14. August 2008

Multikulti Soziale Planwirtschaft

Weltoffenheit gedeiht am besten ohne Politik

Ich bin ein großer Freund von kultureller Vielfalt und finde Monokulturen langweilig. Ich liebe es, heute im Restaurant „Phoenicia“ eine Meze-Platte mit einem Glas des preisgekrönten libanesischen Rotweins Château Musar nebst einer sinnlichen Bauchtanzdarbietung zu genießen, morgen in der Jägerstube bei Jodelmusik ein Eisbein mit Kartoffelpüree und dazu eine Maß Hefeweizen zu mir zu nehmen und übermorgen bei chinesischen Freunden zum Frühlingsfest ein paar gebratene Jiaozi serviert zu bekommen und die ostasiatischen Kumpanen mit ein paar Maotai-Schnäpsen unter den Tisch zu trinken. Mich stört es auch nicht, in der Innenstadt Schönheiten aller möglichen Ethnien zu begegnen. Der aparten Nigerianerin mit den kunstvollen Haarflechten und dem pointierten verlängerten Rücken schaue ich ebenso gerne hinterher wie der brunhildhaften hell-kühlen Ostfälin oder der grazilen und mandeläugigen Vietnamesin.

Was ist also verkehrt an „Multikulti“ und warum ist dieser Begriff für viele Deutsche zum roten Tuch geworden? Was vielen Zeitgenossen die Freude an multikultureller Bereicherung gründlich verdorben hat, ist deren staatliche Anordnung. Der Multikulturalismus ist ein von Volkspädagogen und Politikern erdachtes und durchgesetztes sozialpolitisches Erziehungsprogramm, das in Deutschland von fast allen etablierten Parteien adoptiert wurde und inzwischen auch von den meisten Politikern der Europäischen Räteunion in Brüssel vertreten wird.

Die zugrundeliegende Ideologie ist der kulturelle Werterelativismus: Alle Kulturen, unabhängig von deren jeweiligen Sitten, religiöser Ideologien und Verhaltensweisen sind gleich viel wert, und demzufolge hat man Vertretern aller Kulturen Respekt und Toleranz entgegenzubringen. Letzteres gilt vor allem für die einheimische Bevölkerung eines Landes, die sich mit Zuwanderern aus fremden Kulturkreisen konfrontiert sieht. Die Zuwanderer sollen nicht an die einheimische Kultur assimiliert werden, sondern sie sollen ihre eigenen wertvollen Kulturen beibehalten, was auch mit entsprechender staatlicher Förderung einhergehen muss. Und um der einheimischen Bevölkerung auf die Sprünge zu helfen, wird die gewünschte multikulturelle Einstellung durch eine Reihe von rechtlichen Maßnahmen flankiert, so genannten „Antidiskriminierungsgesetzen“. Diese gelten in erster Linie zum Schutze der kulturellen Minderheiten, während eine Diskriminierung der Mehrheit in der Regel nicht sanktioniert wird, etwa was den verwehrten Zutritt eines Deutschen zu einer türkischen Teestube angeht.

Die Multikulti-Ideologen haben es indes versäumt, genau zu definieren, was denn eine „Kultur“ eigentlich sei. In der Praxis jedenfalls werden Minderheiten, die ein je eigenes Sitten- und Verhaltensmuster aufweisen, durchaus unterschiedlich behandelt. Während man zum Beispiel für die eine religiöse Minderheit, in deren heiligem Buch zum Kampf gegen Ungläubige und vom Glauben Abgefallene aufgefordert wird, volle Toleranz einfordert, man ihr Glaubensfreiheit lässt und den Bau ihrer Kultstätten fördert, wird genau diese Toleranz einer anderen religiösen Minderheit verweigert, die zwar Abtrünnige manchmal auch mobbt, aber ansonsten unauffällig inmitten unserer Gesellschaft lebt und wirtschaftlich erfolgreich agiert. Und wenn eine bestimmte Minderheit ihre Ideologie nicht „Religion“ nennt, kann sie sogar verboten werden, wie das bei Pfadfindergruppen der Fall ist, zu deren Kult es gehört, zwei mit dem Buchstaben H anfangende Wörter zu benutzen, und die dafür mit Gefängnis bestraft werden können. Hier könnte man einwenden, dass eine „Kultur“ dann nicht mehr als solche gilt, wenn deren Vertreter dem Multikulturalismus-Konzept nicht entsprechen, also die eigene Kultur als höherwertig empfinden. Doch auch hier gibt es Ausnahmen: Die oben genannte Vorzeigekultur, was multikulturelle Förderung anbelangt, geht, wenn man ihrem heiligen Buch glauben darf, explizit von einer Höherwertigkeit der eigenen gegenüber allen anderen Kulturen und Glaubensrichtungen aus. Misst die aktuell praktizierte Multikulti-Politik also mit zweierlei Maß? Nein, es gibt noch nicht einmal ein einziges festgelegtes oder logisch nachvollziehbares Maß.

Nicht nur die Willkür bei der Behandlung verschiedener Minderheiten stößt auf, sondern auch die Anmaßung von Politikern, volkspädagogische Maßnahmen zur Änderung der Einstellung der Bürger zu ergreifen. Der Mensch möchte nun mal nicht vorgeschrieben bekommen, welche Mitmenschen und welche Kulturen er besonders schätzen soll. Konflikte entstehen gerade erst dann, wenn Menschen den Eindruck gewinnen, dass Vater Staat aus Steuermitteln bestimmte Gruppen fördert, und sie selbst zu kurz kommen. Eltern können dann garantiert Neid zwischen zwei Geschwistern schüren, wenn sie Kind A das Taschengeld für sein Klavierspiel kürzen, damit Kind B sich das neue Nintendo-Kultspiel leisten kann. Wenn der Staat sich als Elternteil geriert, wird er auch Kinder ernten, die eifersüchtig darüber wachen, dass Gunst und Vergünstigungen gleichmäßig verteilt werden.

Alle Konflikte und Bürgerkriege der Neuzeit sind entbrannt, weil eine bestimmte Gruppe ihre wie auch immer geartete Kultur, egal ob dabei Ethnie, Religion, Sprache oder ein anderes Kriterium im Vordergrund stehen, von der Politik benachteiligt sieht. Separationsbestrebungen sind dann die Folge, nicht nur im Kaukasus, sondern überall in der Welt. Dort aber, wo Vertreter verschiedener Kulturen zusammenkommen und es keine wie auch immer gearteten staatlichen Erziehungs- und Umverteilungskonzepte gibt, fehlen solche Konflikte weitestgehend. Die „Rassenunruhen“ im Schmelztiegel der Nationen USA etwa, in der Regel lediglich Konflikte zwischen Weißen und den früher tatsächlich staatlicherseits diskriminierten Schwarzen, nehmen sich vom Ausmaß her verschwindend gering aus im Vergleich zu entsprechenden mörderischen Unruhen in Südafrika, Afghanistan, Libanon, Irak oder in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens und der Sowjetunion.

Es lässt sich eben leichteren Herzens in den Königsreichssaal der Zeugen Jehovas, in den Bahai-Tempel oder zum Tag der offenen Tür in die Moschee gehen, wenn man sicher sein kann, dass man nicht bereits mit seinen Steuergeldern mehrfach Eintritt dafür bezahlt hat. Und man wird dann ebenso offen und tolerant gegenüber Vertretern anderer Kulturen sein, wenn diese sich ebenso tolerant zeigen, keine Privilegien erlangen wollen, einen nicht aufdringlich bekehren möchten und wenn sie sich vor allem an die allgemein und ausnahmslos verbindlichen Regeln des Zusammenlebens halten, ob diese nun vom Staat festgesetzt wurden oder nicht. Die meisten Bürger sind nämlich nicht so kleinlich, wie staatliche Erziehungsmaßnahmen vielleicht suggerieren. Die meisten werden niemanden direkt des Landes verweisen wollen, der eine seltsam anmutende Tracht trägt, auf der Straße auf den Boden spuckt oder sich zu laut in einer fremden Sprache unterhält, sofern diese Person ansonsten niemandem Schaden zufügt, seinen Lebensunterhalt selbst verdient und als Konsument einen Beitrag für den Wohlstand der Gesellschaft leistet. Doch wenn dieselbe Person dann als Mitglied einer bestimmten Kultur Sonderrechte eingeräumt bekommt, etwa was Lärmschutzbestimmungen oder Tierschutz angeht, oder wenn sie gar durch Umverteilungen privilegiert wird, ohne dass hierüber ein Konsens bei den Steuerzahlern bestehen würde, dann stößt die Toleranz schnell an ihre Grenzen und kann bald in Abneigung und Ablehnung umschlagen. Auf der Basis dieser Stimmung gedeihen dann wiederum Kulturen, deren Ideologie aus Intoleranz, falschem Anspruchsdenken oder ethnischer Exklusivität besteht.

Der freiwillige Multikulturalismus kann in der Tat eine wunderbare Bereicherung sein. Jedes Individuum nimmt unbewusst Elemente anderer Kulturen auf und entwickelt seinen ganz persönlichen transkulturellen Mix, kulinarisch, verhaltenstechnisch und oft auch religiös. Sehr viele Chinesen zum Beispiel fahren seit vielen Jahrhunderten gut damit, gleichzeitig Konfuzianer, Buddhisten und Taoisten zu sein und daneben eigene Hausgötter zu haben. Je nach Stimmung und Bedarf wird mal der Hausgott um Beistand gebeten, mal wird um ein glückliches Leben im Jenseits der buddhistische Buddha-Tempel besucht und am nächsten Tag wird Konfuzius ein Räucherstäbchen angezündet, um die eigene Arbeitsmoral zu erhöhen. Und in vielen Tempeln kann man alle spirituellen Bedürfnisse gleichzeitig bedienen. Religionskriege zwischen Buddhisten, Taoisten und Konfuzianern hat es in China bislang nicht gegeben, erstens weil der Staat seinen Bürgern nie Vorschriften gemacht hatte, welche dieser drei Kulturen sie pflegen sollen, und zweitens weil diese Kulturen keinen absoluten Wahrheits-Alleinvertretungsanspruch beinhalten.

Dort aber wo der Staat das kulturelle Verhalten seiner Bürger steuern will, sind Unzufriedenheit und Zwistigkeiten vorprogrammiert, und dies wiederum führt zu einer Isolierung und Radikalisierung der betroffenen Kulturen. Die real praktizierte multikulturelle Planwirtschaft wird also das Gegenteil seiner propagierten Ziele erreichen. Nicht auf Gegenseitigkeit beruhende Toleranz und Respekt werden das Gemeinwesen prägen, sondern Abschottung, Ghettoisierung und multikulturelle Intoleranz.


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Björn Tscheridse

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