17. November 2008

Finanzkrise Schutzschirme für Jedermann

Lasst 1000 Rettungspakete blühen

Erst die Hypo Real Estate, dann gleich alle Banken, und jetzt Opel: Rettungspakete sind zweifelsohne der heißeste Trend der Saison, und wer sich jetzt nicht seinen ganz persönlichen Bailout sichert, ist möglicherweise bald gar nicht mehr zu retten. Grund genug für ef-online, die Bundeskanzlerin der Herzen auf ein paar weitere Branchen hinzuweisen, die jetzt noch ganz dringend geschützt werden müssen:

1. Online-Medien

Nur ein ewiggestriger Neoliberaler würde hier eine Parteinahme in eigener Sache vermuten - dabei geht es uns um nichts anderes als das Gemeinwohl. Fakt ist, schon seit 2001 ist die gesamte Online-Branche Opfer des herzlosen und fortschrittsfeindlichen Marktes, der viel zu oft die wahren Chancen innovativer Geschäftsmodelle verkennt. Undankbare Leser, die nicht auf Anzeigen klicken oder gleich ganz fernbleiben, nur weil sie mit den angebotenen Inhalten unzufrieden sind - der ungezügelte Markt stellt ein Problem dar, das die Branche nicht aus eigener Kraft lösen kann. Unser Vorschlag: Eine "Content-Flatrate", die mit der Gebühr für den Internetzugang eingezogen und nach dem Gießkannenprinzip auf die Redaktionen ausgeschüttet wird. Als Hausnummer könnte man 50 Euro pro Internetnutzer und Monat anpeilen, das tut niemandem weh und sichert Vielfalt und Ausgewogenheit des Online-Programms. Im Gegenzug sind wir auch gerne bereit, das Gehalt pro Redakteur wie bei den Banken auf 500.000 Euro pro Nase zu beschränken - und über weitere Maßnahmen auf Gegenseitigkeit, z.B. die wöchentliche Video-Ansprache unser aller Lieblingskanzlerin an prominenter Stelle auf unserer Startseite, könnte man sicher auch diskutieren. Alle Produkte und alle Marktteilnehmer überwachen und regulieren? An uns soll's nicht scheitern, solange die Kasse stimmt.

2. Konsumgüterbranche

Der Konsum von Alkohol und Tabakwaren ist, außer bei Jugendlichen, seit Jahren stark rückläufig. Diese Entwicklung hinterläßt natürlich ihre Spuren bei den Anbietern dieser Produkte, und gefährdet Frieden, Freiheit, Wohlstand und tausende Arbeitsplätze. Entschiedenes Gegensteuern ist dringend erforderlich, wir schlagen daher vor, jedem Bundesbürger eine wöchentliche Ration an Schnaps, Bier und Tabakwaren zur Verfügung zu stellen - dieses Konzept ist bei der Bundesmarine erprobt und würde neben der stimulierenden Wirkung auf die Wirtschaft durch die unstrittig mäßigende Wirkung einer zugeteilten Ration auch gesundheitspolitische Zielsetzungen befördern. Durch bevorzugte Zuteilung regionaler Produkte wird zudem auch dem Umweltschutzgedanken Rechnung getragen, des weiteren werden die Fernstraßen von Verkehr entlastet, was wiederum der Allgemeinheit zugute kommt. Eine kurze Umfrage durch die ef-online-Redaktion ergab, dass die Fraktionen der APPD in Bund und Ländern bereit sind, diese Maßnahme in der heutigen, schwierigen Zeit mitzutragen - Frau Kanzlerin, folgen Sie unverzüglich!

3. Unterhaltungselektronik

Ein weiterer Kandidat für einen kräftigen Schluck aus der Rettungspulle ist die Computer- und Unterhaltungelektronikindustrie. Dass die fast ausschließlich in Fernost fertigt, sollte uns im Namen der internationalen Solidarität nicht stören, und im Übrigen ist das bei der schon jetzt heftig gepäppelten Solarbranche auch nicht anders. Jedenfalls könnten wir uns gut vorstellen, jedem Haushalt einen Gutschein für ein neuartiges Empfangsgerät zuzuteilen, mit dem der Konsument zwischen verschiedenen, geprüften und regulierten Informationsangeboten (siehe Vorschlag 1) auswählen kann. Zusätzlich könnten diese Geräte mit einer kleinen Kamera und einem Mikrofon ausgestattet werden, so dass auch die Benutzer untereinander über regulierte Kanäle kommunizieren können. Mit einer integrierten, standardisierten Fernwartungsschnittstelle versehen, trägt das Konzept zudem den veränderten sicherheitspolitischen Anforderungen Rechnung - auf Bundestrojaner etc. kann verzichtet werden. Ein Gewinn für Bürger, Wirtschaft und Datenschutz!

4. Automobilbranche

Hier ist der erste Schritt bereits getan, und dank sozialer Abfederung des unbarmherzigen Marktes muss auch ein Hersteller, der jahrelang an den Bedürfnissen der Kundschaft vorbei fertigt, nicht mehr um seine Existenz bangen. Doch was hilft das größte Angebot nicht nachgefragter Automobile, wenn die Kundschaft ausbleibt? Damit das investierte Steuergeld nicht sinnlos verpufft, raten wir zum sofortigen Start einer Drittwagenkampagne - Familien mit Kindern bekommen unentgeltlich Neuwagen für den Nachwuchs zur Verfügung gestellt. Denken sie nur an die leuchtenden Augen eines Dreijährigen, wenn plötzlich ein nagelneuer Astra oder Zafira unterm Weihnachtsbaum parkt - unverdorbene Kinderherzen sehen großzügig über angeblich zweifelhaftes Design, fragwürdige Qualität oder unzureichende Ausstattungsmerkmale hinweg und schon wird aus dem ehemaligen Ladenhüter ein Kassenschlager, wenn nur die heilende Hand des Staates ein wenig nachhilft. Fahren können und dürfen die kleinen Rabauken das neue Mobil indes zwar nicht, aber das ist aus Umweltschutz- und Sicherheitsgründen dann wohl auch besser so.

5. Umwelt- und Klimaschutz

Von der Wiege bis zur Bahre, und von der Aussaat bis zum Herunterspülen des Endprodukts: Am Umwelt- und Klimaschutz kommt heutzutage niemand mehr vorbei, und das in jeder Lebenslage. Trotzdem sind hier noch gewaltige Verbesserungspotentiale auszuschöpfen, die hier aufzuzählen den Rahmen sprengen würde. Ein kleines Beispiel muss genügen: Die Stromerzeugung mittels der Photovoltaik kann derzeit, der intensiven Förderung zum Trotz, noch lange nicht so effizient arbeiten, wie zum Schutze des Klimas erforderlich. Schuld daran hat unter anderem die bislang komplett dem freien Spiel des Marktes überlassene Sonneneinstrahlung, die kaltherzig einzelne Gebiete stark unterversorgt lässt, während in anderen Staaten, zum Beispiel im Mittelmeerraum, die Sonne den ganzen Tag scheint, obwohl es dort gar keine Subventionen für Solarenergie gibt. Dieses Relikt der neoliberalen Neunziger können wir uns im 21. Jahrhundert keinesfalls mehr leisten, es ist höchste Zeit für eine neue Weltbestrahlungsordnung, an deren Ende eine sozial gerechte Lichtumverteilung mit Hilfe großer Spiegel stehen könnte. Die Zeit bis zum Inkrafttreten internationaler Abkommen könnte durch einen nationalen Alleingang überbrückt werden: Unter dem Motto "Freiheit, Gleichheit, Helligkeit" werden an jedem Windrädchen große Scheinwerfer installiert, die auf in der Nähe befindliche Solaranlagen gerichtet werden. Das steigert nicht nur den Wirkungsgrad der letzteren, sondern schafft auch eine sinnvolle Anwendung für den bislang nutzlos in Schwachlastzeiten eingespeisten Windstrom.

Sie sehen: Mit ein wenig gutem Willen zum bedingungslosen Bailout geht es allen gleich viel besser. Wie gestrig und überkommen erscheinen da doch die kleinlichen Streitereien der Parteipolitik. Man muss nur genügend Geld in das System pumpen, dann profitiert früher oder später jeder davon. Selbst wenn man zur Finanzierung die eine oder andere Steuer moderat erhöhen muss - it's all for the common good, und außerdem können Sie sich das dank des warmen Subventionsregens bald sowieso locker leisten.



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