29. Oktober 2008

Epilog Am Ende siegt die Wahrheit

In jeder Krise liegen auch Chancen

Wir sind Zeitzeugen einer sich entfaltenden Tragödie gigantischen Ausmaßes. Gefangen in einem Denken, dass der Staat immer eingreifen muss, wenn der Markt nicht die Ergebnisse bringt, die von ihm erwartet werden, stapft die Finanzwelt, angeführt von den USA, immer tiefer in einen tückischen Sumpf hinein. Der geschichtlichen Erfahrung zum Trotz darauf vertrauend, dass ein Staat schon nicht pleite gehen kann, werden Schulden über Schulden angehäuft, unfähige, aber mit guten Beziehungen ausgestattete Unternehmen und Banken gerettet, faule Kredite und undurchsichtige Zertifikate aufgekauft. Der „Tag der Abrechnung“, der unweigerlich kommen muss, wird dadurch nur noch hinausgezögert und verschlimmert. In der Zwischenzeit degradieren sich die Regierungen, und damit zwangsläufig ihre Steuerzahler, zu Wasserträgern der Banken. Wir sind schon längst über den Punkt hinaus, wo die Regierungen die Geister, die sie mit der systematischen, über Jahrhunderte betriebenen Ausrottung des Marktes im Geldwesen hervorriefen, nicht mehr loswerden können. Diese Geister sind nun nicht mehr lediglich ungehorsam, sie sind nun die neuen Herren, und sie kommen sogar ohne das Feigenblatt einer demokratischen Kontrolle aus. Die neue Weltmacht heißt Vereinigte Banken von Goldman Sachs.

Die Österreichische Schule der Ökonomie und alle, die ihr zuhörten, haben es lange kommen sehen. Sowohl das Platzen der aktuellen Blase als auch die Reaktionen der Politik, deren Endziel – ob bewusst oder unbewusst, ist dabei einerlei – die totale Kontrolle über den Markt ist. Eine brauchbare Definition des Faschismus übrigens. Das Dumme ist nur: Der Markt lässt sich nicht kontrollieren.

Entweder es gelingt ihm, die Kontrollen zu umgehen, oder er stirbt. Weil der Kontrolleur diese letzte Möglichkeit schlicht nicht in Betracht zieht, ignoriert er die entsprechenden Signale. Mehr noch, er manipuliert die Indikatoren, um ja nicht sehen zu müssen, welchen Schaden seine falschen Rezepte anrichten. Michael Kastner hat diesen Prozess in einem Artikel für die Website achgut.de anschaulich dargestellt, wo er den Markt mit einem menschlichen Körper eines Patienten vergleicht, wobei der Zins eine Art „Herzfrequenzmesser der Wirtschaft“ ist. „Indem nun die Zentralbanken den Zins und die Geldmenge festlegen, versuchen sie, den Herzschlag des Körpers mit Hilfe der Einstellungen am Herzfrequenzmesser zu steuern“, erklärt Kastner. „So absurd es klingt, so absurd ist es auch. Die Geschichte der letzten einhundert Jahre ist auch eine Geschichte der eskalierenden Wirtschaftskrisen. Es ist die Geschichte von Patienten, deren Herzfrequenz nicht mehr gemessen, sondern nur noch vorgegeben wird.“ In diesem Szenario ist die Regierung ein Arzt, der angesichts der angeblich niedrigen Herzfrequenz den Patienten zu mehr Bewegung auffordert, ihm fünf Kannen Kaffee am Tag verordnet sowie Blutverdünnungsmittel verabreicht. Mit anderen Worten, die Wirtschaft soll mehr Kredite aufnehmen, schneller neue Maschinen kaufen. Und wenn das nicht hilft, wird mit staatlicher Kreditaufnahme nachgeholfen.

Übertragen auf dieses Szenario sind Anhänger der Österreichischen Schule vergleichbar mit einem Medizinstudenten im ersten Semester, der die Kurpfuscherei durchschaut. Doch jedes Mal, wenn er im Behandlungszimmer dazu anhebt, seine abweichende Meinung kundzutun, wird er von den umstehenden Ärzten und Medizintechnikern, manchmal auch vom Chefarzt selbst, dem Halbgott in Weiß persönlich, barsch zum Schweigen aufgefordert. Dagegen bekam der Schleimer aus der ersten Reihe, Paul Krugman genannt, im Oktober einen Orden (Wirtschaftsnobelpreis) und darf die „Behandlung“ des Patienten weiterhin wohlwollend kommentieren.

Wie soll man bei solchem Szenario optimistisch bleiben? Zwar gibt es derzeit nicht viele Gründe dafür, aber es gibt sie, und man sollte sich ihrer bewusst sein, um die nächste Zeit ohne Depressionen – psychologisch gesprochen, nicht ökonomisch – zu überstehen. Am 29. September bekam der „Medizinstudent“ erstmals weltweit öffentliches Gehör: Zahllose wütende US-Bürger hatten zuvor ihre Abgeordneten des Repräsentantenhauses so lange mit Emails und Anrufen mit der Aufforderung bombardiert, ja nicht dem Rettungsprogramm zuzustimmen, dass am Ende eine Mehrheit den Paulson-Plan im ersten Anlauf ablehnte – zum allgemeinen Schrecken des Establishments in Politik, Wirtschaft und Medien. Ohne die Präsidentschaftskandidatur des libertären Republikaners Ron Paul und ohne die in ihrer Folge spontan entstandene Freiheitsbewegung wäre der Sturm der Entrüstung ganz sicher nicht so wirksam gewesen. Auch wenn, wie vorauszusehen war, das Programm, aufgestockt mit etlichen Milliarden politischer Bestechungsgelder, eine Woche später doch noch eine Mehrheit bekam: Die Welt hat aufgehorcht. Mancher hat dann nachgeforscht – und eine ganz neue, einleuchtende Sichtweise entdeckt. Bei „Google Trends“ kann man nachsehen, wie oft der Begriff „austrian economics“ gesucht wurde. Im letzten Quartal 2007, auf dem ersten Höhepunkt der „Ron Paul Revolution“, erreichte der Suchbegriff erstmals registrierfähige Werte, flaute aber nach Beendigung seiner Präsidentschaftskandidatur merklich ab. Am 29. September jedoch schnellte der Begriff in zuvor unerreichte Höhen.

Schon denkt mancher über die Wiedereinführung einer realwertgedeckten Währung nach, etwa eines neuen Goldstandards. Russland wäre dafür prädestiniert, meint John Laughland. In einem Artikel der russischen staatlichen Nachrichtenagentur RIA Novosti argumentiert der britische freie Journalist, der riesige Rohstoffexporteur und Goldproduzent habe von einem Goldstandard weniger zu befürchten als andere Länder. Ob die Russen in absehbarer Zeit auf Laughland hören werden, ist noch völlig offen. Auffällig ist aber, dass überall plötzlich wieder von „G7“-Treffen die Rede ist und nicht mehr von „G8“. Das schuldenfreie Russland, das sich in letzter Zeit den Expansionsbestrebungen des verschuldeten Westens im eigenen Vorhof renitent widersetzt, wird aus der Suche nach globalen Lösungen für die Krise ausgeschlossen. Nicht ausgeschlossen also, dass es in der nicht allzu fernen Zukunft einen monetären Alleingang wagt.

Auch im Westen hat der Mainstream Notiz von der zunehmenden Popularität der „Austrians“ genommen, wenn auch ebenfalls nur vereinzelt. Schon am 24. September druckte die „Süddeutsche Zeitung“ einen Kommentar mit dem vielsagenden Titel: „Schafft die Zentralbanken ab!“ Die Autorin, Simone Boehringer, beschreibt darin sehr präzise die Folgen des „Moral Hazard“, der durch praktisch unbeschränkte Garantien seitens der Notenbanken entsteht. „Mit dem Verlassen des Goldstandards fingen die Probleme an“, betitelte am 14. Oktober der britische „Independent“ einen Artikel von Dominic Lawson, der die Gelegenheit wahrnahm, insbesondere das Werk und die Gedanken des großen Ökonomen Ludwig von Mises vorzustellen. Am gleichen Tag jedoch hatte der CDU-Politiker Friedrich Merz bei der Vorstellung seines Buches „Mehr Kapitalismus wagen“ nichts Eiligeres zu tun, als die neokeynesianischen und somit protofaschistischen Finanzrettungsprogramme der Bundesregierung zu loben. Eine Krise wie diese dient eben auch dazu, neue Freunde der Freiheit von alten Scheinfreunden, Weizen von Spreu zu trennen. Merz hat sich nun eindeutig ins Lager der Spreu begeben.

In dieser Ausgabe von eigentümlich frei dagegen haben Sie, in geballter Form, die deutschsprachige Avantgarde klarsichtiger Beobachter der Wirtschaft vorgefunden. Echten Schrot und Korn. Der Goldstandard des Wirtschaftswissens sozusagen. Unsere Autoren haben die gegenwärtige Krise nicht nur vorhersehen und erklären können, sie präsentieren darüber hinaus die einzig gangbaren Auswege aus dem Desaster. In den frühen 1920er Jahren prognostizierte Ludwig von Mises, dass der Sozialismus scheitern und die Sowjetunion in einem Chaos untergehen werde. Man hat ihn dafür ausgelacht. Er sah voraus und warnte, dass die Politik der westlichen Regierungen und Zentralbanken zu einer Weltwirtschaftskrise führen werde. Er wurde ignoriert. Nicht erst heute prognostizieren seine geistigen Nachfolger, dass der jetzige „Als-ob-Kapitalismus“ nicht ewig halten kann. Man versucht weiterhin, sie zu ignorieren und totzuschweigen, aber im Internetzeitalter gelingt das nicht mehr in dem Maße wie vor knapp hundert Jahren. Daher nimmt die Zahl ihrer Anhänger ständig zu. Besonders in Krisenzeiten. Das ist zwar noch kein Grund, so ausgelassen zu feiern wie die Angestellten der soeben mit unseren Steuergeldern „geretteten“ Banken. Aber doch ein Grund, frohen Mutes zu sein, und sich an das Lebensmotto von Mises’, einen Spruch von Vergil, zu erinnern: „Tu ne cede malis sed contra audentior ito“ – „Weiche nicht dem Bösen, sondern tritt ihm kühner entgegen!“

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Dieser Artikel erschien zuerst in eigentümlich frei Nr. 87.


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