Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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68er: Geldpolitik und Kulturrevolution

von Gérard Bökenkamp

Inflationblasen betreffen nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Mentalität

Marx sagte bekanntlicherweise: Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Er unterschied zwischen Basis und Überbau. Unter Basis verstand er die ökonomischen Faktoren, besonders die Klassenzugehörigkeit, unter Überbau die Kultur und das Reich der Ideen. Dass dieser Überbau allein durch die Basis bestimmt wird, ist eine sehr mechanische Sichtweise und wird so kaum noch vertreten. Dass die Welt allein durch Ideen bestimmt wird, lässt sich genauso wenig aufrecht erhalten. Die Kultur wird hingegen durch ein komplexes Wirkungsgefüge aus materiellen und geistigen Faktoren bestimmt. Daher ist es mitunter sehr erkenntnisfördernd, wenn man die Nachrichten aus dem Feuilleton der Zeitung mit denen aus dem Wirtschaftsteil miteinander in Beziehung setzt.

In diesem Jahr ist viel über die Achtundsechziger berichtet worden. Es wurde über die Ursachen und die Folgen der linken Studentenbewegung diskutiert. Dies geschah manchmal kritisch, in der überwiegenden Zahl der Fälle jedoch apologetisch. Das ist nicht erstaunlich, beurteilen doch viele Kommentatoren ihre eigene politische Vergangenheit.

Derzeit beherrscht die Finanzkrise in den USA die Nachrichten. Auch in  diesem Fall wird über Ursachen und Folgen diskutiert. Die informierteren Kommentatoren stellen den Zusammenhang zwischen der Geldpolitik der US-Zentralbank, ihrer Niedrigzinspolitik, und der Blase im Immobiliensektor her. Dieser Zusammenhang zwischen Inflation, Boom und Depression ist von der Österreichischen Schule erschöpfend beschrieben worden.

Noch nicht erschöpfend beschrieben worden ist der Zusammenhang zwischen der „Politik des leichten Geldes“ und der materialistischen und hedonistischen Revolution der 60er und 70er Jahre, die im Allgemeinen den Achtundsechzigern zugeschrieben wird. Sucht man nach Zusammenhängen zwischen beiden Phänomen, so kann man zu dem Ergebnis kommen, dass zwischen beiden ein Verhältnis von Ursache und Wirkung besteht.

Der spätere Bundesbankpräsident Otmar Emminger erkannte früh die Wirkungen der permanenten Geldentwertung und der damit einhergehenden Überhitzung der Wirtschaft auf die Mentatlität einer ganzen Generation. Im Dezember 1959 legte Emminger seinem damaligen Vorgesetzten, dem Bundesbankpräsidenten Karl Blessing, ein vertrauliches Memorandum vor. Darin war zu lesen: „Eine weitere Fortdauer der Übernachfrage in der Wirtschaft, der Anspannung auf dem Arbeitsmarkt und des auf schleichende Inflation eingestellten Preisklimas wird je länger, je unerträglicher. Sie bedroht uns nicht nur mit der Gefahr übermäßiger Lohnerhöhungen und der Ingangsetzung einer Lohn-Preis-Spirale. Weitaus gefährlicher könnten die Dauerschäden sein, die sich aus der Fortdauer des gegenwärtigen Zustandes für die Arbeits-Moral (vor allem der heranwachsenden Generation), für das Vertrauen in die Geldstabilität und für die Spar-Moral ergeben.“

Emminger beschrieb in seinen Erinnerungen wie sehr ihn die Auswirkungen der Inflation beunruhigt hatten. „Ich sah überall um mich herum, nicht zuletzt auch in den Freundeskreisen meiner heranwachsenden Söhne, wie das überhitzte Klima auf dem Arbeitsmarkt das Denken insbesondere der jüngeren Generation veränderte und wie sich ein früher unbekanntes Anspruchsdenken breitmachte.“ Emminger war offensichtlich ein scharfer Beobachter. Dieses Anspruchsdenken war der Boden, auf dem so etwas wie die Achtundsechziger überhaupt erst entstehen konnten.

In seinem Buch „Die Ethik der Geldproduktion“ hat Jörg Guido Hülsmann ebenfalls auf die kulturellen Auswirkungen der Inflation hingewiesen. Er führt das Umsichgreifen materialistischer Einstellungen auf die permanente Geldentwertung zurück. Er schreibt: „Die spirituelle Dimension dieser durch Inflation induzierter Verhaltensweisen erscheint offensichtlich. Im Leben der Menschen spielen Geld und finanzielle Fragen eine zunehmend große Rolle. Inflation macht eine Gesellschaft materialistisch. Immer mehr Menschen streben auf Kosten ihres persönlichen Glücks nach Geldeinkünften. Durch Inflation induzierte geographische Mobilität schwächt auf künstliche Weise Familienbande und patriotische Loyalität.“

Neben der Erosion der Arbeitsmoral, dem um sich greifenden Anspruchsdenken und der Ausbreitung einer materialistischen Lebenseinstellung geht mit dem Boom noch eine weitere Mentalitätsveränderung einher: Ein massiver Realitätsverlust. Da Inflation und Staatsverschuldung Werte scheinbar aus dem Nichts erschaffen, geht auf die Dauer das Gefühl für das Mögliche und die Proportionen verloren. Der Wohlstand kann noch so schnell wachsen, es kann noch soviel Geld für Soziales und Armutsbekämpfung ausgegeben, noch soviel Geld umverteilt werden, letztlich ist es nie genug und am Ende "die Gesellschaft“  für jedes Leiden in der Welt verantwortlich.  So entsteht die Hypermoral und der politische Radikalismus, die für die Generation von Achtundsechzig kennzeichnend waren.

Ludwig von Mises erklärte, dass Boom und Depression sich in genau umgekehrter Weise verhalten, als sie in der Regel von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden.  Die meisten Menschen nehmen den Boom als angenehme Normalität hin und die Depression als katastrophale Ausnahmesituation wahr. Von Mises zeigte, dass es sich genau umgekehrt verhält: Der Boom ist die Krankheit, in der die Regeln des Marktes außer Kraft gesetzt werden, die Depression ist die Heilung, mit der die normalen ökonomischen Verhältnisse wieder hergestellt werden. Möglicherweise gilt das ja nicht nur für die Wirtschaft, sondern auch für die Kultur.

17. Oktober 2008

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