Edgar L. Gärtner

Jahrgang 1949, Hydrobiologe, Wissenschaftsautor.

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Bewusstsein und Willen: Gibt es Freiheit ohne Geist?

von Edgar L. Gärtner

Für den Geist von Santiago de Compostella hatten sie kein Organ

Als Bücherwurm widme ich dem Fernsehen den geringsten Teil meiner Zeit. Hin und wieder ziehe ich es aber dennoch vor, mir bestimmte Vorgänge auf dem Bildschirm anzuschauen. Das war zum Beispiel der Fall während des Vormarsches der russischen Panzer in Georgien. Hin und her zappend stieß ich bei Phoenix auf die Wiederholung einer Reportage über den St. Jakobs Pilgerweg. Da blieb ich eine Weile hängen. Zwar zieht es mich persönlich längst nicht mehr dorthin, seit es dort, ausgelöst durch den Bestseller von Harpe Kerkeling, zu Staus kommt. Aber was ältere und jüngere Pilger den TV-Reportern zu erzählen hatten, interessierte mich schon. Im Gedächtnis haften blieb mir ein junges Ossi-Pärchen aus Magdeburg. Ich möchte den beiden nicht zu nahe treten. Aber was sie als „Ertrag“ ihres Trips festhielten, stimmte mich tief traurig. Für den Geist von Santiago de Compostella hatten sie offenbar weder Auge noch Ohr noch sonst ein Organ. Für sie war die Reise ein touristischer Event neben anderen. Was sie empfanden und mitteilten, erschien mir höchst geistlos. Und so wie diese beiden sehen es wohl inzwischen viele Abgänger unseres entchristlichten Erziehungswesens.

Deshalb ist es nicht weiter verwunderlich, dass auch bei Debatten über Freiheit und Moral der Begriff „Geist“ oft gar nicht mehr auftaucht. Immerhin gibt es inzwischen, gefördert durch die neuesten Erkenntnisse der Humangenetik, einen weitgehenden Konsens darüber, dass die menschlichen Individuen keine Marionetten ihrer Gene sind. So bringt es oft nicht viel, nach speziellen Genen zu suchen, die jemanden zum Genie, zum Hetero, zum Schwulen, zum Heiligen oder zum Verbrecher machen. Es gibt offenbar so etwas wie Freiheit. Aber worauf beruht und worin besteht diese? Hier scheiden sich die Geister, wenn man so sagen darf. Denn von „Geist“ wollen die meisten Mainstream-Atheisten erst gar nicht reden. Sogar der herkömmliche, auf dem christlichen Menschenbild fußende Freiheitsbegriff ist vielen von ihnen höchst suspekt. Nach christlicher Auffassung kommt es letzten Endes auf die mit der geistigen Person verbundene Willensfreiheit an. Eine ganze Schule der neurobiologischen Forschung bemüht sich demgegenüber um den Nachweis, dass der Mensch nicht Herr im eigenen Hause ist, dass es im menschlichen Hirn keine Strukturen gibt, die man mit Geist oder Willensfreiheit in Zusammenhang bringen könnte. Aber diese mit großem Eifer ins Werk gesetzte Suche beruht auf einer höchst dürftigen philosophischen Begründung. „Der Tag, an dem die Hirnforschung aufbrach, um die Freiheit zu suchen, ist vergleichbar mit dem Tag, an dem der proletarische Dummkopf Gagarin erzählte, er sei im Weltraum gewesen und habe Gott nicht gefunden“, urteilt der bekannte Psychiater und katholische Theologe Manfred Lütz mit dem ihm eigenen Sarkasmus.

Wieder und wieder werden Experimente zitiert, die der amerikanische Neurologe Benjamin Libet schon in den 80er Jahren durchführte. Danach entscheidet das Hirn über Handlungen, noch bevor uns ein Entschluss bewusst wird. Genau genommen bestätigen solche Experimente aber nur Sigmund Freuds Entdeckung, dass der Anteil des Unbewussten an der geistigen Person viel größer ist als der des Bewussten. Neurologen und Philosophen sind sich aber nicht einmal darüber einig, was unter Bewusstsein zu verstehen ist.

Konsens besteht nur darüber, dass die Menschen von Natur aus soziale Wesen sind. Materielle Grundlage gegenseitigen Einfühlens und Verstehens (Empathie) sind die so genannten Spiegelneuronen. In der Praxis beschränkt sich der Gefühls- und Gedankenaustausch aber meist auf abgegrenzte Gruppen von Bluts- und Geistesverwandten. Dennoch gibt es auch spontane Manifestationen von Altruismus gegenüber völlig Fremden, deren Wurzeln bis zu unseren behaarten Vorfahren zurück reichen. Einiges spricht dafür, dass sich altruistische Verhaltensweisen deshalb in der Evolution durchgesetzt haben, weil sie im Hirn mit Dopamin-Stößen und dem damit verbundenen angenehmen Gefühl belohnt werden. Deshalb kann Freigiebigkeit sogar ein besonders raffinierter Ausdruck von Egoismus sein. Es gibt auch Simulationsexperimente, die darauf hinweisen, dass Gesellschaften weltoffener Egoisten friedlicher sind als Gesellschaften gruppensolidarischer Gutmenschen. Menschen mit psychopathischer Veranlagung (immerhin etwa ein Prozent der Bevölkerung) fehlt jedoch die Fähigkeit zur Empathie und zum Lustgewinn durch selbstlose Hilfe. Das heißt aber noch nicht, dass sie dazu verdammt sind, auf die schiefe Bahn zu geraten.

Warum aber werden viele Menschen, trotz ungünstiger Erbanlagen, nicht zu Verbrechern? Darauf gibt bislang nur die jüdisch-christliche Lehre von der geistigen Person eine Antwort. Geist ist nach christlicher Auffassung keine Substanz, sondern reine Dynamis (wie Musik), von der sich der freie Wille ableitet. Nach materialistischer Auffassung kann es so etwas überhaupt nicht geben. Freiheit beschränkt sich für Materialisten auf Handlungsfreiheit. Diese besteht darin, im Einklang mit seiner mentalen Disposition (Instinkte, Motivationen, Glaubenssätze, Präferenzen, verbales und nonverbales Wissen) agieren zu können. Es bleibt dabei offen, wie die Disposition zustande kommt. Auch einem Hund dürfte danach das Attribut der Freiheit nicht abgesprochen werden. Es käme lediglich darauf an, ob er an der Kette liegt oder sich artgerecht bewegen kann. Diese Auffassung von Freiheit kann aber schlecht erklären, wie es eine Minderheit von KZ-Häftlingen schaffte, innerlich frei und somit Mensch zu bleiben. Der Wiener Neurologe und Psychiater Viktor E. Frankl hat in der Nachkriegszeit eindrucksvoll geschildert, wie er es kraft eigener Geistesanstrengung vermied, sich selbst aufzugeben, und es ihm so gelang, die Drangsal der Lager zu überleben.

Frankl erkannte aufgrund seiner Erfahrungen im KZ und in seiner psychiatrischen Praxis: Der Mensch „hat“ einen Charakter – aber er „ist“ eine Person. „Die Charakteranlage ist daher auf keinen Fall das jeweils Entscheidende; letztlich entscheidend ist vielmehr immer die Stellungnahme der Person. Zuletzt entscheidet der Mensch über sich selbst. Der Mensch hat also nicht nur Freiheit gegenüber Einflüssen je seiner Umwelt, sondern auch gegenüber seinem eigenen Charakter. Ja, in gewissem Sinne ist es sogar so, dass die Freiheit gegenüber der Umwelt in der Freiheit gegenüber dem Charakter fundiert ist.“

Frankls Analyse der Wechselwirkungen zwischen Geist und Körper scheint inzwischen leider fast vergessen. In der umfangeichen Bibliografie eines aktuellen Sachbuchs über das Thema aus der Feder des „Stern“-Wissenschaftsautors Frank Ochmann taucht sein Name gar nicht auf. Inzwischen hat aber das mathematische Wunderkind David Chalmers, dessen Name bei Ochmann ebenfalls fehlt, mit bestechender Logik nachgewiesen, dass schon das Bewusstsein, das im judeo-christlichen Menschenbild unterhalb des Geistes in der Psychophysis angesiedelt ist, grundsätzlich nicht monistisch, sondern nur mithilfe des Dualismus von Geist und Körper erklärbar ist.

Immerhin sieht auch Ochmann ganz klar: „Reiner Utilitarismus, der nach dem Prinzip maximalen Glücks für die größtmögliche Zahl vorgeht, und fordert, in jedem Fall entsprechend moralisch zu handeln, mag philosophisch richtig oder zumindest nachvollziehbar sein. Trotzdem überfordert er nicht nur die meisten Menschen, sondern offenbar den Menschen an sich.“ Aber was folgt daraus? Darüber schweigt sich der studierte Theologe und ehemalige Priester aus. Stoff genug für weitere Beiträge…

Internet

Viktor E. Frankl

David Chalmers

Literatur

David Chalmers: The Concious Mind. Oxford University Press.  1996

Viktor E. Frankl: Der leidende Mensch. Anthropologische Grundlagen der Psychotherapie. Neuausgabe. Piper. München 1990

Viktor E. Frankl: Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn. 8. Aufl. Piper. München 1996

Manfred Lütz: Gott. Eine kleine Geschichte des Größten. Pattloch. München 2007

Frank Ochmann: Die gefühlte Moral. Warum wir Gut und Böse unterscheiden können. Ullstein. Berlin 2008

08. September 2008

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