30. Oktober 2008

Weltwirtschaftskrise 2.0 Der schnelle Weg zur Knechtschaft

George Reisman analysiert die verhängnisvolle Rolle der Meinungsmacher

George Reisman, emeritierter Wirtschaftsprofessor der Pepperdine University, registriert mit großer Sorge, dass die aktuelle Wirtschaftskrise von der Mainstream-Presse in den USA und weltweit dem Kapitalismus in die Schuhe geschoben, während die verheerende Rolle des Staates völlig ausgeblendet wird. In seinem Online-Tagebuch zeichnet er ein düsteres Szenario, in dem die Staaten der Welt mit zunehmender Geschwindigkeit immer mehr Macht an sich reißen und immer totalitärere Züge annehmen werden.

Laut Reisman basteln Politiker und Medien gerade einhellig und eifrig an einem Geschichtsmythos, wonach nämlich die gegenwärtige Finanzkrise das Resultat von wirtschaftlicher Freiheit und von Laissez-Faire Kapitalismus sei. Reisman zitiert unter anderem auch Peer Steinbrück, der kürzlich die gefährliche amerikanische „Ideologie des Laissez-Faire-und der Selbstregulierung“ angeprangert hat. Das gegenwärtige System als Laissez-Faire-Kapitalismus zu beschreiben sei jedoch genau so absurd wie wenn man die Politik Breschnews als Laissez-Faire bezeichnet hätte, als Bauern nebenbei ein kleines Stück Land frei bebauen und die Erzeugnisse auf dem Markt verkaufen durften.

Ein richtiger Laissez-Faire-Kapitalismus dagegen sei „ein politisch-ökonomisches System, das auf Privateigentum an den Produktionsmitteln basiert, und in dem staatliche Macht sich darauf beschränkt, die einzelnen Individuen vor der Erstanwendung von Gewalt zu schützen.“ Die Politik der Vereinigten Staaten sei jedoch das Gegenteil von Laissez-Faire, was sich anhand vieler Fakten leicht belegen lasse:

Die Staatsausgaben der USA machen mehr als vierzig Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus, und dabei sind noch nicht mal nicht im Haushalt vorgesehene Ausgaben wie für Fannie Mae und Freddie Mac sowie die Rettungspakete für marode Banken enthalten. Die US-Regierung leistet sich fünfzehn Ministerien, von denen neun dazu da sind, sich in grundlegende Dinge wie Wohnung, Verkehr, Gesundheit, Bildung, Energie, Bergbau, Landschaft, Arbeit und Handel einzumischen und welche die wirtschaftliche Freiheit jedes Einzelnen grundlegend beeinträchtigen. Bei einem Laissez-Faire-Minimalstaat, so Reisman, brauche es allenfalls Ministerien für Justiz, Verteidigung, Inland und Finanzen. Ferner gibt es in den USA über hundert Bundesagenturen und -kommissionen, die sich zusätzlich in das wirtschaftliche Geschehen einklinken. Sage und schreibe 73.000 Seiten umfasste Ende 2007 das amerikanische Bundesgesetzblatt „Federal Register“, 10000 Seiten mehr als noch 1978.

Das gegenwärtige US-System ähnele daher viel eher einem Polizeistaat als einem Laissez-Faire-Kapitalismus. Und genau dieser massive Etatismus, vor allem die finanzielle Planwirtschaft der Notenbank, sei auch ursächlich für die aktuelle Krise. Die Notenbank und andere Teile der Regierung verfolgten als Allheilmittel eine Politik der Geld- und Kreditschöpfung und ermutigten auf diese Weise auch private Banken dazu, die Realität zu ignorieren und zu glauben, man könne Geld gleichzeitig ausleihen und behalten. Diese Luftbuchungen und unverantwortlichen Kreditvergaben an Banken wie Häuslebauer hätten sich immer mehr von der realen Wirtschaftsleistung des Landes entfernt, verzerrten die Sicht auf die Wirklichkeit und mussten unweigerlich zu einer Katastrophe führen. Die zugrundliegende Ideologie sei der Keynesianismus, wonach der Konsum die Quelle des Wohlstands sei. Nach dieser Vorstellung würden die eigentlich kreditunwürdigen Häuslebauer, die sich von halbstaatlichen Hypothekenfinanziers wie Fannie Mae und Freddie Mac zur Verschuldung angestiftet wurden, automatisch den Wohlstand mehren, in Verkennung der Tatsache, dass nur Leistung, also Produktion und Dienstleistung nachhaltigen Wohlstand schaffe und aus rein gar nichts, und genau das sind faktisch Luftbuchungen und Schulden, auch nichts kommen könne.

Dass dennoch alle Medien und Politiker ins gleiche Horn bliesen und den ungezügelten Kapitalismus verantwortlich für die jetzige Misere machten, liege an deren mangelhafter ökonomischer Bildung. Marxistische und Keynesianische Vorstellungen würden immer noch den akademischen Betrieb dominieren. Dabei betrachteten sich die tonangebenden Ökonomen und Medien zwar nicht als Marxisten, da sie nicht explizit den Sozialismus herbeisehnten. Doch sie teilen, so Reisman, ohne es zu wissen, Marx’ Ansichten über den Laissez-Faire-Kapitalismus und gehen genau wie Marx davon aus, dass ohne staatliche Interventionen das reine Profitstreben und die ungezügelte Gier der Geschäftsleute und Kapitalisten die Löhne gegen Null und die Zahl der Arbeitsstunden in die Höhe treiben würde und dass dann kleine Kinder in Fabriken und Minen arbeiten müssten. Die staatlichen Interventionen würden der vorherrschenden Ansicht nach also nur die Kapitalisten im Zaum halten, während sie den kleinen Leuten zugute kommen würden. Ohne Vater Staat würden die Kapitalisten demnach planlos wie Hühner umherirren. Die Vernunft könne dieser Denkart zufolge also nur vom Staat kommen, nicht aber vom freien Wechselspiel der Interessen, die der Markt darstellt.

In allen maßgeblichen Zeitungen wie „The New York Times“, „The Washington Post“, „Newsweek“, „Time“ sowie in Fernsehsendern wie CBS, NBC, ABC, and CNN finde sich diese Anschauung auf implizite oder explizite Weise. Und nur unter diesen eigentlich marxistischen Vorzeichen könnten die Meinungsmacher sich einen Reim auf die Finanzkrise machen. In ihren Augen sei Laissez-Faire-Kapitalismus und wirtschaftliche Freiheit eine Formel für Ungerechtigkeit und Chaos, während der Staat die Stimme und der Schutzpatron von Gerechtigkeit und Vernunft in wirtschaftlichen Dingen sei.

Die Medien leisten, so Reisman, Schützenhilfe für die Feinde des Kapitalismus und der wirtschaftlichen Freiheit, die ihr Zerstörungswerk noch ungehinderter fortsetzen können. Sie benutzen das Wort "Laissez-Faire" als Kampfbegriff, um die Macht des Staates noch zu vergrößern. Genauso sei in den 30er Jahren die immer interventionistischere Politik von Präsident Hoover als „Laissez-Faire“ beschimpft worden, was den Boden für die noch massiveren Eingriffe des New Deal bereitete.

„Es scheint, dass so lange es noch irgendjemandem gelingt, ohne staatliche Kontrolle zu atmen, Laissez-Faire als Vorwand herhalten muss, um die Notwendigkeit von noch mehr staatlicher Kontrolle zu rechtfertigen“, so Reismans resigniertes Fazit. Es werde nicht mehr lange dauern, und jeder Bürger sei für den Staat zum perfekten Nümmerchen mutiert.

„Dann weiß der Staat, wer man ist, wo man ist, und man kann nichts ohne seine Zustimmung unternehmen. Und dann wird die Welt sicher sein vor all denen, die etwas zu ihrem eigenen Vorteil tun wollen und damit angeblich den anderen schaden. An diesem Punkt wird die Welt endlich jenen Wohlstand genießen können, der sich aus einem totalen Stillstand ergibt.“

Internet:

George Reisman: The Myth that Laissez Faire Is Responsible for Our Financial Crisis

Website von George Reisman


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