Edgar L. Gärtner

Jahrgang 1949, Hydrobiologe, Wissenschaftsautor.

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Finanzkrise: Verlust der Maßstäbe

von Edgar L. Gärtner

Von teuren und weniger teuren Placebos

Teure Scheinmedizin wirkt besser als billige. Für dieses Ergebnis eines experimentellen Vergleichs der Effekte verschiedener Placebos erhielt Dan Ariely von der Duke University in Durham/USA gerade den Ignobel-Nobelpreis für Medizin. So gesehen, scheint die US-Regierung mit ihrer inzwischen auf 800 Milliarden Dollar angewachsenen „Nothilfe“ für Banken, die zu viele faule Derivate in ihren Büchern haben, auf dem richtigen Weg. Nun sieht es aber erst einmal so aus, als habe dieses Placebo nicht gewirkt. An den Börsen brach Panik aus. Die Aktienindices stürzten rund um die Welt auf ihren tiefsten Stand seit vier bis fünf Jahren ab. Und der Ausverkauf setzte sich an den folgenden Tagen fort. Da liegt der Schluss nahe: Wenn die Medizin nicht wirkt, muss man die Dosis verdoppeln oder gar vervierfachen.

Bevor man das tut, sollte man den US-Banken zwar fairerweise schon noch ein paar Wochen Zeit lassen, ihre notleidenden CDOs loszuwerden und wieder in der Realwirtschaft Tritt zu fassen. Aber die nun um sich greifende Hysterie lässt das wahrscheinlich gar nicht mehr zu. Was mich derzeit am meisten beunruhigt, ist der spürbare Verlust von Maßstäben. Ich habe das Gefühl, dass nun eintritt, was ich in einem Zukunftsszenario vorweg genommen habe, das auf den Seiten 146 ff. meines Buches „Öko-Nihilismus“ (2007) abgedruckt ist. Dieses Szenario stand schon, als ich mit der Niederschrift meines Buch-Manuskriptes begann. Ein Teil davon war im Frankfurter „Novo“-Magazin abgedruckt. Die Vision war mir, angeregt durch einen zahlenden Kunden, kurz nach der EXPO 2000 in Hannover „gekommen“. Darin gibt es eine Passage, in der ich schildere, wie den Menschen die Idee und die Maßstäbe des Fortschritts abhanden kommen: Sie wissen nicht mehr, ob billig besser oder schlechter ist als teuer, ob verschwenden besser oder schlechter ist als sparen, ob reich besser oder schlechter ist als arm, ob frei besser oder schlechter ist als entmündigt und geknechtet. Es geht dort also um etwas ganz anderes als um die nun wieder wohlfeil gewordene Schelte maßloser Investment-Banker und anderer Turbokapitalisten. Denn um Maßlosigkeit bloßzustellen, braucht man ja erst einmal halbwegs verlässliche Maßstäbe.

Die sind umso notwendiger in einer Situation, in der es längst nicht mehr um Entscheidungen zwischen Gut und Böse, sondern um das Abwägen zwischen größeren und kleineren Übeln geht. Bislang lieferte das Christentum in der westlichen Welt – ob direkt oder indirekt – genug geistiges Rüstzeug, um mit solchen Herausforderungen umzugehen. Inzwischen aber ist der christliche Glaube weitgehend durch den Nihilismus verdrängt worden. Nihilisten sind bereit, alles Mögliche zu glauben – außer der Wahrheit. Selbst die katholische Kirche öffnet sich inzwischen nihilistischen Anliegen wie dem „Klimaschutz“.

Hinter dem „Bailout“-Paket von US-Finanzminister Paulson steht, wie ich in der Vorwoche hier bereits andeutete, der kaum verhohlene Versuch der Hochfinanz, sich aus der geplatzten Immobilien-Blase in eine neue „grüne“ Blase subventionierter „erneuerbarer“ Energien und des CO2-Emissionshandels zu retten. Nicht von ungefähr enthält die überarbeitete Form des „Pakets“ unter den vielen Zusätzen, mit deren Hilfe sich US-Präsident George W. Bush und sein Finanzminister beim zweiten Anlauf die Stimmen widerspenstiger Volksvertreter kauften, Passagen über CO2-Abgaben und den Emissionshandel.

Noch immer glauben viele Zeitgenossen, Investitionen in heiße Luft seien seriöser als unvorsichtige Immobilien-Kredite. Sie glauben auch, dass „Klimaschutz“ billiger kommt als die Anpassung an den Klimawandel durch Wettbewerb. Anders kann man sich das Ansehen, das Sir Nicholas Stern, der Autor des „Stern-Reports“, noch immer genießt, kaum erklären. Dabei dürfte die uns nun bevorstehende mehrjährige wirtschaftliche Rezession zeigen, dass das EU-Ziel einer 20-prozentigen Verminderung der CO2-Emissionen bis zum Jahre 2020 durch die Stilllegung ganzer Industrien billiger zu erreichen ist als über den Emissionshandel. Es dürfte auch klar werden, dass Versprechen, die nichts wert sind (wie die jetzt den verunsicherten Sparern von Angela Merkel als Beruhigungspille angebotene staatliche Sicherung ihrer Einlagen), dennoch etwas kosten – und zwar höchstwahrscheinlich viel mehr als Paulsons „Bailout“-Paket.

Denn der von Merkel eingeschlagene populistische Weg des nationalen Alleingangs nach dem Motto „Rette sich, wer kann!“ markiert den Einstieg in die Renationalisierung der Währungs- und Wirtschaftspolitik, die zu einem Auseinanderfallen der Euro-Zone führen muss. (Auch diese Perspektive wird in meinem Szenario schon vorweggenommen.) Am Ende dieses Weges könnte die Aufgabe der freien Konvertierbarkeit der Währungen stehen. Zwar käme es dadurch nicht zu einem generellen Rückfall in den Tauschhandel. Aber die Feinde der freien Marktwirtschaft gewännen wieder eindeutig die Oberhand und das Geld bekäme wieder eine Funktion, die stark an die der Ost- gegenüber der Westmark vor 1990 erinnern würde. Das Ergebnis könnte nur eine allgemeine Verarmung sein.

Am Schluss noch eine Anmerkung zu meinem letzten Beitrag hier: Einige Leser haben mir vorgeworfen, die von mir zitierte These der „Roller-Coaster-Ökonomie“ von Henri Lepage verharmlose das aktuelle Desaster. Mein Freund Henri kennt als strikter Hayekianer selbstverständlich die Katastrophenwarnung seines Mentors und hat in einem späteren Beitrag darauf hingewiesen, diese Katastrophe sei vor allem deshalb nicht eingetreten, weil Hayek nicht voraussehen konnte, dass einmal Lichtgestalten wie Margaret Thatcher und Ronald Reagan auftreten würden. Es kann sein, dass Sarah Palin zu spät kommt, um sich dieses Kostüm noch anziehen zu können. Aber ich erwarte derzeit nicht, dass sich die vor uns stehende Krise zu einer der Weltwirtschaftskrise von 1929/1930 vergleichbaren Depression entwickeln wird. Auch das ist eine Frage des Maßstabs. Ich schließe mich da eher dem an, was der Chicagoer Nobelpreisträger Gary S. Becker im „Wall Street Journal“ schrieb, wobei mir bewusst ist, dass es jetzt im Krisenmanagement Führungsqualitäten bedarf, die unserer Bundeskanzlerin offenbar abgehen.

Internet

Le balancier de l’Histoire

Financial Crisis: So much for tirades against American greed

„Die Deutschen sind schuld!“

We're Not Headed for a Depression

08. Oktober 2008

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