30. November 2008

Iwan Turgenjew und Karl Marx Echte und falsche Menschenliebe

Individuum oder Masse als Maßstab

Nahezu jeder Intellektuelle gibt vor, dass ihm das Wohlergehen der Menschheit und ganz besonders das Wohlergehen der Armen am Herzen liege. Doch da es auch keinen Massenmord gibt, ohne dass seine Anstifter behaupten, etwas Gutes für die Menschheit zu leisten, kann sich eine philanthropische Gesinnung ganz offensichtlich auf recht mannigfaltige Art und Weise ausdrücken.

Zwei große europäische Schriftsteller des neunzehnten Jahrhunderts, Iwan Turgenjew und Karl Marx, veranschaulichen diese Vielfalt sehr deutlich. Beide wurden 1818 geboren und starben 1883, und ihre Lebenswege weisen auch in anderer Hinsicht fast unheimlich anmutende Parallelen auf. Und dennoch betrachteten sie das Leben der Menschen und deren Leiden auf sehr unterschiedliche, ja miteinander unvereinbare Weise, wie als ob sie durch entgegengesetzte Enden eines Fernrohrs blickten. Turgenjew sah die Menschen als Individuen, die stets mit einem Gewissen, mit Charakter, Gefühlen, moralischen Stärken und Schwächen ausgestattet sind. Marx indes sah sie stets als Schneeflocken in einer Lawine, als noch nicht ganz menschliche und völlig von der Umwelt konditionierte Bestandteile allgemeiner Wirkkräfte. Wo Turgenjew Menschen sah, gewahrte Marx Klassen von Menschen. Wo Turgenjew einzelne Leute sah, sah Marx das Volk. Diese beiden Weltsichten bestehen bis in unsere Zeit fort und üben wohl oder übel auch einen großen Einfluss auf die Lösungen aus, die wir für unsere gesellschaftlichen Probleme vorschlagen.

Die Gemeinsamkeiten bei den Lebensläufen dieser Männer beginnen damit, dass beide teilweise zur selben Zeit an der Universität von Berlin studierten und dort sehr vom dominierenden Hegelianismus beeinflusst, ja man könnte sagen infiziert wurden. Danach erwogen beide eine Karriere als Dozent für Philosophie, doch keiner von ihnen bekam jemals eine Universitätsstelle. Sie hatten zahlreiche gemeinsame Bekannte, darunter auch Michail Bakunin, der russische und später zum Anarchisten mutierte Adelige, sowie der Philosoph Bruno Bauer und der radikale Dichter Georg Herwegh. Turgenjew und Marx machten sich beide um Geld keine Sorgen, wahrscheinlich weil sie beide in wohlhabende Umstände hineingeboren worden waren und daher davon ausgingen, dass Geld nie ein Problem sein würde. Beide begannen ihre schriftstellerische Karriere als romantische Dichter, wobei mehr von Turgenjews als von Marxens Dichtung zur Veröffentlichung gelangte.

Es gab bei beiden Männern ähnliche literarische Einflüsse und Vorlieben. Beide betrieben eine umfangreiche Lektüre griechischer und lateinischer Klassiker, und beide konnten Shakespeare im Original zitieren. Beide lernten Spanisch, um Calderón lesen zu können, wobei Turgenjew natürlich auch die Muttersprache der großen, aber unerfüllten Liebe seines Lebens lernen wollte, nämlich der Primadonna Pauline Viardot. Beide Männer waren in Brüssel, als die 1848er Revolution gegen die Juli-Monarchie in Frankreich ausbrach, und beide machten sich auf, um die Ereignisse von woanders zu verfolgen. Turgenjews engster russischer Freund, Pawel Annenko, dem er einen Teil seines Werkes widmete, kannte Marx gut aus Brüssel und beschrieb ihn auf nicht gerade schmeichelhafte Weise.

Die Geheimpolizei beschattete beide Männer, und beide lebten recht lange und starben im Exil. Beide zeugten mit Untergebenen Kinder, im Falle Turgenjews war es eine Jugendsünde, und bei Marx passierte es, als er in den besten Jahren war. Doch im Gegensatz zu Marx erkannte Turgenjew die Vaterschaft an und kam für sein Kind auf.

Beide Männer kannte man wegen ihrer Sympathien mit den Geknechteten und Unterdrückten. Doch bei allen Ähnlichkeiten, was Erziehung und Erfahrungen angeht: Die Qualität des Mitleids könnte bei beiden Männern nicht unterschiedlicher sein. Denn bei dem einen war das Mitleid bezüglich des Leidens eines jeden Einzelnen echt, beim anderen jedoch war es ein abstraktes und allgemeines Leiden, mithin kein echtes Mitleiden.

Um sich diesen Unterschied zu verdeutlichen, kann man Turgenjews 1852 geschriebene Geschichte „Mumu“ mit dem vier Jahre früher verfassten „Kommunistischen Manifest“ von Marx vergleichen. Beide genau gleich langen Werke entstanden unter schwierigen Umständen: Marx, der wegen umtrieblerischer Aktivitäten aus Frankreich ausgewiesen worden war, residierte ungewollt in Brüssel und hatte kein Einkommen, während Turgenjew in Spasskoje, seinem abgelegenen Anwesen südwestlich von Moskau, unter Hausarrest stand, weil er „Aufzeichnungen eines Jägers“ geschrieben hatte, ein implizit gegen die Leibeigenschaft gerichtetes und daher subversives Buch. Der Zensor, der die Veröffentlichung zugelassen hatte, wurde entlassen und ihm wurde die Pension gestrichen.

„Mumu“ spielt in Moskau zur Zeit der Leibeigenschaft. Gerassim ist ein taubstummer Leibeigener von großer Gestalt und Kraft, dessen Besitzerin, eine alte und tyrannische Großgrundbesitzerin, ihn vom Lande in die Stadt gebracht hatte. Unfähig, sich mit Worten auszudrücken, umwirbt Gerassim linkisch ein Mädchen namens Tatjana, das ebenso der Großgrundbesitzerin gehört. Doch aus einer Laune heraus beschließt die Herrin, eine mürrische und verbitterte Witwe, deren Name an keiner Stelle genannt wird, Tatjana mit einem anderen Leibeigenen zu verheiraten, einem versoffenen Flickschuster namens Kapiton. Gerassims Hoffnungen werden also zunichtegemacht.

Nicht lange danach entdeckt Gerassim in einem schmutzigen Bach einen Welpen, der gerade zu ertrinken droht. Er rettet das Tier und päppelt es auf, bis aus ihm ein prächtiger und ausgewachsener Hund geworden ist. Er nennt ihn „Mumu“, das Äußerste, was der Taubstumme zu stammeln vermag, und bald kennt jeder im Anwesen der Moskauer Herrin „Mumu“. Gerassim hängt leidenschaftlich an dem Hund, der sein einziger echter Freund ist und dem er erlaubt, in seinem kleinen Zimmer zu wohnen. Der Hund folgt Gerassim überall hin und ist ganz närrisch nach ihm.

Eines Tages schaut die Herrin aus dem Fenster, erblickt Mumu und verlangt, dass man ihn zu ihr bringe. Doch Mumu hat Angst vor ihr und fletscht die Zähne. Die Herrin entwickelt eine spontane Aversion gegen den Hund und befiehlt, ihn aus ihrem Anwesen zu entfernen. Ein Diener nimmt den Hund und verkauft ihn an einen Fremden. Gerassim sucht Mumu verzweifelt und vergebens, doch sehr bald findet Mumu von selbst wieder nach Hause zurück, und Gerassim ist überglücklich.

Leider bellt Mumu in der kommenden Nacht und weckt die Herrin auf, die sich in ihrer Nachtruhe empfindlich gestört fühlt. Diesmal befiehlt sie, den Hund umzubringen. Ihre Diener suchen Gerassim auf und teilen ihm gestikulierend ihr Anliegen mit. Gerassim fügt sich in das Unvermeidliche und verspricht, den Hund selbst umzubringen.

Es folgen zwei unerträglich ergreifende Abschnitte. Im ersten bringt Gerassim Mumu zur örtlichen Schenke: „In der Schenke kannte man Gerassim und verstand seine Zeichensprache. Er bestellte Kohlsuppe mit Fleisch und setzte sich hin, die Arme auf den Tisch gelehnt. Mumu stand neben seinem Stuhl und schaute ihn ruhig mit seinen intelligenten Augen an. Sein Fell glänzte buchstäblich, er war offensichtlich erst kurz zuvor gekämmt worden. Man brachte Gerassim seine Kohlsuppe. Er tat etwas Brot hinein, schnitt das Fleisch in kleine Stücke und stellte die Schüssel auf den Boden. Mumu begann auf seine gewohnt behutsame Art zu essen, wobei seine Schnauze das Essen kaum berührte. Lange beobachtete Gerassim das Tier. Zwei schwere Tränen rollten plötzlich aus seinen Augen: Eine fiel auf die Stirn des Hundes, die andere in die Suppe. Er bedeckte sein Gesicht mit der Hand. Mumu aß die halbe Schüssel leer, leckte sich und trottete davon. Gerassim stand auf, zahlte für die Suppe und ging.“

Er nimmt Mumu mit zum Fluss und liest unterwegs ein paar Ziegelsteine auf. Am Ufer besteigen sie ein Boot und rudern hinaus. „Schließlich richtete sich Gerassim hastig und mit einem bitteren Gesichtsausdruck auf, band die Ziegelsteine mit einer Schnur zusammen, machte eine Schlinge, hing sie um Mumus Nacken, hievte das Tier über den Fluss und schaute es ein letztes Mal an ... Vertraulich und furchtlos blickte Mumu ihn an und wedelte mit dem Schwanz. Gerassim wendete sein verzerrtes Gesicht ab und ließ es geschehen .... Gerassim hörte nichts, weder das Winseln des fallenden Mumu, noch das aufspritzende Wasser. Für ihn war ja selbst der lauteste Tag ruhig und geräuschlos, so geräuschlos wie für uns nicht einmal die stillste Nacht. Und als er wieder die Augen öffnete, rieselten auf der Flussfläche die sanft einander jagenden Wellen und platschten wie zuvor an die Ränder des Boots, und nur weit hinter ihnen kräuselten sich zwei breite Wellenringe ans Ufer heran.“ Wir erfahren, dass Gerassim nach Mumus Tod in sein Dorf zurückläuft, wo er als Leibeigener Feldarbeit leistet. Doch er geht nie mehr eine enge Bindung zu einem Menschen oder zu einem Hund ein.

Als der feinsinnige russische Aristokrat und Exil-Revolutionär Alexander Herzen die Geschichte las, zitterte er vor Wut. Thomas Carlyle sagte, dies sei die rührendste Geschichte, die er jemals gelesen habe. John Galsworthy meinte, dass „niemals je ein bewegenderer Protest gegen tyrannische Grausamkeit zu Papier gebracht wurde“. Und ein Verwandter Turgenjews, dem der Autor „Mumu“ vorlas, schrieb danach: „Was für ein menschlicher und guter Mann muss jemand sein, der den Erfahrungen und Qualen einer anderen Seele derart verständnisvoll Ausdruck verleihen kann!“

Die Geschichte ist autobiographisch, und die tyrannische, nörgelnde, willkürliche und selbstsüchtige Großgrundbesitzerin ist die Mutter des Autors, Warwara Petrowna Turgenjewa. Die früh verwitwete Frau war auf ihrem Anwesen eine absolute Monarchin. Viele Geschichten über ihre Grausamkeit sind uns überliefert worden, auch wenn nicht alle belegt sind: So soll sie zwei Sklaven nach Sibirien geschickt haben, weil sie ihre Herrin beim Vorbeigehen nicht gesehen und sich nicht gebührend vor ihr verbeugt hatten. Und das Vorbild für Gerassim war ein taubstummer Sklave namens Andrej, der Warwara Petrowna gehörte.

„Mumu“ ist zwar ein leidenschaftlicher Protest gegen die Willkür eines Menschen gegenüber seinen Mitmenschen, doch ist die Geschichte nicht explizit politisch. Obwohl sie augenscheinlich gegen die Leibeigenschaft gerichtet ist, suggeriert sie nicht, dass Grausamkeit ein typisches Alleinstellungsmerkmal feudaler Landherren sei, und dass man nach der Abschaffung der Sklaverei nicht mehr auf der Hut gegenüber solchen Grausamkeiten sein müsse. Wenn Macht ein menschliche Beziehungen ständig begleitender Wesenszug ist – und sicherlich konnten nur Heranwachsende und bestimmte Intellektuelle wie Marx sich das Gegenteil vorstellen – dann ist „Mumu“ ein ständiger Aufruf zum Mitleid, zur Zurückhaltung und zur praktizierten Gerechtigkeit. Deswegen vermag „Mumu“ selbst mehr als 140 Jahre nach Abschaffung der Leibeigenschaft immer noch die Leser zu Tränen zu rühren. Während die Geschichte zu einer bestimmten Zeit an einem festgelegten Ort spielt, ist sie doch auch universell.

Turgenjew tut nicht so, als ob seine Figuren etwas anderes seien als Individuen mit eigenen persönlichen Charaktereigenschaften. Er scheint sie nicht bloß als Mitglieder einer Gruppe oder Klasse zu sehen, die zwangsläufig und vorherbestimmterweise agieren wie Straßenbahnen auf Schienen. Seine sorgfältige Beobachtung selbst des bescheidensten Menschen ist der wirkungsvollste Beleg für Turgenjews Glauben an die Menschlichkeit. Als Großaristokrat und als Bekannter vieler europäischer Geistesgrößen scheute er sich nicht, selbst den ärmsten gehör- und sprachlosen Bauern ernstzunehmen. Turgenjews unterdrückte Bauern waren vollständige menschliche Wesen, die mit einem freien Willen sowie der Fähigkeit zum moralischen Urteil ausgestattet waren.

Er kontrastiert Gerassims Zärtlichkeit gegenüber Mumu mit der selbstsüchtigen Verdrießlichkeit der Großgrundbesitzerin. „Warum soll dieser Stumme einen Hund haben?“ fragt sie, ohne dass ihr auch nur einen Moment lang der Gedanke kommt, dass „dieser Stumme“ auch eigene Interessen und Gefühle haben könnte. „Wer hat ihm erlaubt, auf meinem Anwesen einen Hund zu halten?“

Turgenjew geht nicht davon aus, dass die fast absolute Macht der Landherrin irgendwie beneidenswert sei. Obwohl sie auf oberflächliche und salbungsvolle Art religiös ist, betrachtet sie Gott als ihren Diener, nicht als Herrn, und sie erkennt weder göttliche noch gesetzliche Grenzen an, was die Vollstreckung ihres Willens angeht. Daraus folgt, dass sie eine elende Person ist, die in einem ständigen Zustand der Verärgerung, der Unzufriedenheit und der Hypochondrie lebt. Die Erfüllung ihrer Launen bringt ihr kein Vergnügen, eben weil es sich um Launen handelt, nicht aber um wirkliche Wünsche. Und da sie Gehorsam gewohnt ist und glaubt, dass sie diesen verdiene, empfindet sie jegliche Resistenz, ja selbst den Widerstand der Zeit, als unerträgliche Zumutung.

Als der Herrin zum Beispiel Mumu hereingebracht wird, spricht sie mit dem Hund in einer süßlichen und einschmeichelnden Weise, doch als das Tier nicht wie gewünscht reagiert, ändert sie ihren Tonfall. „Bringt ihn weg, diesen widerlichen kleinen Köter!“ Im Gegensatz zu Gerassim, der Mumu mit zärtlicher Hingabe aufgezogen hat, will die Herrin, dass der Hund sie sofort liebt, und zwar nur deswegen, weil sie die Herrin ist.

Ihre Macht lässt sie unaufrichtig werden und unfähig zur Selbstreflektion. Als Gerassim, nachdem er Mumu ertränkt hatte, verschwindet, „flüchtete sie sich in einen Wutausbruch, sie vergoss Tränen und befahl, ihn unbedingt zu finden. Sie beteuerte, niemals die Tötung des Hundes beauftragt zu haben, und hielt dem Diener eine Standpauke.“ Ihre Weigerung, Verantwortung zu übernehmen, ist frappierend. Turgenjew weiß, dass Macht korrumpiert, und dass die Unfähigkeit, den eigenen Launen irgendwelche Grenzen zu setzen, das Empfinden von Glück unmöglich macht. Doch er weiß auch, dass keinerlei gesellschaftliche Umwälzungen solche Gefahren zu beseitigen vermögen.

Auch glaubt Turgenjew nicht, dass die Opfer der Macht von Großgrundbesitzern allein durch ihre missliche Lage noble Menschen seien. In der Geschichte sind auch sie intrigant und hinterhältig und manchmal auch gedankenlos und grausam. Ihre Hänseleien werden lediglich durch die Angst vor Gerassims Körperkraft im Zaume gehalten, und sie haben auch kein Mitleid mit seiner unglücklichen Lage. Als Gavrilo, der Haushofmeister der Großgrundbesitzerin, sich an die Spitze einer Abordnung von Dienern stellt, um Gerassim mitzuteilen, dass dieser Mumu für immer loswerden müsse, klopft er an Gerassims Tür und schreit „Aufmachen“! Es ertönt ein ersticktes Bellen, aber keine Antwort. „Ich sage dir, mach auf!“ wiederholte er. „Gavrilo Andreitsch“, rief Stepan von unten, „er ist taub, er hört nicht.“ – „Alle brachen in Gelächter aus.“

Da ist kein Mitleid in ihrem Gelächter, weder an dieser noch an anderen Stellen der Geschichte. Grausamkeit ist nicht nur eine Domäne der Landbesitzer, und die Herzlosigkeit der Diener gegenüber Gerassim erinnert mich an eine Szene aus meiner Kindheit, als ich etwa elf Jahre alt war. Ich sollte mich wegen Karten für ein Fußballspiel anstellen – damals war ich aus mir heute unerfindlichen Gründen ein Fan dieses Spiels. Die Schlange war lang, und man musste mindestens zwei Stunden lang warten. Ein alter blinder Mann mit einem Akkordeon ging die Schlange entlang und sang das Lied „Der Mann, der die Bank in Monte Carlo knackte“, während sein Kompagnon seinen Hut für Almosen aufhielt. Sie gingen an ein paar jungen Arbeitern vorbei, die ein Radio dabei hatten und dieses aufdrehten, um den Gesang des Blinden zu übertönen. Zu seiner Verwunderung lachten sie laut auf, während sein Begleiter den zum Schweigen gebrachten Mann wegführte.

Niemand intervenierte oder sagte den jungen Männern, wie schäbig sie sich gerade verhalten hatten. Ich war zu feige dafür. Doch in dieser kleinen Szene erkannte ich die permanente Fähigkeit des Menschen zur Unmenschlichkeit, eine Fähigkeit, die unabhängig ist von sozialen Bedingungen, gesellschaftlicher Schicht oder Erziehung.

Ein Vorfall, der sich viele Jahre später während meiner Zeit als praktischer Arzt auf einer Insel im Pazifischen Ozean ereignete, bestätigte diese Lektion. Neben der kleinen psychiatrischen Klinik befand sich eine hoch eingezäunte Leprakolonie. Jeden Nachmittag versammelten sich die Leprakranken am Zaun, um sich über die Irren lustig zu machen, die während ihrer Pause ihre seltsamen Tänze aufführten und unsichtbare Verfolger anschrieen.

Ein Sieg über die Grausamkeit ist nie nachhaltig und erfordert stattdessen dauerhafte Wachsamkeit, genau wie beim Erhalt der Freiheit.

Wenn wir uns nun von Turgenjew abwenden und uns Marx anschauen – obwohl das Kommunistische Manifest unter den Namen Marx und Engels firmiert, war es doch fast zur Gänze das Werk von Marx – dann betreten wir eine gallige Welt, eine Welt voller Ränke, Hass und Verachtung, jedoch ohne Mitgefühl und Mitleid. Es stimmt, dass auch Marx wie Turgenjew auf Seiten der Zukurzgekommenen und Habenichtse stand, jedoch auf eine völlig abstrakte Art und Weise. Wo Turgenjew hofft, uns zum menschlichen Benehmen anleiten zu können, ruft Marx uns zur Gewalt auf. Außerdem duldete Marx keine Mitbewerber auf dem Markt der Menschenfreundlichkeit. Stets schimpfte er auf alle tüchtigen Reformer. Wenn sie der Unterschicht angehörten, dann entbehrten sie seiner Meinung nach der philosophischen Untermauerung, um die Gründe für das Elend zu erkennen. Und wenn sie der Oberschicht angehörten, waren es Heuchler, die nur „das System“ aufrechterhalten wollten. Nur er selbst kannte seiner Meinung nach das Geheimnis, wie man einen Albtraum in einen Wunschtraum verwandelte.

Tatsächlich sind die Massengräber, die seine Anhänger mit Millionen von Opfern füllten, bereits im „Manifest“ vorgesehen. Die Intoleranz und der Totalitarismus drücken sich unter anderem in folgender Aussage aus: „Die Kommunisten sind keine besondere Partei gegenüber den anderen Arbeiterparteien. Sie haben keine von den Interessen des ganzen Proletariats getrennten Interessen.“

Mit anderen Worten: Man braucht keine anderen Parteien, geschweige denn Individuen mit persönlichen Marotten. In der Tat muss, da die Kommunisten die Interessen des Proletariats so perfekt vertreten, jede Partei, die gegen die Kommunisten ist, per Definition schon gegen die Interessen des Proletariats sein. Und da die Kommunisten darüber hinaus „offen erklären, dass ihre Ziele nur durch die gewaltsame Umwälzung aller existierenden sozialen Bedingungen erreicht werden können“, folgt daraus, dass Lenin und Stalin völlig im Recht waren, als sie ihre Gegner eliminierten. Und da laut Marx die Ideen der Menschen determiniert werden durch ihre Position in der ökonomischen Struktur der Gesellschaft, ist es nicht einmal nötig, dass man dem Klassenfeind seine Feindschaft erklärt, weil sich dies von vorneherein von selbst versteht. Insofern war die Ermordung der Kulaken die praktische Umsetzung der marxistischen Erkenntnistheorie.

Wenn Sie das Manifest lesen, dann scheint eine geisterhafte Prozession marxistischer Katastrophen daraus hervorzuwabern, ähnlich wie beim Hexengebräu in „Macbeth“. Nehmen Sie zum Beispiel die Punkte acht und neun des kommunistischen Programms – interessanterweise sind es wie beim Programm Gottes am Sinai insgesamt zehn: „8. Gleicher Zugang zu Arbeit. Gründung von Industrie-Armeen, vor allem für die Landwirtschaft. 9. Kombination aus Landwirtschaft mit Industrie, Förderung der allmählichen Beseitigung der Gegensätze zwischen Stadt und Land.“ Diejenigen, die Pol Pots Regime und Ceausescus „Systemisierung“ erlebt haben, bei der Dörfer vernichtet und durch halbfertige Hochhauswohnsiedlungen mitten in den Feldern ersetzt wurden, werden leicht den Quell ihres Unglücks wiedererkennen.

Im „Manifest“ wird über das individuelle menschliche Leben lediglich gesagt, dass ein solches unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht möglich sei. Zwar erwähnt Marx namentlich ein paar Autoren, aber nur, um sie mit teutonischem Hohn und Verachtung zu überschütten. Für ihn gibt es gar keine Individuen oder richtigen Menschen. „In der bürgerlichen Gesellschaft ist das Kapital selbständig und persönlich, während das tätige Individuum unselbständig und unpersönlich ist.“

Es verwundert nicht, dass Marx nur in Kategorien spricht: Der „Bourgeois“, der „Proletarier“. Für ihn sind Individuen nichts als Klone, und ihre Identität, die sie mit unzähligen anderen Menschen teilen, ist nicht durch gleiche Gene, sondern durch identische Verhältnisse im ökonomischen System bedingt. Warum soll man den Einzelnen studieren, wenn man „die Menschen“ kennt?

Dies ist nicht die einzige Verallgemeinerung im „Manifest“, welche die gesamte Menschheit auf bloße Ziffern reduziert: „Worauf beruht die gegenwärtige, die bürgerliche Familie? Auf dem Kapital, auf dem Privaterwerb. ... Aber sie findet ihre Ergänzung in der erzwungenen Familienlosigkeit der Proletarier und der öffentlichen Prostitution ... Die bürgerlichen Redensarten über Familie und Erziehung, über das traute Verhältnis von Eltern und Kindern werden um so ekelhafter, je mehr infolge der großen Industrie alle Familienbande für die Proletarier zerrissen und die Kinder in einfache Handelsartikel und Arbeitsinstrumente verwandelt werden. ... Der Bourgeois sieht in seiner Frau ein bloßes Produktionsinstrument. ... Unsere Bourgeois, nicht zufrieden damit, dass ihnen die Weiber und Töchter ihrer Proletarier zur Verfügung stehen, von der offiziellen Prostitution gar nicht zu sprechen, finden ein Hauptvergnügen darin, ihre Ehefrauen wechselseitig zu verführen. Die bürgerliche Ehe ist in Wirklichkeit die Gemeinschaft der Ehefrauen. Man könnte höchstens den Kommunisten vorwerfen, dass sie an Stelle einer heuchlerisch versteckten eine offizielle, offenherzige Weibergemeinschaft einführen wollten.“

Der Hass und die Wut, die aus diesen Worten sprechen, sind unverkennbar. Doch obzwar Ärger ein echtes und mächtiges Gefühl ist, muss es nicht unbedingt ehrlich und kann auch mit klammheimlicher Freude verbunden sein. Es gibt, gerade bei Intellektuellen, die ständige Versuchung vorzugeben, dass ihre eigene Tugend direkt proportional zu ihrem Hass auf das Schlechte sei, und dass dieser Hass anhand der Vehemenz gemessen werden könne, mit der man das Schlechte anprangert. Doch als Marx diese Worte niederschrieb, wusste er sicherlich, dass er bestenfalls eine groteske Karikatur, schlimmstenfalls ein absichtliches Zerrbild produzierte, und zwar um zu täuschen und zu zerstören.

Als Familienmensch war er selbst auch nicht gerade besonders erfolgreich. Obgleich er eine bourgeoise Existenz führte, war sein Lebenswandel der eines Bohémien und von Unordnung und Verwahrlosung geprägt. Zwei seiner Töchter, Laura und Eleanor, begingen Selbstmord, auch aufgrund der Einmischung ihres Vaters in ihr Leben. Doch selbst sein ärgster Feind würde nicht behaupten, dass Marx in seiner Frau, Jenny von Westphalen, „ein bloßes Produktionsinstrument“ gesehen habe, also sozusagen eine Art Spinnrad-Jenny. Die Hälfte seiner Jugendgedichte waren ihr gewidmet, und zwar auf eine überaus leidenschaftliche und romantische Weise und nur ein paar Jahre, bevor er das „Manifest“ niederschrieb. Und obwohl ihre Beziehung sich später abkühlte, war er dennoch tief bestürzt über ihren Tod und überlebte sie nicht lange. Selbst er, der Informationen über Menschen hauptsächlich aus Büchern bezog, musste gewusst haben, dass die „Manifest“-Beschreibung der Beziehung zwischen Männern und Frauen grob verzerrt war. Sein Zorn ist daher, wie so mancher moderne Zorn, völlig künstlich und vielleicht Ausdruck eines Versuchs, sich eine geistige Großzügigkeit oder Menschenliebe anzueignen, die er zwar nicht besaß, aber besitzen zu müssen glaubte.

Sein fehlendes Interesse an den individuellen Menschenleben und -schicksalen, also das was Michail Bakunin einst als fehlende Sympathie mit der menschlichen Gattung bezeichnete, widerspiegelt sich auch in dem Umstand, dass er es nicht vermochte, die oft großmütigen Versuche von Arbeitern zu würdigen, ein würdevolles Familienleben inmitten schwierigster Umstände aufrechtzuerhalten. Stimmte es denn, dass die Arbeiter keine familiären Bindungen besaßen und dass ihre Kinder reine Kommerzartikel waren? Für wen genau sollten sie denn Kommerzartikel gewesen sein? Es ist typisch für Marx’ ungründliche Gedanken, dass er solche Fragen offen ließ und so tat, als ob Kommerz unabhängig von den Menschen existieren könne, die ihn betrieben. Nur seine Wut war so klar wie das Grinsen eines Honigkuchenpferds.

Marx’ Verhältnis zur Wirklichkeit wird auch anhand seiner Unfähigkeit deutlich, sich vorzustellen, was passieren würde, wenn die von seiner Denkweise beeinflussten radikalen Intellektuellen ihre Ideen umsetzen und die bürgerliche Familie wirklich zusammenbrechen würde, wenn also „das praktische Fehlen der Familie“ gesellschaftliche Wirklichkeit geworden wäre. Sicherlich wäre die erhöhte sexuelle Eifersucht, die weitverbreitete Verwahrlosung von Kindern und der Kindesmissbrauch, das Ansteigen der zwischenmenschlichen Gewalt – und all das in Zeiten nie dagewesenen materiellen Wohlstands – für jeden vorhersagbar gewesen, der sich etwas besser mit der menschlichen Seele ausgekannt hätte als Marx.

Vergleichen wir Marx’ Derbheit mit Turgenjews Feinfühligkeit, auf die Henry James hinwies, der Turgenjew aus Paris kannte und ein Jahr nach dessen Tod einen Essay über ihn verfasste: „Wie alle vielschichtigen Menschen bestand er aus verschiedenen Teilen. Und was am meisten auffiel, war die Mischung aus Schlichtheit und feiner Beobachtungsgabe ... Ich hatte mich einmal dazu hinreißen lassen, von ihm zu sagen, dass er ein aristokratisches Temperament habe, eine Bemerkung, die ziemlich dumm anmutet, wenn man etwas mehr über ihn weiß. Er ließ sich nicht in irgendeine solche Definition hineinpressen, und wenn man sagen würde, er sei demokratisch, dann wäre das ebenso oberflächlich, auch wenn sein politisches Ideal die Demokratie war. Er war einfallsreich, spekulativ und alles andere als prosaisch ... Unsere herkömmlichen angelsächsischen, protestantischen und moralischen Standards kannte er nicht, doch er beurteilte die Dinge mit einer Freiheit und Spontaneität, die ich stets erfrischend fand. Sein Sinn für Schönheit, seine Wahrheits- und Rechtsliebe bildeten die Grundlage seines Naturells. Ein großer Teil des Charmes seiner Konversation rührte daher, dass er eine Atmosphäre schuf, in der scheinheilige Phrasen und willkürliche Beurteilungen einfach lächerlich klangen.“

Ich denke nicht, dass irgendjemand so etwas über Marx hätte sagen können. „Die Arbeiter haben keine Heimat. Wir können ihnen nicht nehmen, was sie nicht haben.“ Dies schrieb er als ein Mann, der soweit bekannt niemals die Meinung anderer lebender Menschen eingeholt hat. Seine Aussage über den Tod des Nationalgefühls war vorschnell, um es vorsichtig auszudrücken. Und als er schrieb, dass der Bourgeois seinen kulturellen Verlust bedauern würde, den die proletarische Revolution unweigerlich mit sich bringen würde, und dass diese Kultur „für die überwältigende Mehrheit eine bloße maschinenhafte Übung ist“, dann verstand er nicht die zutiefst anrührenden Versuche von Arbeitern in Großbritannien, eben jene Kultur als befreiende und adelnde Tätigkeit anzunehmen. Man braucht gar keine Vorstellungskraft, um zu verstehen, dass es einer großen Standhaftigkeit bedurfte, tagsüber in einer viktorianischen Fabrik zu arbeiten und nachts Ruskin und Carlyle, Hume und Adam Smith zu lesen, so wie viele Arbeiter das taten. In britischen Antiquariaten kann man immer noch Bücher aus den damaligen Bibliotheken und Instituten finden. Doch diese Anstrengung hat Marx nie unternommen, da er so etwas für nutzlos hielt. Man könnte sich fragen, ob er nicht das Vorbild für jene kultivierten Wilden im heutigen akademischen Betrieb war, die anderen das zerstören, wovon sie selbst vorher profitiert hatten.

Im Gegensatz zu alledem bezog sich die Sympathie, die Turgenjew für die Unterdrückten zum Ausdruck brachte, auf lebende Menschen aus Fleisch und Blut. Da er wusste, was Henry James „die Rückseite des Lebens“ nannte, wusste er auch, dass es keinen Endausgang der Geschichte und keine unvermeidliche Apokalypse gibt, bei der alle Gegensätze aufgelöst und alle Konflikte beigelegt werden und wonach die Menschen gut sind, da ihre Umgebung perfekt ist, und wonach jegliche politische und wirtschaftliche Kontrolle einer bloßen Verwaltung zum ausnahmslosen und gleichmäßigen Vorteil aller Platz macht. Marx’ Eschatologie, die jeden gesunden Menschenverstandes und jeglicher Menschenkenntnisse entbehrte, beruhte auf bloßen Abstraktionen, die für ihn wirklicher waren als die realen Menschen um ihn herum. Natürlich wusste auch Turgenjew den Wert von Verallgemeinerungen zu schätzen und konnte Institutionen wie die Leibeigenschaft kritisieren, doch er tat es ohne dämliche utopische Illusionen. Denn er wusste, dass der Mensch ein Mängelwesen ist, das zwar zur Verbesserung fähig ist, nicht aber zur Perfektion. Das ist der Grund dafür, dass heute keine Massengräber mit dem Namen Turgenjew verbunden werden.

Marx behauptete, den Menschen zu kennen, doch au- ßer seinen Feinden kannte er keine Menschen. Obwohl er ein Hegelianischer Dialektiker war, interessierte er sich nicht für die Kehrseite des Lebens. Weder Freundlichkeit noch Grausamkeit leiteten ihn. Menschen waren für ihn nur die Eier, aus denen man eines Tages ein ruhmreiches Omelette machen könnte. Und er selbst würde das Werkzeug dafür sein.

Wenn wir uns unsere Sozialreformer, ihre Sprache, ihre Sorgen, ihren Stil und ihre Denkkategorien anschauen – ähneln sie eher Marx oder Turgenjew? Turgenjew, der einen wunderbaren Essay namens „Hamlet und Don Quijote“ schrieb, ein für sich selbst sprechender Titel, wäre nicht überrascht, wenn er erführe, dass der marxistische Stil triumphiert hat.

Durch eine sonderbare Laune des Schicksals fanden die kaltherzigen marxistischen Utopisten in Russland eine zynische Verwendung für Turgenjews Geschichte „Mumu“, indem sie zig Millionen Exemplare davon druckten, um ihre eigene mörderische Ruchlosigkeit zu rechtfertigen, mit der sie jegliche Spur der vormaligen Gesellschaft tilgten. Hätte Turgenjews Erzählung ein schrecklicheres und absonderlicheres Schicksal ereilen können als dass sie zur Rechtfertigung von Massenmord dienen musste? Könnte es ein beredteres Beispiel für die Fähigkeit der intellektuellen Abstraktion geben, welche die Herzen und Köpfe der Menschen jeglichen Schamgefühls und echten Mitleids mit ihren Mitmenschen beraubt?

Doch lassen Sie mich an ein Detail in Turgenjews und Marx’ Biographie erinnern, in dem sie sich unterschieden. Als Marx beerdigt wurde, kam kaum jemand zu seinem Begräbnis. Vielleicht war dies auch die Rache des Schicksals dafür, dass er selbst der Bestattung seines Vaters nicht beigewohnt hatte, obwohl dieser ihn liebte und viel für ihn aufgab. Als dagegen die sterblichen Überreste von Turgenjew aus Frankreich in St. Petersburg ankamen, kamen Tausende von Menschen, darunter auch die Ärmsten der Armen, um ihm die letzte Ehre zu erweisen – und das aus gutem Grund.

Information

Dieser Artikel erschien zuerst im „City Journal“ in englischer sowie in eigentümlich frei Nr. 88 in deutscher Sprache.

Literatur

Iwan S. Turgenjew: Mumu, Neuauflage, Radius Verlag 2002.


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