Edgar L. Gärtner

Jahrgang 1949, Hydrobiologe, Wissenschaftsautor.

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Nachgang zur Georgien-Krise: Der Westen braucht ein neues Feindbild

von Edgar L. Gärtner

Der kalte Krieg war eine Zeit der Gnade

18. August 2008

Im Zusammenhang mit der noch kaum wirklich begonnenen intellektuellen Verarbeitung der Georgien-Krise hört oder liest man allenthalben die Warnung vor einem Rückfall in die Denkmuster des Kalten Krieges. Ich halte das, ehrlich gesagt, für gedankenlose Nachbeterei. Denn ich habe selbst viel Lehrgeld zahlen müssen, bis mir bewusst wurde, dass der Krieg  - ob heiß oder kalt – zur conditio humana gehört, weil Krieg zuweilen leider der gangbarste Weg zum Frieden darstellt. (Man braucht nicht Ernst Jünger gelesen zu haben, um das zu begreifen, denn man findet diese Einsicht auch bei Hannah Arendt.)

Mir fiel es als libertär, wenn nicht anarchistisch gesonnener Alt-68er auch schwer zu begreifen, dass es ohne ein klares Feindbild keinerlei Legitimation für eine politische Organisation der Gesellschaft oberhalb der kommunalen Ebene gibt, dass also Carl Schmitts Theorie des Politischen die notwendige Ergänzung zu den Ideen des von mir geschätzten Küfersohnes Pierre Joseph Proudhon darstellt. Auch ist mir leider erst nach dem Ende des von uns Revoltierenden gedankenlos verurteilten Kalten Krieges der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bewusst geworden, dass diese bislang längste Periode des Friedens in Europa auch in anderer Hinsicht, trotz einiger bedauerlicher Entwicklungen, eine Zeit der Gnade war.

Unter den Vorzügen, die die Konfrontation zwischen dem oft nur dem Anspruch nach freien Westen und dem kollektivistischen Osten bot, ist die Möglichkeit, ohne langes Nachdenken zwischen Wichtigem und Unwichtigem unterscheiden zu können, sicher nicht am geringsten zu veranschlagen. Denn kaum hatte die Konfrontation durch den (vorläufigen?) Kollaps eines der beiden Pole ein Ende gefunden, wussten die Eliten des Westens schon nicht mehr, wo ihnen der Kopf stand. Anders kann man die Absurdität, das Feindbild „Kollektivismus“ durch das Feindbild „Klimawandel“ zu ersetzen, wohl nicht erklären. Da ein Sieg über den (natürlichen) Klimawandel schlicht unvorstellbar ist, ist das gegenwärtige Feindbild des Westens in Wirklichkeit ein Synonym für Selbstzerstörung.

Wie der Bielefelder Wissenschaftssoziologe Peter Weingart in seinem Buch „Die Stunde der Wahrheit“ (2001) überzeugend herausgearbeitet hat, war übrigens auch die Renaissance der Freiheit der Wissenschaft nach dem Ende der Nazi-Herrschaft ein Kind des Kalten Krieges. Mit dessen Ende war es mit Forschungsfreiheit nicht mehr weit her, was man nicht zuletzt in der so genannten Klimaforschung beobachten kann.

Statt „Klimawandel“ sollte das neue Feindbild des Westens meines Erachtens eher „Energieverteuerung“ heißen. Denn unser immerhin noch vergleichsweise demokratisches und freiheitliches System würde eine Fortsetzung des mit immer höheren Preisen für Gas und Benzin verbundenen Wohlstandstransfers wohl nicht lange überleben. Deren Ursachen liegen zu einem Teil in der Politik autokratisch regierter Rohstoff-Förderländer, in noch stärkerem Maße aber in der mit grüner Ideologie begründeten Energiepolitik Deutschlands und der EU. Statt auf die Sicherung einer bezahlbaren Energieversorgung konzentriert sich diese auf Energiesparen um beinahe jeden Preis (Selbstaufgabe eingeschlossen), zumal unsere politische „Elite“ dabei auf die physikalisch nutzlose „Wärmedämmung“ mithilfe von Styroporschaum setzt.

Feindbilder haben Gesichter. Zu den gefährlichsten Feinden der Freiheit zählen meines Erachtens jene, die über Jahrzehnte daran gearbeitet haben, durch Umweltgesetze entsprechend dem nihilistischen „Vorsorgeprinzip“ den staatsmonopolistischen Öko-Industriekomplex auf der Basis eines Systems der Kohlenstoff-Rationierung durch Emissionshandel aufzubauen und Deutschland wie einen Teil seiner europäischen Nachbarn in die wachsende Abhängigkeit vom immer teurer werdenden und politisch unsicheren, weil zur Erpressung einladenden russischem Erdgas zu treiben.

Die geopolitischen Konsequenzen dieser durchaus demokratisch zustimmungsfähigen neuen Feindbildbestimmung bedürfen freilich noch umsichtiger Diskussion. Die Formel von der „einen Welt“ (ohnehin eine der dümmsten der gutmenschlichen Parolen) dürfte darin aber keine vorherrschende Rolle mehr spielen. Denn sie diente offensichtlich nur dazu, uns weiszumachen, wir bräuchten überhaupt kein Feindbild mehr. Die Konfrontation in Georgien lässt zumindest ahnen, dass das eine gefährliche Illusion war.

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