, die es lecker findet – das wäre ja noch schöner. Nur der fade Babybrei aus dem Döschen ist gut genug. Und wenn es überhaupt Muttermilch gibt, dann höchstens bis zum sechsten Monat. Stillen ist schlecht für das Kind und auch für die weibliche Figur.

Das hört sich irgendwie alles nicht nach einer glücklichen Mutterschaft und auch nicht nach einer glücklichen Kindheit an. Doch die Vorstellungen darüber, wie man Kinder behandelt, wachsen nicht auf dem eigenen Mist der Mütter, sondern stammen von Pädagogen, Ärzten, Erziehungsratgebern und oft auch von den Eltern der Mütter. Dabei stehen viele dieser Ratschläge im krassen Gegensatz zum Empfinden der Eltern: „Am Anfang brach es mir das Herz, als Torben schrie und ich ihn nicht auf den Arm nehmen durfte, aber Torben und ich, wir haben uns jetzt beide daran gewöhnt.“ Oder auch: „Es war ganz furchtbar, Anna nach sechs Monaten abzustillen, vor allem auch für mich, da ich weiterhin Milch produzierte und diese abpumpen musste.“ Und auch: „Noah wollte gar nicht in seinem Zimmerchen schlafen und weinte immer ganz furchtbar, wenn er um acht ins Bett musste. Er wollte viel lieber zu uns. Aber irgendwie muss man da durch und hart bleiben, sonst hängt er uns ja ewig am Rockzipfel.“

Muttersein ist offenbar wirklich kein Zuckerschlecken. Wenn man das Beste für sich und seine Kinder will, muss man dauernd seine natürlichen Impulse und Gefühle unterdrücken, hat deswegen dauernd Stress und Gewissensbisse, und Karriere, Eheleben und Freizeit leiden ebenso darunter. Kein Wunder, dass die BRD-Frau im Schnitt nur 1,3 Kinder gebiert, eine Quote, die sich auf 1,0 reduziert, wenn man Migrantinnengeburten herausrechnet. Und kein Wunder, dass immer mehr Müttern offenbar die Nerven versagen, was sich in hässlichen Schlagzeilen in der Boulevardpresse niederschlägt.

Aber ist alles wirklich so hoffnungslos? Müssen Kinder so erzogen werden, dass man ihren Willen unterdrückt und ihnen Trost und Geborgenheit Tag und Nacht vorenthält, und zwar vor allem dann, wenn sie danach verlangen? Schauen wir uns einen Ratgeber an, in dem es darum geht, wie man Frauen behandelt:

„Aber auf der anderen Seite schadet man den Frauen, wenn man immer tut, was sie wollen; zweifellos verhindert man so zwar, dass sie schlechte Laune haben, aber man macht sie auch anspruchsvoller.“

So etwas kann natürlich nur ein menschenverachtender Mega-Chauvi geschrieben haben. Aber wenn wir das Wort „Frauen“ durch das Wort „Kinder“ ersetzen, dann klingt diese Aussage gar nicht mehr so menschenverachtend und nach Guantánamo, nicht wahr? Es gibt tatsächlich Pädagogen und Mediziner, die genau dieses Zweierlei-Maßnehmen kritisieren. Das oben aufgeführte Zitat stammt aus dem Buch „In Liebe wachsen“ des spanischen Kinderarztes Carlos González. Er plädiert für einen liebevollen und respektvollen Umgang mit Kindern und findet es grausam, dass man zum Beispiel Babys die Nähe des gemeinsamen Schlafes verwehrt, den die Eltern sich jedoch um so mehr gönnen, oder dass man Bitten Erwachsener mit Höflichkeit begegnet, während die flehenden Kommunikationsversuche der Babys ignoriert werden sollen. Er stellt sich auch gegen den Mythos, dass es das Beste sei, Babys nach sechs Monaten abzustillen und nach einem Jahr in den Kinderhort abzuschieben. Diese Art der Kindesmisshandlung ist vielleicht gut für die Karriere der Frau, nicht aber unbedingt für ihre Psyche und für das Wohl des Nachwuchses.

Solche Ansichten, die vom Kind als Bereicherung statt als leider notwendigem Störfaktor ausgehen, passen natürlich gar nicht zu unseren modernen Zeiten, wo die Frau gehalten ist, die Erziehung ihrer Kinder weitestgehend zu vergesellschaften, damit der Staat Steuern von den arbeitenden Müttern und neue Aufgaben im Erziehungsbereich erhält. Da bleibt wenig Platz für „glückliche Mütter“ und „Heimchen“. Berufstätige Frauen werden die Last des Kinderkriegens also tendenziell weiterhin denen überlassen, für die Elterngeld eine finanziell attraktive Alternative zum Arbeiten ist. Und aufgrund der modernen Erziehungstipps werden auch die meisten Hartz-IV-Mütter, obwohl sie sich die Zeit für sie nehmen könnten, ihre Kinder in die Krippe geben. Für so manche Kinder ist das womöglich sogar das geringere Übel. Ein Übel jedoch, das erst durch staatliche Überbesteuerung und Überbevormundung entstanden ist.


Internet

La Leche Liga – Befürworter mütterlichen Stillens


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Naomi Braun-Ferenczi

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