Robert Grözinger

Robert Grözinger, Jahrgang 1965, Diplom-Ökonom, ist freier Journalist und Übersetzer.

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Internationale Finanzkrise: Empire auf Höllenfahrt

von Robert Grözinger

Die Erschütterungen im Bankensektor wurden lange vorausgesagt

Tsunami. Vulkanausbruch. Erdbeben. Malstrom. Um die Vorgänge im September 2008 in der amerikanischen Finanzwelt und an den Börsen weltweit zu beschreiben, fehlte in den Analogien kaum eine Naturkatastrophe. Selbst auf Übernatürliches wurde zurückgegriffen. Frank Plasberg sprach am 17. September in der Anmoderation seiner ARD-Sendung „Hart aber fair“ zu diesem Thema von einer „Höllenfahrt“.

In gewisser Weise sind diese Vergleiche zutreffend: An einem Sonntag werden mit Fannie Mae und Freddie Mac mal eben 80 Prozent des amerikanischen Hypothekenmarktes verstaatlicht. Die Großbank Lehman Brothers wurde 1850 gegründet. Sie hat somit den amerikanischen Bürgerkrieg und die Weltwirtschaftskrise überstanden, nicht aber den vergangenen Monat. „Wer immer glaubt, diese Krise sei eine kleinere Angelegenheit, ist nicht aufmerksam“, warnt angesichts dessen Gary North, ein amerikanischer Börsenund Finanzanalyst. Selbst die „Perma-Bulls“, die ewigen Börsenoptimisten, haben in den vergangenen Wochen sichtbar die Angst im Nacken gehabt. Doch offenbar war dieser Kontakt mit der Realität nur von kurzer Dauer. Kaum hatten der US-Finanzminister und die amerikanische Zentralbank dem großen Industrieversicherer AIG mit unvorstellbaren 85 Milliarden Dollar unter die Arme gegriffen, ging es an den Börsen wieder aufwärts.

Der Unterschied zwischen Naturkatastrophen und den Finanzturbulenzen der Neuzeit ist, dass letztere viel besser vorhersehbar sind. Wenn auch nicht genauer datiert, so doch viel präziser als beispielsweise der nächste Ausbruch des Vesuv. Seit Jahren warnte ef-Kolumnist Claus Vogt in dieser Zeitschrift vor genau den Ereignissen, die nun wie vorhergesagt eintraten. Gary North hatte seinen Newsletter- und Websitekunden im November 2007 geraten, aus dem Aktienmarkt auszusteigen. Sein Landsmann Peter Schiff ver- öffentlichte im selben Jahr ein Buch mit dem Titel: „Crashproof – How to Profit from the Coming Economic Collapse“. Und die Autoren des täglichen Newsletters „Daily Reckoning“ raten seit 2001 zum Verkauf von Aktien und zum Kauf von Gold und Rohstoffen.

Und doch wurden viele sogenannte Börsen- und Finanzexperten von den Ereignissen völlig überrumpelt. Bei Lehman Brothers zum Beispiel saßen, wie North anmerkt, „in ihren Büros höchst erfahrene Angestellte, die in den vergangenen zwölf Monaten das Bröckeln der Märkte beobachtet hatten, und diese Fachleute verkauften den Leuten Anlagen, die dem Untergang geweiht waren – weil sie annahmen, dass sie von keinem in den oberen Etagen angelogen wurden.“ Das kann man zum Teil mit Naivität erklären, zum Teil mit der natürlichen menschlichen Tendenz, bei drohender Gefahr den Kopf in den Sand zu stecken. Doch eine wesentliche Ursache für dieses Verhalten wird schlicht die Unfähigkeit gewesen sein, die Signale richtig zu deuten.

War es nur reiner Zufall, dass einige Analysten so richtig lagen, während der Großteil falsch lag? Davon könnte man ausgehen, wenn es sonst nichts gäbe, was die ersteren verbindet. Doch es gibt diese eine gemeinsame Eigenschaft: Sie haben offenbar allesamt das Stiefkind der Mainstream- Ökonomie ernstgenommen, nämlich die Österreichische Schule der Ökonomie um Friedrich von Hayek, Ludwig von Mises, Murray Rothbard, Hans-Hermann Hoppe und Guido Hülsmann, um nur einige zu nennen. Diese Denkschule allein hat eine Konjunkturtheorie entwickelt, die tatsächlich der Realität entspricht. Sie besagt, dass ein kreditfinanzierter Aufschwung unweigerlich in einem Abschwung enden muss. Je mehr Kredit in den Wirtschaftskreislauf gepumpt wird, desto größer der spätere Absturz. Der Niedergang kann zwar für eine Weile mit weiteren Krediten, Geldmengenausweitung und Regulierungen verzögert, nicht aber verhindert werden.

Die „Österreicher“ können darüber hinaus auch erklären, weshalb es gerade in den letzten Jahrhunderten, und beschleunigt in den letzten Jahrzehnten, immer wieder zu kreditfinanzierten Aufschwüngen und in ihrer Folge zu schmerzhaften Abschwüngen kam: Den Banken, so ihre Begründung, wurde die Erteilung von Krediten sukzessive immer mehr erleichtert. Durch die Gründung von Zentralbanken, die einen privilegierten Schutz der Regierung genossen, durch gesetzliche Geldmonopole, Zahlkraftgesetze, legalisierte Zahlungseinstellungen, Papiergeld und schließlich das Teilreservebankwesen wurden Banken Schritt für Schritt von den Wirkungen des Marktes abgeschottet. Der vorerst letzte Schritt in diesem Prozess war im Jahr 1971 die Kappung der einzig übriggebliebenen Verbindung, die eine Währung, nämlich der US-Dollar, zu irgendeinem realen Wert, nämlich dem des Goldes, noch besaß. Seitdem dieser Anker weggefallen ist, bestand immer die Gefahr einer völlig ungebremsten Kreditausweitung mit entsprechenden negativen Folgen. Die einzige offene Frage war, mit welchem Tempo die Verantwortlichen die Schleusentore öffnen würden.

Marktpreise sagen immer die Wahrheit. Weil vielen Menschen die Wahrheit oft unangenehm ist, ist die Versuchung groß, ihr auszuweichen. Die Versuchung ist umso größer, je leichter das Ausweichen im akuten Fall erscheint. Aber mit ihrer Ausblendung verschwindet die Wahrheit nicht. Sie findet lediglich andere Wege, sich Ausdruck zu verschaffen. Sie schreit, wenn man so will, sie wird lauter und unangenehmer. Wenn ein Mensch ernsthaft psychisch oder physisch erkrankt, ist dies oft ein Zeichen dafür, dass er über längere Zeit einer unangenehmen Wahrheit ausgewichen ist. Am Ende ist die Wahrheit stärker: Entweder der Patient stellt sich ihr und wird vielleicht doch noch geheilt, oder er blockt weiter ab und stirbt. Auf gleiche Weise erkranken Gesellschaften, in denen die Wahrheit systematisch ausgeblendet wird, weil Marktmechanismen abgeblockt, manipuliert oder einfach gar nicht zugelassen werden. Je mehr man sie abzublocken versucht, desto mehr baut sich eine Spannung auf, die sich irgendwo, irgendwann entladen muss.

Ein deutliches Zeichen für eine abgeblockte Wahrheit in einer Volkswirtschaft ist eine Kreditblase. Man erkennt sie daran, dass Werte in einer Branche immer weiter steigen, die Rendite auf diese Werte im Verhältnis dazu aber immer weiter sinkt. Das kann nur eines heißen: Die Spekulation auf Wertzuwachs hat sich verselbständigt und den Boden der Realität verlassen. Das wiederum kann nur passieren, wenn Kredite zu leicht zu haben sind. Das ist letztendlich nur möglich, weil Geld nicht mehr an Realwerte gebunden ist. Eine Realwertbindung würde Kredite schnell zu teuer machen, bevor die Blase zu groß wird. Das alles kann man sehen, wenn man will. Das entscheidende Problem unserer Zeit aber ist: Man muss es nicht sehen, wenn man glaubt, dass jemand hinter einem steht, der einen auffängt, wenn die Spekulation schiefgeht. Dieser jemand ist der Staat, oder, genauer gesagt, der meist völlig ahnungslose Steuerzahler, Sparer und Verbraucher. Der Fachbegriff für diese unmoralische Einstellung ist „moral hazard“, zu deutsch etwa: „verantwortungsloser Wagemut“.

Wir haben es also nicht mit einem freien Markt zu tun, in dem Menschen aufgrund der ihnen zur Verfügung stehenden Informationen über die Realität Risiken realistisch abschätzen und eingehen, sondern mit einem manipulierten, verzerrten, gebundenen und in falscher Sicherheit gewogenen „Markt“. Angesichts solcher einfach zu verstehender Zusammenhänge ist das, was derzeit in Politik und Medien abläuft, ein Trauerspiel. Die Blinden werden von Blinden geführt. Die erwähnte ARD-Diskussionsrunde ist ein Beispiel von unendlich vielen. Hilmar Kopper machte vor allem die „Gier der Anleger“ für die Turbulenzen verantwortlich. Die amerikanischen Häuslebauer wollten zu viel zu schnell, hatten ohne Sicherheiten eine Hypothek abgeschlossen, erklärte der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank. Dann wurden diese faulen Kredite in Zertifikate versteckt und an andere, viel zu gutgläubige Anleger verkauft. Das ist soweit richtig. Aber Kopper erwähnt den amerikanischen „community reinvestment act“ nicht, mit dem der Staat Investoren verpflichtete, auch an Kreditnehmer mit zu geringen Sicherheiten zu verleihen.

In der gleichen Veranstaltung erwähnte der Ökonom Professor Rudolf Hickel zwar den „moral hazard“, forderte aber statt einer Abstellung ihrer Ursache, im Gleichklang mit allen anderen Gästen, „mehr“ und „andere“ Regulierungen des Finanzsektors. Und Kopper setzte der ganzen Diskussion die Krone auf, als dieser erfahrene Banker die völlig abwegige Aussage machte, ausgerechnet Gold sei „wegen der Inflation“ – deren Zustandekommen er nicht erklärte – keine gute Anlage. Die beste Figur in dieser Runde machte die ARD-Börsenexpertin Anja Kohl, die den dringenden Rat ausgab, keine Wertanlagen zu kaufen, die man nicht wirklich verstanden hat. Obwohl nichts weiter als der Ausdruck gesunden Menschenverstandes, ist man in dieser verrückten Zeit dennoch für eine solche Aussage dankbar. Erwähnenswert ist noch, dass der Moderator, der übrigens seine Hausaufgaben – soweit für einen Laien möglich – gemacht zu haben schien und die Runde sehr gut im Griff hatte, immerhin in einer Einspielung die Federal Reserve erwähnen ließ und welche Rolle ihre Verhinderung eines Börsenabsturzes nach dem Platzen der Tech-Blase im Jahr 2001 bei der Entstehung der aktuellen Hypotheken-Blase gespielt hat. Leider hat jedoch keiner der anwesenden „Experten“ dieses Stichwort aufgegriffen. Lieber wurde an den Symptomen herumgedoktert, als der Wahrheit ins Auge zu blicken und die Ursache an der Wurzel zu packen.

Wie wird es nun weitergehen? Vielleicht werden wir jetzt einige Monate Ruhe haben, glaubt Ron Paul. Der republikanische Kongressabgeordnete ist kürzlich mit seinem Programm der staatlichen Ausgabenkürzungen, der Zerschlagung des Geldmonopols der Fed und des Rückzugs aller Truppen aus fremden Ländern als Präsidentschaftskandidat zwar gescheitert, hat aber mit seinem Wahlkampf eine sich verselbständigende Bewegung begeisterter Anhänger in Gang gesetzt und wirbt im Internet weiterhin nachdrücklich für eine radikale Schrumpfung des Staates. Paul, der ebenfalls ein Anhänger der Österreichischen Schule ist, schätzt, dass das Ende der gegenwärtigen Turbulenzen noch lange nicht gekommen ist, da noch Billionen Dollar an Derivaten abzuwickeln sind. „Vermutlich kommt demnächst die Automobilindustrie dran“, prophezeit der Texaner, „und natürlich wird der Staat sie nicht scheitern lassen.“

Professor Guido Hülsmann beschreibt in seinem 2007 erschienenen Buch „Die Ethik der Geldproduktion“ die zwei ausschließlich möglichen Endstadien einer Papiergeldwährung: „Sie muss entweder in einer Hyperinflation zusammenbrechen oder den Staat zwingen, eine Politik zunehmender Regulierungen und schließlich der totalen Kontrolle über alle wirtschaftlichen Ressourcen zu betreiben.“ In Amerika hat man in den letzten Wochen Schritte in beide Richtungen gleichzeitig unternommen. Zum einen wurden Leerverkäufe verboten, in der Hoffnung, damit den Preisdruck nach unten aufzuhalten. Begleitet wurde diese Maßnahme durch eine regierungsoffizielle Verschwörungstheorie, nach der Spekulanten „bösartige Gerüchte“ verbreiteten und sich untereinander absprechen würden, welches Unternehmen als nächstes auszuschlachten sei. Noch bizarrer an diesem Vorgang ist, dass ausgerechnet die legalen, gedeckten Leerverkäufe verboten wurden, während die Börsenaufsicht weiterhin nichts gegen illegale, ungedeckte Leerverkäufe unternimmt, mit denen große Institute nach wie vor Mittelständler in den Ruin treiben. Überdies wurde die Entscheidung über die Stützung von AIG – wie auch schon die Übernahme der beiden Hypothekengiganten – ohne Konsultation des Kongresses gefällt. Auch die Inflation wurde kräftig angeheizt: Der Federal Reserve fehlten für die AIG-Rettung 40 Milliarden Dollar. Also beschloss Finanzminister Henry Paulson im Alleingang einfach die Aufnahme neuer Schulden bei der Fed. Die Reaktion auf diese präzedenzlose, diktatorische Geldmengenausweitung kam prompt: Der Preis für Gold schoss innerhalb von 24 Stunden um 14 Prozent nach oben – ein deutliches Zeichen für realistische Inflationsangst.

Wir werden uns an die Vorstellung gewöhnen müssen, dass selbst die USA als Staat scheitern und damit die gesamte Nachkriegsweltordnung zusammenbrechen könnte. In diesen Tagen wird zwar immer wieder die Parole herausgegeben, diese oder jene Firma sei „zu groß, um zu scheitern“, weil der Dominoeffekt unübersehbare Folgen für die Wirtschaft hätte. Doch auch Rom war zu groß, um zu scheitern. Physische und ökonomische Größe schützt nicht ewig vor dem Niedergang, sondern kann ihn allenfalls verzögern. Nur wenn die Ursache der immer wieder auftauchenden Kreditblasen in Angriff genommen wird, kann die USA als – radikal deregulierter, geschrumpfter und seines Papiergeldmonopols entledigter – Staat noch überleben. Für Walter K. Eichelburg, Consultant und Investor in Wien, steht aber jetzt schon fest: „Für eine wirkliche Rettung sind die Schäden im System bereits viel zu groß.“ Er sagt einen Dollar-Crash und Gold-Höhenflug voraus. „Dann heißt es: Empire over!“

Literatur

  • Murray Rothbard: Das Schein-Geld-System, Wie der Staat unser Geld zerstört, Resch 2000
  • Guido Hülsmann: Die Ethik der Geldproduktion, Manuscriptum 2007
  • Robert Grözinger: Ron Paul, der Kandidat aus dem Internet, Lichtschlag 2008

Internet

Information

Dieser Artikel erschien zuerst in eigentümlich frei Nr. 86.

06. Oktober 2008

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