Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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Bildungspolitik: Begabung und Leistung sind nicht planbar

von Gérard Bökenkamp

Merkels Gipfel endete für sie in einem politischen Desaster, schon die Idee war falsch

Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte einen Bildungsgipfel einberufen. Es sollte ihr ganz großer Auftritt werden. Aber die Ministerpräsidenten ließen sie auflaufen. Ihre Botschaft war klar: Bildung ist Ländersache und die Finanzen sind knapp. Der "Spiegel" schrieb: “Statt zum politischen Erfolg wurde das Treffen für Merkel so zur Stunde der Demütigung.” Merkel hatte sich das Feld Bildung ausgesucht, um sich zu profilieren, weil die Bildungspolitik inzwischen als Allheilmittel angesehen wird. Was die Sozialpolitik offensichtlich nicht leisten kann, soll die Bildungspolitik leisten. Sie soll soziale Unterschiede einebnen, die Integration gewährleisten und die Probleme auf dem Arbeitsmarkt lösen. Das Zauberwort heißt: Chancengerechtigkeit.

Bildung ist ein großes Ideal mit einer erhabenen Tradition. In Deutschland stehen für dieses Ideal so bedeutende Namen wie Humboldt und Pestalozzi. Kein Wunder, dass sich jedes politisches Lager mit der Vorstellung identifizieren kann, durch Bildungspolitik könne die Gesellschaft von ihren Zukunftssorgen erlöst werden. Deshalb bleibt auch unhinterfragt, in wieweit diese Verheißung sich überhaupt erfüllen kann. Statt dessen wird ein politischer Kampf um die finanziellen Mittel zur Finanzierung der “Bildungsoffensiven” und natürlich über den ideologischen Klassiker, das dreigliedrige Schulsystem, geführt. Über die grundsätzliche Möglichkeit, die gesteckten Ziele mit den Mitteln der Bildungspolitik zu erreichen, wird nicht diskutiert. Die Bildungspolitik ist der sozialpolitische Strohhalm, an den sich die Politik, von den Liberalen bis zu den Sozialsten, klammert.

Die Ökonomen Steven D. Levitt und Stephen J Dubner kamen bei ihrer Behandlung der Frage, welche Faktoren den Bildungserfolg von Kindern am stärksten beeinflussen, zu dem Ergebnis, dass es darauf ankommt, wer die Eltern sind. Und weniger darauf, was die Eltern (und Lehrer) tun. Dafür gibt es wohl zwei Gründe, einen genetischen und einen entwicklungspsychologischen. Einerseits sind Begabungen zu einem gewissen Grade genetisch vererbt. Es ist an dieser Stelle gar nicht notwendig, zu der aktuellen Diskussion Stellung zu nehmen, wie groß der Anteil dieser genetisch vererbten Eigenschaften ist. Es genügt darauf hinzuweisen, dass es einen solchen Anteil gibt. Ob dieser Anteil nun klein oder groß ist: Fest steht, dass er sich der sozialen Beeinflussung weitgehend entzieht.

Andererseits entziehen sich auch die nicht ererbten, sondern erlernten Eigenschaften den Einflüssen bewusster Planung. Die Gehirnforschung kommt zu dem Ergebnis, dass Kinder vor allem durch Empathie lernen. Sie fühlen sich in ihre Eltern hinein und kopieren ihre Gefühle und Einstellungen zu bestimmten Lebenslagen. Sie übernehmen nicht nur die Verhaltensweisen, sie übernehmen auch die Gefühle, die mit diesen Verhaltensweisen verbunden sind. Es genügt also nicht, wenn Eltern ihre Kinder dazu ermutigen, hart zu arbeiten; sie selbst müssen auch eine positive Einstellung zur Arbeit besitzen. Sonst verpuffen pädagogische Appelle weitgehend wirkungslos. Positive und negative Gefühle vermitteln sich in der Familie weitgehend unbewusst und entziehen sich der bewussten Beeinflussung durch Pädogogik und Staat. Man kann nicht etwas spielen, das man nicht ist.

Der linke Sozialhistoriker Hans-Ulrich Wehler, der die deutsche Sozialgeschichte der letzten Jahrhunderte auf soziale Ungleichheiten hin untersuchte, zieht eine ernüchternde Bilanz der Bildungsreformen der letzten Jahrzehnte: “Die hohe Selektivität auch des reformierten deutschen Bildungssystems beruht nicht etwa, wie eine antiquierte Kritik lautet, primär auf der traditionellen Dreigliederung. Denn die entscheidenden Größen sind von dem institutionellen Regelwerk ziemlich unabhängig: Das sind Leistungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit. Sie werden ganz und gar vorrangig durch den Sozialisationsprozess und den Einfluss des Familienverbandes vermittelt. Dort werden die Weichen für die Habitusprägung, die Sprachkompetenz, das Begriffsdenken, die Leistungsorientierung gestellt.”

Mit anderen Worten: Die Diskussion über Einheitsschule, Gesamtschule, Gymnasium, Realschule und Hauptschule kann man sich getrost schenken. Wie auch immer man die Schulen zusammenstellt, welches pädagogische Konzept auch immer verwirklicht werden soll, am Ende des Weges wird das Ergebnis nicht so viel anders aussehen als heute. Die Schule kann das Elternhaus nicht simulieren. Und sie kann nicht erziehen. Sie kann es deshalb nicht, weil Werte, mentale Einstellungen und kulturelle Fähigkeiten nicht abstrakt gelernt werden, sondern unbewusst in der Familie übernommen werden.

Es gibt keine Möglichkeit, alle Menschen bei null anfangen zu lassen. Es gibt keine Tabula rasa. Es gibt spektakuläre Fälle, in denen sich jemand vom “Tellerwäscher zum Millionär” hocharbeitet. In den meisten Fällen erfolgt sozialer Aufstieg über mehrere Generationen. Jeder Mensch profitiert von Leistungen, die er selbst nicht erbracht hat, sondern von anderen aus altruistischen Gründen vor ihm, nämlich von den eigenen Eltern und Großeltern, erbracht wurden. Für die soziale Schichtung in einer Gesellschaft sind deshalb demografische Faktoren, also wer wieviele Kinder hat, und die individuelle Lebenshaltung der Eltern, welches Vorbild sie geben können, viel wichtiger als jede "Bildungsoffensive". 

Das heißt natürlich nicht, dass eine gute Schule nicht besser ist als eine schlechte. Es bedeutet nicht, dass man nicht gegen Gewalt und Drogen auf den Schulhöfen vorgehen sollte. Es bedeutet nicht, dass die Bildungseinrichtungen gute Lehrer nicht motivieren und schlechten Lehrern eine andere Betätigung nahelegen sollten. Dies hat aber auch nichts mit der Realisierung gesellschaftspolitischer Utopien, sondern in vielen öffentlichen Schulen mit der Schaffung menschlich erträglicher Verhältnisse zu tun. Solange die Politik nicht einmal das gewährleisten kann, sollte sie von anderen, weitreichenderen Plänen lieber die Finger lassen.

31. Oktober 2008

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