15. November 2008

Beschulung Lehrer und leistungsgerechte Bezahlung

Nicht für die Schüler lehren wir, sondern fürs Ministerium

Anfang der Woche hat die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft auf einer Pressekonferenz eine neue Studie zur Lehrerbesoldung vorgestellt. Die Studie der Herren Klein und Stettes vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW) erhebt den Anspruch, ein leistungsgerechtes Vergütungssystem entworfen zu haben. Ausgangspunkt der Studie ist die Feststellung, dass die bloße Erhöhung der Bildungsausgaben nicht für bessere Leistungen des Systems sorgt. Der Ländervergleich zeigt, dass deutsche Lehrer im internationalen Vergleich mit den Lehrern anderer Länder in der Spitzengruppe liegen. Setzt man das Einkommen der Lehrer in Relation zum Bruttoinlandsprodukt, so schneiden deutsche Lehrer noch besser ab. Gleiches gilt in Bezug auf die Bezahlung pro Unterrichtsstunde. Die deutschen PISA-Erfolge belegen, dass eine Spitzenlehrerbezahlung keine Spitzenschülerleistungen bewirkt. Die Autoren sehen eine Ursache dafür in der Lehrerbesoldung, die wegen ihrer Attraktivität u.a. auch solche Personen für den Lehrerberuf interessiere, die nicht zum Lehrer geeignet seien. Die Autoren berichten, dass sich selbst die Lehrer eine leistungsgerechtere Bezahlung wünschen.

Die Autoren wollen den Missständen beikommen, indem sie die Implementierung eines ausgefeilten Zulagen- und Prämiensystems befürworten. Zulagen sollen Lehrer erhalten, die Mangelfächer unterrichten, die Fächer mit besonderem Korrekturaufwand unterrichten, die an einem unbeliebten Ort und/oder Schulen mit nachteilig zusammengesetzter Schülerschaft unterrichten, und solche Lehrer, die besondere Führungsaufgaben übernehmen. Zulagen soll es auch geben für Lehrer, die in der Sekundarstufe II Schüler unterrichten, die im Hinblick auf die spätere Oberstufe unterrichtet werden. Diese Zulagen sollen auf Landesebene festgelegt werden. Ausweislich der Studie soll dies bewirken, dass die Schulen nicht um die besten Lehrkräfte konkurrieren, was bildungspolitischen Zielen entgegenlaufen könne. Besondere Aufmerksamkeit sollte der weiteren auf Landesebene festgelegten Zulage gewidmet werden, mit der Lehrer von solchen Klassen, die an Lernstandserhebungen oder vergleichenden Studien teilnehmen, für ihre besondere Mühe entlohnt werden. Mit dieser fragwürdigen Zulage ist sichergestellt, dass zukünftige PISA-Studien das jeweilige Bundesland in einem besseren Licht erscheinen lassen.

Die Autoren sehen aber auch – trotz ihrer Bedenken gegen den durch die Zulagen entstehenden Wettbewerb um die besten Lehrkräfte – Raum für Zulagen auf Schulebene. So soll die Schulleitung statt des Ministeriums darüber entscheiden dürfen, welche Lehrer für ihre Arbeit in Problemklassen oder andere wünschenswerte Aktivitäten, wie etwa die Übernahme der Klassenleitung oder das Anbieten von Arbeitsgemeinschaften, besonders belohnt werden. Neben den Zulagen sollen die Schulen die Möglichkeit erhalten, durch mit ihren Lehrkräften abzuschließende Zielvereinbarungen einen Leistungswettbewerb der Lehrer untereinander zu entfachen. Darin kommt die Hoffnung der Verfasser der Studie zum Ausdruck, dass nicht engagierte Lehrkräfte finanzielle Nachteile erleiden.

Die Krise des deutschen Schulsystems kann selbst bei vollständiger Umsetzung des Konzepts der Verfasser nicht beseitigt werden. Die eine Hälfte der grundlegenden Problematik benennen sogar die Verfasser, indem sie den mangelnden Willen der Länder identifizieren, einen Wettbewerb der Schulen um Lehrer zuzulassen. Der Wettbewerb um Lehrer ist nur die eine Hälfte dessen, was den deutschen Schulen generell fehlt: Wettbewerb. Dieser beginnt und endet nicht mit dem Wettbewerb um Lehrer. Viel entscheidender ist schon der Wettbewerb um Schüler. Solange man aus falschen Gründen an der Vorstellung festhält, dass gute Schulen sich nicht um gute Schüler bemühen dürfen, wird sich an der grundlegenden Misere nichts ändern. Die normative Vorstellung, bei einem einsetzenden Wettbewerb um die besten Schüler müssten die schwächsten Schüler zwangsläufig als Verlierer dastehen, wird immer verhindern, dass gute Schüler zu besten Schülern werden und dass schlechte Schüler zu guten werden.

Daneben besteht weiterhin die Problematik des Auseinanderfallens von Bezahler und Schüler. Solange ein Schüler nicht selbst zahlt, hat er es nicht in der Hand, die Kontrolle über die vom Lehrer erbrachte Leistung auszuüben. Ersetzt wird die Rolle des Schülers als zahlendem Kunden durch das Ministerium als Mittel zuweisende Behörde. Diese muss erstens die verausgabten Mittel nicht selbst erwirtschaften und hat bereits deshalb wenig Anlass, die Mittel effizient einzusetzen. Zweitens wird die Demokratie des Marktes, in dem Nachfrager und Anbieter in direkter Beziehung zueinander stehen, ersetzt durch das Rangverhältnis zwischen Ministerium und Schule. Statt einer individuellen Leistungsbeziehung entsteht ein Rahmen, in den sich der Schüler, dem Schule letztlich zugute kommen soll(te), einfügen muss. Individuelle Bedürfnisse des Schülers rücken an die letzte Stelle, die Bedürfnisse von Bürokratie und Lehrern nach vorne.

Letztendlich sind die von den Autoren vorgeschlagenen Mittel solche, die in einem anderen Zusammenhang seit mehr als 70 Jahren diskreditiert sind. Auf das von Ludwig von Mises in der Debatte um die Funktionsfähigkeit des Sozialismus vorgebrachte Argument, dass ohne Marktpreise die Bedürfnisse der Menschen nicht befriedigt werden können, reagierten die sozialistischen Ökonomen in den dreißiger Jahren, indem sie die reine Planwirtschaft zugunsten eines Wirtschaftsmodells verwarfen, in dem Preise und Konkurrenz simuliert wurden. Simulierte Preise und simulierte Konkurrenz kommen jedoch dem Original in ihrer Funktion nicht gleich, so dass auch der Sozialismus mit künstlich hergestellter Konkurrenz den gleichen Einwänden wie die Planwirtschaft ausgesetzt ist. Eines solchen Konkurrenzsozialismus bedienen sich die Verfasser der INSM-Studie. Anstatt den Inhalt der Bildung vom Nachfrager, dem Schüler durch dessen Geldleistung bestimmen zu lassen, wird die Zahlung des Schülers durch die eines Dritten simuliert. Der damit notwendig einhergehende Kontrollverlust des eigentlichen Nachfragers manifestiert sich in schlechter Lehrleistung – trotz üppiger Bezahlung. Will man tatsächlich den Schüler wieder in den Mittelpunkt stellen, so wird man nicht umhin kommen, ihm die Verfügungshoheit über die Befriedigung seines Bedürfnisses nach Bildung zurückzugeben. Will man das nicht, so sollte man ehrlich sein und zugeben, dass das Schulsystem nicht die Bedürfnisse des Schülers befriedigen soll, sondern die der Bürokraten und Lehrer. Die Lehrer verlangt es nach einem hohen Einkommen bei wenig Arbeit und Minimierung des Entlassungsrisikos, die Bürokraten suchen zunächst die Sicherung und Ausdehnung ihres Machtbereichs. Sekundär verfolgen sie das zweifelhafte, aber politisch gesetzte Ziel der „Bildung“, die heute erschreckenderweise nichts anderes bedeutet, als dass möglichst viele Schüler nach Durchlauf des Schulsystems der Arbeitslosigkeit entgehen, so dass die „Bildungs“- und Arbeitsregulierungspolitiker in einem besseren Licht erscheinen.

Zwar verlangt es momentan nur wenige Menschen nach Ehrlichkeit, doch wird man sich damit abfinden müssen, dass weiterhin nicht die Bedürfnisse des Schülers, sondern „Bildung“ das Ziel ist. Auch in Zukunft wird man daher die desillusionierten Aussagen der Referendarin vom Nebentisch vernehmen können, dass Lehrer sich unter Decknamen im SchülerVZ registrieren, damit sie wenigstens den schlimmsten Verfehlungen nachspüren können. Man wird auch weiterhin hören können, dass ein Großteil der Unterrichtszeit für die Disziplinierung der Schüler aufgewendet werden muss. Man wird auch weiterhin hören, dass nach dem Willen des zuständigen hessischen Ministeriums ein Mangelhaft zum Abschluss einer schriftlichen Zielvereinbarung mit dem Schüler führen soll, deren Abschluss und Einhaltung der Lehrer unter großem Zeitaufwand durchsetzen soll. Nicht hören wird man, dass es in Zukunft wesentlich mehr knapp ausreichende Noten statt eines Mangelhaft geben wird. Vielleicht ist die Referendarin vom Nebentisch aber auch nur zu jung und zu idealistisch, um eine solche Aussage zu treffen.

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