10. November 2008

Obamania Wandel und Fortschritt

Es kommt meistens anders als man denkt

Nachdem ich mit meiner Prognose zu den Präsidentschaftswahlen in den USA so daneben gelegen hatte, schrieb mir ein alter Freund: „Maybe you should change and progress! Die Hoffnung darauf habe ich noch nicht verloren.“ Darüber habe ich dann ein wenig kontempliert und da fiel mir der gute Marc Aurelius ein. Als Marcus Aurelius Kaiser war, fanden in Rom auch große Veränderungen statt. Es gab Hungersnöte, Kriege und Seuchen. Am besorgniserregendsten waren die Barbaren vor den Toren Roms; Marcus Aurelius verbrachte die meiste Zeit seiner Laufbahn mit dem Versuch, sie aufzuhalten. Aber du kannst nicht immer gewinnen. Verluste sind unvermeidlich. Und Verluste sind nicht notwendigerweise eine schlechte Sache: „Verlust ist nichts anderes als Veränderung, und Wandel ist die Freude der Natur“, schrieb er.

Obama hat Wandel versprochen. Dieser Teil ist einfach; die Dinge ändern sich schnell. Das Problem ist, dass sie sich nicht auf die Art verändern, wie er es möchte. Einer meiner amerikanischen Gesprächspartner schrieb mir am 3. November, dass auf seinem Schreibtisch Aufträge über 600 Millionen Dollar liegen, um diese im Falle der Wahl Obamas ins Ausland zu transferieren. Er schätzt, dass unter den genannten Vorraussetzungen bis zum Jahresende mehrere Billionen Dollar aus den USA abgezogen werden. Ob das nun so stimmt oder nicht, seit der Wahl Obamas hat der Dow Jones Index um fast 1.000 Punkte nachgegeben. Auch diese Entwicklung muss nicht unbedingt ausschließlich mit der Wahl Obamas und der Befürchtung zusammenhängen, dass unter ihm die Steuern drastisch erhöht werden. Es kann auch einfach sein, das die Anleger mehr und mehr realisieren, dass die US-Wirtschaft, ob nun mit oder ohne Obama, auf Entzug geht. Erinnern wir uns, die Weltfinanzkrise wurde durch massenhafte Insolvenzen im privaten US Immobiliensektor ausgelöst. Und auf den privaten Sektor folgt nun der gewerbliche: Die kreditfinanzierten Shopping Malls, dort, wo jetzt die ganzen Häuser leer stehen, machen zu. Und danach kommt die Kreditkartenpleite. Von den ca. zehn Kreditkarten, die der durchschnittliche Amerikaner mit sich herumträgt, funktionieren nur noch zwei, dann eine und dann keine mehr. Oder wie es das „Wall Street Journal“ formuliert: „Genügsamkeit hat ein Comeback in den Vereinigten Staaten.“  Die USA gehen auf Konsum-Entzug. „Es ist tot da draußen“, sagt ein Taxifahrer in New York. „Ich weiß nicht, warum ich überhaupt noch zur Arbeit komme. Alle haben Angst, ein Taxi zu benutzen. Die haben Angst, sie könnten dabei bankrott gehen. Du kannst es auf der Straße sehen, wie sie den Arm heben, um ein Taxi anzuhalten und dann noch mal nachdenken. Dann senken sie den Arm und gehen zur nächsten U-Bahn-Station. Wahrscheinlich sparen sie dabei gar nicht so viel Geld, aber es ist etwas Psychologisches. Mit einmal denkt jeder, er muss Geld sparen. Ich kann mich nicht erinnern, so etwas schon mal erlebt zu haben.“ Die Ausgaben des Einen sind die Einnahmen des Anderen. Der Dollar, der dem Taxifahrer fehlt, der fehlt dann dem Tankwart oder dem Kleiderhändler, und so weiter und so fort. So geht eine ganze Wirtschaft auf Entzug. Und nicht vergessen: Am Konsum der USA hängt nicht nur die Wirtschaft der USA; da hängt China, da hängt Deutschland, da hängt eine ganze Welt.

„Verluste passieren“, würde Marcus Aurelius sagen, „schauen wir zu, dass wir es hinter uns bringen!“ Aber genau das werden die Zentralbanken und die Regierungen der Welt nicht sagen. Denn die Veränderungen, die das „Entzücken der Natur“ sind, die sind dem Fortschrittler ein Gräuel. Seine „Veränderungen“ sind immer ausgedacht. Anstelle eines richtig schönen, kalten, drastischen Entzugs, wonach der Patient abgemagert aber gesund dasteht, gibt es weiter die Spritze. Heroin, Methadon oder Fiat Money, es bleibt sich gleich. Die Zentralbanken werden pumpen, dass (und bis) es nur so kracht. Yes we can…

Aber kommen wir zu den wirklichen Problemen. Die entscheidenden Veränderungen auf dieser Welt sind demographischer Natur. Selbst die Wahlen in den USA waren durch einen demographischen Wandel in nur vier Jahren (Zuwachs der Latinos) beeinflusst. Es gibt hier sehr unterschiedliche Prognosen, bei denen aber auch immer die Entwicklung der USA eine entscheidende Rolle spielt. Ein Demographie-Forscher wie Gunnar Heinsohn zum Beispiel sieht eine Abwanderung der Begabten dieser Welt in ein weiter prosperierendes Nordamerika voraus, verbunden mit einem „demographischen Super-Gau“ in Kontinentaleuropa, insbesondere Deutschland. „Super Gau“ bedeutet bei ihm: Überalterung der autochthonen Bevölkerung plus Abwanderung der jungen Qualifizierten plus Zuwanderung von Ungebildeten. Andere sehen eher, dass die angelsächsische Welt sich unter dem Ansturm von nicht assimilationsbereiten Einwanderern in die Richtung von „failed states“ bewegt. Wobei hier als I-Tüpfelchen der zum Scheitern verurteilte Versuch Obamas gesehen wird, die USA in einen Sozialstaat nach europäischen Muster zu verwandeln. Untersuchungen in diese Richtungen führen zu weiteren Fragen: Ist die Tatsache, das sich die ursprüngliche Bevölkerung des westlichen Kulturkreises unter Reproduktionsniveau fortpflanzt, also ausstirbt, eine Folge der Säkularisierung oder eher des allgemeinen Wohlstandes? Ist diese Entwicklung umkehrbar? Welche Rolle spielt die christliche Religion in diesem Kontext? Ist „europäische Kultur“ ein universalistisches Projekt, das im Endeffekt Hautfarbe und Herkunft transzendiert? Haben wir diesen Universalismus eher der Aufklärung oder dem Katholizismus zuzuschreiben? Alle diese und weitere sich aus ihnen wiederum ergebende Fragen führen letztendlich zu einer Kernfrage, die schon von Plato und Aristoteles kontrovers beantwortet wurde: Ist es das Schicksal der Menschheit, von „Philosophenkönigen“ (also einer Elite, die weiß wo es lang geht) in eine ideale Gesellschaft geführt zu werden? Oder ist die Geschichte eine von „trial and error“, also ein teilweise schmerzhafter Prozess von Versuch und Irrtum, um unter verschiedenen Problemlösungsansätzen den am wenigsten bösartigen zu finden? Für die, denen das Credo der Philosophenkönige als reine Selbstüberschätzung erscheint, ist und bleibt der Mensch so wie er ist, ein mit Makeln behaftetes Wesen. Für sie besteht die Kunst des Regierens darin, eine Gesellschaft so zu organisieren, das die Makel der menschlichen Natur (Habgier, Geiz, Selbstsucht, Ignoranz, Rachsucht, um nur einige zu nennen) am wenigsten Schaden anrichten können. Oder wie Dávila sagt: „Jeder, der dem Menschen nicht traut, erweist sich im Grunde als Christ.“ Auf der anderen Seite jene, die an Philosophenkönige glauben: Für sie ist die falsche Organisation der Gesellschaft durch unwissende Nichtphilosophenkönige der Grund dafür, dass der Mensch noch nicht in seiner wahren und ursprünglichen Natur als Engel erscheint. Jene haben am 4. November Obama gewählt.

Wie immer werden ihre Hoffnungen auf „Change and Progress“ in bodenloser Enttäuschung enden. Wie immer wird die Schuld dafür, dass es mal wieder nicht zur „perfekten Welle“ gereicht hat, zuerst den „reaktionären Elementen“ zugeschoben, die mit ihrer Ignoranz alle Anstrengungen boykottiert haben, und danach den falschen Führern, die doch nicht die wahren Philosophenkönige waren, sondern Hochstapler und Verräter. Aber da der Mensch voller Hoffnungen und dabei sehr vergesslich ist, betreten bald wieder neue Philosophenkönige die Bühne, die dann endlich wirklich genau wissen, wo es lang geht…

„Nach jeder Revolution lehrt der Revolutionär, dass die wirkliche Revolution die von morgen sein wird. Der Revolutionär erklärt, dass ein Elender die Revolution von gestern verraten hat“, schrieb Dávila hierzu. In diesem Sinne: Mein zukünftiges Beileid, Mr. Obama!


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