09. August 2008

Verbraucherschutz Der Skandal um das Ü-Ei

Kein Einzelfall der Bevormundung, sondern nur der Empörung

Manchmal, aber nur manchmal, vermag die Aufregung des Publikums einzelne Vorhaben von Politikern zu blockieren. Wenn etwa die Kinderkommission des Bundestages in einer schriftlichen Stellungnahme „Keine Koppelung von Nahrungsmitteln und Spielzeug“ fordert, dann läuft das auf die Empfehlung eines Verbots des Verkaufs von Nahrungsmitteln mit Spielzeug hinaus. Das mag die damals verantwortliche FDP-Politikerin Frau Gruß nun bestreiten, doch bleibt es Tatsache. Wenn Frau Gruß weiters mündlich erklärt, man solle Spielzeug und Essen trennen, dann kann ihre gegenteilige Stellungnahme, es handele sich nur um einen Appell an die Industrie, nur als freche Tatsachenverdrehung beurteilt werden. Wie sollte man Essen und Spielzeug trennen, ohne ein entsprechendes Verbot zu fordern? Freilich ist das Zurückrudern der Frau Gruß immerhin besser, als wenn sie bei ihrer Meinung bliebe. Geschuldet ist der plötzliche Meinungsumschwung jedoch wohl leider nicht einer plötzlich einsetzenden Scham, die sich bei näherer Betrachtung ihres Vorschlags einstellte, sondern dem Risiko für ihre politische Karriere. Frau Gruß ist erst 32 Jahre alt. Sie wird berücksichtigt haben, dass sie durchaus jung genug ist, um noch einige Legislaturperioden auf Kosten des Steuerzahlers durchhalten zu können. Es handelt sich um Schadensbegrenzung, mag diese möglicherweise auch unnötig sein: Als FDP-Politikern für das Direktmandat Augsburg-Stadt ist sie über die Landesliste der bayerischen FDP in den Bundestag eingezogen. Wichtig für ihre weitere Karriere ist der sichere Listenplatz, nicht Wählerstimmen. Über den Listenplatz entscheiden ihre Parteifreunde, nicht die Wähler.

Selbst die großen Tageszeitungen berichten über das Vorhaben der Kinderkommission und skandalisieren den Vorfall. Gäbe es kein Überraschungsei, so wäre die Empörung des Publikums jedoch mindestens geringer ausgefallen, wahrscheinlich gänzlich ausgeblieben. Das Ü-Ei ist das Paradebeispiel der Koppelung von Nahrungsmitteln mit Spielzeug. Eltern und Großeltern haben es den heutigen Twens geschenkt. Heutige Twens schenken es ihren Kindern. Das Ü-Ei ist ein wunderbares Produkt, das vielen Menschen Freude geschenkt hat und die Marktlücke eines kleinen und günstigen Mitbringsels für Kinder besetzt. Dementsprechend hängen viele Herzen an seiner zukünftigen Verfügbarkeit. Und betroffen von der Verbotsüberlegung sind die Herzen des Publikums, nicht seine rationale Überlegung. Allein die Emotion vermag den empörten Aufschrei zu erklären.

Man mag sich einmal vorstellen, was passiert wäre, gäbe es das Überraschungsei nicht. Betroffen wären möglicherweise einige Frühstücksprodukte für Kinder. Wer aber legt Wert auf eine billige Plastikfigur, die er zusammen mit seinen Getreideflocken erwirbt? Es ist nicht denkbar, dass ohne das Ü-Ei ein ähnlicher Aufstand durch die Medien gegangen wäre. Es ist die emotionale Bindung, die den Unterschied macht.

Deutlich wird das, wenn man sich die Überlegungen der Kinderkommission hinsichtlich der Begründung ihrer Forderung anschaut. Es geht darum, die Gefahren für Kinder im Alltag zu minimieren. Es geht um Helmpflicht für Kinder auf Fahrrädern. Es geht um Vorschriften betreffend leichtere Schulranzen. Es geht um leichteres Papier für Schulbücher. Es geht um bauliche Maßnahmen zum Schutze von Kindern, etwa Treppengeländer und Fensterriegel. Es geht um ein europäisches Prüfsiegel für Kinderprodukte. Es geht um die Normung von Produkten zu Gunsten von Kindern. Gäbe es das Ü-Ei nicht, so würde all das ohne irgendein öffentliches Aufhebens durchgewunken werden. Schlimmer noch, trotz des öffentlichen Aufhebens um den möglichen Verlust des Ü-Eis wird all das durchgewunken werden. Am Ende, schon in gar nicht langer Zeit, werden gesetzliche Vorschriften stehen, die Regelungen bezüglich der von der Kinderkommission gesehenen Missstände betreffen. Der eigentliche Skandal ist, dass sich niemand gegen diese ungeheuerliche Bevormundung der Eltern und Kinder, der Bauherren, der Schulbuchverlage, der Nahrungsmittel- und der Schulranzenhersteller ausspricht.

Für keine einzige Empfehlung der Kinderkommission gibt es einen tauglichen Grund. Kinder leben seit Anbeginn der Menschheit mit Gefahren für sich und ihre Gesundheit. Eltern leben seit jeher in Angst und Sorge um ihre Kinder, dass diese Gefahren sich verwirklichen und ihr Kind davon betroffen ist. Seit jeher begleiten Eltern ihre Kinder auf dem Schulweg, bis diese in der Lage sind, diesen sicher allein zurückzulegen. Schon Kleinkinder werden von ihren Eltern darauf aufmerksam gemacht, keine Kleinteile in den Mund zu nehmen. Sind Kinder wirklich so kindlich, wie es die Politik glauben machen will, und stecken sich Spielzeug aus dem Ü-Ei in den Mund, wenn die Eltern ihnen sagen, sie sollen generell keine Kleinteile in den Mund nehmen? Nützt ein Verbot der Kopplung von Nahrungsmitteln und Spielzeug etwa, wenn Eltern nicht ausnahmslos alle anderen für ihre Kinder erreichbaren Kleinteile aus dem Weg räumen? Welches Elternhaus ist so steril und klinisch rein, dass Kinder sich in diesem nicht verletzen oder sonstigen Schaden zufügen können?

Man wird mit gutem Recht sagen können, dass die umfangreichsten Verbote nichts nutzen, wenn Kinder nicht gelernt haben, Gefahren von sich aus zu erkennen. Die Hilfestellung bei diesem Lernvorgang ist immer die Aufgabe ihrer Eltern gewesen. Diese Aufgabe kann man den Eltern nicht abnehmen. Eltern empfinden sie auch nicht als Last, sondern vielmehr als Gewinn. Das Gefühl, sein Kind so erzogen zu haben, dass es mit den Widrigkeiten und Gefahren des Lebens fertig wird, ist das Zeichen guter Erziehung und die Grundlage für elterlichen Stolz. Freilich wird es immer Unfälle geben. Es wird auch immer jemanden geben, der Fehler begeht. Das ist menschlich. Frau Gruß wird das bestätigen können. Sie versucht gerade, ihren politischen Fehler auszubügeln.

Internet

Homepage von Miriam Gruß

Nachricht zum Thema in der Augsburger Allgemeinen

Stellungnahme Kinder und Alltag der Kinderkommission

Zum Thema in der FAZ


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