31. Juli 2008

Christian Wulff Der gebrochene Wille zur Macht

Über politische Leidenschaft

Jedes Land hat bekanntlich die Politiker, die es verdient. Wir haben sie gewählt, sie agieren in unserem Namen, sie repräsentieren uns und damit auch mich (ob ich es will oder nicht), sie bestimmen über unsere Finanzen und über unser Zusammenleben. Sie sind das Spiegelbild unserer Wünsche und Hoffnungen, aber auch das unserer Aggressionen und Verachtung. Wir glauben, alle Politiker sind machtgeil, lügen, dass sich die Balken biegen, drängen an die mit unseren Steuergeldern gefüllten Futtertröge, um sich zu mästen, und überhaupt, wenn es einen Schlachtruf gibt, der alle Politiker aller Parteien verbindet, so ist es der geflügelte Satz von Francois Guizot: „Bereichert Euch!“ Auf der anderen Seite halten uns die Politiker für doof. Sie treiben uns alle vier Jahre wie Stimmvieh an die Urnen, obwohl sie fest davon überzeugt sind, dass wir, was die komplizierten Regierungsgeschäfte betrifft, völlig inkompetent sind. Nur sie, die Politiker, verfügen über das nötige Expertenwissen, erkennen die verborgenen Zusammenhänge und wissen, was wirklich Sache ist. Kurzum, wir haben es nicht leicht mit ihnen und sie nicht mit uns. Und jetzt kommt plötzlich einer daher und sagt uns kalt lächelnd ins Gesicht: Ich mach den ganzen Wahnsinn nicht mehr mit, ich pfeif drauf, Bundeskanzler zu werden, sucht Euch einen anderen.

Die Rede ist vom niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff (CDU). In einem Interview mit dem Magazin „Stern“ gestand er: „Mir fehlt der absolute Wille zur Macht“. Er sei nun mal kein politisches Alphatier, er ziehe aus Machtpositionen keinen persönlichen „Lustgewinn“. Der Interviewer fragte nach, ob er sich das Amt des Bundeskanzlers zutraue, Wulff antwortete mit „nein“. Was soll man davon halten? Die erste spontane Reaktion, die sich einstellt, ist: der Kerl lügt. Der führt doch was im Schilde. Politiker, die freiwillig auf Macht verzichten, obwohl sie durchaus eine reelle Chance besitzen, sie zu erringen, müssen erst noch geboren werden. Es widerspricht dem Politischen, so denkt sich der unbefangene Bürger, einfach nein zu sagen, es sei denn, dahinter verbirgt sich eine Finte, eine besonders raffinierte Strategie, den Gegner in Sicherheit zu wiegen, um dann, in einem Augenblick, in dem man es am allerwenigsten erwartet, die Krallen auszufahren und nach dem einflussreichsten Amt der Republik zu greifen. Dann, nach einer Weile des reiflichen Überlegens, stellt sich die Frage ein, ob da nicht einer doch ehrlich zu sich selber und den Menschen seines Landes ist. Das überrascht zwar, ist aber nicht gänzlich ausgeschlossen.

Was für ein Mensch ist dieser Christian Wulff? Rein optisch – ein Frauentyp. Er sieht gut aus, wirkt smart, Mütter reiferer Töchter hätten ihn gern als Schwiegersohn. Er wirkt wie einer, der – das mag jetzt paradox klingen – nicht „nein“ sagen kann, sich zumindest schwer damit tut, es im Grunde allen recht machen will. Als Ministerpräsident eines Bundeslandes repräsentiert er nicht den angejahrten Landesvater wie ihn Günter Beckstein in Bayern oder Harald Ringstorff in Mecklenburg Vorpommern verkörpern, sondern den jung gebliebenen Fünfziger, der uns eine Form von ewiger Jugendlichkeit suggeriert. Seine Ausstrahlung changiert zwischen jovialer Unverbindlichkeit, die dem politischen Gegner keine engen Grenzen setzt, und einer Sachlichkeit, an die wir uns sehr schnell gewöhnen können, weil sie ideologisch nicht grundiert ist. Was sein Privatleben betrifft, so scheint es zu einer wichtigen, vielleicht sogar zur wichtigsten Stütze seiner Existenz geworden zu sein – vor einem Jahr heiratete er erneut, wurde Vater. Er präsentierte sich in der Öffentlichkeit in einer Rolle, die man ihm gerne glaubt – als jemand, der vom Schicksal eine zweite Chance erhalten hat, um mit sich und den Menschen, die in seiner unmittelbaren Nähe leben und die er liebt, verantwortungsvoll umzugehen und für sie Zeit zu haben. Das Leben mit der neuen Familie scheint Wulff sehr viel mehr „Lustgewinn“ zu bereiten als das auf dem Regierungssessel in Hannover.

Das ist die eine Seite. Aber es gibt auch eine andere. Wulff trat mit 16 Jahren in die CDU ein, drei Jahre später war er bereits Bundesvorsitzender ihrer Schüler Union, 1979 Chef der Jungen Union. Dann ging es Schlag auf Schlag, und es verging kaum ein Jahr, in dem er nicht ein paar Stufen auf seiner Karriereleiter nach oben nahm. Zäh und trotz aller Rückschläge – man erinnere sich an seine zwei erfolglosen Kandidaturen gegen Gerhard Schröder – verfolgte er sein Ziel, Ministerpräsident zu werden. Als er das geschafft hatte, sanierte er mit Konsequenz die maroden Finanzen des Landes, die ihm sein Vorgänger hinterlassen hatte, und setzte gegen erhebliche Widerstände eine Schul- und eine Verwaltungsreform durch. Kein Zweifel: Christian Wulff besitzt Zielstrebigkeit und Ausdauer; er ist, wie ihn der Autor Armin Fuhrer, der ein Buch über ihn geschrieben hat, charakterisiert „Der Marathonmann“, jemand, der erst auf der langen Strecke seine wahre Stärke entfalten kann. Und so einer will jetzt auf das erstrebenswerteste Ziel, das die Politik zu bieten hat, nämlich das Amt der größtmöglichen Macht, verzichten? Ist das wirklich glaubwürdig?

Wir gehen davon aus, dass Politiker einen linearen Charakter haben – einen, dessen Kraftpfeil direkt und ausschließlich auf die Macht gerichtet ist, ein anderes Ziel wird nicht anvisiert. Das scheint bei Christian Wulff nicht so zu sein, und es ist interessant, einen Blick auf seine private Homepage zu werfen, in der es unter der Rubrik „Philosophische Provokationen“ heißt: „Der Jurist und Politiker ist auch Leser von Büchern, welche die Grenzen seines beruflichen Faches und seiner öffentlichen Profession überschreiten. Aus diesen und anderen Quellen stammen die nachfolgenden Zitate; eine kleine Auswahl dessen, was Wulff die ihm „wichtigsten philosophischen Provokationen“ nennt. Man muss sie kennen, wenn man ihn ganz verstehen will“. Die Sammlung, die wir finden, könnte kaum widersprüchlicher sein. Wir lesen einerseits: „Mühe wird auf Dauer von Erfolg gekrönt“ (Konfuzius) und denken dabei sofort an das unablässige Arbeiten daran, Kanzler zu werden; andererseits sehen wir den Spruch „Deutschland muss wieder lernen, dass nicht Macht, sondern Geist die Ehre Deutschlands ausmacht“ (CDU-Gründungsaufruf 1945). Wir begegnen einem Spruch von Antoine de Saint-Exupery „Was ich am meisten verabscheue ist die traurige Rolle des Zuschauers, der unbeteiligt tut oder ist. Man soll Zeuge sein, mittun und Verantwortung tragen. Der Mensch ohne mittuende Verantwortung zählt nicht“, lesen aber gleichzeitig „Seelenruhe, Heiterkeit und Zufriedenheit sind die Grundlagen allen Glücks, aller Gesundheit und des langen Lebens“ (Gottfried Wilhelm Leibnitz). Christian Wulff scheint innerlich zerrissen zu sein. So einer opfert sich nicht auf dem Altar der Politik.

Es ist auch gut, dass er es nicht tut. Wenn ich mir vorstelle, er wäre Bundeskanzler, ich sähe unser Land nicht in beschützende Hände gelegt, denn Christian Wulff ist eine jener Politikerpersönlichkeiten, die der Zeitgeist im Windkanal geformt hat – er könnte genauso Mitglied der FDP sein oder beim Seeheimer Kreis, den Konservativen bei der SPD. Bei den letzten Landtagswahlen in Niedersachsen führte er einen Wahlkampf, der die Probleme nicht zuspitzte, sondern verwässerte (etwa bei der inneren Sicherheit). Dass er die FDP als Koalitionspartner gewonnen hat, spielt eigentlich keine große Rolle, denn Wulff hätte auch mit den Grünen eine Regierung gebildet – mit allen Konsequenzen, die sich aus so einer Koalition ergeben. Die Politik des smarten Rechtsanwalts ist austauschbar; sie bezieht keine klaren Positionen (schon gar keine konservativen) und ist werteneutral, kompatibel mit diesen oder jenen Vorstellungen und folglich auch offen für Kompromisse, die das Eigene verblassen lassen. Dieser Typus von Politiker hat wirklichen Machtmenschen nichts Ernsthaftes entgegenzusetzen, und mir läuft eine Gänsehaut über den Rücken, wenn ich mir vorstelle, er müsste als Bundeskanzler mit Frankreichs Sarkozy, Russlands Präsidenten Medwedew (hinter dem noch immer der eiskalte Premierminister Putin steht und die Fäden zieht) oder mit den machtbesessenen Kommissaren der EU verhandeln. Das Ergebnis würde, so ist zu befürchten, fast immer zu Lasten Deutschlands gehen.

In seinem Buch „Politik als Beruf“ nennt der große Soziologe Max Weber drei Voraussetzungen, die einen guten Politiker ausmachen: Leidenschaft – Verantwortungsbewusstsein – Augenmaß. In diesem Zusammenhang definiert Weber Leidenschaft als eine emotionale Kraft, die sich nicht auf die Person, die sie entwickelt, beziehen darf, sondern auf etwas, das außerhalb von ihr liegt. Sie muss ein konkretes Ziel der Verwirklichung haben. In der deutschen Nachkriegsgeschichte gibt dafür Beispiele: Konrad Adenauers politische Leidenschaft entzündete sich daran, das moralisch abgestürzte Land zurück in die westliche Wertegemeinschaft zu führen; Ludwig Ehrhard setzte auf den wirtschaftlichen Aufbau, Willy Brandt auf die Aussöhnung mit dem Osten. Und welche politische Leidenschaft nennt unsere amtierende Bundeskanzlerin ihr Eigen? So sehr ich mich auch anstrenge, eine zu finden, außer dem Bemühen, die eigene Macht zu erhalten, kann ich keine entdecken. Bei Kurt Beck oder Walter Steinmeier, die ihr im nächsten Jahr das Amt streitig machen wollen, geht es mir genauso. Vielleicht hat der niedersächsische Ministerpräsident erkannt, dass seine wahre Leidenschaft darin liegt, seinem Sohn das Fläschchen zu geben und die Windeln zu wechseln. Die Regierungsgeschäfte in Hannover kann er als Routinier gewissermaßen mit links bewerkstelligen, in Berlin ginge das nicht. Deshalb: Hut ab vor diesem Mann, der sich selbst als das einschätzt, was er wirklich ist –  ein  Mann, der weiß, dass ihm die wahre  Leidenschaft zum Politischen fehlt.

In seinen Ausführungen weist Weber darauf hin, zu welchen verheerenden Konsequenzen der Wille zur Macht um seiner selbst willen führen kann: „An dem plötzlichen inneren Zusammenbruche typischer Träger dieser Gesinnung haben wir erleben können, welche innere Schwäche und Ohnmacht sich hinter dieser protzigen, aber gänzlich leeren Geste verbirgt. Sie ist Produkt einer höchst dürftigen und oberflächlichen Blasiertheit gegenüber dem Sinn menschlichen Handelns, welche keinerlei Verwandtschaft hat mit dem Wissen um die Tragik, in die alles Tun, zumal aber das politische Tun, in Wahrheit verflochten ist“. Angelas Merkels Gesten mögen (im Gegensatz zu ihrem Vorgänger Gerhard Schröder) nicht protzig oder blasiert erscheinen, aber leer sind sie allemal. Wer sie im Fernsehen beobachtet, ist erschreckt über ihr ausdrucksloses Gesicht und die Leidenschaftslosigkeit, mit der sie ihr Amt versieht. Auch Kurt Beck kommt bei der Bevölkerung nicht protzig an, aber sie weiß um seine innere Schwäche und Ohnmacht, die inzwischen auch außerhalb seiner Person virulent geworden sind. Und Walter Steinmeier? Ach, dieser so seriös wirkende Grauhaarige ist so glitschig wie ein Fisch, man kann ihn mit der bloßen Hand nicht fangen, er kommt einem immer wieder aus. Nichts an ihm lässt eine Leidenschaft außerhalb seiner Person erkennen, alles an ihm mündet in den Trieb zur Selbstdarstellung.

„Neue Männer braucht das Land“, hieß einmal ein Schlager. Neue Politiker braucht das Land, ließe sich heute sagen – Politiker, deren ganze Leidenschaft dem Land, das sie gewählt hat, und dessen traditionellen Werten gilt, nicht dem faulen Kompromiss, den sie allenthalben schließen und den sie uns stets als Erfolg zu verkaufen suchen. Diese neuen Politiker sind leider nirgends in Sicht.

Internet

www.christianwulff.de

Information

Dieser Artikel erschien zuerst in der zweimal im Monat erscheinenden Zeitschrift "Gegengift", Ausgabe vom 1. August 2008.


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Michael Ludwig

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