24. Oktober 2008

Fin de Siècle Der Klang des Untergangs

Dekadenz und Todessehnsucht in der zeitgenössischen Musik

„Diese Zeit ist geprägt von einem Schwanken zwischen Aufbruchsstimmung, Zukunftseuphorie, diffuser Zukunftsangst und Regression, Endzeitstimmung, Lebensüberdruss, Weltschmerz, Faszination von Tod und Vergänglichkeit, Leichtlebigkeit, Frivolität und Dekadenz. Das heißt, dass eine allgemeine Krise das Bewusstsein der gesellschaftlich maßgeblichen Schichten ergriffen hat, weil die Grundwerte des sozialen Lebens als gefährdet erscheinen. In einer überall zu beobachtenden politischen Überreaktion der europäischen Führungsschichten auf die Krisenerscheinungen vollzieht sich eine kontinuierliche militärische Aufrüstung. Für Intellektuelle, Künstler und Literaten wird ein Gefühl von Ohnmacht charakteristisch, weil sie sich angesichts einer einerseits vom Marktgesetz und anonymen Massen beherrschten Großstadtgesellschaft und andererseits von einer zunehmend von Naturwissenschaften und Technik gezeichneten Welt abgestoßen fühlen. Sie fliehen in ästhetische Gegenwelten und schaffen neue Kulturfiguren, die das Gegenteil zu den verachteten Kleinbürgern und Spießern darstellen.“

Was wie eine etwas zu oberflächlich geratene Analyse der Gegenwart anmutet, ist eine leicht gekürzte Wikipedia-Beschreibung des „Fin de Siècle“, also jenes Zeitalters zwischen 1896 und 1914, in dem die Menschen zwar die Früchte einer lang anhaltenden weltweiten kapitalistischen Wachstumsphase sowie der damit zusammenhängenden bahnbrechenden technischen Neuerungen ernteten, in der aber auch durch eine kontinuierlich gesteigerte Staatsaktivität der Weg für die kommende dreißigjährige Katastrophe aus Weltkriegen und Weltwirtschaftskrise gepflastert wurde. In der Kunst widerspiegelte sich vor hundert Jahren Jahren diese depressive Untergangsstimmung hauptsächlich in der europäischen Décadence-Literatur, vor allem in Lyrik und Kurzgeschichten, wobei unter anderen Huysmans, Maeterlinck, d’Annunzio, Tschechow, im breiteren Sinne aber auch Schriftsteller wie Thomas Mann zu nennen sind.

Hundert Jahre später ist weniger die Literatur als vielmehr die Musik ein Spiegelbild des zeitgeistlichen Befindens. Und in der zeitgenössischen Musik finden sich Motive wie „Depression“, "Todessehnsucht“, „Endzeitstimmung“, „Lebensüberdruss“ und „Weltschmerz“ zuhauf wieder, nicht nur im Untergrund, sondern auch im Mainstream, wenn man etwa die melancholisch-depressive Stimmung von arrivierten Pop-Gruppen wie „The Cure“, „Placebo“, „HIM“ oder auch „Rammstein“ betrachtet, ferner den großen Erfolg des Gothic-Rocks mit Gruppen wie „Silke Bischof“, „Lacrimosa“ oder „Shock Therapy“, vor allem aber auch der zahllosen Gewalt und Zerstörung besingenden Heavy-Metal-Bands berücksichtigt. War die Thematisierung von Tod, Satanismus und Destruktion für die erste Garde der Heavy-Metal-Bands wie „Judas Priest“, „Black Sabbath“ oder „Iron Maiden“ noch eine auf Provokation abzielende Spielerei, ist es bei der zweiten Generation der Metal-Bands wie „Venom“, „Slayer“, “Kreator“ oder „Morbid Angel“ schon nicht mehr ganz so einfach, davon auszugehen, dass „die nur spielen wollen“. Den endgültigen Schritt hin zu aufrichtig empfundener Satansliebe und Todesdrang machten dann Anfang der Neunziger Jahren die norwegischen Bands „Burzum“ und „Mayhem“, die Begründer des „Black Metal“.

Burzum-Solist Varg Vikernes schickte zunächst einmal dem sich "Dead" nennenden und manisch depressiven Sänger der Konkurrenz-Band „Mayhem“ einen postalischen Gruß in Form von ein paar Revolverkugeln, die „Dead“ dann auch prompt für seinen Selbstmord nutzte. Später – inzwischen hatte der überzeugte Satanist und Heide Varg Vikernes auch ein paar Kirchen abgebrannt – ermordete er eigenhändig den Mayhem-Frontmann Øystein Aarseth und bekam dafür 21 Jahre Haft. Im Gefängnis wandte sich Vikernes der braunen Esoterik des Nationalsozialismus zu, dessen Nekrophilie dem Todes-Fan sehr entgegenkam. Und überhaupt stellten viele durchaus auf Außenwirkung bedachte Schwarzmetaller fest, dass es kein wirksameres Instrument der Provokation gab, als sich wie Nazis zu gerieren. Neben den Black-Metal-Leuten sollten sogenannte Schock-Rocker wie „Alice Cooper“, „Kiss“ oder später auch „Marilyn Manson“ und „Slipknot“ wie Waisenknaben aussehen.

Die schlechte Presse, die der ursprüngliche Black Metal verdientermaßen bekommen hatte, löste eine weltweite Welle weiterer Band-Gründungen aus. Während die Mehrzahl der Black Metal Bands unpolitisch ist, stand Vikernes Pate für die Abzweigung „National Socialist Black Metal“ (NSBM), zu deren prominentesten Vertretern die deutsche Gruppe „Absurd“ gehört, deren Sänger Hendrik Möbus im Jahre 1993 im thüringischen Sondershausen seinen Mitschüler Sandro Beyer rituell ermordet und dafür acht Jahre Jugendhaft bekommen hatte.

Als weitere Abart entwickelte sich bald der „Depressive Black Metal“ (DBM), der sich durch konsequent dur-freie minimalistische Melodien und einen verzweifelten Agonie-Schreigesang auszeichnet und deren Vertreter glaubhaft versichern können, dass sie akut selbstmordgefährdet sind. In den letzten fünf Jahren hat der DBM, der zumeist von Ein-Mann-Projekten vertreten wird, einen steilen Aufschwung erfahren, vor allem auch begünstigt durch das Video-Portal Youtube, auf dem sich mittlerweile Hunderte von DBM-Gruppen finden lassen.

In Zeiten einer neuen Weltwirtschaftskrise und weiterer echter oder gefühlter bevorstehender Katastrophen wie Artensterben, Erd- und Gehirnerwärmung, Gen- und Atomtechnik, Islamisierung, Geburtenrückgang, einer Proletarisierung der Sozialstaaten und eines zunehmenden Etatismus fallen Befindlichkeiten und Reaktionen der Jugend recht unterschiedlich aus. Zwar kann man bei einem großen Teil der Jugend als Abgrenzung zur Achtundsechziger-Eltern- und -Großelterngeneration durchaus eine Hinwendung zu mehr Bodenständigkeit und traditionellen Werten feststellen, doch ein nicht unbeträchtlicher Teil der Jugend affirmiert die antizipierte Endzeit auf lustvolle, im zunehmenden Maße aber auch auf selbstzerstörerische Weise. Bei extrovertierten Typen kann sich dieser Selbsthass in zerstörerischen Ideologien wie Rechts- oder Linksfaschismus ausdrücken, bei introvertierteren Jugendlichen dagegen in der Hingabe an eine schaurig-depressive und autoaggressive Subkultur und Parallelwelt.

Vielleicht kann Black Metal ein aufschlussreicher Indikator für die wortwörtliche Dekadenz einer Gesellschaft sein: Wo ein großer Teil der Jugend sich von vitalistischen und lebensbejahenden Kulturen, zu denen man auch den altgedienten Rock’n Roll zählen kann, abwendet und sich lieber musikalisch auf den Tod vorbereitet, werden gesellschaftlicher Niedergang und eine unzureichende Reproduktion auf dem Fuß folgen. So gesehen sieht es in ganz Europa düster aus. Hochburgen des Depressive Black Metal sind die skandinavischen Länder sowie Deutschland, Polen und andere osteuropäische Länder. Aber auch in anderen Weltgegenden wie der Türkei, Mexiko und China verdunkelt sich die Stimmung. Die bekannteste chinesische DBM-Band „Be persecuted“ etwa lässt in puncto Schwermut nichts zu wünschen übrig. Und selbst in Afghanistan hat sich ein junger Mann von der weltweiten Depri-Welle anstecken lassen und drückt mit „Taarma“ seine kompromisslose Traurigkeit aus.

In Zeiten, in denen der Dax unter 4000 Punkte zu fallen droht, eine Mehrheit der Menschen in den Industrieländern den Kapitalismus für gescheitert hält und sich wieder nach dem etatistischen Sozialfaschismus sehnt, stellt der Depressive Black Metal tatsächlich die passende Musik zum gegenwärtigen Fin de Siècle dar, in der die Menschen auf den Untergang nicht nur warten, sondern ihn auch herbeiwählen. Wir wollen nur hoffen, dass es nicht wieder dreißig Jahre braucht, bis es wieder politisch, wirtschaftlich und musikalisch einen Lichtblick gibt.

 

Depressive Musik auf Youtube:

Black Metal:
Xasthur: Dreams Blacker Than Death (Depressive Black Metal)
Coldworld: Suicide (DBM) 
Taarma (afghanischer DBM): Beneath the Winter Moon
Be Persecuted (chinesischer DBM): Painful Assemble
Sterbend (DBM): Depressing Paths through Fullmoon Forests
Halgadom (Pagan Metal und Neofolk): Totenschiff
Absurd (NS Black Metal): Des Wotans Schwarzer Haufen
Dokumentation über Varg Vikernes

Andere niederschmetternde Lieder:
Placebo: Song to Say Goodbye
Rammstein: Stirb nicht vor mir
The Cure: Siamese Twins (1983)
The Normal: Warm Leatherette
Ahmad Zahir: Shab-e Khuban
Fayruz: Habbaytak bis-sayf
Héroes del Silencio: Hace tiempo
The Klinik: Decay
Lacrimosa: Alleine zu zweit
Silke Bischof: Hold me
Joy Division: 24 hoursWolfsheim: I find you’re gone
Radiohead: Everything in it's right place
Sigur Ros: Hljomalind


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Naomi Braun-Ferenczi

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