Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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Irankonflikt: Die Madman-Strategie

von Gérard Bökenkamp

Gerüchte um einen bevorstehenden Atomkrieg im Mittleren Osten verstummen nicht

Im Grunde sind Nuklearwaffen ziemlich nutzlos, weil man sie nicht einsetzen kann, ohne sich selbst zu zerstören oder auf immer moralisch zu diskreditieren und politisch zu isolieren. Der einzige Sinn, den Nuklearwaffen besitzen, ist die Abschreckung. Dass die Abschreckung funktioniert, setzt aber wiederum voraus, dass der potentielle Gegner wirklich davon ausgeht, dass man trotz der grauenhaften Konsequenzen zum äußersten bereit ist und nicht nur blufft. In der Zeit des Kalten Krieges haben brillante Köpfe, vor allem Spieltheoretiker, sich intensiv mit diesem Dilemma auseinandergesetzt, aber auch die Politiker waren in der Entwicklung „verrückter“ Strategien sehr kreativ.

Richard Nixon: Erfinder der Madman-Strategie

Wenn Nuklearwaffen als Drohung nur funktionierten, wenn die Gegenseite glaubt, dass der, der über ihren Einsatz entscheidet, nicht mehr klar bei Verstand ist, dann muss man sie eben das glauben machen. Die Idee vom „Madman“ stammt von US-Präsident Richard Nixon. Nixon glaubte, wenn man die kommunistischen Nordvietnamesen davon überzeugen könnte, dass er nicht mehr zurechnungsfähig, also ein Mad Man, sei, der die Folgen seiner Handlungen nicht mehr rational abwägen könne und so sehr vom Hass auf den Kommunismus getrieben sei, dass er auch bereit wäre, einen Atomkrieg in Kauf zu nehmen, dann würden die Norvietnamesen verhandlungsbereit sein, um ein solches Armageddon zu verhindern.

Eine ähnliche Strategie fahren die zwei möglichen Kriegsparteien Iran und Israel. Gezielt werden martialische Äußerungen in die Welt gesetzt und Informationen über einen möglichen Atomkrieg gegen den Iran gestreut. Israel will um jeden Preis verhindern, dass der Iran wie Pakistan in den Rang einer Atommacht aufsteigt, deshalb sind die Vorbereitung für einen konventionellen Militärschlag gegen die iranischen Atomanlagen im Gang. Der Iran will nun Israel von einem konventionellen Angriff abschrecken, indem der Iran die Zweifel zerstreuen will, dass ein Schlag der Israelis unbeantwortet bleibt. Die Welt soll wissen, dass ein Präventivschlag gegen den Iran Krieg bedeutet. Die Israelis wiederum wollen den Iran davon überzeugen, dass das einen Nuklearschlag und damit eine Zerstörung des Iran unausweichlich machen würde.

Militärschlag gegen Nuklearanlagen wahrscheinlich zwischen November und Januar

Der Angriff der Israelis wird nach den veröffentlichten Prognosen, die plausibel klingen, irgendwann zwischen November diesen Jahres und Januar nächsten Jahres erfolgen. Optimal aus Sicht der Israelis wäre eine Wiederholung von Osirak. Der Atomreaktor Osirak, von dem vermutet wurde, dass er der Produktion nuklearer Waffen diente, wurde 1980 von den Israelis zerstört, ohne dass ein massiver Gegenschlag des Irak erfolgte. Deshalb ist es für die Strategie der Israelis wichtig, ein glaubhaftes Abschreckungsszenario zu entwerfen, das den Iran davon abhält, auf diesen konventionellen Angriff mit nichkonvetionellen Waffen, etwas Chemischen Waffen und biologischen Waffen, zu reagieren.

Der Iran und Israel sind wie zwei Geisterfahrer, die aufeinanderzurasen und dem anderen klar machen wollen, dass sie keine „Schwäche“ zeigen und nicht vor dem Aufprall die Strecke verlassen werden. Das Eskalationsszenario sieht so aus: Die israelische Luftwaffe fliegt Angriffswellen, um die iranischen Nuklearanlagen auszuschalten. Daraufhin schlagen die Iraner mit den von den Nordkoreanern gelieferten Raketen zurück. Die nächte Eskalationsstufe wäre erreicht, wenn diese Raketen nicht nur mit konventionellen Sprengköpfen, sondern mit B oder C-Waffen bestückt wären. Daraufhin würde Israel nuklear zurückschlagen, die letzte Eskalationsstufe wäre erreicht, und die Welt stünde vor einem Inferno unvorstellbarer Dimension.

In einem Artikel vom Ende letzten Jahres, der in der "Jerusalem Post" erschien, wird die Zahl der Opfer im Fall einer iranisch-israelischen Auseinandersetzung unter Einsatz von Massenvernichtungswaffen auf israelischer Seite mit bis zu 800.000 und auf Iranischer Seite auf über 18 Millionen geschätzt. Die Israelis können wohl nicht mit einer direkten militärischen Unterstützung der USA rechnen, da sich die amerikanische Führung uneinig ist. Cheney und die Neocons sind dafür, Verteidigungsminister Robert Gates und Condoleezza Rice stehen dem kritisch gegenüber. Dennoch befindet sich Israel noch in einer stärkeren Position. Es ist unklar, ob der Iran allen Säbelrasselns zum Trotz überhaupt die Kapazität besitzt, Israel mit seinen Raketen einen harten Schlag zu versetzen. Dies könnte den Iran dazu bringen, einen taktischen Rückschlag hinzunehmen und auf Zeit zu spielen.

Denn die Zeit arbeitet für den Iran, Israel hingegen läuft die Zeit davon. Israels Sicherheit wird bislang von zwei Umständen garantiert: Zum einen ist der Staat in einem konventionellen Krieg nicht schlagbar. Zum anderen verfügen die Israelis als einzige Macht im Nahen Osten über Atomwaffen. Die Geschichte der israelischen Atombombe liest sich wie ein Krimi. Der Erfolgsautor und einer der berühmtesten Journalisten der USA, Seymour Hersh, hat dies in seinem Buch über die Samson-Option dargestellt. Die Grundlagen wurden zusammen mit den Franzosen aufgebaut und die ersten Tests in Kooperation mit dem Apartheitsregime in Südafrika durchgeführt. Seitdem ist Israel faktisch auf der zwischenstaatlichen Ebene unangreifbar.

Der Iran ist auf dem Weg zur regionalen Führungsmacht

Aber die Lage im Nahen und Mittleren Osten ist im Fluss. Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Iran zur führenden Macht in der Region aufsteigen wird. Bis zum letzten Irakkrieg stellte das Sunnitische Regime in Bagdad faktisch einen Sperriegel dar, der die Schiitische Großmacht Iran vom Schiitischen Halbmond trennte. Der Schiitische Halbmond erstreckt sich über den Südirak bis hin zum Libanon. Indem die USA die blutige Diktatur von Saddam Hussein beseitigten, schuf sie damit zugleich die Grundlage für die Hegemonie des Iran in der Region. Der Libanonkrieg hat gezeigt, dass Israel zwar jede konventionelle Armee schlagen kann, aber gegen einen Guerillakrieg, wie er von der Hisbollah mit Unterstützung des Iran geführt wird, weitgehend machtlos ist.

Die Frage ist, als wie rational man die iranische Führung einschätzt. Wenn die iranischen Staatslenker rational sind und sie sich der Kontrolle der internationalen Atomenergiebehörde unterwerfen und auf eine rein friedliche Nutzung der Atomkraft setzen, wird der Iran aller Wahrscheinlichkeit nach zur Vormacht in der Region aufsteigen. Wenn das Land über moderne zivile Nukleartechnik verfügt, ist die Produktion von Nuklearwaffen ohnehin kein Problem mehr, wenn der politische Wille dazu da ist. Da durch die internationale Energiekrise das iranische Erdgas immer wichtiger wird und möglicherweise auch die Gründung einer „Erdgas-Opec“ mit Russland bevorsteht, ist absehbar, dass die schiitische Großmacht in Zukunft auch über die Mittel verfügen wird, eine beachtliche konventionelle Rüstung aufzubauen.

Da die Stabilität im Irak wesentlich vom guten Willen der Führung in Teheran abhängt, wird sich der neue Präsident mit ihr früher oder später an einen Tisch setzten, egal ob er dann Obama oder McCain heißt, um nach einer „konstruktiven“ Rolle für den Iran zu suchen. Die Europäer sind in diesem ganzen Prozess nur Zaungäste, die auf die Vernunft der Beteiligten hoffen müssen.

Denn eines ist klar: Sollte es wider Erwarten in einem israelisch-iranischen Krieg zu einer humanen Tragödie biblischen Ausmaßes kommen, wird auch die Welt der Europäer und der Deutschen nicht mehr die sein, die sie zuvor gewesen ist. 

Informationen

Aktueller Artikel in "Die Welt"

Artikel über US-Studie in "The Jerusalem Post"

01. August 2008

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